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Enid Blytons „Fünf Freunde“

„Sie erlaubt den Fünf Freunden nie, erwachsen zu werden“, sagte J. K. Rowling über Enid Blytons Kassenschlager.

(Foto: dpa)

Kinderbuchautorin Enid Blyton Trivial, klischeebeladen, vorhersehbar – und erfolgreicher als J.K. Rowling

Ob „Fünf Freunde“ oder „Hanni und Nanni“: Wie Enid Blytons Geschichten auch 50 Jahre dem Tod der Autorin ein Riesengeschäft sind.
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Düsseldorf„Fünf Freunde“: Was George, Julian, Richard, Anne und Hund Timmy erleben, ist total vorhersehbar, endet immer gut und strotzt vor Rollenklischees und Stereotype. „Hanni und Nanni“ ist absoluter Internatskitsch, die Charaktere sind einfältig, drumherum heile Welt.

Man kann die Kritik so durchziehen durch das gesamte Oeuvre von Enid Blyton. Ihre Protagonisten sind einfach gestrickt, ihre Geschichten keine literarischen Meisterwerke wie etwa die „Harry Potter“-Reihe J.K. Rowlings. Ja, keiner würde den „Fünf Freunden“ zusprechen, Entwicklungs- oder gar Bildungsroman zu sein.

Blyton, die bis zu ihrem Tod am 28. November 1968 insgesamt 753 Bücher verfasste und laut diversen Berichten bis zu 10.000 Wörter am Tag zu Papier brachte, focht das nicht an. „Kritik von Leuten über zwölf interessiert mich überhaupt nicht“, sagte sie einmal – und schrieb weiter.

Grob lassen sich ihre Werke in zwei Kategorien einteilen: die „Internats“-Geschichten wie „Hanni und Nanni“ oder „Dolly“ und die „Abenteuer“-Reihen wie „Die verwegenen Vier“, „Die Schwarze Sieben“ und „Fünf Freunde“.

Auch heute noch begeistern die Protagonisten der Britin Leser auf der ganzen Welt, vor allem auch in Deutschland, Indien und Japan. Etwa 600 Millionen verkaufte Bücher und Übersetzungen in etwa 40 Sprachen machen Blyton, die schon als Kind ihre Freizeit mit Schreiben verbrachte, zu einer der erfolgreichsten Jugendbuchautorinnen überhaupt.

Meisterin des Marketing und der Selbstvermarktung: Bis heute ist ihr eigener Schriftzug auf dem Cover ihr Markenzeichen. Quelle: dpa
Enid Blyton

Meisterin des Marketing und der Selbstvermarktung: Bis heute ist ihr eigener Schriftzug auf dem Cover ihr Markenzeichen.

(Foto: dpa)

Die Autorin, die als Ältestes von drei Geschwistern in einem Londoner Vorort geboren wurde, war lange vor den Zeiten J.K. Rowlings bereits die bekannteste britische Kinderbuchautorin. Ihre Geschichten ereignen sich nicht an Orten wie Hogwarts oder Hogsmeade, sondern an einem für Brexit-Befürworter viel fantastischerem Ort: einem nostalgischen Großbritannien mit wohlerzogenen Kindern, vorgezeichneten Lebensentwürfen und ohne politische Korrektheit.

Wem festgefahrene Rollenbilder und starre Lebensentwürfe ein Grauen sind, dem muss es auch in Blytons literarischen Welten schaudern. Da werden Hanni und Nanni als Neulinge im Sehnsuchtsort Internat erst mal von den älteren Schülerinnen zurechtgestutzt und müssen lernen, wie man Feuer im Ofen macht.

Da backt die liebenswürdige Anne ihren Freunden Kuchen oder putzt die Küche, während Julian und Richard mutige Jungssachen machen und George, die ja eigentlich Georgina heißt, deutlich zum Ausdruck bringt, dass Mädchensein doof ist – klarer Fall für #pinkstinks, möchte frau rufen.

Auch Rowling fällte über diese Welten ein vernichtendes Urteil. Offen spricht sie darüber, dass sie Enid Blytons Bücher natürlich hingelegt bekam – aber nicht ausstehen konnte. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau sagte sie einmal: „Enid Blyton war keine gute Schriftstellerin, sie war einfach eine Lügnerin. Sie erlaubt den Fünf Freunden nie, erwachsen zu werden; diese 14-Jährigen verschwenden nie einen Gedanken an sexuelle Gefühle. Und Mutti steht bei ihr immer in der Küche und backt Kuchen, während Daddy das Auto repariert.“

Und doch: Haben wir sie nicht als Kinder auch verschlungen, diese Bücher? Warum? Vielleicht auch, weil Blytons Werke, die Vorlage für ungezählte Film- und Serienerfolge sind, gleichzeitig die Unabhängigkeit von Kindern in den Mittepunkt rücken, zu Kreativität und Abenteuerlust inspirieren, Selbstvertrauen und Mut zum Träumen geben.

Sicherlich ist das ein Verdienst: Projektionsfläche sein für kindliche Wünsche und Sehnsüchte. Das enorme Begeisterungs- und Geschäftspotenzial der Blyton’schen Welt wirkt bis heute. Nicht nur, dass verschiedene nationale Ghostwriter die einzelnen Serien fortgeführt haben – in Deutschland beispielsweise ist aus der Feder von Sarah Bosse zuletzt 2014 der 70. Band erschienen, es sollen 80 werden; auch „Hanni und Nanni“ leben weiter.

