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Literatur Carlo Strenger: „Die Elite fühlt sich einsam“

Was macht der Aufstieg der Rechten in Europa mit der liberalen Seele? Antworten des schweizerisch-israelischen Psychoanalytikers Carlo Strenger.
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Der schweizerisch-israelische Psychoanalytiker bemängelt ein Kommunikationsdefizit der Eliten. Quelle: Rami Zarnegar / Wikipedia
Carlo Strenger

Der schweizerisch-israelische Psychoanalytiker bemängelt ein Kommunikationsdefizit der Eliten.

(Foto: Rami Zarnegar / Wikipedia)

Tel AvivAls Intellektueller schweizerischer und jüdischer Herkunft, Professor, Psychoanalytiker und Liebhaber klassischer Musik und feiner Steaks ist Carlo Strenger der Archetyp des Liberalen. In seiner Tel Aviver Praxis trifft der Psychologe auf seinesgleichen.

Der gebürtige Basler kennt die Ambitionen, Nöte und Sorgen liberaler Kosmopoliten – und versteht sie. Der 60-Jährige hat daher kürzlich ein Buch über „diese verdammten liberalen Eliten“ verfasst, so der deutsche Titel seiner Sozialanalyse. Zum Interview mit dem Handelsblatt hat Strenger seinen Schäferhund Arthur mitgebracht, der das ganze Gespräch über ruhig bleibt und sich auch von Fremden streicheln lässt.

Herr Strenger, hat Sie der Ausgang der jüngsten Europawahl eigentlich überrascht?
Nicht wirklich. Die Gewinne der antieuropäischen Fraktionen und der rechten Kräfte waren zu erwarten gewesen.

Wie erklären Sie sich die Verluste des politischen Mainstreams?
In den USA, aber auch in Europa, spielt sich das Leben von 70 Prozent der Menschen innerhalb eines Radius von nicht einmal 30 Kilometern ab, von der Wiege bis zur Bahre. Diese Menschen haben seit Längerem das Gefühl, zum Spielball starker Kräfte zu werden, auf die sie keinen Einfluss haben. Entsprechend fühlen sie sich gedemütigt.

Von wem – der Regierung?
Auch, aber nicht nur. Den größten Gegensatz zu den erwähnten 70 Prozent der Bevölkerung bildet jene kleine liberale kosmopolitische Elite, die dem Rest der Bevölkerung mit schnippischem Unterton erklärt, was alle anderen offenbar nicht verstanden haben. Genau diese Elite beschreibe ich in meinem Buch.

Wer zählt dazu?
Das sind Intellektuelle mit hohem Bildungsniveau, die sehr flexibel sind und gut Englisch sprechen. Der britische Journalist David Goodhart hat sie einmal treffend als „Anywheres“ bezeichnet, weil sie mal in Singapur arbeiten, dann in Paris und danach vielleicht in Kalifornien. Sie empfinden ihre Heimat als Enge, weil sie zu neugierig sind.

Worin liegt das Problem?
Darin, dass ein Großteil der Bevölkerung anders lebt und tickt. Den „Anywheres“ stehen Menschen gegenüber, die an ihren Ursprungsort gebunden sind, und die nicht möchten, dass sich daran etwas verändert. Genau damit kommen die Kosmopoliten aber nicht zurecht. Deshalb wird es immer ein Gefälle geben – zwischen den Eliten und den eher Heimatverbundenen oder Kommunitaristen.

In Deutschland waren die Grünen der große Wahlsieger dieser Europawahl. Wie passt das zu dem, was Sie sagen?
Die Grünen kümmern sich stärker als die Volksparteien um die Lösung lokaler Umweltprobleme. Damit punkten sie auch bei den Heimatverbundenen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie auch die Ängste der Liberalen. Woran leiden Ihre Patienten, wenn sie zu Ihnen in die Sprechstunde kommen?
Ich habe typische Charakterzüge dieser Elite-Gruppe beschrieben. Keiner dieser Menschen ist in einem psychiatrischen Sinn krank. Aber sie fühlen sich einsam und haben das Gefühl, nirgends hinzuzugehören. Einige von ihnen haben zudem Angst, nach dem jetzigen Job keinen besseren zu finden.

Diese Leute sind top ausgebildet und gefragt, eigentlich müssten sie sich doch gar nicht sorgen.
Als Angehörige einer Elite lebt man in einer Meritokratie, in der es rauf und runter gehen kann. In diesem System muss man sich ständig fragen, ob die eigenen Leistungen gut genug sind. Das äußert sich eben auch in Ängsten.

