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Rezension: „Die neuen Seidenstraßen“ Chinas Reise zurück in die Zukunft

Die neuen Seidenstraßen sind für den britischen Historiker Frankopan der Weg ins 21. Jahrhundert. Sein Buch rückt China wieder ins Zentrum der Welt.
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Steppenland an der Seidenstraße. Quelle: Imago
Zug in Kasachstan

Steppenland an der Seidenstraße.

(Foto: Imago)

BerlinPeking – einmal umsteigen. So steht es auf der Anzeigetafel des Berliner Ostbahnhofs. Gut sieben Tage dauert die mehr als 9.000 Kilometer lange Reise von der Mitte Europas ins Reich der Mitte – über fünf Grenzen hinweg und durch sieben Zeitzonen. Für Peter Frankopan ist es eine Reise zurück in die Zukunft. Den „Reiseführer“ dafür hat der britische Historiker jetzt geliefert.

In seinem nun auf Deutsch erschienenen Buch „Die Neuen Seidenstraßen“ weist er den Weg ins chinesische Jahrhundert. Der Leser spürt förmlich, wie der Autor vor seinen Augen eine Weltkarte ausbreitet und den Blickwinkel langsam Richtung Osten, Richtung China verschiebt.

Eine neue Welt entsteht vor unseren Augen“, sagt der 48-jährige Autor. „Jetzt ist es an uns, die Zeichen der Zeit richtig zu lesen.“ Frankopan ist überzeugt davon, dass die Entwicklung Chinas in den kommenden Jahren den Lauf der Welt im 21. Jahrhundert entscheidend mitbestimmen wird.

Der Brite sieht sich selbst als „Globalhistoriker“, was in etwa bedeutet: Er blickt von sehr weit oben auf das Weltgeschehen, wechselt öfter den Blickwinkel. Das hat er bereits bei seinem vorherigen Bestseller „Licht aus dem Osten“ (2016) getan, in dem er den Lauf der Welt aus einer östlichen Perspektive erzählt hat.

„Die Neuen Seidenstraßen“ sind die Fortsetzung dieser Erzählung, diesmal weniger akademisch, kurzweiliger, mehr journalistisch. Für den Leser durchaus ein Gewinn, da Frankopan ein guter Geschichtenerzähler ist. Das Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, da der Westen mehr und mehr unter einem „Chinasyndrom“ leidet.

„Wenn die Angst vor chinesischen Produkten wie jetzt im Fall Huawei wächst, breitet sich auch schnell Panik aus. Die emotionalen Reaktionen in Deutschland sind ein Beispiel dafür“, sagt der Historiker aus Oxford. Frankopan hält die aktuelle „China-Angst“ im Westen zwar für verständlich, aber auch für scheinheilig. „Wir gehen wie selbstverständlich davon aus, dass China ein Überwachungsstaat ist und seine Unternehmen uns bestehlen wollen.

Peter Frankopan: Die neuen Seidenstraßen – Gegenwart und Zukunft unserer Welt
Rowohlt
Reinbek 2019
352 Seiten
22 Euro
ISBN: 978-3737100014

Jedoch denken wir kaum darüber nach, dass Unternehmen wie Facebook viel mehr unserer Daten nutzen“, sagt er und prognostiziert, dass die Spannungen wachsen werden: „Die Huawei-Finanzchefin wurde verhaftet, die chinesische Wirtschaft ist unter Wachstumsdruck. Aus chinesischer Sicht sieht es nach einer konzertierten Aktion des Westens gegen China aus.“ Auf den Blickwinkel kommt es eben an.

Das gilt auch für das Jahrhundertprojekt der „Neuen Seidenstraßen“, das im Mittelpunkt von Frankopans Buch steht. Was von den Kritikern im Westen misstrauisch als Versuch Pekings gesehen wird, seine Einflusssphären bis nach Afrika und Europa auszuweiten, ist aus chinesischer Sicht lediglich die Rückkehr in eine wiederbelebte Welt mit dem Reich der Mitte als globales Zentrum.

Für Frankopan sind die neuen Seidenstraßen deshalb auch mehr als ein Mammutprojekt aus Straßen, Eisenbahnlinien, Schifffahrtsrouten und Flughäfen mit einem Volumen von bislang etwa einer Billion Dollar. Es sind vor allem auch Kommunikationswege für Ideen, kulturelle Bräuche und politische Ansichten. Nicht zufällig nannte der US-Sportartikelhersteller Nike einen Basketballschuh „Kobe X Seidenschuh“.

„Der Wiederaufstieg der Seidenstraßen bedeutet den Beginn einer neuen Epoche“, sagt der Brite. „Wir erleben eine Um- und Rückkehr zu den Verhältnissen, die vor dem Aufstieg des Westens herrschten.“

Beobachtungen eines weit gereisten Geschichtenerzählers

Frankopans feines Gespür für den Epochenwechsel von West nach Ost zeigt sich in vielen, zum Teil kuriosen Beobachtungen, die der weit gereiste Geschichtenerzähler seinen Lesern vor Augen führt: Wenn er etwa davon berichtet, dass der Aufstieg der chinesischen Mittelklasse die Nachfrage nach Eselshäuten dermaßen gesteigert hat, dass landwirtschaftlich geprägte Länder wie der Niger oder Burkina Faso bereits Exportverbote mit Blick auf China verhängt haben.

Der Grund für dieses Kuriosum: Eselshäute werden zur Herstellung eines in China äußerst populären Schmerzmittels benötigt.

Der wachsende Einfluss Chinas zeigt sich aber auch in unserem Alltag, wenn steinreiche Chinesen wie Jack Ma, Gründer des Internet-Handelsriesen Alibaba, traditionsreiche französische Weingüter aufkaufen und etwa in „Tibetische Antilope“ umbenennen. Sicherlich gehört es zu den Stärken des 346-Seiten-Buchs, dass der Autor die globale Verschiebung der Kräfte von West nach Ost mit Alltagsgeschichten wie diesen lebendig werden lässt.

Früher, so schreibt Frankopan, hätten reiche Briten von ihren Kulturreisen wertvolle Schätze mitgebracht. Heute sammelten die asiatischen Investoren Fußballklubs der englischen Premier League als Trophäen ihres Reichtums. Und nicht nur das: Auch die schwedische Autolegende Volvo und das Londoner Traditionskaufhaus Harrods sind längst in asiatischer Hand.

China als Zentrum der neuen Welt wird nach Meinung von Frankopan zwar am meisten von der Machtverschiebung in Richtung Osten profitieren, aber auch viele asiatische Nationen entlang der neuen Seidenstraßen dürften zu den Gewinnern der Zukunft gehören. Dazu zählt etwa auch Turkmenistan mit seinen riesigen Erdgasfeldern.

65 Prozent der weltweiten Erdgasvorkommen liegen im Mittleren Osten, in Russland und Zentralasien. Dort befinden sich auch mehr als die Hälfte der weltweiten Weizenproduktion und – zusammen mit Südostasien – 85 Prozent der globalen Reisanbauflächen.

Für Frankopan vollzieht sich der Aufstieg Asiens mit der Zwangsläufigkeit eines Naturgesetzes. Wobei er Risiken wie die wachsende Ungleichheit und die enorme Verschuldung nicht leugnet. Seine größte Sorge gilt jedoch etwas anderem: „Die neue Welt, die vor unseren Augen entlang der Seidenstraßen entsteht, ist keine freie Welt.“

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