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Interview Chimamanda Ngozi Adichie: „Den Feminismus herausfordern? Nur zu!“

Die nigerianische Schriftstellerin Adichie gilt als feministische Ikone. Im Interview spricht sie über Technologie, die ihr Sorge bereitet, und die Macht der Literatur.
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Ihr Bestseller „Americanha“ machte die Nigerianerin weltberühmt. Quelle: imago stock&people
Chimamanda Ngozi Adichie

Ihr Bestseller „Americanha“ machte die Nigerianerin weltberühmt.

(Foto: imago stock&people)

Kassel Sie hat bereits ein Gespräch mit 80 Schülerinnen und Schülern, eine Preisverleihung und zwei Signierstunden für ein überaus begeistertes Publikum im Kasseler Staatstheater hinter sich. Chimamanda Ngozi Adichie wirkt ganz kurz erschöpft. Fünf Minuten braucht sie allein für sich und ihr Telefon, bevor es losgehen kann. Als wir den Raum betreten, spricht sie gerade per Facetime mit ihrer kleinen Tochter, die viele Küsse von fern braucht, bevor sie bereit ist aufzulegen.

Es ist nicht nur der Tag der Verleihung des Kasseler Bürgerpreises „Glas der Vernunft“ an Adichie, es ist auch ihr 42. Geburtstag. Gesungen wurde für sie bereits von Hunderten Menschen im Theater. Jetzt beginnt ein Gespräch mit einer hellwachen, nachdenklichen und humorvollen Literatin über die Fehler des Kapitalismus, afrikanisches Unternehmertum und den Orgasmus der Frau.

Frau Ngozi Adichie, Sie haben heute das „Glas der Vernunft“ erhalten. Was bedeutet es für Sie, vernünftig zu sein?
Ich bin nicht immer vernünftig. In erster Linie bin ich Schriftstellerin, ein kreativer Mensch, mit der Gabe, Dinge zu erfinden. Mir Geschichten auszudenken ist für mich Genuss, Freude und Sinnstiftung zugleich, aber ich verstecke mich auch nicht hinter der Kunst. Ich bin viele. Das Selbst, das Belletristik schreibt, denkt nicht immer konsequent, sondern eher träumerisch, weil es dabei um Charakter und Emotionen geht.

Aber im anderen Teil meines Lebens bin ich ein Mensch, für den das Sein in der Welt kritisches Denken, Neugier und Lernen erfordert. Es gibt eine Art Stringenz, mit der ich generell über politische und soziale Ideen denke. Ich stelle endlos Fragen und bin mir der Komplexität sehr bewusst. Einer simplen Antwort misstraue ich meist. Vernünftig zu sein erfordert auch Kompromissfähigkeit: die Erkenntnis, dass man zwar eine sehr starke Meinung haben kann, es aber oft Grauzonen und Komplikationen gibt.

Man könnte sagen, dass im Moment politisch und sozial die Zeit für Revolution und Widerstand gekommen ist. Glauben Sie, Vernunft und Widerstand schließen sich aus?
Nein, überhaupt nicht. Wir müssen vernünftig sein in unserem Widerstand. Es gibt Menschen der extremen Linken, deren Leidenschaft ich bewundere, deren Ansichten ich aber als so unpragmatisch empfinde, dass ich mich manchmal entfremdet fühle. Widerstand und Vernunft schließen sich nicht im Geringsten aus, denn eine gerechte Welt ist eine vernünftige Welt.

Die literarischen Werke der nigerianischen Schriftstellerin wurden in 37 Sprachen übersetzt, ihr internationaler Bestseller „Americanah“ wird als Fernsehserie mit einer Starbesetzung von HBO produziert, ihr TED-Talk „The Danger of a Single Story“ ist einer der meistgesehenen aller Zeiten, und ihre Rede „We Should All be Feminists“ machte sie zur feministischen Ikone. 1977 in Enugu, Nigeria, geboren, lebt Adichie in den USA und ihrem Heimatland Nigeria, zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter. Quelle: dpa
C. N. Adichie

Die literarischen Werke der nigerianischen Schriftstellerin wurden in 37 Sprachen übersetzt, ihr internationaler Bestseller „Americanah“ wird als Fernsehserie mit einer Starbesetzung von HBO produziert, ihr TED-Talk „The Danger of a Single Story“ ist einer der meistgesehenen aller Zeiten, und ihre Rede „We Should All be Feminists“ machte sie zur feministischen Ikone. 1977 in Enugu, Nigeria, geboren, lebt Adichie in den USA und ihrem Heimatland Nigeria, zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter.

