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Schwedische Akademie Literaturnobelpreise gehen an Olga Tokarczuk und Peter Handke

Olga Tokarczuk und Peter Handke erhalten die Literaturnobelpreise für 2018 und 2019. Im vergangenen Jahr war wegen eines Skandals kein Preis verliehen worden.
Update: 10.10.2019 - 14:25 Uhr 1 Kommentar
Die beiden Schriftsteller haben in diesem Jahr jeweils einen Literaturnobelpreis gewonnen. Quelle: AFP
Olga Tokarczuk und Peter Handke

Die beiden Schriftsteller haben in diesem Jahr jeweils einen Literaturnobelpreis gewonnen.

(Foto: AFP)

Stockholm Die Literaturnobelpreise für 2018 und 2019 gehen an die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk und den österreichischen Schriftsteller Peter Handke. Zu den bekanntesten Romanen von Torkarzcuk zählt „Ur und andere Zeiten“, der 2000 im Berlin-Verlag erschien.

In der Begründung lobt die Schwedische Akademie die polnische Schriftstellerin für „ihre erzählerische Vorstellungskraft, die mit enzyklopädischer Leidenschaft das Überschreiten von Grenzen als Lebensform“ aufzeige. Tokarczuk wurde 1962 in Sulechow geboren und lebt heute in Wroclaw. Im vergangenen Jahr gewann sie den renommierten Man-Booker-Preis für ihren Roman „Unrast“.

Die 57-jährige Polin befindet sich derzeit auf einer Vorlesungsreise in Deutschland. Sie erhielt den Anruf der Akademie „irgendwo im Niemandsland zwischen Berlin und Bielefeld“, wo sie am Abend eine Vorlesung hält, erzählte sie im Schwedischen Rundfunk. „Ich bin sehr, sehr glücklich, aber es fühlt sich ein wenig surrealistisch an“, sagte sie und fügt hinzu, dass sie sich besonders darüber freue, dass sie zusammen mit Peter Handke die Auszeichnung erhalte. „Er ist einer meiner Favoriten“.

Handke wurde 1942 in Griffen/Kärnten geboren. Sein Debütroman „Die Hornissen“ erschien 1966. Handke wurde auch als Theaterautor unter anderem mit seinem Stück „Publikumsbeschimpfungen“ bekannt. Eines seiner bekanntesten Werke ist der 1970 erschienene Roman „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. Der österreichische Schriftsteller und Dramatiker erhalte den Literaturnobelpreis für „ein einflussreiches Werk, das mit linguistischen Einfallsreichtum die Randbereiche und die Eigenarten der menschlichen Erfahrung erforscht hat“.

Heute lebt der österreichische Autor in der Nähe von Paris. Der 76-jährige sei „völlig überrascht“ von dem Anruf der Akademie gewesen, berichtete Akademiemitglied Anders Olsson. Er habe sich aber sehr gefreut und werde zur Preisverleihung nach Stockholm kommen.

Die Nobelpreise sind mit jeweils neun Millionen Kronen (839.000 Euro) dotiert und werden am 10. Dezember, dem Todestag ihres Stifters Alfred Nobel, in Stockholm und Oslo überreicht.

Die Auszeichnung von zwei Literaturnobelpreisträgern war notwendig geworden, nachdem die für die Nominierung verantwortliche Schwedische Akademie im vergangenen Jahr nach einem Missbrauchsskandal und Korruptionsvorwürfen auf die Preisverleihung verzichtet hatte.

Doch der Reihe nach. Eigentlich war es wie immer an jenem graukalten Donnerstagabend im April vergangenen Jahres in der Stockholmer Altstadt. Während die letzten Touristen durch die von alten, schmiedeeisernen Laternen in schummriges Licht getauchte „Gamla stan“ wanderten, hatten es einige ältere Herren und wenige Frauen sehr eilig. Källargränd 4, direkt am größten Platz in der Altstadt, war ihr Ziel.

Hier residiert die Schwedische Akademie, die 1786 vom damaligen König Gustav III. gegründet wurde und die sich um die Förderung der schwedischen Sprache, aber vor allem um die alljährliche Auswahl des Literaturnobelpreisträgers kümmern soll. Dort im ersten Stock stehen jeden Donnerstag Erbsensuppe und Literatur auf dem Menü. Seit Jahrzehnten ist das schon so, und Revolutionen sind selten in der Akademie.

Vieles sah denn auch wie gewohnt aus an jenem Donnerstag, doch der Schein täuschte. Zwar huschten die Akademiemitglieder wie auch sonst schnell in das feudale Börsenhaus, aber in ihren ernsten Gesichtern stand das Wort „Krise“ geschrieben. Nicht irgendeine, wie sie immer einmal wieder in der 232-jährigen Geschichte der Akademie vorgekommen ist, sondern die schwerste seit der Gründung.

Hinter verschlossenen Türen stritten die Akademiemitglieder rund drei Stunden lang, dann trat die Ständige Sekretärin der Akademie, Sara Danius, vor die Mikrofone und erklärte ihren Rücktritt. „Es war der Wunsch der Akademie, dass ich mein Amt niederlege und den respektiere ich“, erklärte Danius. Sie gibt nicht nur ihr Amt als Ständige Sekretärin auf, sondern auch ihren Sitz in der Akademie. „Ich hätte gerne weitergemacht, aber es gibt ja noch so viel anderes im Leben“.

Sie war die erste Frau, die die Schwedische Akademie führte. Und auch die erste Chefin der altehrwürdigen Institution, die für mehr Transparenz eintrat. Jetzt musste sie gehen, die Mehrheit der Akademiemitglieder sprach sich gegen den neuen Kurs aus. Und damit nicht genug. Auch Akademiemitglied Katarina Frostenson räumte ihren Stuhl bis auf Weiteres.

