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Weißes Haus

Michael Lewis zeichnet die USA als einen Staat, der mehr und mehr versagt.

(Foto: dpa)

Roman „Erhöhtes Risiko“ Was die öffentliche Verwaltung in den USA zum Stoff für Bestseller macht

Die Helden im jüngsten Werk von Bestseller-Autor Michael Lewis sind US-Beamte. Sie stehen für einen Staat, den Donald Trump zerschlagen will.
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MünchenEin ganzes Land als Versuchslabor, eine Regierung im Modus des permanenten Experimentierens: Das sind die USA unter Donald Trump. Wenn man sich einmal löst von der täglichen Aufregung um den Twitter-Narzissmus des amtierenden US-Präsidenten, fällt ein Blick auf ein fast beängstigendes, im Verborgenen laufendes Experiment.

Es zielt auf eine Kernfrage moderner Zivilisation: Wie viel Staat ist wirklich nötig? Wie stark können private Personen ersetzen, was Beamte tun? Wie sehr kann man Ämter und Ministerien kappen und verknappen? Oder auch: Wie hoch steigen die Gefahren eigentlich für uns alle bei unterbleibenden Hilfeleistungen der öffentlichen Hand?

„So viel Markt wie möglich, so viel Staat wie nötig“ – diese griffige Formel des einstigen deutschen Wirtschafts- und Finanzministers Karl Schiller beantwortet die Frage nicht, wo jenes nötige Minimum liegt, das in den USA derzeit ganz offenbar neu ausgelotet wird.

Auf solche Spannungsfelder weist ein amerikanischer Bestsellerautor, der in jungen Jahren in New York bei der damals führenden Finanzzockerbude Salomon Brothers als Trader gearbeitet hat. Und der sich danach in drei Jahrzehnten schriftstellerisch mit Daten und Risiken aller Art auseinandersetzte: zum Beispiel im Investmentbanking („Liar’s Poker“), im Silicon Valley („The New New Thing“), im Football („Blind Side“), im Baseball („Moneyball“), in der Hochfinanz („The Big Short“) und an der Börse („Flash Boys“).

Michael Lewis wurde zum Chronisten eines beschleunigten Kapitalismus, der auf Wetten genauso setzt wie auf Sport, Spiel, Spannung. Und nun? Öffentliche Verwaltung.

Michael Lewis: Erhöhtes Risiko
Campus Verlag
Frankfurt/Main 2019
224 Seiten
24,95 Euro
ISBN: 9783593509921

Handelte es sich vorher gewissermaßen um Glamourzonen des sozialen Lebens, so betritt der Autor nun bei seinem 15. Buch jenes Neuland, das für viele Menschen auch eine Art Brachland ist: den Sektor Staat. Ein Gebilde also, das in Debatten gerne als Heimstatt von Bürokraten, Unproduktiven und Langweilern gilt, als Terrain für alle, die es in der kompetitiven Privatwirtschaft nicht geschafft haben. „Beamte werden selten wegen ihrer Leistungen gefeiert“, schreibt Lewis, „in unserer Gesellschaft müssen sie eher als Sündenböcke herhalten.“

Das ist so ziemlich die Einstellung, die nach Lewis’ Meinung auch Donald Trump von der öffentlichen Sache hat, der Spross einer Immobiliensippe aus Queens, New York, der sich für die Arbeit seiner Ministerien offenbar wenig bis überhaupt nicht interessiert und sie im Grunde für nutzlos hält. Der im Streit mit der Opposition jüngst einen wochenlangen „Shutdown“ provoziert hat, mit 800.000 Beamten, die ohne Lohn blieben.

Eine Geschichte der unbekannten Helden

Die wahren Helden aber, das illustriert Michael Lewis immer wieder, sind eben all die Unbekannten in den Behörden mit ihren Ideen für das Gemeinwesen und Leistungen für Schwächere, all die Verschmähten der „Trumponomics“ – hier koloriert vorgeführt anhand der Vorkommnisse in den US-amerikanischen Ministerien für Landwirtschaft, Handel und Energie.

