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Soziale Ungleichheit Wie sieht der Kapitalismus der Zukunft aus?

Der US-Ökonom Branko Milanovic hat ein alarmierendes Buch über unser Wirtschaftssystem geschrieben. Besser wird es nur, wenn wir uns bessern, meint er.
28.11.2020 - 11:44 Uhr Kommentieren
„Sollte China dem Westen in Zukunft wirtschaftlich überlegen sein, haben wir ein Problem“, meint Ökonom Milanovic. Quelle: picture alliance / AP Photo
Soldat in Peking

„Sollte China dem Westen in Zukunft wirtschaftlich überlegen sein, haben wir ein Problem“, meint Ökonom Milanovic.

(Foto: picture alliance / AP Photo)

Berlin Das gewerkschaftsnahe Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) legte vergangene Woche die Finger in eine Wunde unseres Wirtschaftssystems, die durch die Pandemie noch größer geworden ist: die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen.

Der WSI-Befund bestätigt den Trend, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich in vielen Ländern der Welt immer weiter öffnet. Wer vor der Coronakrise bereits zu den Geringverdienern zählte, dem hat das Virus finanziell noch einmal besonders hart zugesetzt. Die Beschäftigten der höchsten Einkommensklassen haben nach der WSI-Untersuchung dagegen kaum Einkommenseinbußen hinnehmen müssen.

„Noch ist es zu früh, um die Auswirkungen der Pandemie auf die globale Ungleichheit zu beurteilen“, sagt Branko Milanovic im Gespräch mit dem Handelsblatt, „aber schon jetzt ist erkennbar, dass sich insbesondere die Situation der Mittelschichten in den westlichen Industriegesellschaften durch die Krise weiter verschlechtert.“ Auch weil die Kostenvorteile ihrer asiatischen Konkurrenten kaum geringer geworden sind.

Der 67-jährige Ökonom ist vermutlich neben dem Franzosen Thomas Piketty der bekannteste Forscher, der sich mit dem Ausmaß und den Auswirkungen von sozialer Ungleichheit beschäftigt. Milanovic ist jedoch mehr als ein Empiriker, der aus einem Meer von Zahlen wichtige Trends ablesen kann.

Dem Serben mit amerikanischem Pass ist bewusst, dass die wachsende Ungleichheit der wohl gefährlichste Sprengsatz für den Kapitalismus ist. In seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch „Kapitalismus global“ (Originaltitel: Capitalism, Alone) wirft er einen dystopischen Blick auf das weltweit vorherrschende Wirtschaftssystem.

Gefahr einer weltweiten Plutokratie

„Die westlichen Mittelschichten stehen gleich von zwei Seiten unter Druck“, erklärt Milanovic, „von der durch die Globalisierung geschürten Konkurrenz in Asien und von den Reichen im eigenen Land.“ Die Pandemie habe diese Trends nicht unterbrochen, sondern verstärkt.

„Es sieht so aus, dass die wohlhabendsten Menschen in den reichen Ländern und fast alle in Asien von der Globalisierung profitiert haben, während nur die Mittelschicht der reichen Welt relativ gesehen den Kürzeren gezogen hat“, konstatiert der ehemalige Weltbank-Ökonom.

Branko Milanovic: Kapitalismus global. Über die Zukunft des Systems, das die Welt beherrscht.
Suhrkamp
Berlin 2020
404 Seiten
26 Euro

Die Enttäuschung darüber habe auch zum Aufstieg „populistischer“ Parteien und Führer im Westen geführt. Der Protest der „Gelbwesten“ in Frankreich und der weißen Mittelschicht in den USA entspringe dem gleichen Unmut und werde noch dadurch verstärkt, dass sich ökonomische und politische Macht immer mehr zu einem plutokratischen System verbänden.

Auf 400 Seiten zeichnet Milanovic erst den historischen Siegeszug des Kapitalismus nach, der einem darwinistischen Drehbuch folgt. Danach untersucht er akribisch die Spannungen, denen unser Wirtschaftssystem ausgesetzt ist. Neben der ungleichen Einkommens- und Vermögensverteilung sind es vor allem die sinkende soziale Mobilität zwischen den Generationen und die zunehmende soziale und politische Polarisierung, die er dem Kapitalismus ankreidet.

Nur die Rolle neuer Technologien bleibt in seiner Analyse zwiespältig. Milanovic bestreitet nicht, dass der technische Fortschritt die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewichte noch verstärken kann. Im Grunde aber bleibt er ein gläubiger Jünger eines technischen Fortschritts, der das Leben der Menschen unterm Strich besser macht.