Belästigungsvorwürfe

Sie ist die Ehefrau von Jean-Claude Arnault, einem französisch-schwedischen Fotograf und Regisseur. Zugleich ist er der Auslöser der schwersten Krise der Akademie. Im Herbst 2017 hatten 18 Frauen Arnault sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Er soll seine Position als Kulturschaffender und Betreiber des Kulturvereins „Forum“ bei seinen sexuellen Übergriffen ausgenutzt haben.  

Das alles habe zum Teil in den Räumen der Akademie oder in von ihr angemieteten Wohnungen in Stockholm und Paris stattgefunden. Schlimmer noch: Mehrere Akademie-Mitglieder sollen von den groben Übergriffen gewusst, aber nichts unternommen haben. Der Beschuldigte wies alle Vorwürfe zurück und sprach von einer „Hexenjagd“ auf ihn.

Danius beauftragte eine Stockholmer Anwaltskanzlei, die Vorwürfe zu untersuchen. Die Juristen empfahlen, Anzeige gegen den Kulturverein von Arnault zu erstatten. Es kam zur Eskalation. Denn einige Akademiemitglieder wollten Frostenson ausschließen. 

Die Dichterin, die seit 1992 Mitglied der Akademie ist, wurde beschuldigt, ihrem Mann mehrfach den künftigen Literaturnobelpreisträger vorab genannt zu haben. Der habe dann vor Außenstehenden mit seinem Wissen prahlen können. Außerdem wurde ihr Vorteilsnahme vorgeworfen, denn sie habe verschwiegen, dass sie an dem Kulturverein ihres Mannes zur Hälfte beteiligt ist. Genau dieser Verein hat in den vergangenen Jahren immer wieder finanzielle Unterstützung der Schwedischen Akademie erhalten.

Eine Mehrheit der anwesenden Akademiemitglieder lehnte den Ausschluss von Frostenson ab. Daraufhin erklärten drei Akademiemitglieder ihren Rücktritt. Von den ursprünglich 18 Stühlen der Akademie waren nur noch elf besetzt, da bereits vor mehreren Jahren einige Mitglieder die Akademie verlassen hatten.

Das Problem: Bislang wurden die Mitglieder auf Lebenszeit gewählt, das heißt, erst nach dem Tod konnte ein Mitglied ersetzt werden. Doch mit nur noch elf aktiven Mitgliedern ist die Akademie, die jeweils bis zum Oktober den Literaturnobelpreisträger auswählen muss, nicht mehr handlungsfähig. Deshalb entschied man, keinen Literaturnobelpreisträger 2018 zu küren Stattdessen dürfen sich in diesem Jahr gleich zwei Preisträger über die höchste literarische Auszeichnung freuen.

Neue Statuten

Mittlerweile ist es wieder ruhiger geworden um die Schwedische Akademie. Arnault wurde zu einer zweieinhalbjährigen Haftstrafe wegen sexueller Übergriffe verurteilt. Seine Frau Katarina Frostensen verließ die Akademie. Die Statuten wurden auf Druck des schwedischen Königs, der Schutzpatron der Akademie ist, verändert. So entscheiden nicht mehr nur noch Akademiemitglieder über den Literaturnobelpreisträger, sondern fünf internationale Experten geben ebenfalls ihre Stimme ab. Vor allem aber konnte der neue Ständige Sekretär Mats Malm die freigewordenen Plätze in der Akademie neu besetzen.

Die Akademiemitglieder, die „in die Ereignisse des vergangenen Jahres verwickelt waren“, dürfen in den kommenden zwei Jahren nicht an der Wahl des Literaturnobelpreisträgers beteiligt werden, heißt es in den neuen Statuten. Ob die Maßnahmen reichen, die „sehr, sehr traurige Entwicklung“ der Akademie wieder in die richtige Richtung zu lenken, werden erst die kommenden Jahre zeigen.

Mehr: Drei Forscher teilen sich 2019 den Chemie-Nobelpreis: John Goodenough, Stanley Whittingham und Akira Yoshino werden für ihre Forschung an Lithium-Ionen-Batterien geehrt.

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1 Kommentar zu "Schwedische Akademie: Literaturnobelpreise gehen an Olga Tokarczuk und Peter Handke"

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  • Ich freue mich sehr für Peter Handke. Leider gibt es deutschsprachige Preisträger kaum noch bei den Naturwissenschaften (auch das ist irgendwie bezeichnend), aber immerhin noch öfters bei der Literatur.
    "Dem Monteur Josef Bloch, der früher ein bekannter Tormann war, wurde, als er sich am Vormittag zur Arbeit meldete, mitgeteilt, daß er entlassen sei. Jedenfalls legte Bloch die Tatsache, daß bei seinem Erscheinen in der Tür der Bauhütte, wo sich die Arbeiter gerade aufhielten, nur der Polier von der Jause aufschaute, als eine solche Mitteilung aus und verließ das Baugelände."
    Der Beginn von Handkes wohl berühmtester Erzählung "Die Angst des Torwarts beim Elfmeter" verstört - und selbst der unbedarfte Laie stellt sich die Frage: "Tickt der Protagonist noch ganz sauber?" Nein, das tut er nicht - und je weiter sich die Erzählung entwickelt, umso mehr entwickelt sich auch die schizophrene Persönlichkeitsstörung des "Helden" - und seine Entfremdung von der Umwelt. Diese Entfremdung ist ein zentrales Thema in Handkes Werken. Ein großer Erzähler erhält nun die verdiente Auszeichnung.

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