Literatur 100 Jahre nach der Novemberrevolution fremdeln die Deutschen wieder mit der Demokratie

Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann die Republik aus. Die Demokratie scheiterte damals. Was sich daraus lernen lässt, beschreiben drei Bücher.
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Demonstrierende Matrosen in Kiel. Quelle: ullstein bild/Getty Images
Novemberrevolution

Demonstrierende Matrosen in Kiel.

(Foto: ullstein bild/Getty Images)

BonnUnter Hurrarufen waren sie in den Ersten Weltkrieg gezogen. Siegreich werde das „gute deutsche Schwert“ aus dem Kampf hervorgehen, hatte Kaiser Wilhelm II. seinen Soldaten Anfang August 1914 versichert. Doch schon nach wenigen Wochen ging der deutsche Angriff an der Westfront in einen erbitterten Stellungskrieg über. Wilhelms Propaganda vom ritterlichen Kampf verpuffte im Labyrinth der Schützengräben.

Auch an der „Heimatfront“ schlug die anfängliche Kriegslust in immer stärkere Unlust um. Seit dem Hungerwinter 1916/17 schickten Frauen massenhaft „Jammerbriefe“ ins Feld, es gab Antikriegsstreiks. Im Herbst 1918 erreichte die Friedenssehnsucht den Siedepunkt: In Wilhelmshaven leiteten Matrosen in der Nacht zum 30. Oktober das Ende der Monarchie ein. Sie weigerten sich, zum „Endkampf“ gegen England in den Ärmelkanal auszulaufen. Der Funke der Meuterei sprang auf Kiel über und weitete sich zum Flächenbrand aus.

Überall entstanden Soldaten- und Arbeiterräte. Ihre Forderungen: Sofortiges Ende des Krieges, Entmachtung des Kaisers, demokratische Wahlen. Am 9. November war es so weit. Reichskanzler Max von Baden verkündete Wilhelms Abdankung und ernannte SPD-Chef Friedrich Ebert zu seinem Nachfolger.

Eberts Co-Vorsitzender Philipp Scheidemann rief in Berlin die Republik aus, die Menge jubelte. Zwei Tage darauf wurden die Kampfhandlungen eingestellt. Das Kaiserreich war tot, die Republik geboren. So verlief sie, die Novemberrevolution von 1918.

Auch heute ist wieder von Revolutionen die Rede. Allerdings weniger von links wie vor 100 Jahren, sondern von rechts. Anfang des Jahres hatte CSU-Hardliner Alexander Dobrindt in einem Gastbeitrag geschrieben: „Auf die linke Revolution der Eliten folgt eine konservative Revolution der Bürger.“ Kurz danach legte AfD-Chef Alexander Gauland mit seiner Forderung einer „friedlichen Revolution“ gegen das „System Merkel“ nach.

Nachdem die Bundeskanzlerin diese Woche als Parteivorsitzende der CDU zurückgetreten ist, sagte Gauland: „‚Merkel muss weg‘ ist damit zum Teil erfüllt.“ Klingen so Anfänge einer Revolution? Ganz rechts im politischen Spektrum hofft man das zumindest.

Ein Blick zurück kann beim Einordnen helfen. Die Revolution vom 9. November 1918 ist heute nur wenigen präsent. Auch weil im Rückblick ein anderes Datum die Geburtsstunde der damaligen Weimarer Republik überschattet hat: Der 30. Januar 1933, die Machtübernahme Adolf Hitlers.

Dieser Schatten ist lang. Seit fast 70 Jahren gibt es die bange Frage, ob Deutschland irgendwann einmal wieder „Weimarer Verhältnisse“ drohen. Sind wir gerade an so einem Punkt? Und welche Lehren lassen sich aus der damaligen Situation ziehen?

Der 2015 verstorbene Historiker Hans Mommsen liefert in seinem zum Revolutionsjubiläum neu erschienenen Standardwerk „Die verspielte Freiheit“ wichtige Ansatzpunkte für die Suche nach Antworten. Gerade in der Anfangs- und Schlussphase der ersten deutschen Demokratie diagnostiziert er eine „verhängnisvolle Überspannung des innenpolitischen Klimas“.

Hans Mommsen: Die verspielte Freiheit
Propyläen Verlag
Berlin 2018
864 Seiten
42 Euro

Davon ist auch der heutige politische Diskurs nicht mehr weit entfernt. Das zeigt das aktuelle Revolutionsgerede und das Comeback von Kampfbegriffen wie „Volksverräter“ und „Lügenpresse“. Mommsen erkennt darüber hinaus in Weimar ein „allgemeines Unbehagen an der Tätigkeit der politischen Parteien“, ähnliche Gefühle entluden sich zuletzt bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen, wo die Volksparteien von einst bitter abgestraft wurden.

Parallelen zu heute

Und es gibt weitere Parallelen: Heute predigt die „Neue Rechte“ einen gegen die „Systemparteien“ und „Fremdrassige“ gerichteten ethnisch „reinen“ Nationalismus. In der Anfangszeit von Weimar waren es 400 000 kaisertreue Freikorpssoldaten, mit deren Hilfe die SPD-Spitze um Ebert und Scheidemann jeden Aufruhr niederschlagen ließ – so etwa den Spartakusaufstand in Berlin und die Münchner Räterepublik.

Der FAZ-Journalist Andreas Platthaus schildert in seinem lesenswerten Buch „18/19 – Der Krieg nach dem Krieg“, wie die reaktionären Freikorps ihre Gewaltexzesse als nationale, völkische Tat verherrlichten. Bis Mai 1919 gab es mehr als 5 000 Tote. Dabei hatte die gerade erst gegründete KPD, deren Anführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht schon am 15. Januar 1919 ermordet worden waren, in den ersten Jahren, abgesehen von Berlin und Bremen, wenig Einfluss auf die Arbeiterschaft.