Angetrieben wird die soziale Ungleichheit für Milanovic durch die Verschiebung der Einkommenszuwächse vom Faktor Arbeit hin zu den Kapitalbesitzern. Hinzu käme die zunehmende Konzentration des Reichtums, was der Autor auch als Folge davon ansieht, dass es sich bei den Topverdienern immer häufiger auch um die größten Vermögensbesitzer handelt und umgekehrt. Heirat und Erben würden zusätzlich zu dieser Konzentration von Reichtum beitragen.

Gewinner der Geschichte

Trotz dieser inhärenten Schwächen des Kapitalismus sieht Milanovic weit und breit keine konkurrenzfähige Alternative. „Die Vorherrschaft des Kapitalismus als die beste oder besser gesagt die einzige Möglichkeit, Produktion und Verteilung zu organisieren, scheint absolut zu sein“, schreibt der Autor.

Anders sehe es in der politischen Sphäre aus: „Ich habe Fukuyamas Prophezeiung, dass sich die Welt nach dem Fall der Berliner Mauer in eine einzige liberale Demokratie verwandeln werde, nie getraut“, sagt der Autor mit Blick auf das berühmte Werk „The End of History and the Last Man“ des amerikanischen Politologen. Es gebe weltweit nur ein ökonomisches Modell – den Kapitalismus –, aber verschiedene politische Systeme. Daran werde sich auch in Zukunft nichts ändern.

Das Forschungsgebiet des Ökonomen ist soziale Ungleichheit. Quelle: mauritius images / GARY DOAK / Alamy
Branko Milanovic

Das Forschungsgebiet des Ökonomen ist soziale Ungleichheit.

(Foto: mauritius images / GARY DOAK / Alamy)

Der Ökonom unterscheidet den liberalen Kapitalismus der USA vom „politischen Kapitalismus“ in China. Beiden Systemen konstatiert er erhebliche Schwächen. Hier vor allem die wachsende Ungleichheit, dort den fehlenden Rechtsstaat, ausufernde Bürokratie und Korruption.

Sollte China dem Westen allerdings in Zukunft wirtschaftlich überlegen sein, dann haben wir ein Problem“, warnt er, „wie können wir das erklären?“ Zwar würden die USA und Deutschland sicher nicht das chinesische Modell übernehmen. „Aber sich noch entwickelnde Länder wie etwa Äthiopien oder Sambia könnten das Vorbild China sehr attraktiv finden.“

Offen bleibt die Frage, ob der politische Kapitalismus Chinas seinen Teil des faustischen Paktes mit den 1,3 Milliarden Menschen des Landes erfüllen kann: stetig steigenden Wohlstand zu liefern im Gegenzug zur politischen Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei.

Erinnerungen an Ralf Dahrendorf

Der Kern des Buches ist jedoch die Frage, ob der Kapitalismus trotz der sozialen Zerreißprobe, die er hervorruft – und die der Autor übrigens auch seiner chinesischen Spielart vorhersagt –, überleben kann. Milanovic ist skeptisch: „Es reicht nicht, dass der Kapitalismus seinen eigenen Regeln folgt. Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, was legitim und ethisch akzeptabel ist und was nicht“, fordert der in New York lehrende Volkswirt.

Früher habe die Religion auch der Wirtschaft diese Grenzen des Gewissens gesetzt. „Heute wird unser wirtschaftliches Verhalten weder von religiösen noch moralischen Maßstäben gebremst“, urteilt Milanovic.

Vieles von dem, was der Ökonom kritisiert und fordert, erinnert an das Denken des großen liberalen Soziologen Ralf Dahrendorf, der zu seinen Lebzeiten ebenfalls vor der zersetzenden Wirkung sozialer Ungleichheit für die westlichen Gesellschaften gewarnt und an den moralischen Imperativ des „ehrbaren Kaufmanns“ appelliert hat.

Neben dieser Erneuerung des kapitalistischen Bewusstseins macht Milanovic eine Reihe von praktischen Vorschlägen, um das Wirtschaftssystem zu verbessern. Dazu gehören unter anderem höhere Steuern auf Vermögen und Erbschaften, mehr öffentliche Investitionen des Staates und das Verbot privater Wahlkampffinanzierung, um eine Konzentration von wirtschaftlicher und ökonomischer Macht zu verhindern.

Die Chancen für solche Reformschritte sind allerdings gering. Nicht nur treffen sie auf den oft erbitterten Widerstand der Betroffenen in den verschiedenen Ländern, sondern es fehlt zudem auch eine internationale Koordinierung, ohne die es zu enormen Wettbewerbsverzerrungen zwischen den einzelnen Volkswirtschaften kommen würde.

Mehr: Studie: Je höher das Einkommen, desto geringer die Corona-Einbußen

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