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Literatur Das sind unsere Sachbuchtrends des Jahres 2018

Die Weltunordnung beschäftigte die Autoren. Überlebt die Demokratie? Was macht Künstliche Intelligenz mit uns? Droht uns ein „Big Brother“?
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Büchertrends 2018

Der Faktor Trump: Sündenpfuhl Weißes Haus

Für die Weltwirtschaft mag der Handelskrieg des Donald Trump schlecht sein. Für die Buchwirtschaft sind seine zwei Jahre Präsidentschaft ein Segen. Weltweit verkaufen sich Druckwerke über Stil, Macht und Geschäft des Polit-Entertainers aus New York wie Levis-Jeans oder Netflix-Abos.

Aus Salesman-Sicht gebührt Bob Woodward ein Lorbeerkränzchen. Der Altstar der „Washington Post“, der vor fast 45 Jahren den Watergate-Skandal enthüllte, hatte von seinem Œuvre „Fear“ bereits am Starttag eine Dreiviertelmillion Exemplare abgesetzt, verdienter Lohn für ein analysestarkes Buch. Hier wird John Kelly zitiert mit: „Trump ist ein Idiot“, was dem Stabschef womöglich den Job gekostet haben dürfte.

Auflagentechnisch folgt Woodwards Reporterkollege Michael Wolff, der mit „Fire and Fury“ den Reigen der Trump-Exegesen eröffnet hat. Hier erscheint das Oval Office als täglicher „Trump clusterfuck“, als Ort konzentrierter Probleme, an dem Parvenüs, Schmeichler und Verräter den großen Egomanen umgeben.

Weil die Twitter-Tiraden-Politik aus dem Weißen Haus Kollateralschäden geradezu provoziert, haben sich auch Opfer wie der geschasste FBI-Chef James Comey („Größer als das Amt“) mit gedruckten Erinnerungen gemeldet. Trump hat bei ihm die Ethik eines Mafiabosses.

Die Autorengilde profitiert davon, dass noch nie in der Geschichte der USA eine Regierung in dieser Manier geführt worden ist, irgendwo zwischen Basar, Show und Golfhotel-Diplomatie.

Bob Woodward: Furcht. Trump im Weißen Haus Rowohlt
2018
512 Seiten
22,95 Euro
ISBN: 978-3498074081

Weil jede These eine Antithese braucht, boomen im Weihnachtsgeschäft die Einsichten von Michelle Obama („Becoming“). Vor dem Hintergrund des zappeligen Narzissmus des Präsidenten, der im Reichtum eines Immobilienclans aufwuchs, vermittelt die einstige First Lady das Gefühl, der „American Dream“ lebe weiter. Ein schwarzes Arbeiterkind kann es eben auf die Elite-Uni Princeton schaffen. Für Obama gibt es überall Hoffnungsträger: „Man muss sie nur sehen wollen.“

Künstliche Intelligenz: Die Mensch-Maschine

Wenn Frank Schätzing ein Thema aufgreift, weiß man: Da ist etwas überreif. Zum Beispiel, wenn sich der Bestsellerautor wie jüngst in „Die Tyrannei des Schmetterlings“ mit Künstlicher Intelligenz (KI) beschäftigt. Ein Pulk von Autoren folgt ihm.

Da ist Ajay Agrawal von der Universität Toronto, der in „Prediction Machines“ die volkswirtschaftliche Seite ausleuchtet und den Begriff KI mit „billige Vorhersage“ ersetzt. Da ist der Journalist Thomas Ramge, der KI-Systeme in „Mensch und Maschine“ bestenfalls für „nützliche Fachidioten hält, vor denen man keine Angst haben müsse.

Da ist Handelsblatt-Redakteur Stephan Scheuer („Der Masterplan“), der Chinas Aufstieg zur KI-Großmacht beschreibt – Big Brother meets Big Data. Und da ist Holger Volland, der in „Die kreative Macht der Maschinen“ schildert, wie Computer Rembrandt-like malen oder à la Bach Choräle komponieren. Wir lassen KI in immer mehr Felder der Kultur eindringen, scheibt er.

