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Neues Buch „Schuldig“ Thomas Middelhoff: Eine öffentliche Beichte der besonderen Art

Vom Topmanager zum Straftäter, vom Wirtschaftsvertreter zum -kritiker, vom Saulus zum Paulus: Thomas Middelhoff präsentiert in Berlin seine Geschichte.
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Der 66-jährige ehemalige Manager berät inzwischen Start-ups. Quelle: dpa
Thomas Middelhoff

Der 66-jährige ehemalige Manager berät inzwischen Start-ups.

(Foto: dpa)

Berlin Thomas Middelhoff ist hier der Sünder, der Tabula rasa macht, der gelernt hat, der sein altes Leben hinter sich ließ. „Ich bin vor mir selber weggelaufen“, erklärt Middelhoff auf einer Pressekonferenz in Berlin, seiner ersten nach langer Zeit. Als „Ex-Manager, Ex-Häftling, heute versuchsweise Autor“ stellt er sich am Dienstag in der Bundespressekonferenz einem Journalistenkreis vor, der von „Bild der Frau“ über Mediendienste und n-tv bis „Economist“ reicht.

Der einstige Vorstandschef der Konzerne Bertelsmann und Karstadt-Quelle (Arcandor), der nach einer Haftstrafe wegen Untreue und Steuerhinterziehung Privatinsolvenz anmelden musste, beschreibt in seinem zweiten Buch „Schuldig. Vom Scheitern und Wiederaufstehen“ Schatten und Sonne seines Lebens. Es ist eine Bilanz über ethisches Versagen und moralische Läuterung. Seine fast missionarische Radikalität hebt das Werk über Vergleichbares in der deutschen Bekenntnisliteratur.

Fähigkeiten und Einsatz bringen beruflichen Erfolg, Charakter sorgt dafür, dass er dauerhaft ist, referiert Middelhoff. Dass es bei ihm an charakterlichen Qualitäten fehlte, habe zu seinem Scheitern geführt. Statt demütig zu sein, sei er hochmütig gewesen.

Nun wolle er, „so Gott will“, seine Talente in Beratungen einbringen, seinen breiten Erfahrungsschatz, den er sich 14 Jahre im Board der „New York Times“ aufgebaut hatte.

Middelhoff: „Ich brauche heute keine Rolle mehr zu spielen. Ich kann so sein, wie ich will.“ Früher habe er maßlos gelebt, mit Privilegien und Macht, jetzt sei alles weg, verspielt, und ihn erfüllten dafür Dinge, die er früher nicht wahrgenommen habe.

Natürlich geht es in der Pressekonferenz-Stunde viel um Eitelkeiten, Narzissmus und Medien. „Ja, ich habe narzisstische Elemente“, bekennt Middelhoff. „Ich bin damit aber kein Einzelfall in der Wirtschaft.“ Er sei selbst daran schuld, in der Vergangenheit geradezu um die Aufmerksamkeit der Medien gebuhlt zu haben. Als Nutzer habe er sie geliebt.

Heute jedoch könne kein Journalist einen geraden, halbwegs positiven Satz über ihn schreiben, weil er dann von Kollegen schief angeschaut werde, da er etwas Falsches schreibe. „Völlig ausgeschlossen, dass ich auch gute Seiten habe“, sagt Middelhoff. Dabei sei er nur ein „kleiner Wirtschaftshansel“ und keine Person der Zeitgeschichte. Aber er komme nun einmal nicht dagegen an, was an Meinung entstanden sei.

Eines kann man Middelhoff nicht vorwerfen: dass er unehrlich ist. Er treibt es weit mit der Suche nach Wahrheiten. Er habe alle Todsünden begangen.

Thomas Middelhoff: Schuldig. Vom Scheitern und Wiederaufstehen
Adeo Verlag
208 Seiten
22 Euro

Der einstige Starmanager bekennt, schon zwei, drei Jahre vor seiner Verhaftung im November 2014 Schwierigkeiten gehabt zu haben, in den Spiegel zu schauen: „Ich hatte ein Störgefühl.“ Im Gefängnis ignorierte er das Gefühl aus Scham völlig, „heute aber schaue ich wieder unbelastet in den Spiegel“.

