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Lam Wing-Kee Dieser Hongkonger Buchhändler lässt sich nicht von China brechen

Weil er China-kritische Werke verkaufte, wurde Lam Wing-Kee verschleppt. Sein Schicksal ist eine wichtige Vorgeschichte zur Eskalation in Hongkong.
22.11.2019 - 11:22 Uhr Kommentieren
Verhaftet, verschleppt, verhört. Quelle: Reuters
Hongkonger Buchhändler Lam

Verhaftet, verschleppt, verhört.

(Foto: Reuters)

Frankfurt Bücher sind Widerstand. Auch – und vor allem – in Hongkong, wo die Lage seit Wochen immer weiter eskaliert. Die Wut der Bürger und Studenten hat viele Gründe. Das Schicksal des Buchhändlers Lam Wing-Kee ist jedoch ein Schlüssel zum Verständnis der aktuellen Proteste. Jahrelang verkaufte Lam in der chinesischen Sonderverwaltungszone Publikationen, die den Mächtigen in Peking missfielen.

Im Herbst 2015 wollte Lam aus Hongkong in die Hafenstadt Shenzhen reisen. Am Zoll fingen ihn chinesische Beamte ab. Was der Buchhändler dann beschreibt, rüttelte die Menschen in Hongkong auf. Die Beamten verhörten Lam, verbanden ihm die Augen und legten ihm Handschellen an. Der Buchhändler wurde mit dem Zug in ein Gefängnis im 13 Stunden entfernten Ningbo in der ostchinesischen Provinz Zhejiang gebracht. Monatelang wusste niemand, wo Lam steckte, geschweige denn, was ihm vorgeworfen wurde.

Neben Lam kamen damals vier weitere Buchhändler und Verleger aus Hongkong in chinesische Gefängnisse. Einer von ihnen ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Gegen welches Gesetz er und die anderen verstoßen haben sollen, habe man ihm nie erklärt, so Lam: „Es wurde nur betont, dass ich Bücher auf eine Weise verkaufe, die Chinas Seite nicht duldet.“

Auch eine Anfrage des Handelsblatts bei der chinesischen Botschaft in Berlin bleibt bis Redaktionsschluss unbeantwortet. „China will nicht, dass ich meine Buchhandlung betreibe. Und China will auch nicht, dass die Menschen in Hongkong auf die Straße gehen.“ Lam, der nach acht Monaten wieder freikam, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Zentralregierung in Peking.

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    Als im Frühjahr 2019 über ein Auslieferungsgesetz nach China diskutiert wird, verliert der 63-Jährige keine Zeit. Um einer möglichen Auslieferung zuvorzukommen, kehrt er seiner Heimatstadt den Rücken und flieht ins Exil nach Taiwan. Monate vorher hat er das Gefühl, beschattet zu werden.

    Erfahrungen wie die von Lam machten die Menschen in Hongkong seit Jahren wütend, sie wollten nicht in eine ähnliche Lage geraten – und gingen auf die Straße. Der Buchhändler ist davon überzeugt, dass die jetzigen Proteste und die Entführung von ihm und den anderen nicht nur zusammenhängen, sondern aufeinander aufbauen.

    In dieser Woche haben die Proteste in der Sonderverwaltungszone eine neue Eskalationsstufe erreicht. Aktivisten werfen mit Molotowcocktails auf Stellungen der Polizei und schießen mit Pfeil und Bogen. Polizisten drohen ihrerseits mit scharfer Munition und mischen Reizgas in die Tanks ihrer Wasserwerfer. Hongkong, sagt Buchhändler-Aktivist Lam, sei früher schon in einer „schiefen Lage“ gewesen. Inzwischen sei die Lage „steil“.

    „Ich habe Dinge gemacht, die ich für richtig halte“

    Hongkong wird nach dem Grundsatz „Ein Land, zwei Systeme“ eigenständig regiert. Die Metropole, einst britische Kronkolonie, wurde bei der Rückgabe an China 1997 für 50 Jahre zur Sonderverwaltungszone erklärt. Peking sagte Hongkong in diesem Schritt bis 2047 innere Autonomie zu, dazu gehören für die sieben Millionen Einwohner der Stadt Grundrechte wie Meinungs- und Pressefreiheit.

    Chinesische Behörden dürfen nicht in Hongkong tätig werden, und die Behörden der Stadt haben Gefangene bisher nicht nach Festlandchina ausgeliefert. Das hätte sich mit dem geplanten Auslieferungsgesetz nun geändert. Die umstrittene Reform ist auf Druck der Demonstrationen wieder kassiert worden.

    Als Lam über die Gründe für seine Festnahme redet, ist erstmals Wut in seiner Stimme zu hören. Er schnaubt fassungslos. In einem Beitrag aus dem chinesischen Fernsehen klang das noch anders. Vor laufender Kamera erklärten Lam und seine Buchhändler-Kompagnons reumütig, chinesische Gesetze gebrochen zu haben.