(Foto: dpa)

Sie haben heute diese Auszeichnung für Ihre „Vision einer humanistischen Vielfalt“ erhalten. Was bedeutet das für Sie?
Leben und leben lassen ist generell eine sehr gute Lebensphilosophie, solange dabei niemand zu Schaden kommt. Denn ob es uns gefällt oder nicht: Die Welt ist vielfältig.

Sie argumentieren gegen „die unnachgiebige Atmosphäre einer Sprachorthodoxie, die essenziellen Meinungsaustausch verhindert“. Was meinen Sie damit?
Ich halte mich generell nicht für böswillig. Und ich glaube zutiefst an Vielfalt. Die Welt ist ein wunderbar facettenreicher Ort. In einer nicht diversen Welt möchte ich gar nicht leben, denn sie würde mich langweilen. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass wir Unsicherheit und Bedenken äußern dürfen. Man wird aber zunehmend von akademischen und intellektuellen Kreisen als böse bezeichnet, wenn man bestimmte Dinge hinterfragt. Nicht nur deine Ideen sind dann schlecht, du als Person bist es.

Und das hat weitreichende Konsequenzen: die Möglichkeit, geächtet zu werden, stigmatisiert zu werden. So führen Menschen keine echten Gespräche mehr. Es fühlt sich falsch und unehrlich an und deutet fast darauf hin, dass wir uns in unseren Überzeugungen nicht sicher fühlen. Jemand kommt zu mir und sagt: Du bist eine Feministin, willst du, dass ich den Feminismus herausfordere? Dem antworte ich: Nur zu, her damit! Denn ich bin mir meiner Argumente so sicher, dass ich deine in Grund und Boden stampfen werde.

Ein bestimmter Teil der intellektuellen Linken ist so besorgt, sie könnten vielleicht im Unrecht sein, dass sie Fragen und Herausforderungen von vornherein abwehren. Das besorgt mich. Ich bin tatsächlich fest davon überzeugt, dass wir diese Diskussionen führen müssen. Die beste Antwort auf schlechte Gespräche sind mehr Gespräche.

Ihr TED-Vortrag „We Should All Be Feminists“ wurde millionenfach gesehen, in einem Beyoncé-Song gesampelt, weltweit auf Dior-T-Shirts gedruckt, und in Schweden wird die Rede in Buchformat an alle 16-Jährigen verteilt. Wenn Sie auf die Wirtschaft schauen, haben Sie den Eindruck, dass sich wirklich etwas verändert hat?
Man könnte sich fragen, wie „wirklich“ aussehen würde. Ich bekomme mehr Einladungen von Unternehmen als von feministischen Organisationen. Ständig werde ich angefragt, über Vielfalt zu sprechen. Aber das will ich gar nicht. Ich bin nicht Diversity-Coach vom Dienst. Mit dem CEO von Goldman Sachs habe ich in London auf der Bühne gesprochen. Nicht mit der Person, die für Frauenthemen zuständig ist, sondern mit dem CEO.

Ich sage das, weil es wichtig ist. Diskussionen über Feminismus gehören auf die Hauptbühne, nicht nur auf die Frauen- oder Vielfaltsbühne – denn sie betreffen uns alle. Vielfalt setzt voraus, dass weiße Männer in der Diskussion dabei sind. Menschen, die derzeit in Entscheidungspositionen sind, müssen dabei sein. Die Geschäftswelt fängt an zu verstehen, dass es in der Wirtschaft nicht nur um den Gewinn gehen kann. Es muss auch um die Menschen gehen, die dort arbeiten, und darum, was es bedeutet, eine offene Atmosphäre für den Austausch verschiedener Erfahrungen am Tisch zu schaffen.

Wie beobachten Sie den Fortschritt der #MeToo-Bewegung?
Es reicht meiner Meinung nach nicht aus, den Mann zu feuern, der eine Frau sexuell belästigt hat. Wir müssen uns viel weitgehender fragen, wie viel wir verloren haben, weil Frauen nicht die Positionen bekommen, die sie verdienen. Es gibt Frauen, die ihren Job wegen Belästigung aufgegeben haben, deren Leben sich dadurch für immer verändert hat.

