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Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron Wirtschaftsbuchpreisträger 2018 – „Chinesen haben ein anderes Menschenbild“

China wird in einigen Jahren wirtschaftlich an den USA vorbeiziehen, davon sind zumindest die Preisträger des deutschen Wirtschaftsbuchpreises 2018 überzeugt.
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Die Preisträger Guangyan Yin Baron und Stefan Baron (2.v.r.) mit Wolfgang Fink (Deutschlandchef von Goldman Sachs), Heinrich Riethmüller (Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels) und Hans-Jürgen Jakobs (Senior Editor Handelsblatt, v.l.).
Preisverleihung Deutscher Wirtschaftsbuchpreis 2018

Die Preisträger Guangyan Yin Baron und Stefan Baron (2.v.r.) mit Wolfgang Fink (Deutschlandchef von Goldman Sachs), Heinrich Riethmüller (Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels) und Hans-Jürgen Jakobs (Senior Editor Handelsblatt, v.l.).

Vor vier Jahren entstand die Idee zu dem Buch, erzählen die Sieger des Wirtschaftsbuchpreises. Schon bald wird China die USA überholt haben als Wirtschaftsmacht, nicht aber als „soft power“, meinen sie.

Herr Baron, was hat Sie dazu gebracht, ein Psychogramm Chinas zu entwerfen?
Stefan Baron: Wir haben festgestellt, dass das Wissen über China in Deutschland rudimentär und voller Vorurteile und Stereotype ist. Und das, obwohl China der größte Handelspartner von Deutschland ist. Rund 8000 Firmen sind in China tätig.

Was ist das größte Zerrbild, der größte Irrtum?
Guangyan Yin-Baron: Als ich vor mehr als 20 Jahren nach Deutschland kam, fragten mich alle, wie man Frühlingsrollen macht. Und ich fragte zurück: Was sind Frühlingsrollen? Ich habe die erst in Deutschland kennen gelernt! Generell gilt, dass Deutsche falsche Vorstellungen und Erwartungen haben.

Wie kann man ein Volk von 1,4 Milliarden Menschen porträtieren?
Stefan Baron: Man muss generalisieren. Wir haben uns auf die Han-Chinesen konzentriert und auf die Chinesen, die im Land leben. Es gibt Junge und Alte und Menschen, die in der Stadt oder auf dem Land leben, aber es gibt einen gemeinsamen Kern, den das „Chinesisch-Sein“ ausmacht, und den versuchen wir herauszuarbeiten.

Und welcher ist das? Ökonomisch gut zu sein?
Stefan Baron: Nein, wenn man das auf einen Satz bringen soll, geht es darum, dass die Chinesen ein völlig anderes Menschenbild haben als wir. Nicht das Individuum steht im Vordergrund, sondern die Familie. Sie sehen die Menschen nur als Teil eines Netzes.

Wie werden sich die Gewichte im Systemwettbewerb zwischen dem amerikanischen Modell des Finanzkapitalismus und dem chinesischen Modell eines Staatskapitalismus verschieben? Schafft es China, die mächtigste Nation der Welt zu werden?
Stefan Baron: Wirtschaftlich gesehen glaube ich ja. In zehn, 15 Jahren wird China an den USA vorbeiziehen, aber das heißt nicht, dass sie in der Kultur dominierend sind, also als sogenannte „soft power“.
Guangyan Yin-Baron: Ich fliege oft nach China und beobachte die Entwicklung. Die Chinesen brauchen Zeit. Es wird noch mindestens 20 Jahre dauern.

Staatspräsident Xi Jinping hat so viel Macht wie vorher nur Mao oder Deng Xiaoping. Was sind die Folgen? Gerade erst war der Interpol-Chef für einige Tage nicht auffindbar. Wie sehen Sie China in Sachen Rechtsstaatlichkeit?
Stefan Baron: Rechtsstaatlichkeit in unserem Sinne gibt es dort nicht und wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Was Xi Jinping betrifft, ist es meiner Meinung nach eher Nervosität. Er weiß genau, dass China nur an die erste Stelle kommt, wenn sich das Land weiter öffnet. Das bedeutet, die Staatsführung muss die Wirtschaft umstrukturieren, sie muss viel stärker Individualität zulassen. Das tut sie teilweise schon, aber es macht ihr auch Angst, dass durch die notwendige wirtschaftliche Umstrukturierung auch Unruhe kommt, dass viele Leute ihren Job verlieren. Deswegen zieht Xi die Zügel jetzt an.

Schreckt das die Liberalen im Land?
Guangyan Yin-Baron: Chinesen sind sehr pragmatisch. Sie wollen das eigene Leben verbessern und bessere Chancen für ihre Kinder. Das interessiert sie mehr als das Thema, die Nummer eins auf der Welt zu werden.

Wie schätzen Sie die wahre ökonomische Stärke Chinas ein?
Stefan Baron: China steht zwar auf Platz zwei bei der Größe des Bruttosozialprodukts. Liegt aber mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 10.000 Euro auf Platz 80, wenn man das auf alle umrechnet. China hat noch eine enorme Strecke zurückzulegen, denn es will ja wieder die führende Wirtschaftsnation der Welt werden. Das Ziel können die Chinesen nur erreichen, wenn sie die Wirtschaft ganz drastisch umbauen.

