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Literatur Schriftsteller Salman Rushdie: „Alles ist besser als Trump“

Der Inder ist einer der politischsten Roman-Autoren unserer Zeit. In „Quichotte“ rechnet er mit dem US-Präsidenten ab – ohne ihm eine einzige Zeile zu widmen.
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Der Inder schreibt humorvoll, spitzzüngig und immer politisch. Quelle: Opale/Leemage/laif
Salman Rushdie

Der Inder schreibt humorvoll, spitzzüngig und immer politisch.

(Foto: Opale/Leemage/laif)

Köln Die Welt spielt verrückt, sie ist krank geworden, könnte man sagen – und der Mann, der sie uns erklären möchte, ist erkältet. Ein Hotel in Kölns Altstadt. Salman Rushdie sitzt in einem kleinen Raum, der wie ein altes Zugabteil anmutet. Am Eingang steht eine Heizung, das Thermostat leuchtet auf höchster Stufe.

Der weltbekannte Schriftsteller trinkt ein Glas Wasser – und schnieft. „Ich bin schon seit einigen Monaten unterwegs als Diener meines neuen Buches“, erklärt er. Da darf der Körper auch schon mal in Mitleidenschaft gezogen werden. Sein Geist aber ist hellwach. So wie immer bei Rushdie.

Salman Rushdie, 72, zählt zu den meistgefeierten Schriftstellern und Intellektuellen unserer Zeit. Seine Werke sind witzig, spitzzüngig und immer politisch. Nach seinem preisgekrönten Erfolg „Mitternachtskinder“ waren es vor allem „Die satanischen Verse“, die den Schriftsteller weltbekannt machten. Irans geistlicher Führer Ajatollah Khomeini sprach damals, bei Erscheinen des Buchs vor 30 Jahren, eine Fatwa gegen Rushdie aus.

Nach dem religiösen Todesurteil erhielt der Schriftsteller Morddrohungen von Fundamentalisten, Bodyguards mussten sein Leben schützen. Das ist längst vorbei. Anfang der 2000er distanzierten sich Irans Führer von dem Todesurteil, aufheben lässt es sich jedoch nicht. Noch immer ist ein Millionenbetrag auf Rushdies Kopf ausgesetzt.

Seine literarische Entschlossenheit hat das nie gebremst: „Wenn die Welt durchdreht“, sagt Rushdie im Gespräch mit dem Handelsblatt, „muss die Literatur entscheiden, wie verrückt die Welt werden darf, um sie korrekt wiederzugeben.“

Der neueste Rushdie heißt „Quichotte“. Humorvoll, fantastisch und wahnsinnig komplex ist er. Und natürlich verrückt. So wie die Welt, in der das Buch spielt: die USA in Zeiten von Donald Trump.

Nein, er habe keinen Trump-Roman geschrieben. Darauf besteht Rushdie. Tatsächlich wird der US-Präsident im Buch kein einziges Mal namentlich erwähnt. Stattdessen geht es um Populismus, Fanatismus, Rassismus, Klimawandel, die Opioidkrise, Fake News, Bipolarität – und damit doch irgendwie um Trump. „Er ist stets im Hintergrund, aber nie Hauptthema“, sagt der Schriftsteller zur gefühlten Präsenz des US-Präsidenten in seinem Roman.

S. Rushdie: Quichotte.
Bertelsmann Verlag
464 Seiten
25 Euro

„Quichotte“ – das ist natürlich eine Anspielung an Miguel Cervantes’ Klassiker „Don Quijote“, der mit seiner Lanze gegen Windmühlen kämpfte. Nur dass Rushdies Held, der Pharmavertreter Ismail Smile, anders als das Original von der Mancha nicht von Ritterromanen, sondern von Trash-TV geblendet sich auf die Suche begibt und seiner großen Liebe, einer Talkshow-Königin, nachstellt.

Immer wieder bricht bei Rushdie in die Realität der Gegenwart allerlei Surreales ein. Paralleluniversen öffnen sich, ein Erzähler entführt den Leser in eine Buch-im-Buch-Ebene, menschliche Mammuts zerstören Redaktionen und Geschäfte, ein imaginärer Sohn namens „Sancho“ pubertiert nach Kräften. Nichts scheint unmöglich im „Alles-ist-möglich-Zeitalter“, wie Rushdie unser Hier-und-jetzt in „Quichotte“ bezeichnet.

Er habe versucht, „die Realität aus so vielen Richtungen wie möglich zu attackieren“, sagt er. Da ist es mehr als eine literaturwissenschaftliche Fußnote, dass Cervantes’ Werk gern als erster Roman des Realismus bezeichnet wird.

Die absurden Welten in Rushdies „Quichotte“, sie seien der echte neue Realismus, behauptet der Schriftsteller selbstbewusst: „Hätte ich vor drei Jahren einen amerikanischen Präsidenten als Romanfigur erschaffen, der denkt, dass man Hurrikans mit Atomwaffen bekämpfen kann, hätte das wahrscheinlich kein Verleger überzeugend gefunden.“ Seit Trump sei aber „das Unglaubliche in den Alltag eingezogen“.

Das betrifft nicht nur Amerika. Rushdie ist in Bombay geboren, in London sozialisiert, wo er am King’s College Geschichte studiert hat, und lebt seit fast 20 Jahren in New York.

