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Literaturtipp Diese Sachbücher zeigen, wie Youtube erwachsen wurde

Youtube ist für Jugendliche wie Fernsehen – und ermöglicht neue Selfmade-Karrieren. Zahlreiche Bücher dokumentieren das Reifen der Video-Plattform.
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Unschlagbare Vielfalt auf Youtube. Quelle: imago images / photothek
Schöne neue Fernsehwelt

Unschlagbare Vielfalt auf Youtube.

(Foto: imago images / photothek)

Düsseldorf Neulich hat eine deutsche Zeitung Chris Stokel-Walker zum Lachen gebracht. Youtuber könne man nicht mehr ignorieren, schrieb die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ einige Wochen nach der Europawahl. Zuvor hatte der Videoblogger Rezo mit seinem millionenfach angeklickten Werk „Die Zerstörung der CDU“ eine breite Debatte über die größten Versäumnisse der Regierungsparteien ausgelöst.

Ein 26-jähriger Webvideomacher kritisiert das Establishment. Für den britischen Tech-Journalisten Stokel-Walker ist das nichts Neues. „Wer jetzt erst auf Youtuber aufmerksam wird“, schreibt er in seinem gerade erschienenen Buch „Youtubers“, „hat jahrelang nicht aufgepasst.“

Schon der Untertitel „Wie Youtube das Fernsehen durchgerüttelt und eine neue Generation von Stars geschaffen hat“ zeigt, welchen kulturellen Stellenwert Stokel-Walker dem Google-Tochterunternehmen zuschreibt – und welchen Generationenbruch dieses „Punk-TV des 21. Jahrhunderts“ aus seiner Sicht bedeutet: „Jake Paul, PewDiePie und KSI sind Namen, die junge Menschen sofort erkennen – ihre Eltern dagegen normalerweise nicht“, schreibt er.

Mehr als 95 Prozent der deutschen Jugendlichen wären mindestens einmal pro Woche auf Youtube, in anderen europäischen Ländern sei die Quote ähnlich hoch.

Während in den letzten Jahren die wenigsten Politiker und Medienunternehmen auf Youtube und seiner Community den Überblick behalten haben, hat sich eine Riege an Stars der Plattform in der Zwischenzeit ein regelrechtes Markenimperium aufgebaut.

Chris Stokel-Walker: YouTubers
Canbury Press
352 Seiten
16,80 Euro
ISBN-13: 978-1912454211

So beschränken sich die meisten Webvideoproduzenten nicht mehr auf ihre selbst gedrehten Internetclips. Sie bringen eigene Kosmetikprodukte auf den Markt, designen Sportartikel und schreiben – für digitale Stars geradezu anachronistisch – Bücher. Ein kleiner Marktüberblick gefällig?

Der deutscher Webstar „Montanablack“ stürmte in diesem Jahr mit seiner Biografie die Sachbuch-Bestsellerlisten. Im gleichnamigen Buch erzählt der bekannte Youtuber die Geschichte eines Ex-Junkies aus Buxtehude – seine Geschichte.

In den USA hat es außerdem Hank Green, Youtuber aus Alabama, mit seinem Romandebüt „Ein wirklich erstaunliches Ding“ prompt auf die „New York Times“-Bestsellerliste geschafft. Schon sein Bruder John – natürlich auch auf Youtube aktiv – war 2012 mit „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ der Durchbruch gelungen. Greens Jugendbuch ist zwei Jahre später verfilmt worden. Damit hat es der schreibende Youtuber, wenn auch über Umwege, nach Hollywood geschafft.

Youtube professionalisiert sich

Online bekommen die User Einblicke in das Leben ihrer Bildschirmlieblinge und sind hautnah bei wichtigen Ereignissen dabei. So machte etwa Bianca „Bibi“ Heinicke, eine der erfolgreichsten deutschen Youtuberinnen, ihre Schwangerschaft letztes Jahr per Video publik.

5,7 Millionen Abonnenten folgen der gebürtigen Kölnerin und ihren Clips über Beautythemen und Kosmetikprodukte. Ihr Schwangerschaftsvideo „Changes“, in dem „Bibi“ mit ihrem Gatten Julian Claßen – ebenfalls Youtube-Star – zu sehen ist, war 2018 der erfolgreichste deutsche Clip auf der Plattform. Bis heute zählt der Dreiminüter knapp 7,4 Millionen Aufrufe.

Hank Green: Ein wirklich erstaunliches Ding
dtv Verlag
448 Seiten
22 Euro
ISBN-13: 978-3423790406

Doch Youtube ist längst mehr als ein Potpourri aus öffentlich dargelegtem Privatleben, Schminkvideos und Do-it-yourself-Anleitungen. Auch politische und wissenschaftliche Themen haben ihren Platz auf der Videoplattform gefunden – und das nicht erst seit der Causa Rezo.