Sie haben darauf hingewiesen, dass das Bewusstsein für die Sozialverantwortung von Unternehmen wächst. Sind diese Anliegen mit dem Kapitalismus vereinbar?
Die gegenwärtige Form des Kapitalismus ist eine Katastrophe. Das sage ich als jemand, der eine bestimmte Form von Kapitalismus durchaus mag, was wiederum einige meiner feministischen Freunde verärgert. Meine ethnische Gruppe in Nigeria ist die der Igbo aus dem südöstlichen Teil des Landes. Ein Stereotyp über Igbos ist, dass wir mit einem Handels-Gen geboren werden, mit dem Wunsch, ein Unternehmen zu gründen.

Ich komme also aus einer Kultur des Kapitalismus, aber einer anderen Art. Nicht dem Kapitalismus der Großunternehmen oder dem „Magic Money“-Kapitalismus, wie ich gerne sage. Es sollte nicht darum gehen, dass jemand Geld einfach her- oder wieder wegzaubern kann. Wo sind dann die konkreten Dinge, die produziert werden? Ich glaube an einen Kapitalismus, bei dem es um die Produktion und den Austausch von Waren und Dienstleistungen geht, weil der auch nicht zu erheblichen sozialen Ungleichheiten führt.

Durch den technologischen Fortschritt handelt die Wirtschaft immer weniger mit materiellen und immer mehr mit immateriellen Gütern. Wie erleben Sie technologischen Wandel persönlich?
Technologie hat die menschliche Verbindung und Kommunikation auf drastische Weise verändert. Einige dieser Neuerungen sind sehr nützlich, andere finde ich gruselig. Ich verwende beispielsweise keine Gesichtserkennungstechnologie auf meinem Handy. Und ich kann es nicht ertragen, wie wir mit kleinen Geräten reden. Es ist einfach seltsam für mich, ein Gespräch mit einer körperlosen metallischen Stimme zu führen und so zu tun, als wäre es ein Mensch. Das beunruhigt mich tatsächlich, und manchmal fange ich dann an, mich sehr alt zu fühlen.

Diskussionen über Feminismus gehören auf die Hauptbühne, nicht nur auf die Frauen- oder Vielfaltsbühne. Chimamanda Ngozi Adichie (Autorin)

Sie sind heute gerade 42 geworden.
Nun ja, meine Tochter wird in einer Welt aufwachsen, in der das normal ist.

Technologie ist auch zunehmend in der Lage, Geschichten zu produzieren. Künstliche Intelligenz hat begonnen, sogar Belletristik zu generieren. Würden Sie eine KI für Ihre eigene Arbeit verwenden?
Niemals. Weil das nichts mit Kreativität zu tun hätte. Kreativität entstammt dem fehlerhaften, komplexen und unsicheren Zustand dessen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Kreativität ist von Natur aus unvollkommen. Wozu schafft eine Gesellschaft Poesie und Kunst? Doch weil sie von einer Person geschaffen werden, die einen Standpunkt hat. Wenn körperlose Dinge anfangen, Literatur zu schaffen, mag die ästhetisch ansprechend sein, eine Seele hat sie nicht.

Aber macht Technologie unser Leben nicht auch einfacher und bequemer?
Sicher. Ich kann problemlos mit meiner Familie in den USA und in Nigeria in Kontakt bleiben. Aber ich glaube, dass wir durch KI auch eine wesentliche Form der menschlichen Interaktion verlieren könnten. Ich hasse es, in einen Laden ohne Menschen zu gehen, in dem ich einfach ständig irgendwelche Knöpfe drücken muss.

Das nennt man Kundenintegration.
Ja, aber dann mache ich die Arbeit, für die ich doch bezahlt habe. Dafür sollten echte Menschen eingestellt werden. Ich bin kein Fan davon, dass Roboter die Zukunft unserer Arbeit übernehmen – das klingt für mich apokalyptisch. Auch hier ist die Fokussierung auf die Gewinnmargen einfach zu eng. Wenn es eine Fluggesellschaft gibt, die echte Menschen einstellt, um mir beim Check-in zu helfen, dann fliege ich mit dieser Fluggesellschaft.

Sie wählen ein Unternehmen nach dem Grad an menschlicher Interaktion aus?
Auf jeden Fall.