Was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?
Ich hoffe, mein Buch wird der liberalen Elite helfen, sich selber etwas besser zu verstehen. Gleichzeitig soll es aber auch dazu beitragen, die Elite nicht einfach als verkorkste Typen wahrzunehmen, die sich ständig bauchpinseln lassen. Anhand meiner Fallbeispiele will ich zeigen, wie kompliziert das Leben liberaler Kosmopoliten ist. Sie sind nicht einfach von sich eingenommen, sondern stellen sich ständig die Frage, ob das, was sie tun, auch sinnvoll ist. Sie verlieren zunehmend das Gefühl, in einer bodenständigen Gemeinschaft verhaftet zu sein. Das sorgt umgekehrt dafür, dass sich die sozioökonomisch schwächeren Schichten ausgeschlossen und nicht respektiert fühlen.

Stephan Grünewald: Wie tickt Deutschland? Psychologie einer aufgewühlten Gesellschaft
Kiepenheuer & Witsch
2019
320 Seiten
20 Euro

Wie ließe sich dieser Konflikt auflösen?
Früher hat der Großteil der Bevölkerung die Eliten oder „Anywheres“ nicht mit Argwohn betrachtet, sondern war froh, dass es sie gab. In vielerlei Hinsicht ist das logisch. Schließlich will jeder, der zum Beispiel über eine Autobahnbrücke fährt, sicher sein, dass sie vom bestmöglichen Ingenieur geplant wurde. Oder der Top-Chirurg die eigene Operation durchführt. Wir brauchen Experten und Eliten für eine funktionierende Gesellschaft. Das Manko der liberalen Elite sehe ich darin, das sie es nicht versteht, ihre Botschaften und Erkenntnisse der Bevölkerung nahezubringen.

Um es überspitzt zu sagen, ist also ein Kommunikationsproblem Schuld daran, dass die herrschende Elite etwa bei der Europawahl einen Denkzettel verpasst bekommen hat?
Das ist sicherlich ein Problem. Ein anderes ist, dass sich große Teile der Bevölkerung durch Globalisierungstendenzen wie die Europäische Union bedroht fühlen. Denken Sie zum Beispiel an den fast schon sprichwörtlichen polnischen Klempner in Großbritannien, dessen Arbeitskraft viel günstiger ist als die eines Engländers. Mit wirklicher finanzieller oder kultureller Not hat diese Verunsicherung wenig zu tun. Das sind reine Ängste, die vom Gefühl geprägt sind, die Globalisierung zerstöre ihr eigenes Zuhause, das bisher durch eine homogene Kultur und denselben Glauben definiert war. Gewiefte Populisten nutzen genau diese Angst für sich aus und machen so die Elite zum Sündenbock für alle Probleme. Das halte ich für sehr gefährlich.

Was sollten die Eliten Ihrer Meinung nach tun?
Zuhören und mit politisch Andersdenkenden einen Dialog führen. Gerade die besser Ausgebildeten und Privilegierten müssen die realen Ängste derer respektieren, denen es nicht so gut geht wie ihnen. Auf kontinentaleuropäischer Ebene muss man zum Beispiel auch im politischen Mainstream darüber nachdenken, wie viele Flüchtlinge Europa aufnehmen kann, ohne dass die Gesellschaft aus allen Nähten platzt. Die Elite muss wieder mehr Einfluss auf die Politik nehmen und sich auch mal selbst die Hände in Debatten schmutzig machen.

Seit Jahren gibt es in Europa und Deutschland aber doch eine laufende Debatte darüber, wie man Zuzug von Flüchtlingen begrenzt. Wo also sehen Sie das Problem?
Liberale zieren sich oft zu akzeptieren, dass für die Sicherung der Grenze und zur Abwehr von Flüchtlingsströmen der Einsatz der Armee notwendig ist. Ohne den Einsatz des Militärs kann das Problem aber nicht gelöst werden. Europa hat sich während 70 Jahren daran gewöhnt, dass es seine Sicherheitsanliegen den USA übertragen kann. Das geht nicht mehr – und das sage ich als Hardcore-Liberaler.

Das ist ein gutes Stichwort. Was tun Sie eigentlich persönlich dafür, um mit Leuten außerhalb Ihres liberalen Dunstkreises in Austausch zu kommen?
Ich bin viel auf Konferenzen in Europa, dort treffe ich tatsächlich vor allem Angehörige der Elite. In Israel, wo ich wohne, habe ich jedoch einen engen Austausch mit Leuten, die nicht meine Ansichten teilen. Ich bin zwar liberal und säkular, pflege aber einen Dialog mit Ultra-Orthodoxen und National-Religiösen. Gerade weil wir eine so unterschiedliche Weltanschauung haben, geht es mir darum, einem Bruch in der Gesellschaft entgegenzuwirken – einfach, indem wir miteinander reden.

Herr Strenger, vielen Dank für das Interview!

Mehr: Europa muss sich reformieren – aber wie? Mehrere Buchtitel machen Vorschläge, um die Europäer einander näher zu bringen.

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