So produziert etwa „Kurzgesagt: In a Nutshell“ seit 2013 Bildungsvideos. Mit neun Millionen Followern ist „Kurzgesagt“ der deutsche Youtube-Kanal mit den meisten Abonnenten. In den Videos werden Wurmlöcher und Nihilismus erklärt, aber auch Fragen zum Fleischkonsum und zur Europäischen Union beantwortet.

Stokel-Walker kennt all diese Facetten auf Youtube. Der 30-Jährige ist selbst mit der Videoplattform aufgewachsen. Doch er romantisiert Youtube nicht, im Gegenteil: Vor allem die zunehmende Professionalisierung sieht er kritisch.

So hätten neben Youtube-Eigengewächsen längst auch Hollywoodstars wie Will Smith die Plattform für sich entdeckt – und damit den Standard massiv nach oben geschraubt. Aus Sicht von Stokel-Walker verkomme Authentizität damit auf Youtube immer mehr zu einer Art Ware. Dabei sei Echtheit „der Klebstoff, der Youtuber und Fans stärker zusammenhält als die traditionelle Beziehung zwischen Hollywoodstars und ihren Fans“.

Auch viele User kritisieren die Professionalisierung der Plattform, lebt Youtube doch eigentlich von der Nahbarkeit seiner Webstars. Die Community will die selbst gedrehten Homevideos ihrer Stars – der Youtube-Eigengewächse – sehen anstatt das professionelle Video eines bereits bekannten Leinwandstars.

Der Journalist erinnert in seinem Buch die Plattform an ihre eigenen hemdsärmeligen Anfänge und ihren Ur-Slogan „Broadcast yourself“. Der Kult des Amateurs, die Ausprobierkultur hat Menschen wie den Schulabbrecher Jake Paul und seinen Bruder Logan auf die große Bühne befördert.

Das notorisch überdrehte Duo hat in seinen ersten Videos noch Nachbarn mit dem Megafon erschreckt und fackelt mittlerweile – einige Millionen Dollar und 20 Millionen Abonnenten später – den eigenen Pool vor den Augen seiner Fans ab. Das Fernsehen mit seinen Casting- und Talentshows hat gegen diese globale, algorithmusbasierte Scouting-Maschine keine Chance mehr.

Gefahr der Radikalen

Doch so schön solche Selfmade-Karrieren auch sind, Stokel-Walker erzählt auch von grausigen Irrwegen im Kampf um maximale Aufmerksamkeit. So schildert er das Beispiel einer hochschwangeren Frau, die im Video auf die Brust ihres Freundes schießt, der die Kugel mit einem Buch aufhalten soll. Die Kugel schlägt durch, der Vater ihres Kindes stirbt noch vor laufender Kamera.

So arg das Beispiel auch sein mag: Eine Videoplattform, auf der jeder hochladen kann, was er möchte, kann laut Stokel-Walker noch größere Probleme schaffen: „Welche Konsequenzen hat ein sich selbst regulierender Videomarktplatz auf die Verbreitung von Extremismus?“, fragt der britische Autor etwa.

Marcel Eris mit Dennis Sand: Montanablack
Riva Verlag
272 Seiten
19,99 Euro
ISBN-13: 978-3742309594

Lange habe Youtube zugeschaut, wie sich Verschwörungstheoretiker, islamistische und rechte Extremisten auf der Plattform breitmachten und mehr und mehr Nutzer in ihren Strudel aus Hass und Desinformation zögen. Das alles verstärkt von einem Algorithmus, der – blind für jegliches Gemeinwohl – stets Videos empfiehlt und abspielt, die bei der Masse gut ankommen. Erst in den letzten Jahren habe Youtube begonnen, darauf zu reagieren.

Beim Zurückdrängen islamistischer Videos sei die Plattform sehr erfolgreich gewesen. Seit rund einem Jahr nimmt sie sich Hassprediger wie den Trump-Jünger Alex Jones vor. Viele Verschwörungsvideos können zumindest nicht mehr automatisch empfohlen werden.

Stokel-Walker fürchtet aber, dass diese Maßnahmen zu spät kommen. „Die Radikalen hatten viele Jahre Zeit, den Zweifel an praktisch jeder Information zu säen. Ich weiß nicht, wie das repariert werden soll“ – ein klarer Nachteil des Mitmachkanals.

Soll man also Youtube regulieren? Stokel-Walker hat Zweifel. Den Vorschlag von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, Videoblogger wie Rezo zu politischer Neutralität zu verpflichten, vergleicht der Autor damit, einem x-beliebigen Fernsehprominenten seine politische Meinung zu verbieten. „Es wäre ein guter Anfang, wenn sich Politiker mit der Entwicklung, die sie die vergangenen fünf bis zehn Jahre verpasst haben, erst mal auseinandersetzen würden.“

Mehr: Geschäftsmodelle, die auf Werbung basieren, sorgen für eine Verrohung der Sitten. Es braucht strenge Regulierung, um Google, Facebook und Co. zu zähmen.

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