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Interview Thea Dorn: „‚Social Distancing‘ ist ein gewaltiger Motor der Trostlosigkeit“

Die Schriftstellerin und TV-Moderatorin Thea Dorn legt einen Briefroman vor. Es geht um die Suche nach Halt und Würde in Zeiten des Coronavirus.
19.02.2021 - 02:07 Uhr Kommentieren
In ihrem Briefroman beschäftigt sich die Autorin und Moderatorin mit Trost in trostlosen Zeiten. Quelle: Screenshot ZDF
Thea Dorn

In ihrem Briefroman beschäftigt sich die Autorin und Moderatorin mit Trost in trostlosen Zeiten.

(Foto: Screenshot ZDF)

München Die Frage, wie wir Menschen es mit der Sterblichkeit halten, treibt Thea Dorn seit dreizehn Jahren um. Damals starb ihre Mutter an Krebs, die Schriftstellerin und TV-Moderatorin war während ihrer letzten Tage und Stunden bei ihr.

Um das Verhältnis zum Tod ging es schon 2016 in Dorns Opus magnum „Die Unglückseligen“. Nun, in ihrem neuen Roman „Trost. Briefe an Max“, heißt die Titelfigur erneut Johanna. Und prüft und hadert, was an Leben im Zeichen des Virus noch bleibt.

Frau Dorn, die Bedrohung der Pandemie hält das Land in Bann. Vieles ist geschlossen. Die Menschen leiden. Stellt sich für Sie da die Frage, ob die Deutschen noch bei Troste sind?
Ich glaube nicht, dass wir es hier mit einem deutschen Problem zu tun haben. Die ganze Welt schlägt sich ja mit der Frage herum, wie diesem Virus begegnet werden kann und soll. Aber die deutsche Sprache legt den Verdacht nahe, dass nur derjenige, der getröstet ist, auch „bei Trost“ im Sinne von „bei Verstand“ sein kann.

Die Hauptfigur Ihres neuen Buchs, die Feuilletonredakteurin Johanna, ist zu Beginn untröstlich. Die Mutter stirbt einsam an Covid-19. Ein philosophischer Freund hilft ihr mit Postkarten bei der Suche nach Tröstung.
Anfangs wütet Johanna in alle Richtungen: gegen ihre leichtsinnige Mutter, die trotz der Reisewarnungen noch nach Italien gefahren ist. Gegen das Krankenhaus, in dem man ihr den Zutritt zu ihrer sterbenden Mutter verwehrt hat. Gegen den Staat, der den Infektionsschutz zum obersten Gebot erklärt hat. Alles sehr widersprüchlich. Und eben deshalb sehr menschlich. Die Vorstellung, eine Pandemie mit Gottvertrauen überstehen zu sollen, erscheint Johanna nachgerade zynisch. Sie will, dass etwas getan wird, dass der stolze Mensch diesem unverschämten Virus die Stirn bietet.

Der moderne Mensch sucht eben nach technologischen Methoden wie Impfstoffen, um dem Schicksal zu begegnen, nicht nach Heilsversprechen.
Wurde uns der Impfstoff nicht als Heilsversprechen verkauft? Und liegt nicht just darin ein Problem? Ein Impfstoff kann niemals den inneren Halt oder Trost bieten, den der Religiöse im Glauben findet. Wenn sich erweist, dass die Impfstoffwirksamkeit geringer ist als erhofft, etwa weil Virusmutationen auftreten, bricht sofort wieder Verzweiflung aus.

Kann man sagen, dass die Politik auf Mittel der Vertröstung setzt, nicht auf Trost?
Das kann man so sehen. Andererseits wollen wir an der Spitze eines säkularen Verfassungsstaates ja auch keine Prediger haben. Fürs Seelenheil sind gewählte Volksvertreter nicht zuständig. Trotzdem, im politischen Diskurs hat sich ein rein materialistisches Denken breitgemacht, das mich beunruhigt: Möglichst wenig soziale Kontakte, aber die Lieferketten sollen nicht abreißen. Wer handelt, als seien Sozialleben, Bildung und Kultur „nicht systemrelevant“, verkennt den eben auch idealistischen Charakter unseres freiheitlichen Systems auf dramatische Weise.

Thea Dorn: Trost. Briefe an Max.
Penguin Verlag
München 2021
176 Seiten
16 Euro

„Mutti Staat hat eine solche Angst, ihr aufgeseuchtes Völkchen könnte doch noch auf die Barrikaden gehen, dass sie vorsichtshalber aus allen Geldkanonen schießt“, sagt Johanna über Kurzarbeit. Starker Tobak.
Na ja, Johanna hat schon eine Neigung zur zugespitzten Formulierung. Schließlich ist sie Journalistin. Trotzdem ist sie keine Pamphletistin, sondern eine Suchende. Wenn sie mit Worten um sich schlägt, geschieht dies nicht aus Besserwisserei, sondern aus Zorn, aus Ratlosigkeit, aus Verzweiflung.

An einer Stelle heißt es, seit Jahren würden wir „Feuer!“ schreien – und hätten über diesen Daueralarm vergessen, „dass es wirklich einmal brennen kann“.
Finden Sie nicht, dass es im Journalismus die Tendenz gibt: Lieber eine Katastrophen-Schlagzeile zu viel als eine zu wenig? In normalen Zeiten weiß der abgebrühte Leser: Nichts ist so heiß, wie die Medien es berichten. Aber in Zeiten des Schlamassels wird es heikel, wenn unklar ist: Was ist realistische Gefahrenbeschreibung, und was ist Dramatisierung im Interesse von Quote, Auflagenhöhe oder Klickzahlen?

