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(Foto: Jason Leung for Unsplash)

Quergelesen: Frauenedition 5 Romane von Autorinnen, die man gelesen haben muss

Unequal Pay? Das gilt auch für den Literaturbetrieb. Da gilt es, gegen anzulesen. Fünf großartige Werke von Autorinnen, die keine Frauenromane sind.
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DüsseldorfAm jährlichen Equal Pay machen wir uns bewusst, dass Frauen in Deutschland weniger verdienen als Männer – laut laut Statistischem Bundesamt beträgt dieser um andere Faktoren bereinigte und „geschlechtsspezifische Entgeltunterschied“ derzeit 21 Prozent. Und so arbeiten Frauen, im übertragenen Sinne, im laufenden Jahr bis zum 18. März umsonst.

Geschlechtsspezifischer Entgeltunterschied ist wahrscheinlich ein Begriff, der jedem Poeten und Verfechter schöner Sprache Schmerzen empfinden lässt. Umso mehr Frauen aus dem Literaturbetrieb, denn dort beträgt dieser Unterschied ganze 28 Prozent. Übersetzerinnen, Lektorinnen oder Illustratorinnen erhalten von vornherein deutlich niedrigere Honorarangebote als männliche Kollegen, und Buchhändlerinnen verdienen sogar 36 Prozent weniger als Buchhändler.

Dabei ist die Buchbranche ziemlich weiblich: Vier von fünf hier Tätigen sind Frauen, es gibt mehr Lektorinnen und Übersetzerinnen als männliche Kollegen. Doch auf 80 Prozent der Entscheidungspositionen im mittleren Management sitzen Männer, als Verlagsleiterinnen fungieren laut einer Studie des Netzwerks „Bücher-Frauen“ nur vier Prozent Frauen.

Und Autorinnen? Auch sie erhalten geringere Honorarangebote für ihre Manuskripte, weniger Geld für Lesungen, weniger oft Literaturpreise. Bei dem Dutzend renommierter und hochdotierter Auszeichnungen wie dem Georg-Büchner-Preis gewinnen Männer sogar fünfmal häufiger als Frauen, der Nobelpreis ging 100-mal an Männer und 14-mal an Frauen.

Die beklagenswerte Liste lässt sich fortsetzen – oder es lässt sich einfach anerkennen, dass Frauen großartige Literatur schaffen, und gegen die wirtschaftliche Ungleichheit anlesen. Fünf wunderbare Romane von Autorinnen aus dem zurückliegenden Jahr, die pure Lesefreude bereiten und uns durch ihre Protagonistinnen und Geschichten einmalige Perspektiven auf Gesellschaft und politische Entwicklungen oder Denkanstöße geben:

Laetitia Colombani: Der Zopf
S. FISCHER
Frankfurt 2018
288 Seiten
20 Euro
ISBN: 978-3-10-397351-8

Darum geht es: In Indien setzt Smita alles daran, ihrer Tochter ein würdevolles Leben zu ermöglichen. In Sizilien entdeckt Giulia nach dem Tod ihres Vaters, dass das Familienunternehmen, die letzte Perückenfabrik Palermos, ruiniert ist. Und in Montreal soll Anwältin Sarah Partnerin der Kanzlei werden, als sie von ihrer schweren Erkrankung erfährt.

Das meinen wir: Hier sind die Lebenswege dreier höchst unterschiedlicher Protagonistinnen, die gleichzeitig in ihrem Mut, ihrer Kreativität und Tatkraft ähnlich beeindruckend sind, miteinander verwoben – ja, klare Hommage an den Titel, wobei der noch in einem weiteren Sinne eine Rolle spielt. Die Autorin hat dabei drei ergreifende Frauenporträts geschaffen, kunstvoll arrangiert, und lässt die Leser dabei völlig ohne Kitsch eintauchen in deren Perspektive und die jeweilige, auf dem Globus verteilte, gesellschaftliche und frauenpolitische Situation. Ein literarisches Meisterwerk, das berührt und nachdenklich macht.

Brit Bennett: Die Mütter
Rowohlt
Reinbek 2018
320 Seiten
20 Euro
ISBN: 978-3-498-00683-9

Darum geht es: Eine junge, schwarze Frau in einer amerikanischen Kleinstadt, deren Mutter sich das Leben genommen hat, die sich mit dem (weißen) Sohn des Pastors einlässt, abtreibt, Freunde findet, aber im Gegensatz zu ihrem Vater kein Zuhause in der Religion, das alles hinter sich lässt und als Erwachsene wieder heimkehrt.