    Allerdings, so erklärte Lam später, sei er zu den Aussagen gezwungen worden. Die chinesische Regierung hätte ihm ein Skript vorgelegt, das er während seiner Gefangennahme im Fernsehen vorlesen musste. Es ist das erste und letzte Lebenszeichen für seine Familie, bis der Buchhändler nach acht Monaten Gefangenschaft nach Hongkong zurückkehrt.

    Die Gewalt eskaliert. Quelle: AFP
    Polizisten und Aktivisten in Hongkong

    Die Gewalt eskaliert.

    (Foto: AFP)

    Während drei seiner verschwundenen Kollegen zu diesem Zeitpunkt schon wieder frei sind, soll Lam eine Datei mit Kundendaten beschaffen und dann auf das Festland zurückkehren. Der Buchhändler hält sich nicht an die Vereinbarung und nutzt seine Reise nach Hongkong, um sich an die Öffentlichkeit zu wenden – als einziger der vier wiederaufgetauchten Buchhändler.

    „Ich möchte unsere Geschichte erzählen und dafür sorgen, dass unser fünfter Kollege Gui Minhai nicht vergessen wird“, erklärt Lam. Auf die Frage, ob er sich momentan sicher fühlt, kann er nur müde lächeln. Wir treffen Lam in Deutschland, während seines Besuchs im Zusammenhang mit der Frankfurter Buchmesse vor einigen Wochen. Ob er in seiner neuen Heimat Taiwan abgehört wird, kann er nicht sagen. Trotzdem ist es für Lam eine Selbstverständlichkeit, weiterhin an die Öffentlichkeit zu gehen, denn Gui ist immer noch verschwunden.

    Lam schätzt, dass er nie wieder nach Hongkong zurückkehren wird. Trotzdem würde er alles genau so wieder tun. „Ich habe Dinge gemacht, die ich für richtig halte. Deshalb muss ich mich nicht fragen, was ich hätte anders machen können“, erzählt der 63-Jährige.

    „Hongkong wird eine chinesische Stadt werden“

    Der Buchhändler wirft China vor, „massiv das Streben nach Demokratie, Freiheit und Menschenrechten zu unterdrücken“. Peking verfolge eine „diktatorische Politik“, sagt Lam – das hätten die Entführungen und die Einmischungen in die Politik der Sonderverwaltungszone Hongkong gezeigt.

    Obwohl das Auslieferungsgesetz vorerst vom Tisch ist, laufen die Bürger nach wie vor durch die Straßen Hongkongs und demonstrieren. Sie stellen weitere Forderungen, zu denen der Rücktritt der Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam zählt, die als Peking-nah gilt.

    Außerdem wollen die Demonstranten der Millionenmetropole eine unabhängige Untersuchung der Polizeigewalt, die Freilassung von Festgenommenen und eine Änderung des Wahlrechts. Während in den vergangenen Wochen erst ein Student und dann ein 70-jähriger Mann im Zusammenhang mit den Protesten getötet wurden, verlangen einige chinesische Staatsmedien eine „härtere Linie“ in der Sonderverwaltungszone.

    Lam verfolgt die Ausschreitungen in seiner einstigen Heimatstadt genau. Der intellektuelle Aktivist ist überrascht von der Eskalation der Lage und glaubt inzwischen nicht mehr an eine Verbesserung. Zu sehr habe sich die Situation in Hongkong verselbstständigt.

    „Hongkong wird eine chinesische Stadt werden. Es wird nicht mehr zwei Systeme geben.“ Lam vermutet, dass die Zentralregierung Hongkong vorzeitig ins Reich der Mitte integrieren werde – und das einstige Versprechen bricht. Auslieferungen wären dann möglich, die Rechte der Stadtbewohner genauso eingeschränkt wie im Rest Chinas. Das sei auch der Grund, warum er nach Taiwan gegangen sei.

    Bei seinem Besuch in Deutschland hat er eine Botschaft an die Bundesregierung: Er hoffe, dass die Bundesrepublik nicht nur mit „wirtschaftlichem Interesse“ an China denke, „sondern auch in Bezug auf die Menschenrechte“. Deutschland solle seine eigene Geschichte nicht vergessen, mahnt Lam.

    Angesichts der jüngsten Eskalation in Hongkong hatte die Bundesregierung zuletzt alle Seiten zur Zurückhaltung aufgerufen. Man verfolge die Vorgänge „unverändert mit großer Aufmerksamkeit und natürlich zunehmend großer Sorge“ und verurteile die Gewalt, sagte eine stellvertretende Regierungssprecherin. Doch es sind leise Töne. Das überrascht wenig, ist China doch für die Autoindustrie, Deutschlands Herzkammer der Wirtschaft, der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt.

    Lam baut sich in Taiwan eine neue Zukunft auf. Er möchte seinen Buchladen neu eröffnen und wieder in seinem Beruf arbeiten. Das nötige Geld hat er innerhalb weniger Stunden über Crowdfunding zusammenbekommen. Einen Eröffnungstermin gibt es noch nicht, aber eines ist sicher: Dort werden wieder KP-kritische Bücher verkauft.

    Mehr: Marius wurde in Hongkong festgenommen. Jetzt ist er zurück in Deutschland und hat mit uns über seine Erlebnisse gesprochen.

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