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Buchtipps Kampf für die Freiheit – Diese beiden Bücher zeigen Kunst hinter den Kulissen

Zwei Neuerscheinungen führen ein in historische Intrigen und Machtkämpfe der Kunstszene. Sie spielen im deutschen Kaiserreich und im spanischen Bürgerkrieg.
18.06.2020 - 14:42 Uhr Kommentieren
Die erotische Spannung zwischen den Abgebildeten ist riesig. Quelle: dapd
Eduard Manets „Im Wintergarten“ heißt auch „Im Treibhaus“

Die erotische Spannung zwischen den Abgebildeten ist riesig.

(Foto: dapd)

Düsseldorf Ein Streifzug durch Museen oder Galerien zeigt einem Kunst. Aber wir erfahren vieles nicht. Wie ist sie dort hingekommen? Wer hat sich für sie eingesetzt? Welche Werke haben es nicht geschafft?

Eine Antwort geben die Romane über die Leistungen des Museumsdirektors Hugo von Tschudi (1851 – 1911) und der Fotografin Gerda Taro (1910 – 1937). Sie erzählen überzeugend aus dem Inneren der Kunst, geben Kontext und sind unterhaltsam geschrieben.

In dem Roman „Tschudi“ konzentriert sich die Autorin Mariam Kühsel-Hussaini auf das Lebensende des Museumsdirektors, in dem er seinen grundlegenden gesellschaftlichen Konflikt auskämpft: den Streit der alten Konservativen mit den tabubrechenden jungen modernen Malern.

Hugo von Tschudi erkennt früh die Innovation und Bedeutung in den Gemälden von Eduard Manet, Vincent van Gogh und Paul Cézanne. Er kauft sie für sein Museum an und verhilft ihnen damit zu einem Platz in der Kunstgeschichte. Ihm gegenüber steht der Moderne-Hasser Kaiser Wilhelm II.

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    Dieser „Kampf um die Moderne“ ist nicht unbekannt. 1997 gab es dazu eine Ausstellung in Berlin und München, Julius Schoeps beschreibt ihn in seiner Familiengeschichte der Mendelssohns. Mariam Kühsel-Hussainis Verdienst ist die packende Verdichtung in einem Ton, der seinesgleichen sucht.

    Der einsame Kampf eines Museumsdirektors

    Mit leichter Hand, mal verblos skizziert, mal als Introspektion oder Dialog, zeigt die aus einer afghanischen Künstlerfamilie stammende Schriftstellerin, wie schwer es 1896 war, die skandalumwitterten Impressionisten für die Nationalgalerie in Berlin anzukaufen – eine Kunst, die für den Kaiser aus dem „Rinnstein“ kam.

    Wilhelm II. und seine Gefolgsleute, allen voran der Historienmaler Anton von Werner, hegten einige Erwartungen an die Kunst. Geschichts- und Schlachtenbilder sollten deutsch-nationale Gefühle wecken, monumentale Wirkung entfalten und mit dokumentarischer Genauigkeit Mitstreiter gewinnen. Tschudi erkennt, dass Anton von Werner „die Kunst verlieren wird, weil er sie fesselt“.

    Für Tschudi sind die Franzosen wahre Kunst, sie malen so ganz anders. Nicht so durchgezeichnet. Sie malen Alltagsszenen, Bilder ganz ohne Mittelpunkt. „Es waren keine Erzählungen mehr, es waren Effekte, Unerschrockenheiten, Farbattacken inmitten einer Ordnung, die jedoch jeder bis zu diesem Tag für unantastbar gehalten hatte.“

    Die Impressionisten brechen radikal mit den Sehgewohnheiten. Dafür werden sie bis heute vom großen Publikum verehrt. Etwa für ein Flimmern im Bild anstelle der abgezirkelten Polit-Dogmen des Historismus.

    Die Kaisertreuen kritisieren die neue, luftige Malweise. Wilhelm II. empört sich bei Tschudi: „Unfertige Bilder sind doch keine Lösung.“ In der Audienz wagt es der aus einem Schweizer Adelsgeschlecht stammende Museumsdirektor, Seine Majestät zu korrigieren. Die lockeren Pinselhiebe seien fertig, die Malweise sei gleichsam „offen“.

    Das sollte Tschudi, so unerschrocken er den Kampf um die Moderne auch führt, nicht gut bekommen. Die Deutschnationalen intrigieren, am Ende wird er gemobbt, beurlaubt, zieht nach München und stirbt.

    Mariam Kühsel-Hussaini: Tschudi.
    Rowohlt
    320 Seiten
    24 Euro

    Ankaufen konnte der progressive Direktor der Nationalgalerie in Berlin die Impressionisten nur, weil ein gut betuchter Freundeskreis sein Museum unterstützt. Zu den aufgeschlossenen Moderne-Förderern zählen unter anderem die Bankiers und Unternehmer Ernst von Mendelssohn-Bartholdy, Eduard Arnhold, Robert von Mendelssohn und Hugo Oppenheim.