Das meinen wir: Diese Geschichte, die prompt nach Erscheinen auf die US-Bestsellerliste sprang und für zahlreiche Preise nominiert wurde, hätte sich so wohl in vielen Kleinstädten der USA hätte zutragen können. Und doch ist es einmalig, was die junge, schwarze Autorin Brit Bennett hier geschaffen hat: mit klarer Sprache und fast schon lakonischer Präzision entwirft sie das eigentlich tief traurige Bild einer jungen, schwarzen Frau, die eben auch wegen ihrer Herkunft und Hautfarbe ihr Leben lebt, wie sie es lebt, und ihre Entscheidungen trifft, wie sie sie trifft. Ein Buch über Vorurteile und Hautfarben, Frauen und Männer, Lebenslügen und Bilderbuchfamilien, Religiosität und Konflikte hinter sauberen Gardinen. Ein Buch, das eine Facette Amerikas zeigt, die uns viel verrät über die Bruchlinien in der US-Gesellschaft in Zeiten Donald Trumps.

Lucy Fricke: Töchter
Rowohlt
Reinbek 2018
240 Seiten
20 Euro
ISBN: 978-3-498-02007-1

Darum geht es: Zwei Frauen brechen auf zu einer Reise in die Schweiz, mit einem todkranken Vater auf der Rückbank.

Das meinen wir: Ein Roadtrip zweier Frauen, die in der Mitte ihres Lebens stehen – und eben dieses Mannes, der am Ende seines ankommt. Grotesk, humorvoll, traurig, bewegend. Was bestimmt das Verhältnis zu unseren Eltern? Was machen (unerfüllte) Kinderwünsch mit uns? Wünsche, keine Kinder zu bekommen? Wie gehen wir mit Unglück und Leid um, mit Zufällen und Zwängen? Es sind Fragen, die unser Leben bestimme. Das gilt umso mehr in Zeiten, in denen uns Pflegenotstand, demografischer Wandel und sinkende Geburtenrate deutlich die Grenzen unseres Gesellschaftsmodells aufzeigen, obwohl wir uns seit Jahren weismachen, wir könnten und das perfekte Leben mit ein wenig gutem Willen und Geschickt schon selbst zusammenzimmern. Diese Gemengelage und die lakonischen Diskurse der Protagonistinnen ziehen hinein in dieses Auto und die wilde Fahrt Richtung Südeuropa, die immer wieder neue Richtungen einschlägt und am Ende eben unerwartet, nun, endet.

Dörte Hansen: Mittagsstunde
Penguin
München 2018
320 Seiten
22 Euro
ISBN: 978-3-328-60003-9

Darum geht es: Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf.

Das finden wir: Eine Hommage an das Dorf. Eine bestechende Beschreibung der 70er-Jahre auf dem norddeutschen Land. Eine Ansammlung von Dramen in der Enge des Kuhkaffs der Nachkriegszeit. Da sind die pflegebedürftigen Alten, die Kriegsheimkehrer, die verfallenden Höfe. die sich die Städter, die dort Marmelade kochen, krallen. Kurzum: Ein Blick auf das Deutschland von gestern, mit dem sich vieles von heute verstehen lässt, erzählt von Dörte Hansens mit der aus ihren Vorgänger-Bestsellern bekannten großartigen , nie konstruiert wirkenden Sprache, ihrer Empathie für die Menschen – und unverhohlenem Respekt für das Leben auf dem Land.

Angie Thomas: The Hate U Give
cbj
München 2018
512 Seiten
9,99 Euro
ISBN: 978-3-570-31298-8

Darum geht es: Ein kluges Mädchen aus einem überwiegend von Schwarzen bewohnten Stadtteil besucht eine mehrheitlich „weiße“ Privatschule – und dann wird ihr bester Freund Khalil vor ihren Augen bei einer Autokontrolle von einem Polizisten erschossen, was Folgen für ihr ganzes Viertel hat.

Das meinen wir: Das Buch, eigentlich ein Jugendbuch, liegt seit kurzem in deutscher Übersetzung auch als Taschenbuch vor. Bei Erscheinen in den USA 2017 , stürmte es auf Anhieb auf Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerlisten und gilt vielen bereits als Klassiker der amerikanischen Literatur. Zu Recht! Einmal angelesen, zieht einen diese Geschichte in den Bann, man kann das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die Protagonistin ist klug und klar, mutig und leidenschaftlich, und dabei doch einfach ein Mädchen, das sich verliebt, trauert, Ängste hat. Die Geschichte von Rassenhass und Ungerechtigkeit, gesellschaftlichen Zwängen und darauf entstehenden Nöten spiegelt einen widerlichen Teil US-amerikanischer Alltäglichkeit wieder, wobei Elemente davon sicher auch in jeder deutschen Stadt, die mit Neonazis zu tun hat, ihre Parallelen finden. Und all dem zum Trotz machen der Mut und der Widerstand der Unangepassten, der Menschlichen und Idealisten in diesem Roman Hoffnung. By the Way erfährt man auch, wofür „Thug“ steht.

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