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Philosoph im Interview Precht fordert 25-Prozent-Steuer „auf all den Kram“ im Online-Handel

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„Ich diskutiere sehr viel und gerne mit Ökonomen“

Im 19. Jahrhundert haben Industrialisierung, Kapitalismus und Naturwissenschaften auf breiter Front gesiegt. Der Philosophie war dagegen alles abhandengekommen – quasi Gott und die Welt. Bebt das bis heute nach?
Auf jeden Fall. In der Philosophie gab es plötzlich nicht mehr die eine Perspektive wie bei Hegel, sondern den Drang, die Disziplin zu öffnen. Zugleich gab man den Anspruch auf, auch noch die Naturwissenschaften abdecken zu wollen.

Das war doch eine wohltuende Öffnung...
...aber es schwächte auch Rolle und Selbstbewusstsein der Philosophie. Psychologie, Soziologie, Volkswirtschaft wurden plötzlich eigene Disziplinen. Die Spezialisierung im Einzelnen führte langfristig zu einer Art Gleichgültigkeit im Ganzen. Ursprünglich war Philosophie die Suche nach dem guten Leben, am Ende des 19. Jahrhunderts war sie ein „Fach“. In gleichem Maße, wie die Zahl der Lehrstühle für Philosophie zunahm, nahm deren Bedeutung ab.

Die großen Denker des 19. Jahrhunderts – Schopenhauer, Kierkegaard, Marx, Mill, Comte und Nietzsche – waren alle keine Philosophieprofessoren. Die Philosophie hat sich keinen allzu großen Gefallen mit dem Versuch getan, sich nach dem Vorbild der Naturwissenschaften zu verwissenschaftlichen. Die Hochschulphilosophie hat dadurch enorm an gesellschaftlicher Relevanz eingebüßt.

...und die öffentlichen Debatten werden eher von Ökonomen dominiert. Wie erleben Sie die?
Ja, das stimmt. In den Neunzigerjahren ersetzten Ökonomen wie Hans-Werner Sinn die anderen Intellektuellen in der Öffentlichkeit. Die Welterklärer waren nun die Wirtschaftsversteher. Sie füllten damit die Lücke, die vorher skurrilerweise von Schriftstellern gefüllt worden war, bei denen ich mich immer schon gefragt hatte: Was sollten denn ausgerechnet Grass, Böll oder Lenz von der Welt wissen? Allerdings haben die Ökonomen heute das gleiche Problem wie die Philosophen. Die meisten sind hochgradige Spezialisten, was fürs „Welterklären“ oft nicht weiterhilft.

Das bedeutet, dass Sie mit denen nicht sonderlich klarkommen.
Ich diskutiere sehr viel und gerne mit Ökonomen. Aber ich sehe dabei oft auch ihre engen Grenzen. Zum Beispiel wenn mir vorgerechnet wird, wie viele neue Jobs die Digitalisierung doch schaffe und deswegen keine große Arbeitslosigkeit drohe. Ich frage mich dann immer: In welcher fensterlosen Zahlenwelt leben die? Denn selbst wenn ihre Zahlen stimmen, was ich bezweifle: Sie bedeuten ja nicht, dass der Lkw-Fahrer dann zum Big-Data-Analyst umschult. Millionenfacher Fachkräftemangel und millionenfache Arbeitslosigkeit schließen einander nicht aus.

Wenn man Ihre Philosophiegeschichte liest, muss man dennoch sagen: Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche waren im 19. Jahrhundert viel gewaltiger als die Transformationsprozesse jetzt, oder?
Einerseits war damals alles ungleich rücksichtsloser und brutaler. Andererseits haben heute sehr viele Menschen viel mehr zu verlieren. So wird erklärlich, weshalb in der so eminent reichen Bundesrepublik mit ihrem rekordverdächtigen Wohlstand so viel tiefe Unzufriedenheit und Aggression stecken.