Frank Schätzing: Die Tyrannei des Schmetterlings Kiepenheuer&Witsch
2018
736 Seiten
26 Euro
ISBN: 978-3462050844

Wir denken also alle irgendwie permanent über Mensch-Maschine-Mensch neu nach, und der Historiker Yuval Harari („21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“) denkt vor. Der Siegeszug von Big Data und Biotechnologie, diese „doppelte Revolution“, könne auch doppelte Diktaturen schaffen, findet er. Sein Gegenmittel ist Meditation: „Konzentriert euch!“

In die Debatte der Experten hat sich auch Philosoph Richard David Precht mit „Jäger, Hirten, Kritiker“ gemeldet. Entscheidend für unser Leben sei nicht Technik, sagt er, sondern Kultur. Also: Wie wollen wir leben? Statt: Wie werden wir leben? Er will eine „Utopie für die digitale Gesellschaft“.

Gegen alle Apokalyptiker vom Dienst wenden sich schließlich Julian Nida-Rümelin und seine Frau Nathalie Weidenfeld. In ihrem „digitalen Humanismus“, so der Buchtitel, eröffnen Roboter und KI auch Chancen, etwa auf eine bessere Einkommensverteilung und ein Ende der Trennung von Hand- und Kopfarbeit. Technologie ist steuerbar, sagen sie.

Aber auch das ist noch: Utopie.

Plattform-Ökonomie: Die Macht der Wenigen

Die Macht der Neuzeit beruht auf Algorithmen, und wer da so viel Macht hat wie Google, Apple, Facebook und Amazon („Gafa“), zieht die Pfeile der Kritik auf sich.

Scott Galloway hat schon 2017 mit „The Big Four“ die Blaupause für die Schmähung der Größten der Plattform-Ökonomie geschrieben. Persönlich bewundert er deren Innovationskraft, hasst aber die Deformation der Marktwirtschaft durch deren Daten-Monopole: „Wenn Sie sich fragen, was Ihre Rolle als Kunde ist – Sie sind das Blut!“ Der Rat des Marketingprofessors von der New York University: Zerschlagt das Ganze!

Jaron Lanier: Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst Hoffmann und Campe
208 Seiten
14 Euro

Jaron Lanier wiederum sieht ein „Geschäftsmodell der Massenmanipulation“ am Werk und hat auch einen Zerschlagungsrat parat, und zwar auf persönlicher Ebene. „Zehn Gründe, warum du deine Social-Media-Accounts sofort löschen musst“, heißt die Streitschrift des Tech-Gurus für den Umgang mit Facebook und Google. Er selbst ist mit Fake Accounts im Netz unterwegs.

Längst geht es nicht nur um Automatisierung, sondern um die Gestaltung ganzer Bereiche, die über Netzwerkeffekte Leute verstärkt anziehen. Diese Plattform-Ökonomie preisen Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson („Machine, Platform, Crowd“): Immer mehr Transaktionen und neue Formen virtueller Kooperation bereichern demnach das System.

In der Kritikerschar fällt Shoshana Zuboff auf, die 1988 früh die Algorithmen-Intelligenz der „Smart Machine“ beschrieben hat. Nun kämpft die einstige Harvard-Professorin gegen den „Überwachungskapitalismus“ von Google, Facebook und Microsoft und deren „Putsch von oben“. Sie fordert: „Seid Sand im Getriebe!“

Die Radikalität von Google und Co. führt erkennbar leicht zur Radikalität der Kritiker. Achim Wambach und Hans-Christian Müller plädieren dafür, notfalls Konzerne zu entflechten. Ihnen geht es um „Digitalen Wohlstand für alle“, so ihr Titel. Gerettet werden soll das Modell Ludwig Erhard. Denn am Ende ist auch die Soziale Marktwirtschaft eine Plattform.

