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RezensionFührungskräfte: „Menschsein hat einen neuen Stellenwert bekommen"

Eine Kommunikationschefin und eine Psychologin haben ein sehr persönliches Buch über Essstörungen geschrieben und zeigen: Jeder hat Schwächen – und sollte dazu stehen.Claudia Panster 04.12.2022 - 15:21 Uhr Artikel anhören

Ob Burn-Out, Angststörung oder Magersucht: Immer mehr Menschen trauen sich ihre vermeintliche Schwäche öffentlich zu machen.

Foto: dpa

Düsseldorf. Es tut stellenweise sogar weh, so sehr fühlt der Leser mit bei der Geschichte von Sophie Matkovits, die sie gemeinsam mit ihrer Co-Autorin Brigitte Lenhard-Backhaus aufgeschrieben hat. Es ist eine sehr persönliche Geschichte, die sie da preisgibt.

Matkovits litt lange Zeit an Magersucht. Heute, geheilt, ist sie Kommunikations- und Politikchefin bei Austrian Airlines. Wie sie dort hingekommen ist, erfahren die Leser in „Hunger auf Leben“.

Vor allem aber zeigen Matkovits und Lenhard-Backhaus, wie ihre Krankheit die heute 30-jährige Matkovits geprägt hat und wie sie sie überwinden konnte. Es waren viele Faktoren, die sie damals in die Krankheit rutschen ließen. Entscheidend waren die sozialen Medien.

Überall präsentieren sich glückliche, gut aussehende, schlanke Menschen. „Scrolle ich heute durch die Bilder von damals, erkenne ich mich kaum wieder. Denn was man auf den Fotos sieht, ist nur die halbe Wahrheit“, schreibt Matkovits. „Was ich damals nicht gepostet habe, war das Ungefilterte. Die erste nicht geschaffte Uni-Prüfung, die Trennung von meinem damaligen Freund, meine Sorgen und Ängste.“

Und weiter: „Das echte Leben also. Das Nichtgelingen, das Scheitern. Das, was eigentlich zu einem ganz normalen Leben dazugehört, aber in der digitalen Welt zu selten Raum bekommt.“

Schwächen sind die neuen Stärken

Damals konnte sie das nicht erkennen. Heute sieht sie umso klarer: „Ich habe das Buch geschrieben, um zu helfen“, sagt Matkovits im Gespräch mit dem Handelsblatt. Sie selbst sei seit zehn Jahren geheilt.

Die Austrian-Sprecherin ist nicht die Erste, die sich traut, ihre vermeintliche Schwäche öffentlich zu machen. Die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel hat es getan mit dem „Buch an ihr Leben“ über ihr Burn-out, der ehemalige CDU-Generalsekretär Peter Tauber rückte nach einer Not-OP, die ihm das Leben hätte kosten können, in „Du musst kein Held sein“ seine Prioritäten gerade und verließ die Politik, der Manager Rüdiger Striemer offenbarte in „Raus! Mein Weg von der Chefetage in die Psychiatrie und zurück“ seine Angststörung, der Comedian Kurt Krömer steht mit „Du darfst nicht alles glauben, was du denkst. Meine Depression“ seit Monaten auf der „Spiegel“-Bestsellerliste.

Die Zeiten sind vorbei, in denen die Menschen funktionieren, immer perfekt sein, sich aufopfern müssen für den Job. Schwächen einzugestehen gilt heute als Stärke.

Matkovits beweist Mut, um die Menschen zu animieren, auch bei Essstörungen genauer hinzuschauen. An den Reaktionen auf ihr Buch merke sie, „wie wichtig es ist, das Thema aus der Tabuzone zu holen“.

Sophie , Brigitte Lenhard-Backhaus: Hunger auf Leben Kneipp Verlag Wien 2022 176 Seiten 23,00 Euro Foto: Handelsblatt

Entstanden ist die Idee zu dem gemeinsamen Buch schon vor der Coronakrise. Dann wollten Lenhard-Backhaus und sie erst abwarten, was Corona mit dem Thema macht. Das Ergebnis ist erschreckend: Die Anzahl von Personen mit Essstörungen hat sich nahezu verdoppelt.

Betroffen sind viele, aber nicht nur junge Frauen. „Es haben sich ganz viele Betroffene und Angehörige, auch Männer aus Wirtschaft und Politik, bei mir gemeldet“, sagt Matkovits.

Die Autorinnen beschreiben Matkovits’ (Leidens-)Weg, ihre Rückschläge, die Auseinandersetzungen mit ihrer Familie, beschönigen nichts. Lenhard-Backhaus erklärt die wissenschaftliche Seite zu dem Thema und gibt praktische Hilfestellungen für Betroffene.
Wichtig sei vor allem „ein reflektierter Umgang mit sozialen Medien“: „Andernfalls kann man schnell das Gefühl bekommen, nur das eigene Leben bestehe aus Niederlagen und Enttäuschungen.“ So sei es damals auch bei Matkovits gewesen: „Mein Algorithmus ließ mich denken, dass die Welt schier nur noch aus Models, harten Work-outs und Low Carbs bestehen würde.“

Mehr Literatur:

Heute folge sie nur noch Personen, die „Wert auf authentischen Content legen und ein gesundes Selbstwertgefühl mit ihrer Community teilen“, schreibt Matkovits. Jeder kenne es, wie schnell man Stunden vor sich hin scrollt, ohne es wirklich zu bemerken. Ihr habe das Messen ihrer Screenzeit mit dem Handy und das Definieren einer bestimmten Anzahl von privaten Onlinestunden sehr geholfen.

Das Feedback auf ihr Buch, sagt Matkovits, sei bislang überwiegend positiv. Auch seitens ihres Unternehmens, das sie vorher über dieses – private – Projekt informiert hatte.

Sie sagt: „Ich wäre nicht da, wo ich heute bin, wenn ich diese Erfahrung nicht gemacht hätte.“ Seit eineinhalb Jahren arbeitet sie bei Austrian Airlines.

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Vielleicht sei das immerhin auch eine positive Seite der Coronakrise: „Corona hat etwas mit uns gemacht. Menschsein hat einen neuen Stellenwert bekommen.“

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