Nun könnte man sagen: Wir haben das 19. Jahrhundert überlebt, wir werden auch das 21. überleben. Falsche These?
Zumindest zu kurz gesprungen, denn das mag für Sie und mich noch gelten, für unsere Kinder wird es dagegen eng, wenn wir so weitermachen wie bisher. Ändern können wir uns nur, wenn wir den Kapitalismus mit seinem wie Naturgesetze daherkommenden Zwang zu Wachstum, Expansion und Ressourcenverbrauch zivilisieren. Das ist eine Jahrhundertaufgabe. Und da warte ich noch auf die richtigen Antworten.
Herr Precht, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Früher waren SPD-Kanzler krisengebeutelte Männer. Heute werden SPD-Stars per Castingshow rekrutiert – ein fataler Würdeverlust für die Politiker, findet Richard David Precht.

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7 Kommentare zu "Philosoph im Interview: Precht fordert 25-Prozent-Steuer „auf all den Kram“ im Online-Handel"

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  • - Nachtrag -

    Auch hier spricht Precht wieder eines seiner gesellschaftsklempnerischen "Steckenpferde" an - das "Bedingungslose Grundeinkommen".
    Die Diskussionen darüber füllen mittlerweile Bücher, aber auch ein Precht kommt letztendlich nicht um eine der fundamentalen ökonomischen Erkenntnisse herum: dass die Menschheit seit der Vertreibung aus dem Paradies eben nicht mehr im Schlaraffenland lebt, wo es Alles im Überfluss gibt, sondern in einer Welt der KNAPPHEIT. Und alle, ausnahmslos alle Versuche von Utopisten und Gesellschaftsklempnern, dieses Paradies im Diesseits wiederherzustellen, haben zum exakten Gegenteil geführt: nämlich zur Hölle auf Erden mit Abermillionen von Opfern!!
    Der US-Ökonom Thomas Sowell hat es folgendermaßen auf den Punkt gebracht:
    >> "Die erste Lektion der Ökonomie ist die Knappheit: Es gibt niemals genug von irgendetwas, um alle befriedigen zu können, die es haben wollen. Die erste Lektion der Politik ist die Nichtbeachtung der ersten Lektion der Ökonomie." <<
    Sowell täuscht sich hier nur ein wenig, was die "Politik" betrifft: es waren nämlich meistens keine Politiker, sondern INTELLEKTUELLE - wie eben auch Precht - die das theoretische Fundament für diese verheerenden Gesellschaftsexperimente gelegt haben!

  • Nun die Idee ist ja nicht neu. Ich habe einige Vorträge von ihm gesehen und ich fand sie meist witzig und spritzig. Wie er sich aber gerade als Weltuntergangsprophet darstellt und zudem "Lösungen" präsentiert, sich selbst als den Inhaber der Weisheit, die Probleme der Welt zu kennen und zu wissen, wie alles in 30 Jahren sein wird, ist einfach nur fade. Schade ! Die Vorschläge die er hat können dem linksradikalen Denken zugeordnet werden, die Themen die er anschneidet lehnen sich an den allgemeinen Populismus an und ich werde den Eindruck nicht los, er will etwas mehr Aufmerksamkeit um sein neues Buch besser zu verkaufen.
    Am meisten stört mich, dass er nicht Beobachtungen schildert, sondern Weisheiten verbreitet. ER weiss wie es sein wird und warum es ist. Er zieht Schlüsse und zitiert wissenschaftliche Untersuchungen, mit Prozentzahlen, die im Grunde NICHTS sagen.
    Leider ist das ganze absolut populistisch und plakativ. Das passt eher zu einem Populisten denn zu einen Philosophen. Mag er seine Gefolgschaft haben, ich finde ihn nur noch angepasst und flach. Wirklich schade.

