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Robert Habeck

Der Rückzug von Robert Habeck von Twitter und Facebook hatte vor einigen Wochen große Diskussionen ausgelöst.

(Foto: Tibor Bozi/Redux/laif for SZ Magazin)

Gastbeitrag Warum Social Media keine demokratische Öffentlichkeit schafft

Die Aufregung über Robert Habeck ist groß. Aber Twitter ist keine direkte Demokratie – und Geistesblitze finden sich dort wie Stecknadeln im Müllhaufen.
  • Christoph Türcke
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LeipzigSo schnell geht das. Grünen-Chef Robert Habeck hatte lediglich mitgeteilt, er wolle Facebook und Twitter nicht mehr nutzen. Diese Zuspitzungsmedien hätten ihn mehrfach zu unbedachten Äußerungen verleitet, die er bedaure.

Und schon schlugen die Wellen hoch: Was nimmt der sich heraus? Die sozialen Medien gehören doch zu „unserem Leben“; man darf sie nicht „den Trumps überlassen“; Politiker müssen dort sein, „wo die Debatten stattfinden“. Als gefährde Habecks persönlicher Entschluss die demokratische Öffentlichkeit.

Dabei ist es umgekehrt. Wo Öffentlichkeit nur noch darin besteht, dass jeder ständig zu allem ungehemmt seinen Senf gibt, da ist sie am Ende, da wird sie ununterscheidbar von bloßem Kneipengequatsche, dem sich „die Debatten“, die über Twitter laufen, denn auch annähern. Geistesblitze sind da wie Stecknadeln im Müllhaufen.

Auch wenn die Aufregung um Habeck schon wieder abgeflaut ist, bleibt die Frage aktuell: Ist das, was er gemacht hat, eigentlich statthaft? Darf sich eine öffentliche Person, etwa ein Politiker, aus der neuen digitalen Öffentlichkeit zurückziehen?

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Anfang Februar die Schließung ihrer Facebook-Seite mit rund 2,5 Millionen „Gefällt mir“-Signalen angekündigt. Die Seite ist bereits nicht mehr zugänglich. Historiker betteln um den Erhalt von Merkels digitalem Erbe.

Christoph Türcke ist Professor em. für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Sein neuestes Buch „Digitale Gefolgschaft“ erscheint am 15. Februar bei C.H. Beck. Für das Handelsblatt hat er einen Extrakt seiner Thesen in diesem Essay verarbeitet. Quelle: Ekko von Schwichow/schwichow.de
Philosoph Christoph Türcke

Christoph Türcke ist Professor em. für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Sein neuestes Buch „Digitale Gefolgschaft“ erscheint am 15. Februar bei C.H. Beck. Für das Handelsblatt hat er einen Extrakt seiner Thesen in diesem Essay verarbeitet.

(Foto: Ekko von Schwichow/schwichow.de)

Um zu begreifen, was die neuen Medien seit wenigen Jahrzehnten mit der Öffentlichkeit machen, muss man wenigstens eine Ahnung davon haben, was sie in den vielen Jahrtausenden davor war. Als öffentliche Angelegenheit galt zunächst alles, was das Wohl und Wehe des Gemeinwesens betraf. Wollen wir Krieg oder Frieden mit den Nachbarstämmen? Hierbleiben oder weiterziehen? Wenn solche Fragen in der Steinzeit anstanden, versammelte sich der ganze Stamm am Kultplatz, opferte seinen Göttern und erhoffte sich von ihnen Tipps zur Entscheidungsfindung.

Irgendwann freilich wurden die Gemeinwesen zu groß, als dass das, was alle anging, noch durch die Versammlung aller regelbar gewesen wäre. Zur Verhandlung der öffentlichen Angelegenheiten kamen nur noch privilegierte Klassen oder Oligarchen mit ihrem Gefolge zusammen. Der öffentliche Raum erweiterte sich zwar vom Kult- zum Marktplatz, wo sich viele informell treffen konnten; aber vergleichsweise wenige verhandelten, was alle betraf.

Auf dem massenmedialen Marktplatz

Diese wenigen sind ein bleibendes Ärgernis, zumal im Konzept der demokratischen Öffentlichkeit. Sofern sie gewählte Volksvertreter sind, haben sie immerhin ein politisches Mandat. Aber der alte Marktplatz ist längst von einer massenmedialen Öffentlichkeit überlagert worden, und auch die krankt daran, dass wenige sich für viele artikulieren. Wer wählt die wenigen aus? Was für ein Mandat haben die Betreiber von Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsendern?

Seit dem antiken Athen und Rom gibt es zwar demokratische Bestrebungen, aber noch immer ist das rechte Maß demokratischer Kontrolle nicht endgültig geklärt. Wann ist es zu groß und macht die Repräsentanten handlungsunfähig; wann zu gering, so dass sie selbstherrlich werden?

Das Internet scheint diese Fragen mit einem Schlag gegenstandslos gemacht zu haben. Wer über einen Computer verfügt, kann mit ein paar Klicks ganze Datensätze „ins Netz stellen“ und sich direkt öffentlich artikulieren – vorbei an allen Volksvertretungen, Regierungen, Zeitungen, an Rundfunk und Fernsehen; vorbei an allen Repräsentanten und Vormündern, die sich für entscheidungsbefugt darüber halten, ob das, was öffentlich artikuliert wird, auch öffentlichkeitswürdig ist.

