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Nassim Nicholas Taleb Philosoph Taleb teilt in seinem neuen Buch gegen „Intellektuellen-Idioten“ aus

Der Essayist Nassim Taleb fordert: Wer andere einem Risiko aussetzt, muss auch dafür geradestehen – und greift damit Eliten in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft an.
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„Viele Intellektuelle glauben, ich sei wütend, weil ich sie so scharf kritisiere.“ Quelle: edouard Caupeil/ Pasco
Nassim Nicholas Taleb

„Viele Intellektuelle glauben, ich sei wütend, weil ich sie so scharf kritisiere.“

(Foto: edouard Caupeil/ Pasco)

BerlinAus Schaden wird man klug, heißt es im Volksmund. Wer wollte dem widersprechen, entspricht es doch der Lebenserfahrung der meisten Menschen, dass man aus seinen Fehlern lernt. Was aber, wenn man diese Volksweisheit ins Extrem treibt und zur zentralen Maxime menschlichen Handelns macht?

Nicht nur im privaten Alltag, sondern auch im Wirtschaftsleben und in der großen Politik. Genau das versucht Nassim Nicholas Taleb mit seinem neuen Buch „Das Risiko hat seinen Preis“, das im englischen Original „Skin in the Game“ heißt.

„Wer andere einem Risiko aussetzt, und es geht schief, muss einen Preis dafür zahlen“, sagt Taleb im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das gelte für Banker genauso wie für Politiker, die ihr Land in einen Krieg führten. Risiken und Haftung müssten sich die Waage halten, fordert er.

Der ehemalige Börsenhändler, der mit seinem Bestseller „Der Schwarze Schwan“ weltberühmt wurde, weil er darin frühzeitig vor den unkalkulierbaren Risiken der Finanzkrise warnte, zieht nun – zehn Jahre später – eine ernüchternde Bilanz: „Damals sind wir in die Krise geraten, weil Fehler keine Konsequenzen hatten“, sagt Taleb. „Die Entscheidungsträger in der Finanzwelt hatten kaum etwas zu verlieren, weil das System ihnen die Risiken abnahm.“

Als Beispiel nennt er den „Bob-Rubin-Trade“ in Anspielung auf den ehemaligen US-Finanzminister, der zur Zeit der Finanzkrise in Diensten der Citigroup stand und den Beinahe-Zusammenbruch der US-Großbank mit 120 Millionen Dollar in der Tasche „überlebte“. „Den Preis haben einfache Bürger wie Busfahrer bezahlt, mit deren Steuern der Staat die Citigroup gerettet hat.“ Ein Unding, sagt Taleb.

Seiner Meinung nach hat sich seither nicht allzu viel geändert: „Wir sind heute nicht besser auf eine Finanzkrise vorbereitet als 2008“, warnt der 58-jährige Libanese, „immer noch versuchen ahnungslose Bürokraten ein System zu stabilisieren, das sie nicht durchschauen.“ So hätten die Finanzaufseher zum Beispiel den Hedgefonds das Leben schwer gemacht, obwohl dort Risiken und Haftung noch am engsten miteinander verbunden seien. „Niemand würde in einen Hedgefonds investieren, wenn der Eigentümer des Fonds selbst nicht stark engagiert wäre“, erklärt der Wall-Street-Veteran Taleb.

Kaum jemand riskiert etwas

Lichtblicke sieht er kaum in der Finanzwelt. Nur in der Schweiz hätten die Aufseher ernsthaft versucht, die Boni der Banker an die Risiken ihres Geschäfts zu koppeln. Die lockere Geldpolitik der Notenbanken habe dagegen nur dazu geführt, dass vor allem reiche Investoren in riskantere Geldanlagen gedrängt worden seien.

