„Fear“ Woodward-Buch – das Weiße Haus am Rande des Wahnsinns

In seinem Buch „Fear“ liefert Reporter-Legende Bob Woodward eine extrem genaue Analyse über das Innenleben des Weißen Hauses. Was drinsteht – und was nicht.
Kommentieren
„Er ist ein Idiot. Es ist sinnlos zu versuchen, ihn von irgendwas zu überzeugen. Er ist durchgedreht“, soll Stabschef John Kelly über den US-Präsidenten gesagt haben. Quelle: Reuters
Buch über Donald Trump

„Er ist ein Idiot. Es ist sinnlos zu versuchen, ihn von irgendwas zu überzeugen. Er ist durchgedreht“, soll Stabschef John Kelly über den US-Präsidenten gesagt haben.

(Foto: Reuters)

Das aktuell meistdiskutierte Buch der USA ist eine rasante Abfolge von Szenen und Dialogen, manche Kapitel sind nur wenige Zeilen lang.

Zuweilen scheint es, als blättere man im wilden Drehbuch eines Experimentalfilms, in dem viel gesprochen und gern geflucht wird – allein das Wort „fuck“ kommt 102 Mal vor. Doch das Buch „Fear“ der amerikanischen Reporter-Legende Bob Woodward ist keine Fiktion, sondern bündelt die Erkenntnisse des erfahrensten politischen US-Journalisten.

Vier Präsidentschaften hat der 75-Jährige mit Enthüllungsbüchern begleitet, seine Recherchen zur Watergate-Affäre kosteten Richard Nixon in den Siebzigern das Amt. Mehr als vierzig Jahre später gelingt Woodward nun die bislang umfassendste und detaillierteste Analyse des Weißen Hauses unter Trump.

Laut Woodward basiert sein Buch auf „Hunderten Stunden Interviews“ mit Regierungsbeamten, mit „direkt Beteiligten und Eingeweihten“ aus der Machtzentrale in Washington. Seit erste Passagen bekannt wurden, sorgt das Buch in den USA für Aufregung. In dieser Woche ist es in voller Länge erschienen.

Vieles ist schon durchgesickert. Muss man das Buch überhaupt lesen?

Die Auszüge, die vorab veröffentlicht wurden, haben es in sich. Demnach soll etwa Stabschef John Kelly über Trump gesagt haben: „Er ist ein Idiot. Es ist sinnlos zu versuchen, ihn von irgendwas zu überzeugen. Er ist durchgedreht. Wir sind im Ort der Verrückten. Das ist der schlimmste Job, den ich jemals hatte.“

Trump soll außerdem erwogen haben, den syrischen Machthaber Baschar al-Assad töten zu lassen. Und ein bereits verfasster Twitter-Post zu Nordkorea, der als Kriegserklärung hätte verstanden werden können, sei erst in letzter Sekunde verhindert worden, schreibt Woodward. 

Trotzdem lohnt es sich, das Buch in Gänze zu lesen. So rekonstruiert Woodward zum Beispiel die Annäherung der USA an Saudi-Arabien, den Beinaheabzug aus Afghanistan und Trumps frühes Drängen auf ein Aus des Iranabkommens.

Der Sound zum impulsiven Präsidenten

Woodward versucht gar nicht erst, einen roten Faden durch das Buch zu ziehen, was es umso stärker macht. Er überlässt es weitgehend dem Leser, sich ein Urteil über das zu bilden, was nach Angaben des Autors geschehen ist. Der Sound des Buches passt zur impulsiven und hektischen Trump-Präsidentschaft. 

Ausführlich beschreibt Woodward etwa, wie der damalige Wirtschaftsberater Gary Cohn zum Schreibtisch im Oval Office schlich, um heimlich ein Dokument zu entwenden, das das Freihandelsabkommen mit Südkorea aufgekündigt hätte (der Glaubwürdigkeit halber ist das Papier im Buch abgedruckt). Woodward zeichnet das Bild eines Apparats, der Trump ständig beäugt, um das Schlimmste abzuwenden. „Es fühlte sich an, als würden wir ständig am Rand der Klippe entlanggehen“, zitiert der Journalist eine Quelle. 

Das Buch erinnert daran, dass das Phänomen Trump nicht über Nacht plötzlich da war, sondern dass er spätestens seit 2010 ernsthaft an einer künftigen Präsidentschaft arbeitete – auch wenn Trump damals, so Woodward, nicht einmal das Wort „Populist“ aussprechen konnte, sondern „Popularist“ sagte.

Welche anderen spannenden Erkenntnisse gibt es?

Besonders über die Handelspolitik wird im Weißen Haus seit Trumps Amtsantritt emotional und erbittert gestritten wie über kein anderes Thema. Das monatelange Hin und Her und die internen Konflikte über Strafzölle seziert Woodward minutiös. Faszinierend sind die Dialoge zwischen Trump und seinem Team hinter verschlossenen Türen, die Woodward rekonstruiert. 

Eine Schlüsselfigur im Buch ist Cohn, der sich vehement gegen den protektionistischen Kurs wehrte und als Wirtschaftsberater inzwischen zurückgetreten ist. Woodward beschreibt den Moment, in dem Cohn von Trump erniedrigt wurde. „Bei einem Treffen im Januar 2018 versammelten sich Navarro, Ross, Cohn und Porter im Oval Office. Nach monatelangen Diskussionen und festgefahrenen Positionen lief die Debatte heiß. ,Du bist der Globalist im Raum‘, sagte Trump. ,Es ist mir inzwischen egal, was du denkst, Gary.‘“ 

Berater in Ungnade

Doch auch Wirtschaftsminister Wilbur Ross ist offenbar in Ungnade gefallen und hat laut Trump seine „besten Tage hinter sich“, so Woodward. Als Trump auf Anraten des Hardliners Peter Navarro über Nacht Stahl- und Aluminiumbosse einfliegen ließ und anschließend Strafzölle verkündete, waren seine wichtigsten Mitarbeiter nicht informiert. Das sagt einiges aus über die maroden Kommunikationskanäle und das mangelnde Vertrauen im Weißen Haus.