Demokratie in Gefahr: Das Huhn, das gerupft wird

Wie man Demokratien in Faschismus verwandelt, konnte Benito Mussolini gut erklären: „Wenn du ein Huhn langsam Feder um Feder rupfst, kriegt es keiner mit.“ Die einstige US-Außenministerin Madeleine Albright beschreibt in ihrem Buch „Faschismus – eine Warnung“ genau, wie die Federn derzeit gerupft werden: in Ungarn, Polen und auch in den USA, wo Regeln der Spitzendiplomatie nicht mehr gelten und der „undemokratischste Präsident in der modernen Geschichte der USA“ regiere.

Was einmal als politisch sicher gelten konnte, ist eben nicht mehr sicher. In dieser Spur bewegen sich auch die Harvard-Professoren Steven Levitsky und Daniel Ziblatt mit ihrem Buch „Wie Demokratien sterben“. Sie bleiben aber weniger bei den Federn, die das Huhn verliert, sondern wollen Gegenstrategien im parlamentarischen System aufzeigen. Die größte Gefahr geht nun mal von Politikern aus, die das System aushöhlen, das sie an die Macht gebracht hat, und zwar durch einen links- oder rechtsgewirkten Autoritarismus.

Madeleine Albright: Faschismus. Eine Warnung Dumont
2018
320 Seiten
24 Euro
ISBN: 978-3832183615

Zu viel innerparteiliche Demokratie habe rechte und linke Populisten überhaupt erst stark gemacht, finden Ian Shapiro und Frances Rosenbluth in ihrem Buch „Democratic Competition: The Good, the Bad and the Ugly.“ Und: Soziale Medien verstärkten den Trend zum Extremismus.

Wenn man so will, ist die Welt in ihrer neuen Unordnung auf Sinnsuche. Fatal: Im Liberalismus hat ein altes Erfolgsmodell für viele Länder und auch manche westliche Bürger abgedankt. Volkes Stimme ist nicht mehr die Stimme des Marktes.

In dieser Falle sinnen Eric A. Posner, Professor an der Universität von Chicago, und E. Glen Weyl, Dozent in Yale, in ihrem Buch „Radical Markets“ auf eine Neuerfindung des Kapitalismus. Sie wollen so radikal ein, wie es Adam Smith oder Henry George zu ihren Zeiten auch waren. Es fehle an Wettbewerb und Gerechtigkeit, glauben Posner/Weyl. Sie raten zu Auktionen, dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage.

Das neue Geld: Hauptsache Krypto

Mit Bitcoin haben – meist naive – Anleger in diesem Jahr vermutlich viel Geld verloren. Was 2017 wie der letzte Schrei der Geldanlage wirkte, ist heute finanztechnisch ein Rohrkrepierer.

Vielleicht ist das der Grund, warum Basiswissen zu digitalen Währungen so gefragt ist. Eine ganze Batterie von Büchern beschäftigt sich damit; oft taucht im Titel das Buzzword „Krypto“ auf. In der Rolle des Erklärers präsentiert sich beispielsweise Tim Schreder („Das neue Geld“), Moderator der ZDF-Kinder-News-Sendung „Logo“. Der Mann entschlüsselt die wichtigsten Begriffe und spart nicht mit Kritik, etwa am langsamen Bitcoin-Netzwerk.

Tim Schreder: Das neue Geld. Bitcoin, Kryptowährungen und Blockchain verständlich erklärt. Piper
2018
144 Seiten
10 Euro
ISBN: 978-3492307468

Noch gibt es in Deutschland reichlich Bargeld, in Schweden aber ist es fast auf null dezimiert. Handelsblatt-Redakteur Norbert Häring befürchtet in „Schönes neues Geld“, dass auch hierzulande eines Tages in einem großen Schulterschluss zwischen Politik und Wirtschaft Cash abgeschafft wird – und damit das Horten von Geld und ein möglicher „Bankrun“. Die Institutionen des Geldes hätten nur Vorteile, wenn Transaktionen digital laufen würden.