Es sind Storys über Störfälle. Über das „Unnormale“, das normal wurde. Über die Abweichung, die nun Regel ist.

In aller Ruhe, ohne den sonst so üblichen Furor von Anti-Trump-Streitschriften, widmet sich Lewis in persönlichen Geschichten seinen Charakteren, die unter Vorgänger-Präsident Barack Obama ihre höchste Schaffensfreude erlebt haben. Der Apparat bekommt ein Gesicht. Einer der im konzentrierten Reportagestil beschriebenen Akteure ist der einstige Investmentbanker John MacWilliams, der an einer zentralen Stelle des Buches auftritt. Da listet der langjährige Mitarbeiter im Energieministerium auf, wo aus seiner Sicht die Hauptrisiken der Regierungsarbeit liegen: Nuklearwaffen, Nordkorea, Iran, Cyberterrorismus in Stromnetzen sowie – und das ist das Erstaunliche – im „Projekt-Management“.

Die Charaktere im Roman sehen als Hauptrisiken für die Regierungsmitarbeit: Nuklearwaffen, Nordkorea, Iran, Cyberterrorismus in Stromnetzen sowie – und das ist das Erstaunliche – „Projekt-Management“. Quelle: Reuters
Das Kapitol in Washington

Die Charaktere im Roman sehen als Hauptrisiken für die Regierungsmitarbeit: Nuklearwaffen, Nordkorea, Iran, Cyberterrorismus in Stromnetzen sowie – und das ist das Erstaunliche – „Projekt-Management“.

(Foto: Reuters)

Das also ist das „fünfte Risiko“, wie Lewis’ Buch im Original heißt. Es entsteht, wenn eine Gesellschaft Langzeitrisiken mit Kurzzeitlösungen beantwortet. Und wenn angesichts schlechter alltäglicher Programmarbeit in einer Regierung die benötigten Innovationen ausbleiben, weil die Grundlagen dafür nicht gelegt sind: „Es geht um existenzielle Bedrohungen, die man nicht einmal mehr als solche erkennt“, erläutert Lewis.

Und um „die Gefahr, dass man gar nicht erst herausfindet, wie man einer Bedrohung begegnen kann“. Staatsversagen wird hier sozusagen systemisch. Oder, anders gesagt: Das Risikoportfolio der USA verschlechtert sich.

Sabotage von oben

Risikoexperte Lewis zeigt, dass die USA angesichts der gewachsenen Leistungsdefizite im Staatsapparat schlechter gerüstet sind für große Katastrophen wie Atomunfälle, Seuchen oder Naturereignisse. Aber auch Alltägliches wie die Ausgabe von Essensmarken an Bedürftige droht nicht mehr wie gewohnt zu funktionieren. Für Lewis gilt: alles eine Folge der Sabotage von oben. Alles erhöhtes Risiko. Geht etwas schief, sterben Menschen.

Tatsächlich zeigen sich zwei Jahre nach Trumps Inauguration hässliche Phänomene. Hunderte der insgesamt etwa 4000 Verwaltungs-Spitzenpositionen sind immer noch unbesetzt. Und wenn sich ein Topmann gefunden hat, dann aus dem eigenen politischen Lager, der Familie oder einem Lobbyverband. Damit, so Lewis, ist kein Staat zu machen.

„Es geht um existenzielle Bedrohungen, die man nicht einmal mehr als solche erkennt.“ Quelle: ddp/intertopics/eyevine/Evening Standard
Michael Lewis

„Es geht um existenzielle Bedrohungen, die man nicht einmal mehr als solche erkennt.“

(Foto: ddp/intertopics/eyevine/Evening Standard )

So bekam ausgerechnet der Nichtwissenschaftler Barry Myers, Chef des privaten Wetterdatenanbieters AccuWeather, das Sagen über die National Oceanic and Atmospheric Administration. Dazu gehört, zufälligerweise, der staatliche Wetterdienst, dessen Daten von AccuWeather für private Kunden aufbereitet und vermarktet werden können.

