Keynote zum Wirtschaftsbuchpreis 2018 Ex-Telekom-Chef René Obermann: „Digitaler Graben könnte die Gesellschaft zerreißen“

Der Erfolg europäischer Unternehmen hängt von der Aus- und Fortbildung der Menschen ab. Die Keynote des Wirtschaftsbuchpreises 2018 im Wortlaut.
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„Wir brauchen wissenschaftlich-unternehmerische Kombizentren, die neben der Technologie auch das Unternehmertum fördern“, sagt ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom. Quelle: Bert Bostelmann für Handelsblatt
Rene Obermann

„Wir brauchen wissenschaftlich-unternehmerische Kombizentren, die neben der Technologie auch das Unternehmertum fördern“, sagt ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom.

(Foto: Bert Bostelmann für Handelsblatt)

FrankfurtFür das Thema digitales Europa werde ich Ihnen keine rosa Wolken malen, sondern in der Summe ein gemischtes Bild anbieten. Fakt ist leider, dass wir in entscheidenden Bereichen wie Analytics und künstlicher Intelligenz (KI), bei Cloud-Technologien und -Kapazitäten sowie Businesssoftware abgesehen von SAP kaum führende, international agierende Unternehmen haben.

Und wenn vielversprechende Innovation entsteht wie etwa beim britischen Unternehmen „Deep Mind“, wird sie schnell aufgekauft, in diesem Fall von Google.

Eine zentrale Ursache ist, dass wir in einer von globalen Skaleneffekten geprägten Technologie- und Internetwelt in Europa strukturelle Defizite haben.

Ein tolles Unternehmen kann in Polen oder Frankreich bekannt sein, ist aber in Deutschland gänzlich unbekannt. Der europäische Markt ist sehr fragmentiert und nicht einfach ganzheitlich zu bearbeiten für Software- und Internetunternehmen.

Wenn man das auf die Infrastruktur überträgt, sieht man bei den großen Cloud-Rechenzentren ein ähnliches Bild. Nur eins der großen zehn Hyperscale-Rechenzentren ist ein europäisches, es steht in Norwegen. Die größten, mit riesigen Kapazitäten, stehen in den USA, in China und in Indien.

Wegen der enorm steigenden Datenmengen wird ein Großteil unserer Daten außerhalb der EU gehostet. Das kann man gefährlich finden angesichts der politischen Entwicklung.

Bei der künstlichen Intelligenz sieht es mit 400 Unternehmen in der EU auf den ersten Blick gar nicht schlecht aus. Aber die Technologie entwickelt sich rasend schnell. Was heute als KI gilt, ist morgen schon Routine-Software.

Fachleute urteilen, dass von den 400 europäischen Firmen nur 60 Prozent den Titel KI verdienen. Wenige davon sind im Umsatz hoch zwei- oder dreistellig wie ihre US- oder chinesischen Großkonkurrenten.

Immerhin hat Europa eine wachsende KI-Szene. Dennoch: Die globalen KI-Leader kommen wieder einmal aus den USA und China, von Apple über Baidu zu IBM, Microsoft und Nvidia, um nur einige zu nennen.

Unternehmertum fördern

Wir brauchen wissenschaftlich-unternehmerische Kombizentren, die neben der Technologie auch das Unternehmertum fördern. Wir brauchen Initiativen mit großen Venture-Kapital-Gebern, die eine langfristig angelegte Strategie finanzieren und nicht nur auf den kurzfristigen Profit aus sind.

Immerhin, die Venture-Kapital-Landschaft in Europa hat sich bereits verbessert, und es gibt dreimal mehr Kapital als noch vor fünf Jahren, rund 16 Milliarden Euro. Aber im Vergleich dazu hatten China 40 und die USA 64 Milliarden Euro.

Stefan Baron, Guangyan Yin-Baron: Die Chinesen
Econ
Berlin 2018
448 Seiten
25 Euro
ISBN: 978-3430202411

Die Innovationsdynamik hat Auswirkungen auf die Menschen. Manche von uns telefonieren zwar noch, aber meine Tochter meint, das Telefon sei für meine Generation, sie schickt mir lieber Sprachmitteilungen. Wir spüren den immensen Druck, immer mehr Informationen zu verarbeiten, immer schneller zu kommunizieren.

Wir sollten davon ausgehen, dass ein vergrößerter digitaler Graben die Gesellschaft zerreißen könnte – und müssen konsequenter gegensteuern. Offline sei die neue Angst, hat neulich der Markenchef der Deutschen Telekom zutreffend formuliert.

Viele Menschen haben Angst, abgehängt zu werden in der digitalen Welt. Die steigende Wahrnehmung von KI und Automatisierung erzeugt Sorge vor Job- oder Bedeutungsverlust.

Ich teile diese Schreckensszenarien so nicht, weil ich glaube, dass viele neue Berufsfelder entstehen. Aber ich sehe eine echte Herausforderung für die EU: Nichts in der wirtschaftlichen Wertschöpfungskette bleibt analog. Wie viel von künftiger Wertschöpfung wird hier bei uns bleiben? Und wie viel an Wissen abwandern.

Europa muss klotzen

Generell gibt es für innovative Unternehmen in Europa unendlich viele Chancen, weil Firmen transformiert oder ganze Geschäftsmodelle digitalisiert werden.

Enorm viele neue Produkte und Services entstehen, zum Beispiel im Finanzsektor oder bei Versicherungsprodukten, bei Expertennetzwerken, in der Medizin oder beim 3D-Druck. Und was ermöglicht uns die Blockchain außer den Kryptowährungen? Oder das Quantencomputing in zehn, 15 Jahren?

Die digitale Zukunft in Europa hängt deshalb davon ab, dass wir möglichst viele Menschen aus- und fortbilden – und dafür mehr Geld ausgeben. Es kann doch nicht sein, dass wir uns in Europa so verhaken, statt zu klotzen!

Wir müssen die technische Bildung in Schulen, Unternehmen, Volkshochschulen und privaten Einrichtungen noch viel intensiver vorantreiben und durch Top-Rahmenbedingungen digitale unternehmerische Innovation forcieren. Und dann brauchen wir die Vollendung des digitalen Binnenmarkts und die Vereinfachung europaweiter Bürokratie für junge Firmen.

Dazu brauchen wir einen neuen Pakt zwischen Politik, Wirtschaft und Steuerzahlern, damit breite Bevölkerungsschichten teilnehmen können an der digitalen Entwicklung.

Das Aufholen gegenüber den USA und China in digitalen Schlüsselbereichen, wenn es überhaupt gelingen soll, wird Jahrzehnte dauern. Und es wird viel Geld und Zeit kosten. Aber wir brauchen diesen konkreten, langfristig angelegten Pakt zur Finanzierung und Umsetzung, der nicht nur die urbanen Digitaleliten erreicht.

Es muss ein von allen Regierungen getragener Plan sein, auch von den künftigen. Auch wenn es beim jetzigen Stand Europas utopisch klingt.

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