Erst die ungefilterte Öffentlichkeit bringt direkte Demokratie; hier erst wird Freiheit konkret, jauchzten die Internetpioniere, legten wie besessen Glasfaserkabel und knüpften Algorithmen zwischen allem, was sich verlinken lässt. Das vermeintliche neue Reich der Freiheit war freilich schon Mitte der 1990er-Jahre ein Dschungel, gegen dessen Wuchern nur noch eines half: Suchmaschinen. Weil sie Retter in der Not waren, sah man ihnen nicht sogleich an, in welch schwindelerregendem Maße sie sich zu neuen Vormündern aufbauen würden.

Den Suchmaschinenwettlauf gewann Google triumphal, dank einer genialen Idee seiner Gründer Larry Page und Sergey Brin. Von deren Professoren hatten einige es nötig, sich ständig die eigene Wichtigkeit zu beweisen, indem sie pedantisch nachzählten, wie oft sie in den Publikationen anderer zitiert wurden. Daraus machte Page ein Suchsystem nach „Relevanz“. Je öfter ein Fund auch von andern gesucht, gefunden, zitiert wird, desto mehr „Stimmen“ hat er, desto höher steht er im Ranking.

Jede Google-Suche löst aber nicht nur eine Stimmenauszählung aus. Sie ist auch selbst ein Votum. Die Nutzung der Suchmaschine ist ein ständiges Plebiszit. Mit jeder Anfrage ändern sich zugleich die Stimmenverhältnisse. Eine neue radikale Form von Basisdemokratie findet statt. Man wählt nicht mehr Vermittler des eigenen Willens, Parteien oder Repräsentanten, sondern direkt das, was einen persönlich interessiert. Die Wahl läuft und läuft.

Nirgends mehr ein Innehalten, ein gemeinsames Resultat oder Interesse. Jeder votiert nur für das Seine, was immer das sei. Praktiziert wird unablässige Basisdemokratie ohne res publica (öffentliche gemeinsame Angelegenheit).

Die Urteile der netzöffentlichen Schönheitsjury

Das Seitenstück dazu lieferte Facebook. Auch hier gab es eine Urszene: je zwei Fotos einer Studentin. Mark Zuckerberg hatte sie ohne Erlaubnis der Fotografierten ins Netz gestellt. Durch einen Like-Button sollte man dasjenige anzeigen, das einem besser gefiel. Die überwältigende Beteiligung an diesem Spielchen offenbarte eine riesige Marktlücke.

Über andere ein Urteil abgeben zu dürfen, das nicht begründet werden muss und den Urteilenden für einen Augenblick zum unangefochtenen Mitglied einer netzöffentlichen Schönheitsjury erhöht: Das kitzelte das Selbstgefühl dermaßen, dass Zuckerberg eine Plattform einrichtete, auf der einzelne, Gruppen, Institutionen und Firmen aller Art sich kostenlos präsentieren und bekunden können, was sie treiben und was ihnen gefällt.

Der Like-Button soll weltweit alle vernetzen, die einander oder gemeinsam irgendetwas „mögen“. Je mehr jemand über Facebook kommuniziert, desto mehr umgibt er sich mit Meinungen, Einstellungen, Geschmäcken, Informationen, die er „mag“. Je mehr jemand durch Google sucht, desto mehr bekommt er Fundstellen präsentiert, die er „mag“, weil sie seinen vorangegangenen Suchen entsprechen. Störendes wird weggefiltert. Das Medium dient zunehmender Perspektivverengung.

Die Milliarden von Daten, die Google und Facebook ständig ihren Nutzern entlocken und an Firmen, Geheimdienste und andere weitergeben, übergehen wir hier zugunsten von etwas Grundsätzlicherem. Die Art von Ordnung, die die Plattformgiganten im Internetdschungel schaffen, ist eine neue Weltordnung. Sie ermöglicht nicht nur weltweite Direktsuche, Präsenz und Kontaktaufnahme; sie strukturiert die Datenwelt selbst.

Der Wissenschaftsbetrieb hat sich längst nach dem Muster von Pages Ranking organisiert: Das Meistzitierte gilt als das Wichtigste. Der Like-Button hat sich zum Prinzip von Bewertungsportalen für Ärzte, Rechtsanwälte und Steuerberater verallgemeinert. Und immer häufiger soll man den Lieferanten von Waren und Dienstleistungen auf einer Skala angeben, wie zufrieden man mit ihnen war.

Digitale Nebenwirkungen

Damit nicht genug: Die Plattformen sind auch neue Vergesellschaftungsinstanzen. In kürzester Zeit haben sie Milliarden von Nutzern angesogen, die sich wie Schwärme verhalten. Diese Schwärme sind die Gemeinwesen der Zukunft: unstete, diffuse, hyperaktive digitale Clans, während traditionelle Verbände wie Familie, Verein, Staat an Auszehrung leiden. Jede Plattform versucht durch Schwarmsog einen Clan zu bilden. Wenn alle bei Facebook sind, muss ich auch dort sein, sonst bin ich abgehängt. Wenn alle twittern oder googeln, muss ich es auch tun.

Würden Google oder Facebook einmal für einen Tag ihre Dienste komplett sperren – die Übersprungshandlungen, Panikattacken, Entzugserscheinungen wären mindestens so heftig wie beim politischen Generalstreik. Das spüren diejenigen, die sich künstlich über jemand aufregen, der einfach bloß für seine Person entschied, Facebook und Twitter nicht mehr zu nutzen.

Er erinnert sie daran, was es heißt, „Follower“ zu sein – zu einer suchtbasierten, clanartigen Gefolgschaft zu gehören. Und das zahlen sie ihm heim. Anscheinend kommen Zeiten, in denen die Abmeldung von einer Plattform zu einem Akt der Zivilcourage wird.

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