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Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock: „Dass jeder Punkt, jedes Komma angeschaut wird, das war uns klar“

Die Grünen-Kanzlerkandidatin hat ihr Erstlingswerk vorgestellt – pünktlich zur heißen Wahlkampfphase. Das Buch ist eine Mischung aus Persönlichem und Politischem.
17.06.2021 - 18:49 Uhr Kommentieren
Die Kanzlerkandidatin der Grünen präsentierte ihr Buch in Sichtweite des Kanzleramts. Quelle: dpa
Annalena Baerbock

Die Kanzlerkandidatin der Grünen präsentierte ihr Buch in Sichtweite des Kanzleramts.

(Foto: dpa)

Berlin Turbulente Wochen hat sie hinter sich, die Grünen-Kanzlerkandidatin. Hier, auf der schattigen Dachterrasse, ist es dagegen geradezu angenehm. Es geht um das Erstlingswerk von Annalena Baerbock und der Verlag hat – welch Botschaft – in Sichtweite des Kanzleramts das „Haus der Kulturen der Welt“ ausgesucht, um Buch und Autorin in Szene zu setzen.

Baerbock selbst sagt, sie gucke auf eine Europafahne, sie finde „den Ort wunderschön“, es sei „sommerlich frisch“, großartig, dass nicht geschwitzt oder eine Maske getragen werden müsse. Zum Kanzleramt kein Wort – aber natürlich, dahinein strebt die 40-Jährige, darum die Mühen in der Politik in den vergangenen Tagen, Monaten, Jahren.

Schnell ist die Grüne, die zusammen mit Robert Habeck den Vorsitz ihrer Partei innehat, auch an diesem Tag bei ihrer Botschaft, ihrer Vision, „die Dinge besser zu machen“. Sich nicht mit dem zufriedenzugeben, was läuft und wie es läuft, sich nicht damit zu begnügen, politisch auf Sicht zu fahren, wie sie es nennt. Sondern vorausschauend zu agieren und so den Wohlstand Deutschlands und der Deutschen zu mehren.

So beschreibt es Baerbock in ihrem Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“, das sie nun, zu Beginn der heißen Wahlkampfphase vorlegt. Ab Montag ist es im Buchhandel erhältlich.

Am vergangenen Samstag war Baerbock auf dem Grünen-Parteitag mit 98,55 Prozent der abgegebenen Stimmen als Kanzlerkandidatin bestätigt worden. Die Reihen sind geschlossen wie nie – die Grünen wittern ihre Chance, bei den Bundestagswahlen im Herbst im Duell mit der Union als Sieger hervorzugehen.

Annalena Baerbock: Jetzt. Wie wir unser Land erneuern.
Ullstein
Berlin 2021
240 Seiten
24 Euro

Im Corona-Winter, so erzählt es Baerbock an diesem Donnerstag, habe sie das Gefühl gehabt, „ein paar Dinge aufschreiben“ zu müssen. Wie kann er gelingen, der Aufbruch in eine neue, in eine klimaneutrale Welt, der vor allem auf diesem Weg auch die Menschen mitnimmt?

Entstanden ist ein 240 Seiten starkes Buch, eine Mischung aus wohldosierten, aber sehr persönlichen Erinnerungen und einem politischem Sachbuch. Wer wissen will, wo die Grünen-Spitzenpolitikerin herkommt, was sie geprägt hat, wie sie denkt und was sie vorhat, der wird hier fündig werden.

Vom Wunsch, Dinge gut zu machen

Immer „anpacken wollen“, so beschreibt sie sich selbst bei der Buchvorstellung. „Das Anpackende steckt in mir drin.“ Sie sei in einer großen Familie aufgewachsen. Die Eltern hatten in Schulenburg bei Hannover ein stark renovierungsbedürftiges Haus gekauft, das in jahrelanger gemeinsamer Arbeit saniert wurde, zusammen mit der Familie ihrer Tante.

„Auf dieser Baustelle“ sei sie groß geworden, mit zwei jüngeren Schwestern und den beiden Cousinen. „Da war immer etwas zu tun.“ Jeder konnte helfen, auch die Kinder. In dieser „Großfamilie, die sich umeinander sorgt“, habe sie gelernt, was wichtig sei. „Zuneigung, Vertrauen und der Wunsch, die Dinge gut zu machen.“

Deshalb habe sie sich auch so geärgert, dass bei aller Konzentration auf das Wahlprogramm „andere Punkte“ nicht gründlich genug geprüft worden seien. Im Mai war bekannt geworden, dass Baerbock dem Bundestag Sonderzahlungen nachmelden musste. Danach mussten sie und ihre Partei mehrmals Angaben in Baerbocks Lebenslauf präzisieren und korrigieren.

Es sei doch klar gewesen, dass „wenn ich als Kanzlerkandidatin antrete, erstmalig in der deutschen Geschichte die Grünen überhaupt eine Person als Kanzlerkandidaten aufstellen, dass nicht alle sagen, super, da ist übrigens das Kanzleramt, und erst recht nicht der politische Gegner“, sagte Baerbock bei der Buchvorstellung.

„Dass da jeder Punkt und jedes Komma angeschaut und umgedreht wird, das war mit unserer Kanzlerkandidatur-Ankündigung für uns klar.“ Aber, auch das ist für sie klar, aus Fehlern will sie lernen, zuhören sowieso, „damit unsere Politik eine bessere wird“.