Andreas Platthaus: 18/19 – Der Krieg nach dem Krieg
Rowohlt
Berlin 2018
448 Seiten
26 Euro

Von einem fatalen Feindbild und einer völlig überzogenen kommunistischen Aufstandsgefahr ausgehend, setzte die SPD-Führung die demokratische Aufbruchsstimmung leichtfertig aufs Spiel. Die Freikorps aber schufen gleichzeitig jenes extrem aufgeheizte völkisch-nationalistische Klima, in dem Adolf Hitler seinen Weg in die Politik fand.

Mehr noch: Auch für heutige Verschwörungstheoretiker, die in der Bundesrepublik beispielsweise eine „Herrschaft des Unrechts“ am Werk sehen, gibt es ein Vorbild aus Weimarer Zeiten. Da die SPD-Spitze die kaiserlichen Eliten nicht für das Kriegsfiasko zur Verantwortung zog, ebnete sie zahllosen „Dolchstoß“-Legenden den Weg. So wies der Chef der Obersten Heeresleitung, Paul von Hindenburg, jede Verantwortung für die Niederlage zurück und erregte sich über den „Dolchstoß“ der Linken an der „Heimatfront“.

Sein Adlatus Erich Ludendorff, 1920 am konterrevolutionären rechten Kapp-Putsch beteiligt und beim Hitler-Putsch 1923 in vorderster Reihe, kultivierte den Mythos des „im Felde unbesiegten“ Soldaten. Dabei waren alle Kriegsressourcen, wie Platthaus zeigt, im zweiten Halbjahr 1918 restlos erschöpft – industriell, finanziell und personell. Selbst Ludendorff hatte am 1. Oktober 1918 intern eingeräumt, das deutsche Heer sei „am Ende“.

Nach außen vermittelte er jedoch weiter das Bild eines unbeugsamen deutschen Abwehrkampfes. Die verdrängte militärische Niederlage erklärt auch die scharfen Reaktionen auf den Versailler Friedensvertrag vom Juni 1919, der Deutschland neben erheblichen Gebietsverlusten hohe Reparationszahlungen aufbürdete. Der Kampf gegen den „Schandfrieden“ schweißte die Gegner der Republik zusammen.

Gerd Krumeich: Die unbewältigte Niederlage
Herder
Freiburg 2018
336 Seiten
25 Euro

Vor diesem Hintergrund überrascht, dass der Düsseldorfer Historiker Gerd Krumeich in „Die unbewältigte Niederlage“ eine weiche „Dolchstoß“-Variante wiederbelebt. Er lässt sich zwar nicht dazu hinreißen, „Novemberverbrechern“ die Schuld für den verlorenen Krieg zu geben. Schließlich war die Revolution nicht Ursache, sondern Reaktion auf die Weltkriegsniederlage – ausgelöst von Matrosen, die sich nicht mehr sinnlos verheizen lassen wollten.

Krumeich betont aber, für Deutschland wäre womöglich „ein besserer Frieden“ drin gewesen, hätten Soldaten und „Heimatfront“ nur länger durchgehalten. Wie genau ein längerer Kriegseinsatz zu einem besseren Friedensvertrag geführt hätte, bleibt dem verwunderten Leser jedoch verborgen.

Doch es gibt auch Unterschiede zwischen der damaligen Weimarer und der heutigen Berliner Republik. Anders als vor einem Jahrhundert gab und gibt es in der Bundesrepublik zum Beispiel keinen Bürgerkrieg. So plante zwar die Terrorgruppe „Revolution Chemnitz“ einen rechtsextremen Umsturz samt Anschlägen auf Politiker und Journalisten. Was davon jedoch reale Bedrohung und was rechtsradikale Revolutionsfantasien waren, werden wir glücklicherweise höchstens von Ermittlern erfahren.

Das Terrornetzwerk wurde rechtzeitig aufgespürt und ausgehoben. Auch Volksfront-Aufmärsche von Radikalisierten, Wutbürgern und Neonazis sind eher die Ausnahme. Allerdings haben vorrevolutionäre Zeiten immer die Eigenheit, dass man nicht ahnt, wann ein Umsturz unmittelbar bevorsteht.

Von Anfang 1924 bis Ende 1928 wirkte auch die Weimarer Republik vergleichsweise stabil. Noch 1928 blieb Hitlers NSDAP bei den Reichstagswahlen mit 2,6 Prozent eine Splitterpartei. Erst die Weltwirtschaftskrise änderte alles – auch in Deutschland. Schaut man auf die aktuellen Zahlen, ist die deutsche Wirtschaft im vergangenen Quartal um ein halbes Prozent gewachsen. Auch die Arbeitslosigkeit hat ein Rekordtief erreicht.

Kurzum: Für eine Revolution dürfte es den Deutschen derzeit eigentlich zu gut gehen – auch wenn sich an den Märkten derzeit Abschwungssignale mehren.

Die Weimarer Demokratie überlebte nur knappe 15 Jahre. Die Bundesrepublik hingegen kann auf fast 70 Jahre Nachkriegsdemokratie zurückblicken. Das Schicksal von Weimar sollte dennoch eine Mahnung bleiben – zumal es den Deutschen nicht gelang, die NS-Diktatur aus eigener Kraft zu besiegen. Wer weiß, ob sie, wie nach 1945, die Demokratie noch einmal von anderen geschenkt bekämen.

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