Aber in diesem Jahr, zum zehnten Geburtstag der Finanzkrise, erschienen neben all den Kypto-Berichten auch genügend Storys über die Irrwege des alten Geldes. Wirtschaftshistoriker Adam Tooze etwa analysiert in „Crashed“ die Fernwirkungen des amerikanischen Desasters mit Immobilienkrediten, das in Wahrheit ein globales war, er geißelt europäische Sparpolitik und hat Angst, dass ubiquitär siegreiche Nationalisten die nächste Weltwirtschaftskrise bekämpfen müssten.

Wenn’s um reelles, nicht virtuelles Geld geht, ist die Deutsche Bank schließlich nicht fern, ein Traditionshaus, das Stolz und Anschluss sucht. Der Journalist Dirk Laabs („Bad Bank“) zeigt, wie das Institut durch übergroße Konzentration aufs schnelle Geld des Investmentbankings abrutschte. Es ist auch die traurige Geschichte des Topbankers Bill Broeksmit, der den alten Glanz erlebte und am Ende die Justiz so fürchtete.

Attraktion Biografie: Der Blick ins Ich

Von Hans-Werner Sinn weiß die Welt seit einigen Monaten nicht nur, dass er viel von der Agenda 2010 und wenig vom Euro hält (das war schon immer sein Thema), sondern auch, dass der Sohn eines Lkw-Fahrers in der Jugend bei den Falken und in der SPD war. Der Kapitän-Ahab-Bart erinnert an seine linke Zeit. Und, natürlich, ohne Ehefrau Gerlinde wäre es zu seiner außerordentlichen Karriere nicht gekommen.

Autobiografien eröffnen, gewollt oder ungewollt, einen ungeahnten Kosmos. Im Fall des Wirtschaftsprofessors ist ein Ringen um „Wirkungsketten“ zu beobachten, was im Titel so heißt: „Auf der Suche nach Wahrheit“.

Hans-Werner Sinn: Auf der Suche nach der Wahrheit. Autobiografie. Herder
2018
672 Seiten
28 Euro
ISBN: 978-3451347832

Es gibt ja Menschen, die hätten viel zu erzählen, wehren sich aber partout gegen Memoiren. Frank Thelen fällt nicht in diese Kategorie. Er wehrt sich nicht. Der Start-up-Investor, durch Mitarbeit in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ zur Medienfigur geadelt, erzählt offen über eigene Flops und den Wiederaufstieg, was im Endeffekt zur eigenen Markenbildung erheblich beitragen dürfte.

Solche Erwägungen sind ein guter Treiber, zumal wenn der härteste Rivale auch immer Bücher scheibt – und so legte auch Groß-Drogist Dirk Roßmann im Oktober seine Autobiografie vor. Die hat eine Dauerbotschaft: „Nicht aufgeben!“ Wir lernen, dass Psychologie und eigene soziale Ziele helfen und prominente Bekanntschaften nicht schaden.

Ein anderer Faktor, der direkt zur Biografie führt, ist eine geplante politische Karriere. So spürt Michael Bröker nun der Kanzlertauglichkeit von Jens Spahn nach. Der Gesundheitsminister ist in seinem Ressort populär, also nicht „rechts“, bei anderen Themen sehr konservativ. Klar bekam auch die siegreiche CDU-Rivalin Annegret Kramp-Karrenbauer ein Buch („Ich kann, ich will und ich werde“), verfasst von Kristina Dunz und Eva Quadbeck. Der Hang zum Biografischen muss bei der „Rheinischen Post“ groß sein: Sowohl das Autoren-Duo als auch Spahn-Porträtist Bröker arbeiten dort.

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