Ein Büßergewand habe er als Autor nicht übergezogen, er tue nur Buße gegenüber Gott und nicht gegenüber dem Publikum. Sein Urteil sei juristisch fragwürdig, „charakterlich habe ich es verdient“. Seine besten Freunde seien Amerikaner, die auch im Tiefpunkt zu ihm gehalten und das Urteil nicht verstanden hätten.

Überhaupt die USA: Dort laufe man gegen die Wand, und dann heiße es: weiterlaufen. Hierzulande aber müsse er sich dauernd verteidigen, weil er schon das zweite Buch schreibe. In Deutschland hatte er in der Wirtschaft offenbar nur wenige Unterstützer, Middelhoff nennt den Private-Equity-Spezialisten Alexander Dibelius.

In seinem Buch schreibt er ausführlich von einer „fatalen Kombination aus Überheblichkeit und selbstverliebter Anmaßung“, von seiner Maßlosigkeit und seinem Hochmut. Diese Kombination ließ ihn einst mit Privatjet durch die Welt jagen und bei Bertelsmann darauf achten, dass er stets das höchste Gehalt und vor allem keinen Stellvertreter hatte.

Öffentliche Beichte

Gier nach Anerkennung, vor allem in den Medien, sei „wie eine Sucht“ gewesen, breitet er aus. Später sei die Gier nach Geld dazugekommen, als der promovierte Betriebswirt für einen Deal einen hohen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag als Bonus bekam, das Geld steckte er prompt in rabiate Steuersparmodelle des Unternehmers Josef Esch. Die scheiterten, und das Geld war weg.

Es ist eine öffentliche Beichte der besonderen Art: je schonungsloser, desto selbsttherapeutischer. Je radikaler, desto befreiender. Eine demonstrative Hinwendung zum einfacheren Leben und christlichen Glauben („Ich bin Gott dankbar, dass er mich ins Gefängnis geführt hat – weil ich so die Möglichkeit für einen Neuanfang bekam“).

Ein erklärter Versuch, junge Unternehmer vor Fehlern zu bewahren. Und eine geräuschvolle Abkehr von den Zwängen des Managerlebens – die mitunter Züge einer Abrechnung trägt.

Durchaus mit Furor kritisiert Middelhoff die seiner Meinung nach zu hohen Pensionszusagen für Topmanager: Monatlich 300.000 Euro seien keine Seltenheit, „fürs Nichtstun, wohlgemerkt“. Manager hätten hier gerne die Vorteile des deutschen Beamtenwesens, merkt er auf der Pressekonferenz an.

Früher habe er maßlos gelebt, mit Privilegien und Macht, jetzt sei alles weg, verspielt. Quelle: dpa
Thomas Middelhoff präsentiert sein neues Buch

Früher habe er maßlos gelebt, mit Privilegien und Macht, jetzt sei alles weg, verspielt.

(Foto: dpa)

Klar, Führungskräfte hätten Anspruch auf wettbewerbsfähige Vergütung, so wie Sportler, das sei ein knapper Markt der Talente, sagt Middelhoff. Das erzielte Einkommen sollte dann aber ausreichen, um selbst eine angemessene Altersversorgung sicherzustellen.

Seine Forderung: „Es sollte besser die Deckelung von Pensionsansprüchen beschlossen werden.“ Er bringt eine Grenze von 80.000 Euro monatlich in die Debatte ein – sowie einen Fonds für die Bezieher von Niedrigrenten, in die Manager ihre Überversorgungsgelder einzahlen könnten. Middelhoff: „Dass eine Facharbeiterin nach 30 Jahren nur 1200 Euro monatlich im Alter hat, der Dax-Vorstand aber 300.000 Euro, ist sozial nicht vertretbar.“

Vorwürfe an Bertelsmann

Auch mit Kritik an seinem früheren Arbeitgeber Bertelsmann spart der Autor nicht. Der 2008 verstorbene Konzernherr Reinhard Mohn habe Bescheidenheit propagiert, sich mit der Bertelsmann Stiftung aber Erbschaftsteuern erspart und dabei der Familie volle Kontrolle gesichert. Was die Sünde der Wollust angeht, sei er selbst nicht stark genug gewesen, verweist aber auch auf den langjährigen CEO Mark Wössner, und selbst Mohn habe „nicht eben als Vorbild“ getaugt.