Die britische Eisenbahngesellschaft Great Western Railway (GWR) hat erst 2017 eine Marketingkampagne für ihren Express-Zug von London Richtung Westen mit einem Trickfilmvideo der „Fünf Freunde“ ergänzt: In „Five go on a great Western adventure“ sind George, Anne, Julian und Richard sowie Hund Timmy unterwegs Richtung Westen, wahrscheinlich in ihr beschauliches Küstenstädtchen – aber Timmy hat es irgendwie nicht in den bequemen Zug geschafft und muss allerhand andere Verkehrsmittel kapern, um hinterherzukommen.

Natürlich geht auch hier trotz diverser Gefahrensituationen am Ende alles gut, und die GWR preist sich selbst mit dem Satz „Adventures start here“. Ja, man offeriere den Passagieren auf der ausgebauten Strecke künftig „mehr Sitze, mehr Züge, mehr Abenteuer“.

Dass bereits von Rowling adressierte Manko von vielen Charakteren Blytons ist, dass sie kaum altern. Zum Beispiel fällt bei der Lektüre der „Fünf Freunde“ jedem Zehnjährigen auf: So viele Sommer, so viele Ferien, so viele Abenteuer – das haut nicht hin.

Hier zumindest ist Abhilfe geschaffen worden: Der britische Autor Bruno Vincent lässt die Freunde auf höchst komische Weise erwachsen werden. Sie erleben nun Abenteuer ganz anderer und aktueller Art, etwa einen Abenteuertrip auf die „Brexit-Insel“, der sich bereits mehr als 370.000 mal verkauft hat. Klar ist allerdings: Vincents Parodien, die Titel tragen wie „Fünf Freunde essen glutenfrei“ oder „Fünf Freunde werden Helikoptereltern“, sind an eine andere Zielgruppe gerichtet.

Bei aller Kritik an Blytons klischeebeladenen Figuren bleibt außer Acht, dass die Autorin, die als Enid Mary Blyton am 11. August 1897 in einem Londoner Vorort geboren wurde und das Älteste von drei Kindern war, einen für Frauen der damaligen Zeit durchaus emanzipierten und zielstrebigen Werdegang führte.

Erst begehrte sie gegen den Berufswunsch ihrer Eltern auf, die sie als künftige Konzertpianistin sahen – und die, im Gegensatz zu Blytons literarischen Figuren, keine glückliche Ehe führten und sich bald trennten. Mit 14 Jahren gewann Enid Blyton einen Gedichtwettbewerb des Autors Arthur Mee und wusste, dass sie Schriftstellerin werden wollte.

Dennoch absolvierte sie später zunächst eine Ausbildung zur Lehrerin, aber mit der klaren Haltung: um näher an ihrer Zielgruppe zu sein. Im Alter von 25 Jahren veröffentlichte sie dann den Gedichtband „Child Whispers“ („Kindergeflüster“). Nachdem sie mit 27 Jahren den Lektor Hugh Pollock geheiratet und mit ihm zwei Töchter bekommen hatte, schaffte sie es nicht nur, weiter zu schreiben – sondern auch, Vorreiterin zu werden in Sachen Vermarktung und Selbstdarstellung.

Bis heute ist ihr eigener Schriftzug auf dem Cover Blytons Markenzeichen, sie feierte sich in einem eigenen Magazin, und vor allem zeugten ihre zahlreichen Serienhelden, die ja zum beständigen Fortsetzungs-Kauf animierten, von ökonomischen Geschickt.

Nur: Zu welchem Preis das alles? Den propagierten Schilderungen familiärer Heiterkeit und innigen Zusammenseins setzte Enid Blytons Tochter Imogen schon 2002 in einem Interview entgegen: Ihre Mutter sei „arrogant, unsicher, anmaßend“ gewesen und „sehr geschickt darin, schwierige oder unerfreuliche Dinge zu verdrängen“, dabei „ohne jede Spur von Mutterinstinkt“.

Als die BBC 2009 einen Fernsehfilm über Enid Blyton drehte, sagte Hauptdarstellerin Helena Bonham Carter: „Die Rolle hat mich gereizt, weil Enid Blyton schlicht bekloppt war. Sie war ein emotionales Wrack und einfach komplett irre.“

Nadia Cohen: The real Enid Blyton
Pen & Sword History
2018
155 Seiten
ca. 19,99 Pfund
ISBN 978-1526722034

Auch die aktuelle Biografie der Schriftstellerin Nadia Cohen mit dem Titel „The Real Enid Blyton“ („Die echte Enid Blyton“) zeigt zwar ein pastellig-kitschiges Bild Blytons auf dem Cover – aber zeichnet ein gänzlich anderes Bild als das einer Hanni-Nanni-Wohlfühl-Aura. Demnach war Blyton herrisch, habe ihre Töchter früh in die Hände von Kinderkrankenschwestern gegeben, die Kinder später vom Kontakt mit dem Vater abgehalten und eben alles auf ihren Erfolg gerichtet.

So bleibt es Enid Blytons größtes Verdienst, dass sie Millionen von Kindern weltweit durch ihre Geschichten zum Lesen motiviert hat – und noch immer motiviert.

Mitarbeit: Amal Elwahabi, Lars Frensch, mit Material von dpa

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