Baerbock diskutiert und streitet gern. Rede, Gegenrede: „Das spornt mich an.“ Und wer das bessere Argument habe, der überzeuge den anderen.“ In der Politik sei das nicht immer so, aber eigentlich, so Baerbock, sollte es so sein. Sie fände es bereichernd, wenn „unterschiedliche Typen“ zusammenkommen, erzählt sie. „Optimalerweise kommt man dann mit der besten Lösung raus.“ Nachtragend sei sie nicht. „Wenn man gut und leidenschaftlich streitet, dann kann es auch mal heiß hergehen.“

Grüne-Kanzlerkandidatin Baerbock stellt Buch vor

Eine faktenfreie Debatte jedoch „ist nicht meine Art, ist nicht unsere Art“, macht Baerbock deutlich. Damit bezieht sie sich auf die Debatte über höhere CO2-Preise und Vorwürfe an die Grünen, sie wollten ohne Rücksicht auf Geringverdiener steigende Benzinpreise in Kauf nehmen.

Dass die Große Koalition es war, die einen CO2-Preis eingeführt hatte und auch weiterhin hinter diesem Modell steht, drang nicht durch. Aber, so sagt sie: „Wahlkampf kommt auch von kämpfen und darum wird es für uns in den nächsten Monaten gehen: Leidenschaftlich in der Sache zu kämpfen, um das Beste für das Land herauszuholen.“

Ihr Fokus im Buch richtet sich auf die Innen- wie Außenpolitik, auf Klimapolitik, Bildungspolitik, Industriepolitik, Europapolitik, Sicherheitspolitik, oft verknüpft mit persönlichen Erinnerungen. Etwa, als sie am Vorabend des 1. Mai 2004 mit Hunderten von Menschen im Herzen Europas auf der Oderbrücke zwischen Frankfurt an der Oder und dem polnischen Słubice stand.

„Einander vollkommen fremde Menschen lagen sich in den Armen, als der damalige deutsche Außenminister Joschka Fischer und sein polnischer Amtskollege Włodzimierz Cimoszewicz symbolisch die Grenze zwischen den über so lange Zeit getrennten Hälften unseres Kontinents öffneten“, schreibt Baerbock. Insgesamt zehn Staaten waren an diesem Tag der Europäischen Union beigetreten.

Hommage an Oma Alma

Und Annalena Baerbock? Sie dachte in diesem Moment nicht nur an ihren Opa Waldemar, der als Wehrmachtsoffizier auf dem Rückzug im Januar 1945 auf die Ostseite von Frankfurt (Oder) kam und seine Mutter bekniete, die sich in seiner Heimatstadt im 70 Kilometer entfernten Gorzow Wielkopolski, damals Landsberg an der Warthe, versteckt hielt, sich zu ihm und der Verwandtschaft nach Gusow im Oderbruch durchzuschlagen.

Eine entscheidende Rolle spielte auch Baerbocks Oma Alma, die ein Hauptantrieb dafür war, dass ihre Enkelin eine Leidenschaft für Europa- und Völkerrecht entwickelte und der sie ihr Buch widmete.

„Europäisch handeln“, fordert Baerbock, die sich für eine aktivere europäische Außenpolitik einsetzen will. Dafür müsse vor allem wieder der deutsch-französische Motor in Gang kommen. Neben weltweiten Bündnissen brauche es „ein starkes, selbstbewusstes Europa, das weltpolitikfähig ist“, ergänzte Baerbock am Donnerstag. „Und das heißt, in kritischen Momenten auch seine eigenen Werte zu verteidigen“, etwa mit Blick auf Standards und Menschenrechte.

Das große Ganze im Blick zu haben, etwa in Hinsicht auf den weltweiten Klimaschutz, das treibt sie an. Dabei offene Zeitfenster zu nutzen, etwa mit Blick auf die USA, ist ihr wichtig.

Doch egal bei welchem Politikfeld: Die Zeiten, in denen Grünen-Politiker besserwisserisch arrogant aufgetreten sind, sollen vorbei sein. Längst haben die Grünen erkannt, dass ein ökologischer Umbau der Wirtschaft ohne soziale Absicherung keine Mehrheit findet und Austausch zwingend erforderlich ist.

Es geht mir nicht um abschließende Antworten auf alle Fragen, sondern um Pfade, die wir aus meiner Sicht einschlagen sollten. Annalena Baerbock (Kanzlerkandidatin der Grünen)

Es gehe ihr „nicht um abschließende Antworten auf alle Fragen, sondern um Pfade, die wir aus meiner Sicht einschlagen sollten“, macht Baerbock denn auch deutlich. Dennoch lässt sie keinen Zweifel daran, in welchen Bereichen besondere Schwachpunkte liegen, etwa in der Bildungspolitik.

In diesen Sommerferien müsse alles dafür getan werden, dass Kinder im nächsten Schuljahr nicht wieder mit Masken im Unterricht sitzen müssen, forderte Baerbock. Ein erster Schritt wäre, in den Schulen Luftfilter einzubauen.

Die nächsten Monate bis zur Bundestagswahl werden herausfordernd für die Grünen-Kanzlerkandidatin. Zuletzt verloren Baerbock und die Grünen in Umfragen einiges an Zustimmung. Um das zu drehen, hat die 40-Jährige einige ihrer Pläne preisgegeben. Nur warum das Buch mit „Obrigada“ schließt, portugiesisch danke, das hütet Baerbock weiterhin als Geheimnis. Zu privat.

Mehr: Union in Umfrage wieder vor den Grünen – Laschet gewinnt an Zustimmung

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