Außerdem beschäftigt die Russlandaffäre Trump mehr, als er zugeben will. Öffentlich schmäht er sie als überflüssig und lächerlich, intern macht er sich offenbar ernsthafte Sorgen und verfolgt nervös jede neue Entwicklung. Nachdem etwa das Handelsblatt im Dezember 2017 exklusiv berichtet hatte, Sonderermittler Robert Mueller habe Unterlagen über die Trump-Familie von der Deutschen Bank angefordert, griff Trump offenbar wütend zum Telefon. „Ich sage dir, das ist alles Schwachsinn!“, rief er seinem damaligen Anwalt John Dowd zu. 

Dowd, der das Weiße Haus inzwischen verlassen hat, wollte Trump von einem Interview mit Mueller abbringen – aus Furcht, Trump könne sich verquatschen und ein „riesiges Desaster“ anrichten. „Sie haben Probleme damit, bei einem Thema zu bleiben“, soll Dowd zu Trump gesagt haben. „Sie machen eine Sache falsch, und dann: Bäm!“

Auch ein Ratschlag, den Trump einem Bekannten im Umgang mit Frauen gegeben haben soll, ist bemerkenswert. „Wirkliche Macht ist Angst. Es geht um Stärke. Zeige niemals Schwäche. Du musst immer stark sein. Es gibt keine andere Wahl.“ Werfe eine Frau einem Mann falsches oder übergriffiges Verhalten vor, „heißt es abstreiten, abstreiten, abstreiten. Wenn du irgendetwas eingestehst, bist du tot.“ 

Wie glaubwürdig ist das Buch?

Das Buch „Shattered“ beschrieb die Hintergründe der Hillary-Clinton-Kampagne und versuchte, aus der Perspektive der Demokraten zu erklären, wie ein Außenseiterkandidat wie Trump gewinnen konnte. Das Enthüllungsbuch „Fire and Fury“ war reich an Details, aber auch schrill. Der von Trump gefeuerte Ex-FBI-Direktor James Comey belastete Trump in seiner Autobiografie als unmoralisch. All diese Bücher sind Puzzlestücke der Trump-Präsidentschaft, mal mehr und mal weniger seriös. 

Woodward kann mehrere Jahrzehnte belastbare Berichterstattung für sich beanspruchen und hat nach 18 politischen Büchern eine hohe Glaubwürdigkeit – auch wenn selbst er freilich nur Ausschnitte des Gesamtbildes kennen dürfte.

Vieles spricht dafür, dass Woodward korrekt recherchiert hat. Denn viele Ereignisse wurden in der Vergangenheit von Medien verschiedener Couleur bereits angerissen, es sind keine aus luftleerem Raum gegriffenen Behauptungen. Wo bislang Umschreibungen standen, ergänzt Woodward sie mit konkreten Abläufen. 

Das Weiße Haus und Trump haben das Buch scharf verurteilt. Stabschef John Kelly und Verteidigungsminister James Mattis haben Dementis herausgegeben, Gary Cohn und der frühere Mitarbeiter Rob Porter ebenfalls.

Porter bezeichnete das Buch als „selektiv und oft irreführend“. Cohn widersprach der Darstellung Woodwards, dass er Dokumente vom Schreibtisch des Präsidenten entwendet habe. Es habe vielmehr zu seinem Job gehört, Dokumente gegenzulesen und prüfen zu lassen.

Woodward selbst sagt, eine hochrangige „Schlüsselfigur“ aus der US-Regierung habe ihn nach Erscheinen des Buches angerufen und gesagt, alles sei „tausendprozentig korrekt“. Der Journalist betont: „Ich stehe zu dem, was ich aufgeschrieben habe.“

Wird „Fear“ nachhaltig etwas ändern?

Das Buch kommt für Trump in einer Phase, in der schnelle Erfolge im Handelskrieg ausbleiben und die Demokraten vor den wichtigen Kongresswahlen hochmotiviert sind. Das Juristenteam im Weißen Haus zerbröselt, was eine Verteidigungsstrategie gegen Mueller erschwert. Trumps Stolz über die blühende Wirtschaft wird wieder einmal überlagert von Nachrichten über Chaos und Stümpertum und über schlichtweg gefährlichen Unfug in Bezug auf die Weltpolitik.

Allerdings wird das Buch nachhaltig wenig ändern, es liefert weder neue Erkenntnisse in der Russlandaffäre, noch gibt es Anzeichen für andere rechtlich heikle Fallstricke. Trump wird das Buch nutzen, um die Presse weiter zu diskreditieren. Nur eines ist klar: Im Rückblick wird Woodwards Buch dabei helfen, die Trump-Präsidentschaft historisch einzuordnen. 

„Fear“ ist im englischen Original am 11. September 2011 in den USA erschienen, die deutsche Übersetzung wird laut Rowohlt-Verlag am 11. Oktober 2018 erhältlich sein.

Startseite

Mehr zu: „Fear“ - Woodward-Buch – das Weiße Haus am Rande des Wahnsinns

0 Kommentare zu "„Fear“: Woodward-Buch – das Weiße Haus am Rande des Wahnsinns"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%