  • Richard David Precht, eine der "Ikonen" der (westlichen) Intellektuellen ist tatsächlich nichts anderes als ein verkappter Salon-Sozialist.
    Bricht man das, was diese "Philosophen-Ikone" insbesondere der Linken gesellschaftlich möchte, auf das Wesentliche herunter, dann kann man es folgendermaßen zusammenfassen: er will für das Erreichen seiner Ziele MEHR ZWANG UND WENIGER FREIHEIT.
    Precht liebt, um es bewusst provokant zu formulieren, Zwang und Verbote also weitaus mehr als Weisheit:
    "Auch Prechts – gelinde gesagt – naive Behauptung, die Politik tue sich mit Verboten schwer, mutet angesichts so mancher perfiden Masche, mit der jene trickreich durchgesetzt werden sollen, ein wenig weltfremd an. Sei es nun „Staatsterrorismus“, also von Nachrichten- und Geheimdiensten „betreutes Bomben“, wie Andreas von Bülow es mal so vortrefflich nannte, um mehr „Sicherheit“ andrehen zu können, seien es zu ähnlichen Zwecken unterwanderte und teilweise sogar geführte Parteien, gewaltbereite, nutzidiotische Fußtruppen, ob nun von links oder rechts; sei es, um ein in dieser Hinsicht herausragendes Negativbeispiel zu nennen, die „Fridays for Future“-Bewegung, um es so aussehen zu lassen, als höre man doch nur auf „Volkes Stimme“, vor allem der Kinder und Jugendlichen, und erfülle lediglich deren Wünsche nach mehr „Klimaschutz“ – das massenpsychologische Waffenarsenal weist eine ganze Fülle erschreckend abgefeimter Methoden und Instrumente auf, um das gewünschte Ziel zu erreichen. (...)
    Warum Precht spurt? (...) Vielleicht ist er tatsächlich überzeugt von der „Richtigkeit“ seines Denkens; ich für meinen Teil glaube eher, dass die in der Vergangenheit regelmäßig statuierten Exempel im Falle allzu großer Abweichungen vom erwünschten und veröffentlichten Meinensollen ihm verdeutlicht haben, was mit Menschen passiert, die sich einen eigenen Kopf erlauben."
    https://ef-magazin.de/2019/07/12/15354-richard-david-precht-fordert-mehr-verbote-fuer-den-klimaschutz-vorgeprescht

  • Hr.Precht hat auch schon mal in "der Welt" die Abschaffung von Algebra in der Grundschule gefordert. Warum bekommt dieser Clown ein Podium im Handelsblatt.

  • Zwischenzeitlich ist Deutschland das Land mit der höchsten Steuer- und Abgabenquote! Das Steuersystem ist selbst für Finanzbeamte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und selbst für Steuerpolitiker nicht mehr durchschaubar. Die vielen Steuern, insbesondere die weltweit nahezu unbekannte Erbschaftsteuer für Ehepartner und Kinder, zerstören den Deutschen Wohlstandsmotor, den Mittelstand. Herrn Precht, der hervorragende Bücher schrieb, kann ich nur empfehlen: "Schuster, bleib bei Deinen Leisten."

  • Noch eine überflüssige Steuer , im Elfenbeinturm erdacht.
    Die vielen Vorzüge des Onlinehandels , zB. die hervorragende Suchmöglichkeiten nach Produkten;
    kaufen wann ich es will , und wo ich es möchte, ich muss nicht mehr eine Odyssee starten wenn ich mal ein seltenes Produkt brauche , sollte man nicht klein Reden.
    Die Bezeichnung "Kram" finde ich abwertend, für Produzenten und Käufer, es muss in einem freien Land jedem selbst überlassen bleiben was er als Kram oder qualitativ gutes Produkt erachtet.



  • Mit der Online Steuer würden die Innenstädte nicht lebendiger, sollen die Kommunen mit den Steuereinnamen dann selbst subventionierte Einzelhandelsgeschäfte betreiben? Können die es besser? Da würde nur der dahinsiechende alteingesessene Handel mit seinen Honoratioren der Gewerbevereine künstlich beatmet und ein paar Fördergelder abgegriffen. Die Kunden haben mit den Füßen abgestimmt, aber Herr Precht sehnt sich in eine Idylle der guten alten Zeit der örtlichen Kleinteiligkeit zurück.
    Gemeinschaftsgefühl war vielleicht in den 50er mit Fresswelle und Konsumwelle an das Shoppen in der Stadt gebunden - ich konsumiere (vorort, im Gedrängel, mit strengen Ladenöffnungszeiten!) also bin ich. Und alles Fremde von Auswärts, Versandhandel und Internet, das ist moralisch anrüchig?. Nein, das Gemeinschaftsgefühl ist hier zu kleinbürgerlich und kleinteilig gedacht.

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