Auch bei der Bewältigung der Nazi-Vergangenheit macht Middelhoff dem Unternehmen Bertelsmann Vorwürfe. Er selbst hatte als CEO eine Historikerkommission eingesetzt, die dann ermittelte, dass der Gütersloher Verlag im Zweiten Weltkrieg wegen Papierschiebereien geschlossen worden war – und nicht, wie zunächst jahrelang behauptet, wegen Widerstands gegen die NS-Diktatur.

Weil sein Vater sogar Mitglied im Freundeskreis der NSDAP gewesen war, habe Reinhard Mohn nach 1945 bei den Alliierten die erforderliche Lizenz beantragen müssen. Der Antrag habe „Ungereimtheiten“ aufgewiesen, so Middelhoff: „Der Begriff Ehrlichkeit mutet wie Hohn an angesichts dieser Legendenbildung.“

Es gibt auch generelle Kulturkritik. Bei einstigen Kollegen und Geschäftsfreunden habe er oft das Gefühl, „dass sie sich in ihren Komfortzonen behaglich eingerichtet haben und nicht wissen, wie es am unteren Ende der Skala wirklich aussieht“, formuliert Middelhoff beispielsweise. Und er schildert, wie sich Geburtstagsfeiern für pensionierte Vorstandsmitglieder zum „Schaulaufen der Eitelkeiten“ entwickeln, wie Häuser in München oder Hamburg oder Zweitwohnungen in Kitzbühel oder auf Mallorca „zu Trutzburgen der Vergangenheitskonservierung“ werden, um jenen Frust einzudämmen, der nun mal drohe „in der Leere des verbliebenen Restes an Lebenszeit“. Das Buch hat sprachlich starke Stellen.

In einer sich selbst ständig optimierenden Leistungsgesellschaft, in der Fakten und Meinungen ständig viral um die Welt gejagt würden, werde „das äußere Bild das bestimmende Element“, kritisiert der Autor zudem die Social-Media-Realität.

Einst hatte er in den frühen 1990er-Jahren das Internet nach Deutschland gebracht, nun surft er kaum mehr im Netz und liest lieber Bücher. Womöglich schreibt er darüber, was aus dem Internet wurde.

Die Selbstbetrachtung der eigenen Lebenskrise wird Middelhoff mit einem Wirtschaftskrimi namens „Das System“ abgeschlossen haben. Das Buch ist fertig geschrieben, erscheint aber erst in zwei Jahren. Darauf hat er sich, so ist zu hören, mit dem Insolvenzverwalter Thorsten Fuest geeinigt. Die Einnahmen daraus sollen offenbar an ein Verwertungsunternehmen fließen, genau wie bei „A 115 – Der Sturz“. Im aktuellen Fall von „Schuldig“ soll das Geld an Fuest fließen.

Juristisch ist der Verfasser von „Schuldig“ noch nicht so frei, wie er gerne sein möchte. Der Staatsanwalt ermittelt noch wegen des Verdachts auf ein Insolvenzvergehen: Er soll Millionensummen verschoben haben, was Middelhoff strikt bestreitet. Und seine Bewährungsfrist läuft insgesamt beachtliche vier Jahre. Im Gefängnis hat er eine schwere Autoimmunkrankheit erlitten.

Doch fast zwei Jahre nach seiner Haftentlassung ist der 66-Jährige ein geschätzter Start-up-Berater, Venture-Capital-Finanzier sowie ein gefragter Redner mit mehr als 40 Veranstaltungen im Jahr. Der Mann, der seine Haft im Buch „A 115 – Der Sturz“ beschrieben hat, ist nun Experte zum Thema Scheitern und Neuanfang, fürs Hinfallen und Wiederaufstehen.

Die erste Offerte für einen Vortrag kam von der Universität Innsbruck. Das vorgeschlagene Thema „From Heaven to Hell“ hat Thomas Middelhoff dann doch schnell umformuliert: „From Hell to Heaven.“

Das ist er seinem neuen Leben schuldig.

Mehr: Der tief gefallene Ex-Managerstar hat sein zweites Buch geschrieben. Es wurde zur Selbstanklage. Eine Begegnung am Flughafen.

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