Nassim Nicholas Taleb: Das Risiko und sein Preis
Penguin
2018
384 Seiten
ca. 26 Euro

Taleb unterscheidet in zwei Risikogruppen. Die erste riskiere mit einer Entscheidung die eigene Haut (Vermögen, Ehre, Leben), während die andere aus „Intellektuellen-Idioten“ besteht, die anderen kluge Ratschläge gäben, aber keine Ahnung hätten, welche Auswirkung ihre Tipps auf das echte Leben haben könnten. Zu dieser zweiten Kategorie zählt Taleb auch renommierte Ökonomen wie Paul Krugman und Thomas Piketty sowie populäre Psychologen wie Steven Pinker, mit denen er sich auf dem Papier anlegt.

„Wir haben genug von Experten“, hat der britische Brexit-Politiker Michael Gove einmal gesagt. Diese umstrittene wie entlarvende Äußerung kommt einem beim Lesen von Talebs Attacken immer wieder in den Sinn. Anders als Trump und die britischen Brexiteers ist der in New York lebende Autor jedoch kein Protagonist einer postfaktischen Ära. Im Gegenteil: Nach seiner Meinung zählen nur jene Fakten, die wir durch persönliche Erfahrungen sammeln. Alles andere sei bloß Geschwätz, urteilt Taleb.

Doch so unterhaltsam die Duellhaltung gegenüber großen Teilen der politischen, wirtschaftlichen und akademischen Eliten auch sein mag – sie macht Taleb auch angreifbar und zu einem Sprachrohr anderer Anti-Establishment-Streithähne. So hat das britische Politmagazin „New Statesman“ Taleb neulich gar einen „idealen öffentlichen Denker der Trump-Ära“ genannt, was alles andere als freundlich gemeint war.

Tatsächlich verbindet Taleb mit Trump nicht nur eine tiefe Abneigung gegenüber der US-Demokratin Hillary Clinton, sondern auch ein ebenso tiefes Misstrauen gegen die intellektuellen Eliten. Als Trump-Loyalist sieht sich der streitlustige Autor dennoch nicht: „Ich unterstütze keinen Präsidenten, sondern immer nur bestimmte politische Maßnahmen“, sagt er.

So halte er Trumps aggressive Politik gegenüber Iran zwar für ebenso falsch wie dessen politischen Schmusekurs gegenüber Saudi-Arabien. „Das Treffen mit dem russischen Präsidenten Putin in Helsinki fand ich dagegen richtig“, so Taleb, „weil Trump sich gegen das militärische Establishment durchgesetzt hat.“

Intellektuell gegen intellektuell

Talebs Buch folgt keiner logischen Gliederung, sondern ist eher eine Sammlung von Essays über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sein Ton ist dabei so scharf wie sein Intellekt. Es gehört zu den kuriosen Ironien der fast 400 Seiten langen Streitschrift, dass sich hier ausgerechnet ein Intellektueller als wütender Anti-Intellektueller geriert. Auch Taleb riskiert bei vielen Themen eben nicht die eigene „Haut“. Er urteilt als Beobachter, dessen Wissen ebenso eine Kopfgeburt ist wie das jener „Intellektuellen-Idioten“, über die sich der Autor genüsslich lustig macht.

Taleb selbst sieht das natürlich anders: „Ich melde mich nur dort mit meinen Ansichten zu Wort, wo ich dafür in Schwierigkeiten geraten kann“, sagt er und verweist auf seinen seit fünf Jahren andauernden Feldzug gegen die neue Bayer-Tochter Monsanto. Er habe immer wieder die Umweltrisiken des Monsanto-Geschäfts mit gentechnisch veränderten Organismen angeprangert, sagt Taleb.

Der Saatgutriese, dem nach einem Glyphosat-Urteil in den USA Milliardenstrafen drohen, habe ihn dafür mit einer „Schmierkampagne“ verfolgt. Angeblich hätte der Konzern dafür gesorgt, dass Beschwerdebriefe gegen ihn an seinem Lehrstuhl an der New York University landeten. Auch gegen die Politik des Königreichs Saudi-Arabien, das der Libanese wegen seiner Terrorfinanzierung und Menschenrechtsverletzungen gern als „Saudi Babaria“ tituliert, führt Streithahn Taleb regelmäßig verbale Scharmützel auf Twitter.