    Diese aufgeschlossenen Männer sammeln auch selbst moderne Kunst und finanzieren Eduard Manets Bild „Im Wintergarten“. Damit ist die Nationalgalerie weltweit das erste Haus, das einem Manet-Bild Museumsweihen verleiht. Die Völkischen sehen daraufhin das Ansehen ihres Tempels der deutschen Kunst durch die Franzosen und Tschudi beschmutzt.

    Doch die Zukunft der Malerei bricht sich im 19. Jahrhundert in Frankreich Bahn. Bilder, die mehr Fragen stellen als Antworten geben. „Im Wintergarten“ zeigt einen Mann und eine junge Schönheit vor üppigen exotischen Pflanzen. Sie berühren sich nicht. Eine besondere Spannung liegt zwischen ihnen. Nur die Hände nähern sich an. Die Frau schwankt zwischen Teilnahmslosigkeit und Hochmut.

    Für Mariam Kühsel-Hussaini trägt sie ein „seelenkrankes Gesicht zur Schau“. Die Bilder dieser Avantgarde „erzählen nicht mehr so viel, sie waren leiser geworden, leiser und verrückter“. Seelenbilder eben statt Heldenpathos.

    Das Besondere am Roman „Tschudi“ sind die lebhafte Sprache und der federleichte Ton. Tschudi etwa lässt die Autorin durch den „kronenzwitschernden Tiergarten“ spazieren. Der Stil speist sich aus der fundierten Kenntnis der Malereigeschichte, der Briefe Tschudis und aus der bildmächtigen Sprache Dari-Farsi, die man in Afghanistan spricht.

    Ein Beispiel: Hugo von Tschudi litt an der schuppigen Wolfskrankheit und trug zeitweise gar eine Maske. Der Lupus bewirkte, dass seine Haut nicht mitging, wenn er lachte, „sie war wie erfroren“, schreibt Mariam Kühsel-Hussaini. Maler sind Augenmenschen, auch Tschudis Augen beschreibt die Autorin immer wieder leitmotivisch. Der vornehm zurückhaltende Hüne „wusste, dass er Augen besaß, die jeden pulverisieren konnten“. Hugo von Tschudi scheitert zwar als Person, seine Klugheit und Mut, die Freiheit der Kunst zu fördern, prägen die Kunstszene bis heute.

    Die erste Fotoreporterin an der Front

    So wenig bekannt wie Tschudi war bislang auch die Fotografin Gerda Taro. Geboren als Gerta Pohorylle schloss sie sich mit 19 Jahren den Sozialisten in Leipzig an. 1933 verteilte sie Flugblätter gegen die Nazis und emigrierte mit ihrer Freundin Ruth Cerf nach Paris.

    Das erfährt der Leser in der quellengestützten Biografie-Fiktion „Das Mädchen mit der Leica“. Die deutsch-italienische Schriftstellerin Helena Janeczek zeichnet das kurze Leben der so mutigen wie lebensfrohen Fotografin nach. Sie gilt als erste Fotoreporterin an einer Kriegsfront.

    Gerda Taro lernt in Paris den aus Ungarn stammenden Fotografen Endre Ernö Friedmann kennen, wird seine Ehefrau und Studentin. Gemeinsam dokumentieren sie die Front der Republikaner gegen die Truppen der Putschisten unter General Franco im Spanischen Bürgerkrieg.

    Helena Janeczek: Das Mädchen mit der Leica.
    Berlin Verlag
    352 Seiten
    übersetzt von Verena von Koskull
    22 Euro

    Die praktische Taro ist es, die das einprägsame Pseudonym für den Bohemien Friedmann findet, unter dem er Weltruhm erlangten sollte: Robert Capa. Sich selbst benennt sie – in Anlehnung an Greta Garbo – um in Gerda Taro. Mit 27 Jahren wird die Autodidaktin vor Madrid von einem Panzer überrollt, mit dem sie vor den Angriffen der deutschen Legion Condor aus dem Kriegsgebiet fliehen wollte.

    Bei ihrer Beisetzung am 1. August 1937 in Paris folgen Tausende ihrem Sarg. Prominente Dichter wie Pablo Neruda und Louis Aragon führen den Tauerzug an. Er wird zu einer Demonstration gegen den Faschismus.

    Helena Janeczek bringt uns Taros flirrendes Wesen aus drei verschiedenen Perspektiven nahe. Zwei Freunde, beide Ärzte, und ihre Weggefährtin Ruth Cerf erinnern sich. Die Bruchstücke eines kurzen Lebens setzt Janeczek bewusst als Fragmente zusammen. Taro sei eine kleine Person, ein Inbild an Eleganz, Weiblichkeit, Koketterie, bei der niemand vermuten würde, „dass sie fühlt und handelt wie ein Mann“.

    Der Dreifach-Blickwinkel ist zwar genau recherchiert, beleuchtet aber die Randfiguren überproportional. Dennoch ist „Das Mädchen mit der Leica“ ein gelungenes Panorama der 1930er-Jahre. Und eine Hommage an die zu Unrecht übersehene Fotografin Gerda Taro. Gute Lektüre für den Urlaub, der dieses Jahr Corona-bedingt nach Zeitreisen im Kopf verlangt.

    Mehr: Dominique de Villepin: Vom Premierminister zum Kunsthändler

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