Kaum jemand redet mehr über Trost. Schließen Sie als studierte Philosophin eine Lücke?
Die meisten philosophischen Trostversuche beruhen, ähnlich wie Religionen, auf der Annahme, dass es eine unsterbliche Seele, ein besseres Jenseits gibt. Oder dass es ohnehin nur auf den Geist ankommt, nicht aber auf das, was dem Körper widerfährt. Beides leuchtet uns heute nicht mehr ein. Es gelingt auch nur den wenigsten, das große Nichts, das nach dem Tod vermutlich kommt, als Erlösung zu betrachten.

Und, was bleibt übrig?
Man kann versuchen, eine gewisse Wurschtigkeit gegenüber dem Tod zu entwickeln, getreu der stoischen Devise: Solange ich da bin, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, bin ich nicht mehr da, also geht der Tod mich nichts an. Das ist ein eleganter Gedanke. Aber ich bin mir nicht sicher, wie tröstlich er ist. Insgesamt hat Literatur, wie alle Künste, einen aussichtsreicheren Zugang zu Trost, deshalb habe ich einen Roman und eben keine philosophische Abhandlung geschrieben.

Sie meinen, Literatur kann wirklich trösten?
Aber ja! Auf mich haben die barocken Weltschmerz-Sonette von Andreas Gryphius oder „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren eine äußerst tröstliche Wirkung. Ein wichtiges Merkmal von Trost ist das Gefühl, in seinem Schmerz, in seiner Angst nicht allein gelassen zu sein.

Deshalb ist „Social Distancing“ ein so gewaltiger Motor der Trostlosigkeit. Im günstigsten Fall kann ein Buch wie ein guter Freund sein. Obwohl ich durch das „Literarische Quartett“ eine professionelle Vielleserin bin, kenne ich die nachgerade physischen Glücksmomente, wenn ich beim Lesen plötzlich den Eindruck habe: Dieses Buch nimmt mich in den Arm.

Ist es nicht die Botschaft Ihres Buches, die Herausforderung des Virus anzunehmen und das eigene Leben neu zu bestimmen?
Ich hoffe nicht, dass ich ein Buch mit einer klaren „Message“ geschrieben habe. Ich begreife es eher als Erkundungsreise: Kann es gelingen, sich aus dem Strudel von Angst und Hoffnungslosigkeit, dessen Sog uns alle mehr oder weniger erfasst hat, zu befreien? Diese Erkundungsreise endet aber nicht in Ratgebermanier mit „15 Wegen zum Trost“, sondern versteht sich als Ermunterung.

Die Menschen sehnen sich nach Nähe, die Läden bleiben geschlossen. Quelle: dpa
Formen der Einsamkeit

Die Menschen sehnen sich nach Nähe, die Läden bleiben geschlossen.

(Foto: dpa)

Für den „Aufstand der Schönheitstrunkenen, Würdesüchtigen, Lebensverliebten“ gegen den Tod, wie es an einer Stelle heißt?
Johanna schreibt dies, als sie darüber nachdenkt, die Schauspieleragentur ihrer Mutter zu übernehmen. Zum einen ist ihr klar geworden, dass viele der Künstler nach Monaten des Nicht-arbeiten-Könnens, Nicht-spielen-Dürfens mindestens so verzweifelt sind wie sie selbst. Sie erfährt, wie demütigend es ist, als „nicht systemrelevant“ kaltgestellt zu werden. Zum anderen begreift sie, welchen Preis wir zahlen, wenn wir nicht die Würde des Menschen, sondern sein biologisches Überleben zum obersten Wert machen.

Die Debatte regte Wolfgang Schäuble an …
… und ist abgekanzelt worden. Aber die Frage bleibt: Wie wollen wir unser Menschsein verstehen? Folgen wir den Virologen und Epidemiologen und sehen den Menschen in erster Linie als gefährlichen Virenträger? Oder beharren wir mit dem Humanismus darauf, dass der Mensch mehr ist als ein physiologisches System, das möglichst störungsfrei funktionieren soll?

Braucht die Wirtschaft auch Trost?
(Lacht.) Gerhard Polt hat unlängst eine wunderbare Huldigung an die Gastwirtschaft als Modell der Demokratie verfasst. Solange die „Wirtschaft“ zu ist, kann es für ihn keinen Trost geben.

Wirtschaft liebt Marktführer. Trost ist keine Kategorie. Wer will schon einen „Trostpreis“?
Das ist wie im Sport: Oft gilt der Silbermedaillengewinner als der erste Verlierer. Wir sind darauf geeicht, „maximal zu performen“, zu gewinnen. Um überhaupt tröstbar zu sein, müssen wir akzeptieren, dass Scheitern einfach dazugehört – zur Wirtschaft, zum Sport, zum Leben.

Auch im Kampf gegen das Virus?
Noch dürfen wir ja hoffen, dass die Impfstoffentwickler im Wettlauf gegen die Mutationen mithalten können. Dennoch schiene es mir weiser zu sein, nicht auf diese Hoffnung allein zu setzen, sondern gleichzeitig zu fragen: In welcher Art Leben wollen wir uns einrichten, individuell und als Gesellschaft, wenn die „No Covid“-Träume an der Realität zerschellen sollten? Wollen wir den Rest unseres Lebens im Lockdown verbringen? Uns der Verzweiflung überlassen? Oder versuchen wir, Trost zu finden – so schwierig dies sein mag?

Frau Dorn, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Wie sich 80 „Vorausdenker*innen“ Deutschlands Zukunft vorstellen.

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