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Kapitalismuskritik Der Kämpfer gegen die „kannibalische Weltordnung“

Jean Ziegler hofft bei seinem Kreuzzug auf die Zivilgesellschaft. Sein neuestes Buch ist eine Kampfschrift – aber eine mit Schwächen.
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„Kinder und Jugendliche stellen klare und unbarmherzige Fragen“, sagt der Soziologe und Politiker. Quelle: dpa
Jean Ziegler

„Kinder und Jugendliche stellen klare und unbarmherzige Fragen“, sagt der Soziologe und Politiker.

(Foto: dpa)

WienDie Rolle des Großvaters steht Jean Ziegler gut. In seinem dunkelblauen Blazer mit offenem, blaulinierten Hemd und den schwarzen Loafern mit karierten Socken sieht der Schweizer Soziologe aus wie ein sympathischer, mit sich und der Welt im Reinen befindlicher Zeitgenosse. Tatsächlich ist der bald 85-Jährige aber ein unruhiger und neugieriger Berufsrevolutionär, dem die wirtschaftliche, soziale und ökologische Ungerechtigkeit der Welt noch immer auf die Palme bringt.

Nach Wien ist der in Genf lebende Kapitalismuskritiker nicht nur wegen der Verleihung der Otto-Bauer-Plakette für Verdienste im Kampf gegen Rechtsradikalismus und Faschismus durch die österreichischen Sozialdemokraten gekommen. Die von ihm geschätzte Donaumetropole ist Teil seiner Leserreise nach der Leipziger Buchmesse und der Lit Cologne.

Ziegler ist in Europa populär. Spielend füllt der in Genf lebende Autor auch große Säle. Die Menschen kommen gerne zu seinen Auftritten, um Antworten zu bekommen auf ihre Fragen, die sie zu den enormen Herausforderungen wie der Globalisierung haben.

Ziegler enttäuscht seine Fangemeinde nicht. Trotz seines hohen Alters ist er ein unermüdlicher und fleißiger Autor und leidenschaftlicher Diskutant. Sein neuestes Buch „Was ist so schlimm am Kapitalismus. Antworten auf die Fragen meiner Enkelin“ ist sozusagen ein populärer und polemischer Almanach für Globalisierungsgegner.

Die Idee des Buchs mit einem Frage-Antwort-Spiel ist sympathisch. „Kinder und Jugendliche stellen klare und unbarmherzige Fragen“, sagt Ziegler im Gespräch mit dem Handelsblatt in Wien. Das gefällt dem pensionierten Hochschullehrer. „Mit meinem Buch will ich auf die Grundsatzfragen des Kapitalismus Antworten geben.“

Jean Ziegler: Was ist so schlimm am Kapitalismus?
C. Bertlesmann
2019
128 Seiten
15 Euro
ISBN: 978-3-570-10370-8

Bei seiner Erklärung allen Unheils geht Jean Ziegler weiter denn je. Er versteht sich als unnachgiebiger Kämpfer gegen die „kannibalische Weltordnung“ multinationaler Konzerne. Doch diesmal stellt er nicht Schweizer Konzerne wie Nestlé oder Glencore an den Pranger, sondern wirft die grundsätzliche Frage nach Privateigentum auf.

Die durch die Französische Revolution ausgelöste „Heiligsprechung“ des Eigentums habe als Grundlage der kapitalistischen Ausbeutung zu jenen Katastrophen geführt, unter denen heute die Menschheit leidet. Hunger, Krankheit, Klimawandel – an allen ist am Ende der absolute Schutz des Eigentums schuld. Es sei der „Ursprung des monströsen Kapitalismus“, den er mit Neoliberalismus gleichsetzt.

Das Buch ist nicht wie vom Verlag C. Bertelsmann angekündigt eine Streitschrift. Es handelt sich um eine Kampfschrift. Jean Ziegler ist geübter Meister der Anklage, doch Alternativen bietet der gebürtige Thuner nicht an. In dem schmalen Buch fehlen Ideen und Alternativen, die zu einer wirklichen Lösung globaler Herausforderungen wie das Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich oder die Erwärmung des Klimas führen könnten.

Über weite Strecken entsteht der Eindruck, Ziegler lebt noch in den Nullerjahren, als die Börse noch boomte, die Digitalisierung in den Kinderschuhen steckte und der Populismus weitgehend unbekannt war. Die soziale Marktwirtschaft – als sozialverträgliches Modell eines geordneten Kapitalismus – spielt für den früheren sozialdemokratischen Politiker ohnehin in seiner Weltbetrachtung keine Rolle.

„Die linke Utopie lebt“

In dem fiktiven Dialog mit seiner Enkelin schreibt sich Revolutionär Ziegler die eigene Wut aus dem Bauch. „Ich bin dagegen, dass sich der Mensch den Marktkräften unterordnet“, sagt er. „Der Kapitalismus lässt sich nicht humanisieren.“ Das sind Sätze wie in Stein gemeißelt. Seine Hoffnung sind die Wutbürger, die kollektiven Bewegungen, die aus dem politischen Nichts kommen wie die Gelbwesten in Frankreich oder die Schüler mit ihren weltweiten Demonstrationen gegen Klimaerwärmung.