Vorlage: Amerikanisches Hinterland

Alle drei Städte seines Lebens – „mit Ländern identifiziere ich mich nicht so gerne“, sagt er – erlebten derzeit große Umbrüche: In Indien fährt Premier Narendra Modi einen aggressiven hindu-nationalistischen Kurs, Großbritannien scheint noch vor dem Brexit von innen auseinanderzubrechen, und in Amerika regiert eben Trump, der stolz darauf ist, Kumpels Regierungsposten zuzuschachern und Deals statt Diplomatie auszuhandeln. „Wenn die Welt verrückt ist“, sagt Rushdie, „muss meine Arbeit es auch sein.“

So ist „Quichotte“ ein Abbild des Umbruchs, entstanden in den verrücktesten Zeiten, die Rushdie bislang erlebt habe. Früher, zu Zeiten des Realismus von Cervantes und anderen, habe es eine Übereinkunft zwischen Autor und Leser über die Beschaffenheit der Weltlage gegeben, sagt er. Heute hat sich das aufgelöst. „Die Realität des einen sind die Fake News des anderen.“ Auch ein Romanautor muss damit umgehen lernen.

Zwei Jahre hat Rushdie an „Quichotte“ geschrieben, deutlich länger hat er im Vorfeld parallel zu anderen Projekten recherchiert, was für ihn ungewöhnlich ist („Ich bin eher ein Eins-nach-dem-anderen-Typ“). Für sein Werk ist der Kosmopolit Rushdie ins Hinterland Amerikas vorgestoßen, in die „flyover states“, wie die Küstenbewohner das Herz Amerikas despektierlich nennen.

Einen Ort in Kansas besuchte Rushdie zum Beispiel kurz nach einem Mordfall. Ein Mann hatte in einer Bar auf zwei indischstämmige Amerikaner geschossen, einer von ihnen starb. Die Witwe sagte hinterher im Fernsehen, sie hätten 25 Jahre friedlich in dem Ort gelebt. Sie dachten, das sei auch ihr Land. Aber nun frage sie sich, ob es hier wirklich einen Platz für sie gebe. „Ich war sehr bewegt von diesen Worten“, erinnert sich Rushdie, der das Ereignis in „Quichotte“ verarbeitet hat.

Nackter, blanker Rassismus

Auf seiner Reise quer durch Amerika hat Rushdie Trump-Land ein Stück weit besser kennen gelernt, aber nie wirklich verstanden. Folgt man dem Autor, haben Trumps Anhänger ihn vor allem aus einem Motiv heraus gewählt: Rassismus. „Die Wahl von Donald Trump ist ein letztes Auflehnen der weißen Vorherrschaft in Amerika“, sagt der Autor. Der Grund dafür sei die Demografie. Denn im kommenden Jahrzehnt werde es mehr nichtweiße als weiße Amerikaner in den USA geben.

Da sähen Trumps – hauptsächlich weiße – Wähler ihren Einfluss dahinschwinden. Und sie sehen den Beweis für ihren Machtverlust in den Präsidentschaftsjahren von Barack Obama. Nicht zufällig zerstöre Trump gerade alles, was Obama in acht Jahren aufgebaut habe. Rushdie räumt ein, dass auch er gedacht habe, dass Obamas Präsidentschaft ein neues Zeitalter eingeläutet hätte, in dem es endlich egal sei, wer schwarz oder weiß sei. „Doch das Gegenteil ist passiert“, sagt er. In den fast 20 Jahren, die er in Amerika lebe, habe er noch nie einen so „nackten, blanken Rassismus“ erlebt wie heute.

Er selbst wünscht sich für die Wahl 2020 einen Generationenwechsel. Rushdie zeigt sich im Gespräch als Sympathisant von Pete Buttigieg, dem Bürgermeister von South Bend in Indiana. „Aber es ist wahrscheinlich zu früh für ihn“, sagt Rushdie. Derzeit sehe bei den Demokraten alles nach einem Rennen zwischen Ex-Vizepräsident Joe Biden und Senatorin Elizabeth Warren aus. Wer das Rennen mache, sei für ihn nicht entscheidend, nur dass er oder sie gegen den US-Präsidenten gewinne. „Alles“, sagt Rushdie, „ist besser als Trump.“

2020 dürfte denn auch das Jahr des nächsten Rushdie-Buchs werden, ein Sammelband seiner jüngsten Essays. Wobei das mit dem jung relativ ist. „Es ist 15 Jahre her, dass ich meinen letzten Essayband herausgebracht habe. Es gibt viele Werke, die ich noch nirgendwo veröffentlicht habe.“

Das Skript einer Lehrveranstaltung nach dem Tod von Garcia Marquez zum Beispiel oder eine Veröffentlichung Rushdies zum 50. Jubiläum von Kurt Vonneguts „Slaughterhouse Five“ sowie eine Hommage an seinen Freund Philip Roth, der im Frühjahr 2018 starb.

Ob er eigentlich Versagensängste habe, bevor er ein neues Buch schreibe? „Klar, das Risiko ist immer da.“ Doch es sei eine „gute Angst, weil sie dich antreibt, etwas Wichtiges zu schreiben“. Man könne eben nie alle Leute glücklich machen. Auch „Quichotte“ habe „ein paar unhöfliche Rezensionen“ bekommen, „Einzelfälle zum Glück“.

Mehr: Ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl ist Donald Trump geschwächt durch Konflikte und ein drohendes Impeachment. Doch eine zweite Amtszeit ist weiter möglich.

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