Von einer einst geplanten App für den Staatsservice ist keine Rede mehr. Myers hat ohnehin dafür plädiert, dass sich der Staat ganz aus der Wettervorhersage heraushält. Eine solche Grundhaltung ist auch bei Energieminister Rick Perry zu entdecken, der in früheren Zeiten das Energieministerium am liebsten rasch abgeschafft hätte.

Wir erleben eine Politisierung der öffentlichen Verwaltung nach ideologischem Muster. Das hat im Wahlkampf 2016 viele US-Wähler auf dem Land begeistert, deren Städte jedoch just von Subventionen jenes Agrarministeriums abhängen, dessen Budget Trump kürzt.

Was nicht ins Weltbild passt, wird eliminiert

„Die Bürger verstehen ganz offensichtlich nicht, wie ihr Staat funktioniert“, erklärt Lewis fast resigniert. Und wundert sich weiter, dass von vielen Behördenwebsites kostenloses Datenmaterial für das Publikum verschwunden ist, zum Beispiel Informationen zum Klimawandel, zur Misshandlung von Tieren oder zu Gewaltverbrechen.

Deutlich werden hier Szenen aus einem Marsch durch die Institutionen – einem Marsch von rechts. Dabei wird allem Anschein nach eliminiert, was nicht ins Weltbild passt. Immerhin ist Trump ja mit dem Versprechen angetreten, in Washington „den Sumpf auszutrocknen“. Marketing ist seine Kunst, Ignoranz seine Tugend.

Schon die „Übergabeteams“, die den Stabwechsel von Vorgänger Obama zu ihm organisieren sollten, ließen ihn komplett gleichgültig, referiert Lewis. Der frühere Präsidentenintimus Steve Bannon wird indirekt so zu Trump zitiert: „Ich habe nur gedacht, heilige Scheiße, dieser Typ hat von nichts eine Ahnung. Und das ist ihm scheißegal.“

Eine solche Haltung ist für die Ökonomie gefährlich. Selbst ein Radikalliberaler wie Friedrich August von Hayek wusste: „Kein vernünftiger Mensch kann sich ein Wirtschaftssystem vorstellen, in dem der Staat ganz untätig ist.“ Und für den Ordoliberalen Walter Eucken stand ohnehin nicht Markt gegen Staat, sondern seine Formel lautete: Markt und Staat. Synthese statt Antithese.

Unter Donald Trump aber verschieben sich die Gewichte. Anders als bei Margaret Thatcher und Ronald Reagan, die in den 1980er-Jahren plakativ (und teils auch nötig) Deregulierung und Entstaatlichung betrieben, handelt es sich jetzt um eine stille Revolution am falschen Ort, oft genug als üble Vetternwirtschaft zelebriert.

Netflix will das Buch verfilmen

Lewis liefert einen Erzählband, der solche Fehlentwicklungen en passant aufspießt. Wer aber eine weitgehende Analyse zu dem Schlüsselthema erwartet, wird enttäuscht. Einordnungen durch Politikwissenschaftler fehlen. Gelegentlich merkt man, dass einfach zwei Reportagen aus „Vanity Fair“ ins Buch montiert wurden.

Auch kommen Trump-Leute nicht zu Wort, was sicher eine journalistische Schwäche ist, aber keine dramaturgische. Es soll ja sozusagen eine Form gerechter Parteinahme sein, viel Licht auf die im Dunkeln der Amtsstuben richten, und schließlich haben Barack und Michelle Obama auch noch die Filmrechte erworben. Das liberale Netzwerk macht mobil.

Der nach außen alles andere als spektakuläre Stoff soll für Netflix verfilmt werden, das bei „House of Cards“ noch härtere Politware goutiert hat. Dass es auch Staatsdiener geben mag, die mit optimalem Ruhepuls der Rente entgegensehen, passt nicht in den Plot.

So ist der Staatsreport von Michael Lewis auch ein Teil der Polarisierung und des Lagerdenkens des Landes. Der Anti-Staat-Revolution der Trumpisten setzt er eine stille Anklage entgegen und eine laute Warnung: „Menschen, die nie Erfahrung mit einem dysfunktionalen Staat gemacht haben, sind weniger imstande, die Tugenden eines funktionierenden Gemeinwesens zu erkennen.“

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