Er nennt die Fundamentalopposition umständlich „planetarische Zivilgesellschaft“. Sie geben ihm Hoffnung, die „Diktatur“ der globalen Konzerne zu beenden. „Die kannibalische Weltordnung muss gebrochen werden. Das wird durch die planetarische Weltgesellschaft geschehen“, prognostiziert der Soziologe im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Die linke Utopie lebt.“

In seinem Eifer für eine bessere und gerechtere Welt unterlaufen Ziegler in dem nur 128 Seiten dicken Buch aber faktische Schwächen. Seine Behauptung, die Bilanzaktiva des Ölkonzerns Exxon Mobile seien größer als das Bruttoinlandsprodukt von Österreich, ist falsch. Im Jahr 2017 erzielte der Ölmulti Bilanzaktiva von 346 Milliarden und einen Umsatz von 237 Milliarden Dollar, das Bruttoinlandsprodukt der Alpenrepublik belief sich hingegen auf knapp 370 Milliarden Euro. Das entspricht rund 415 Milliarden Dollar.

Guatemala ist nicht wie vom Autor behauptet seit 1825 von Spanien unabhängig, sondern bereits seit 1821. Und Deutschland ist auch nicht das reichste Land in Europa. In der EU ist beispielsweise in Luxemburg das Pro-Kopf-Einkommen deutlich höher als in der Bundesrepublik, in Europa natürlich das der Schweiz.

Ein strittiges Zitat des chilenischen Dichters Pablo Neruda im letzten Satz des Buches ist zudem fehlerhaft übersetzt. Ziegler hatte das Zitat bereits in gleicher Weise in seinem vor elf Jahren erschienenen Buch „Das Imperium der Schande“ benutzt. Die Behauptung, dass 2017 elf Prozent der spanischen Kinder unterernährt sind, lässt sich nicht nachvollziehen.

Ein großes Manko: Ziegler gibt in seinem Buch keine Quellennachweise oder ein Literaturverzeichnis an. Doch gerade ein emeritierter Hochschullehrer sollte eigentlich sehr viel Wert auf Richtigkeit und Nachvollziehbarkeit der Informationen legen.

Darauf angesprochen, warum der knallharte Kritiker der globalisierten, auf Rendite getrimmten Konzerne ausgerechnet im weltgrößten Buchkonzern Random House seine Schrift veröffentlicht, reagiert Ziegler ausweichend. Warum ist er ausgerechnet beim Nestlé-Konzern des globalisierten Buchmarktes unter Vertrag und nicht bei einem Inhaber geführten Verlag? Sein Agent habe die Auslandsrechte vergeben, antwortet der linke Aktivist, als würde ihm die Verwertung seiner Bücher nichts angehen. Das Original seines jüngsten Buches erschien bereits im vergangenen Jahr in Französisch und wurde erst anschließend auf Deutsch übersetzt.

Juristisch fühlt sich der Schweizer Bestsellerautor ohnehin bei Bertelsmann sehr wohl, denn der Buchkonzern des Gütersloher Medienriesen verfügt über entsprechende Ressourcen und clevere Marketingstrategen. Ziegler, den Klagen in der Vergangenheit bereits in wirtschaftliche Bedrängnis gebracht hatten, weiß diese Expertise zu schätzen. Auch dieses Buch haben Juristen, so erzählt er, auf rechtliche Schwachstellen geprüft.

Kein Gegenentwurf zum verhassten Dasein

Es ist eine leidenschaftliche Aufforderung, das bisherige Wirtschaftssystem kaputtzumachen. „Der Kapitalismus lässt sich nicht reformieren. Man muss ihn zerstören. Vollkommen, radikal, damit sich eine neue soziale und wirtschaftliche Weltordnung errichten lässt“, schreibt er. Wie diese neue Weltordnung aussehen soll, lässt Ziegler aber offen.

Dabei besitzt ein richtiger Revolutionär stets einen gesellschaftlichen und ökonomischen Gegenentwurf zum verhassten Dasein. Genau darin liegt die Schwäche des Buches. Es ist ein Sammelsurium bekannter Probleme und Herausforderungen rund um den Globus, die Ziegler zwar richtig und klar benennt. Antworten auf seine vielen, auch überaus berechtigen Fragen gibt Ziegler aber leider nicht.

Auf die Frage, ob er denn nichts über das gesellschaftliche und wirtschaftliche System wisse, das den Kapitalismus ersetzen soll, antwortet er auf der letzten Seite des Buches brutal ehrlich: „Überhaupt nichts, zumindest nichts Genaues.“ Damit lässt er am Ende seinen Leser hilflos und ratlos in der angeblich so „kannibalischen Weltordnung“ zurück.

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