Und wie?
Stefan Baron: China muss sehr viel mehr auf hochklassige Wertschöpfung gehen. Billigproduktion wie in der Vergangenheit geht nicht mehr. Die Führung muss die Wirtschaft umstrukturieren und Staatsunternehmen schließen. Das kann zu Millionen von Arbeitslosen führen. Das ist eine schwierige Situation, denn es kann zu Unruhen kommen.

Stefan Baron, Guangyan Yin-Baron: Die Chinesen
Econ
Berlin 2018
448 Seiten
25 Euro
ISBN: 978-3430202411

Und wie beurteilen Sie die militärischen Ambitionen Chinas?
Stefan Baron: Militärisch haben sie gar keine so großen Ambitionen, wie ihnen unterstellt wird. China will nicht die größte Militärmacht der Welt werden. Das Verteidigungsbudget beträgt ein Viertel dessen der USA. Aber China ist abhängig von Öl- und Nahrungsmittelimporten, und die USA könnten die Zufahrtswege übers Meer schließen. Dagegen wehren sich die Chinesen. Deshalb ist auch die Seidenstraße so wichtig.
Guangyan Yin-Baron: Und es gibt einen zweiten Aspekt: Die vermeintliche Aufrüstung dient innenpolitischen Zwecken, sie soll den Menschen Stolz auf ihr Land vermitteln und so die Gesellschaft zusammenhalten.

Also kein Hegemonialstreben?
Stefan Baron: Die Chinesen haben grundsätzlich kein Sendungsbewusstsein. Sie fühlen sich als etwas Besonderes, wollen das aber nicht wie die Missionare nach außen tragen und die Welt bekehren. Sie wollen eine multilaterale Welt.

Wie soll Europa mit China umgehen? Die Stichworte sind Direktinvestitionen, künstliche Intelligenz und Elektromobilität ...
Guangyan Yin-Baron: Deutschland sollte mit China zusammenarbeiten, durchaus auch mit kritischem Blick. Aber ohne China geht es nicht.
Stefan Baron: Es ist eine historische Chance für Europa, sich in der Auseinandersetzung zwischen China und den USA von Washington zu emanzipieren. Wenn wir denn mit einer Stimme sprechen würden.

Frau Yin-Baron, Herr Baron, vielen Dank für das Interview.

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2 Kommentare zu "Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron: Wirtschaftsbuchpreisträger 2018 – „Chinesen haben ein anderes Menschenbild“"

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  • Den Satz "Dies dürfte eigentlich auf den gesamten Rest der Weltbevölkerung (nicht nur die in China) zutreffen" im 2. Absatz habe ich leider sehr schlecht formuliert (u.a., weil missverständlich).

    Hier die (hoffentlich) bessere Version:

    Dies dürfte eigentlich auf die gesamte Weltbevölkerung (nicht nur die Chinas) zutreffen.

  • Zur Aussage Guangyan Yin-Barons:

    „Chinesen sind sehr pragmatisch. Sie wollen das eigene Leben verbessern und bessere Chancen für ihre Kinder. Das interessiert sie mehr als das Thema, die Nummer eins auf der Welt zu werden“:

    Dies dürfte eigentlich auf den gesamten Rest der Weltbevölkerung (nicht nur die in China) zutreffen.

    Und irgendwo zugehörig – und in diesem Sinne als etwas „Besonderes“ – fühlt sich (hoffentlich) auch jeder. Schlecht ist das nur, wenn er sich ausgerechnet einer Gruppe „zugehörig“ fühlt, die das noch nicht realisiert hat.

    Fazit: Auch wenn der Mensch, um die Welt halbwegs „sortieren“ zu können (und so einen gewissen „Überblick“ über die ihn sonst wahrscheinlich heillos überfordernde Vielfalt zu gewinnen) wohl zwangsläufig „generalisieren“ muss (jedenfalls bis zu einem gewissen Grad - siehe die Interviewpassage:
    „Wie kann man ein Volk von 1,4 Milliarden Menschen porträtieren? - Stefan Baron: Man muss generalisieren. Wir haben uns auf die Han-Chinesen konzentriert und auf die Chinesen, die im Land leben. Es gibt Junge und Alte und Menschen, die in der Stadt oder auf dem Land leben, aber es gibt einen gemeinsamen Kern, den das „Chinesisch-Sein“ ausmacht, und den versuchen wir herauszuarbeiten“ –
    sollten wir aufhören, Menschen (ganz gleich welcher Herkunft oder „Nationalität“) über ihre jeweilige „Staatsführung“ – im Falle Chinas wäre der Begriff „ihre Herrscher“ schon in Anbetracht der Feststellung „Rechtsstaatlichkeit in unserem Sinne gibt es dort nicht und wird es auf absehbare Zeit nicht geben“ wohl zutreffender – zu definieren. Also erst recht, wenn in dem Land von demokratischen Verhältnissen keine Rede sein kann.

    Also statt von „China“, „die USA“, „Russland“ usw. besser von den "Menschen in China/den USA/Russland" sprechen.

    Eine in diesem Sinne „zulässige“ Generalisierung wäre dann im Falle Chinas z.B. die Feststellung „Nicht das Individuum steht im Vordergrund, sondern die Familie. Sie sehen die Menschen nur als Teil eines Netzes".

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