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Literatur Eine Psychoanalyse der Deutschen

Psychologe Stephan Grünwald schaut in seinem neuen Buch auf die Psyche der Deutschen und fragt, was die aufgewühlte Gesellschaft aktuell bewegt.
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Seine Psycho-Analysen basieren auf einer breiten Datenbasis. Quelle: imago/Future Image
Stephan Grünewald

Seine Psycho-Analysen basieren auf einer breiten Datenbasis.

(Foto: imago/Future Image)

DüsseldorfÖkonomisch betrachtet, geht es den Deutschen bislang prächtig. Dennoch rumort es in der Bevölkerung: Unzufriedenheit und Wut artikulieren sich im Internet, manifestieren sich in Pöbeleien gegen Andersdenkende und Migranten. Andere spüren irritiert, dass sich feste Gewissheiten auflösen. Wer versteht die Psyche dieses seltsamen Volkes?

Amtshilfe in Sachen Erklärungsversuch leistet Autor und Psychologe Stephan Grünewald in seinem aktuellen Buch „Wie tickt Deutschland?“. Bereits zum zweiten Mal legt er die Deutschen auf die Couch, schaut in die Köpfe einer aufgewühlten Gesellschaft, voller diffuser Zukunftsängste, die in Anlehnung an Herr-der-Ringe-Autor J.R.R. Tolkien ihr ganz privates „Auenland“ kräftezehrend verteidigt.

Grünewalds Psycho-Analysen basieren auf breiter Datenbasis. Als Chef des Kölner Rheingold-Instituts für Markt- und Medienforschung kann der Autor auf Ergebnisse aus Tausenden von Tiefeninterviews zurückgreifen.

Den Deutschen nähert sich ein Schreckgespenst, das sich nur vage mit den Begriffen „Globalisierung“ und „Digitalisierung“ beschreiben lässt. Aber ist es sinnvoll zu kämpfen gegen ein „schwebendes und gesichtsloses Phänomen?“

Aus dieser Perspektive betrachtet, hatten die Flüchtlinge, die unser Land erreichten, eine Funktion für die Psyche der Deutschen: Sie machten das Unfassbare fassbar. Nun gab es ein „konturiertes Gegenüber“ sowie Handlungsoptionen: Willkommenskultur oder Hasstiraden?

Stephan Grünewald: Wie tickt Deutschland? Psychologie einer aufgewühlten Gesellschaft
Kiepenheuer & Witsch
2019
320 Seiten
20 Euro

Die Flüchtlingskrise war der „Einbruch der lang verdrängten Zukunft“, schreibt Grünewald, und sie „ist eine offene Wunde“. Sie setzte Energien frei – auch um sich zum Beispiel von Übermutter Angela Merkel zu emanzipieren, „von der sich das Land lange Zeit bequem versorgen ließ“.

Die Deutschen kündigten das lange geltende gesellschaftliche Stillhalteabkommen auf. Grünewald schildert anschaulich Ängste und Wünsche. Was sind unsere kollektiven Denkmuster, die Motive, die den gesellschaftlichen Veränderungen zugrunde liegen?

Vor allem der intellektuellen Elite des Landes darf das Kapitel über mangelnde „Wertschätzung“ ans Herz gelegt werden. Denn das verbreitete arrogante Hinunterschauen auf andere Schichten, „weil sie immer noch Fleisch essen, Alkohol trinken, Zigaretten rauchen, Diesel fahren, Unterschichts-TV gucken“, zerstört den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Grünewald warnt: „Die Erfahrung mangelnder Wertschätzung erzeugt mangelnde Wertschätzung gegenüber den Schwächeren.“ Wichtig sei, klarer zu differenzieren zwischen „verängstigten Bürgern und Rechtsradikalen“, „zwischen Gartenzwerg und Giftzwerg“.

Lohnend ist es auch, im Psychogramm mehr über digitalen „App-Solutismus“ und die gesellschaftlich relevanten Probleme mit modernen Rollenbildern zu erfahren. Denn schon Johann Wolfgang von Goethe wusste: „Ein jeder kehre vor seiner eigenen Tür.“ Dort mit dem Großputz zu beginnen macht Sinn. Die Lektüre des aktuellen Buches könnte ein erster Schritt sein.

Mehr: Was macht der Aufstieg der Rechten in Europa mit der liberalen Seele? Antworten des schweizerisch-israelischen Psychoanalytikers Carlo Strenger.

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