Ein Freund von Interventionen im Mittleren Osten ist Taleb dennoch nicht. Im Gegenteil. Er zieht vielmehr gegen die Interventionisten zu Felde, weil diese seiner Meinung nach „die Taten eines Diktators mit denen des Premierministers von Norwegen oder Schweden vergleichen anstatt mit denen der vor Ort gegebenen Alternativen.“

Der Westen habe in einem komplexen Gebilde des Mittleren Ostens interveniert, ohne die unvorhersehbaren Wechselwirkungen seines Eingreifens auf die dortige Ordnung zu bedenken. Als Beispiel dafür führt Taleb den von westlichen Mächten initiierten Sturz des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi 2011 an. Heute würden in Libyen wieder Sklavenmärkte abgehalten.

Aber auch das Nichtstun kann mit enormen Kosten verbunden sein kann. Man denke nur an den Völkermord in Ruanda in den Neunzigern. Taleb räumt ein, dass die Abwägung wegen der Komplexität und der unkalkulierbaren Wechselwirkungen von Interventionen besonders schwierig sei. Für ihn gilt deshalb auch in der Politik der Eid des Hippokrates, und eine seiner wichtigsten Aussagen sei: Man dürfe eine Lage nicht verschlimmern. Dem seien die Interventionisten des Westens weder im Irak, noch in Libyen, noch jetzt in Syrien gerecht geworden.

Außerdem fordert der Autor, dass die zentrale Aussage seines Buchs auch für Politiker gelten solle, die über Krieg und Frieden entscheiden: Nur wer seine eigenen Kinder an die Front schicken würde, dürfe kriegerischen Militäreinsätzen zustimmen. Als Beispiel für diese radikale Haltung verweist Taleb auf den Fronteinsatz des englischen Prinzen Andrew 1982 im Zuge des Falkland-Krieges zwischen Argentinien und Großbritannien.

In einer politischen Ordnung lassen sich nach Taleb Risiken und Verantwortung nur durch eine konsequente Dezentralisierung zusammenhalten. „Je mehr Politiker für ihre Entscheidungen direkt verantwortlich gemacht werden können, desto besser“, sagt er. Vorbildlich gelinge das in der Schweiz, wo die Kantone und Gemeinden hohe Autonomie genießen. Aber auch Deutschland sei mit seinem föderalen System besser gegen Risiken von politischen Fehlentscheidungen gewappnet als etwa stark zentralistisch organisierte Länder wie Frankreich.

Glücklich, aber kompromisslos

So wie Taleb militärischen Interventionen misstraut, glaubt er auch nicht an die Weisheit politischer Regulierungen. Seine Argumentation auch hier: Politische und wirtschaftliche Systeme seien aufgrund vielfältiger Wechsel- und Nebenwirkungen viel zu komplex , als dass „staatliche Bürokraten“ dies durchschauen, geschweige denn die Risiken richtig einschätzen könnten. Mit der Komplexität steigt nach Taleb auch das Risiko sehr seltener, aber umso extremer Ereignisse. Die Finanzkrise von 2008 war für ihn so ein Extremfall.

Staatliche Aufsichtsbehörden würden zudem oft von Lobbygruppen beeinflusst. Aufseher wie der ehemalige US-Finanzminister und Notenbanker Timothy Geithner würden heute für viel Geld an der Wall Street arbeiten. Umgekehrt würden ehemalige Lobbyisten der US-Chemieindustrie jetzt Regeln für die amerikanische Umweltbehörde formulieren.

Die Interessenkonflikte seien offensichtlich. „Ein starkes Haftungsrecht, bei dem zwölf Juroren das Urteil fällen, ist deshalb oft besser als die meisten Regulierungen“, konstatiert der Autor.

Nein, er habe das Buch nicht mit Wut im Bauch geschrieben, versichert Taleb. „Viele Intellektuelle glauben, ich sei wütend, weil ich sie so scharf kritisiere.“ Doch dem sei nicht so. „Ich bin ein glücklicher Mann, aber kompromisslos.“

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