Was finden Sie an der Interaktion mit Technologie abstoßend?
Sie kann dazu führen, dass wir unsere Empathie verlieren und nicht mehr ernsthaft miteinander sprechen. Maschinen, Technologien, Künstliche Intelligenz, das ist mir alles zu reibungslos. Meine Sorge ist, dass wir den Wesenskern der Menschlichkeit verlieren.

Sie warnen in Ihrem TED-Vortrag „The Danger of a Single Story“ vor zu einseitigen Geschichten. Wir erleben aktuell auf der ganzen Welt, auch in Deutschland, populistische Bewegungen mit sehr einseitigen Geschichten über die jeweils andere Seite. Was empfehlen Sie, um unser nuanciertes Verständnis voneinander zu stärken?
Erst einmal den Fernseher und die meisten sozialen Medien abschalten. Und wir müssen uns fragen: Wie können wir die Leute dazu bringen, wieder Literatur zu lesen? Wie können wir Büchern einen echten Wert verleihen – und damit meine ich nicht Managementbücher. Ich halte es gesellschaftlich für ungemein wichtig, menschliche Geschichten zu lesen.

Miriam Meckel (r.) und Léa Steinacker sind Gründungsverlegerin und Chief Strategy Officer von ada, der Plattform für digitale Bildung und die Wirtschaft der Zukunft. Quelle: Miriam Meckel
Chimamanda Ngozi Adichie mit Miriam Meckel (r.) and Léa Steinacker

Miriam Meckel (r.) und Léa Steinacker sind Gründungsverlegerin und Chief Strategy Officer von ada, der Plattform für digitale Bildung und die Wirtschaft der Zukunft.

(Foto: Miriam Meckel )

Aber wird es nicht immer schwieriger, Menschen außerhalb der Komfortzone ihrer Weltansicht für etwas zu begeistern?
Regierungen sollten Bücher subventionieren. Einige Menschen werden Sie natürlich nie erreichen. Aber vor allem hat die Politik versagt. Mehr in die Infrastruktur zu investieren als in Menschen und Bildung ist falsch. Nach meinem Verständnis dessen, was in Deutschland nach der Wiedervereinigung geschah, bin ich nicht allzu überrascht, dass bestimmte Teile des Landes nun nach rechts rücken. Wenn man sich an einen bestimmten Lebensstandard gewöhnt hat und der sich plötzlich ändert, empfindet man das als Verlust und beginnt, andere dafür verantwortlich zu machen.

Ich will das nicht entschuldigen. Denn ich bin fest überzeugt, dass die politische Rechte in der Welt falsch liegt. Aber auch Menschen, die für deren Position stehen, sind komplex. Einige werden von den angebotenen Gewissheiten angezogen, auch wenn es in einer unsicheren Welt keine Gewissheit gibt. Dennoch verstehe ich die Logik dahinter. Man muss diesen Wunsch nach Sicherheit verstehen, wenn man über politische und ideologische Grenzen hinweg miteinander ins Gespräch kommen will. Das ändert natürlich nichts daran, dass es Fakten gibt und die Umstände komplex bleiben.

Sollten sich heutige Führungskräfte mehr mit Literatur beschäftigen?
Absolut, ja. CEOs und auch politische Führungskräfte. Wenn wir Geschichten lesen, werden wir in einer Existenzform lebendig, die nicht unsere eigene ist. Und ohne es zu wissen, lernen wir, erweitern unseren Horizont. Mein Leben lang Romane zu lesen hat mir früh beigebracht, die Welt als vielfältig zu verstehen, zu wissen, dass Menschen verschieden sind, Bedürfnisse haben und sich nicht nur logisch verhalten. Wir sind nicht nur eine Ansammlung logisch arrangierter Körperteile – wir sind emotionale Wesen. Führungskräfte sollten mehr Romane lesen, es wird ihren Organisationen helfen, denn denen geht es immer nur so gut wie den Menschen, die dort arbeiten.

Deutschland feiert in diesem Jahr 30 Jahre Wiedervereinigung, aber es gibt immer noch erhebliche soziale Unterschiede zwischen Ost und West. Kann Literatur bei der Versöhnung helfen?
Ich glaube, das kann sie. Bei der allerersten Veranstaltung in Nigeria für „Die Hälfte der Sonne“, meinem Buch über den Biafra-Krieg, dem umstrittensten Teil der Geschichte meines Landes, gab es sehr heftige Diskussionen im Publikum, die Menschen waren außer sich. Für einige war es das erste Mal, dass sie sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzten, und der Roman ließ sie beginnen, die menschlichen Seiten zu sehen.

Seitdem sind Gedenkstätten für die in Biafra Verstorbenen gefordert worden, und die Kriegsgeschichte soll in den Lehrplan der Schulen aufgenommen werden. Für einige war mein Roman das erste Mal, dass sie eine Verbindung mit den Menschen gespürt haben, die von diesem Krieg betroffen waren. Das ist nur ein Beispiel dafür, was Geschichtenerzählen bewirken kann. Gute Romane machen Empathie möglich. Wenn man sie schreibt, kann man die Dinge nicht in Schwarz-Weiß betrachten.

Nach meinem Verständnis dessen, was in Deutschland nach der Wiedervereinigung geschah, bin ich nicht allzu überrascht, dass bestimmte Teile des Landes nun nach rechts rücken. Chimamanda Ngozi Adichie (Autorin)

In einigen afrikanischen Volkswirtschaften gibt es eine lebendige Gründerkultur. Wie ist das in Ihrem Heimatland Nigeria?
Wenn man an den Kontinent Afrika denkt, ist für viele die erste Assoziation Entwicklungshilfe. Ich weiß, dass es gut gemeint ist, aber diese Idee lehne ich zutiefst ab. Es gibt viele afrikanische Unternehmerinnen und Unternehmer, die voller Ideen sind, denen aber die Möglichkeiten fehlen. In Nigeria hätte vieles erblühen können, wenn Entrepreneurs nur das Startkapital hätten. Einige Einschränkungen sind strukturell bedingt, wie unser Stromnetz, das nicht konstant funktioniert. Dennoch sind viele Nigerianer sehr unternehmerisch. Der Handel liegt in unserer DNA.

Welche Geschichten über den Unternehmergeist Nigerias wurden noch nicht erzählt?
Die Leute warten nicht auf einen weißen Retter. Menschen wollen Möglichkeiten, sie wollen Zugang.

Bevor Ihre Tochter geboren wurde, haben Sie „Liebe Ijeawele“ veröffentlicht, ein Buch mit Vorschlägen, wie man ein Kind feministisch großziehen kann. Gibt es Vorschläge, die Sie hinzufügen würden, jetzt, da Sie Mutter sind?
Ich würde betonen, dass es wirklich schwierig ist, einem Kind diese Werte in einer Gesellschaft beizubringen, die unsere Kinder ständig in Mädchen und Jungen teilt, sei es durch rosa und blaue Spielzeuge oder durch den geschlechterspezifischen Umgang mit ihnen. Das ist wie eine Verschwörung. Zweitens würde ich sagen: Zwingt euch nicht selbst zur Überanpassung. An die Frauen: Lasst euch nicht zum Stillen drängen. Wenn du deine Brüste für dich behalten möchtest, dann tu es bitte.

Als ich schwanger wurde, habe ich all die Bücher gelesen und mir große Sorgen gemacht, weil ich alles richtig machen wollte. Es wird einem im Grunde das Gefühl vermittelt, wenn man das Kind nicht stillt, wird es unglücklich sein und später ganz sicher keine guten Orgasmen haben.

Das wäre sehr traurig.
Allerdings. Natürlich meine ich das sarkastisch. Aber das Stillen kann wirklich belastend sein. Meine Tochter hatte zunächst Probleme beim Stillen. Sie hatte Allergien, ich musste eine spezielle Diät einhalten. Mein Arzt sagte, ich könnte mit dem Stillen aufhören, aber ich dachte, das geht nicht, weil ich ein unglaubliches Verantwortungsbewusstsein hatte.

Die ersten sechs Monate habe ich in großer Angst verbracht und mein Kind nicht genug genossen. Das würde ich jetzt anders machen. Meine Mutter hat uns alle mit Säuglingsbrei gefüttert, und ich glaube, wir sind ganz gut dabei weggekommen. Liebe Frauen, seid nett zu euch selbst, ihr werdet dann bessere Mütter.

Frau Ngozi Adichie, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Facebook-Managerin Sheryl Sandberg und Wirtschaftsminister Peter Altmaier sprechen im Interview über Feminismus und die Frage, warum kleine Jungs „bossy“ sein dürfen und Mädchen nicht.

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