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USA Biografie über Kamala Harris: Wird sie die erste US-Präsidentin?

Mit Ehrgeiz, Klugheit und dem Schneid einer langjährigen Staatsanwältin schaffte es die neue US-Vizepräsidentin nach oben.
21.01.2021 - 17:00 Uhr Kommentieren
„Sie schauen auf uns“, sagt die US-Vizepräsidentin, „um zu sehen, was Wandel bedeutet.“ Quelle: action press
Kamala Harris bei der Vereidigung

„Sie schauen auf uns“, sagt die US-Vizepräsidentin, „um zu sehen, was Wandel bedeutet.“

(Foto: action press)

München Klar, „it’s Joe time“. Alle Welt schaut, wie der neue amerikanische Präsident versucht, die verlorene Ehre einer Nation wiederzugewinnen. Aber es gilt auch: „It’s Kamala time.“ Die Neugier auf die resolute, charismatische, dynamische Frau an der Seite des 78-jährigen Joe Biden ist ebenso groß, bei manchem sogar größer.

Schließlich ist sie die erste Vizepräsidentin und eindrucksvoller Beweis, was Menschen mit Immigrationshintergrund leisten können – ein Gegenmodell zur „white supremacy“ der Ära des Donald Trump. Und Kamala Harris, 54, wirkt geradezu prädestiniert, die großen Zukunftsfragen zu lösen, wenn die Nation erst einmal wieder zu sich gefunden und die aufgerissenen Gräben zugeschüttet hat.

Kein Wunder, dass das „Time Magazine“ sowohl Biden als auch Harris zu den „Personen des Jahres“ wählte.

Jenseits der USA und jenseits der Fernsehbilder ist aber wenig bekannt über den Shootingstar der Demokraten. So kam es, dass der „Mantel der Geschichte“ plötzlich für einen Regionaljournalisten aus dem nördlichen Kalifornien zum Greifen nahe war, schließlich hat Kamala Harris einen Gutteil ihrer beruflichen Laufbahn dort verbracht.

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    Also setzte sich Dan Morain, lange Zeit Redakteur bei der „Los Angeles Times“ und der „Sacramento Bee“, an seinen Computer und schrieb in zwei Herbstmonaten zusammen, was er vom Objekt seiner journalistischen Begierde wusste oder in Erfahrung bringen konnte.

    Es ist ein klassischer „Schnellschuss“, die Reaktion auf eine außerordentliche Karriere: Bezirksanwältin in San Francisco, Generalstaatsanwältin von Kalifornien, Senatorin, Vizepräsidentin. Und doch bietet Morains Faktensammlung eine erste Orientierung, selbst wenn er für dieses Buch weder mit Kamala Harris noch mit ihrer Familie gesprochen hat.

    Dan Morain: Kamala Harris. Die Biografie.
    Heyne
    München 2021
    384 Seiten
    22 Euro

    Aus eigenem Erleben bringt der Autor nur den gemeinsamen Besuch eines karibischen Restaurants in Sacramento ein. Er lernte etwas über eine Feinschmeckerin, die ungewöhnliche Gerichte bevorzugt, viel über Gewürze weiß und langsam isst.

    Liest man diese Biografie als Ergänzung zu Harris’ Autobiografie „The Truths We Hold“, gewinnt man am Ende immerhin einen Überblick über die wichtigsten Personen auf ihrem Weg aus einem schwarzen Viertel der Stadt Berkeley in das Weiße Haus von Washington. Es ist auch ein Buch über den Stolz auf Kalifornien: „Sie schauen auf uns“, sagt Harris, „um zu sehen, was Wandel bedeutet.“

    Die Familie: indische Göttinnen

    Den weitaus prägendsten Einfluss auf das Leben der Kamala Harris hatte ihre 2009 verstorbene Mutter Shyamala Gopalan Harris. Sie sei eine „Naturgewalt“ gewesen, „die größte Inspiration“ ihres Lebens, schrieb die Politikerin selbst auf Instagram: Die Mutter habe gelehrt, wie wichtig es sei, „hart zu arbeiten“ und an die Kraft zu glauben, „etwas das falsch läuft, geradebiegen zu können“.

    Das ist sozusagen Vermächtnis und Auftrag der Mutter, die in Indien als ältestes von vier Kindern eines hohen Verwaltungsbeamten aufwuchs und dann auf der Universität von Berkeley in der San Francisco Bay Area zur anerkannten Forscherin zum Thema Brustkrebs wurde. Dort in Berkeley lernte Shyamala auch den aus Jamaika stammenden Ökonomen Donald Jasper Harris kennen, den sie 1963 heiratete. Doch schon 1969 zerbrach die Ehe.

    Kamala Devi, 1964 geboren, und ihre Schwester Maya Lakshimi, Jahrgang 1966, blieben ganz im Bann der Mutter, die ihnen Zweitnamen aus der indischen Mythologie mit folgender Begründung gab: „Eine Kultur, die Göttinnen verehrt, bringt starke Frauen hervor.“ Später erzählte Kamala von ihrer Verehrung für die hinduistische Göttin Kali, die Unschuldige schützt und das Böse zerstört.

    Ihr Vater, dessen Urgroßvater einst auf Jamaika eine Plantage mit Sklaven besaß, spielte hingegen keine große Rolle. Einmal sah Donald Harris den Ruf der Familie bedroht, als seine berühmte Tochter auf die Frage nach eigenem Haschisch-Konsum antwortete: „Die Hälfte meiner Familie kommt aus Jamaika! Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“ Der Vater, Wirtschaftsprofessor der Stanford University, wütete über das „Vorurteil von kiffenden Vergnügungssüchtigen“.

    Je stärker Kamalas Karriere Fahrt aufnahm, desto wichtiger wurde ihre Schwester Maya. Die einstige Direktorin einer Bürgerrechtsorganisation wurde eine Art Generalmanagerin und oberste Beraterin. Die beiden telefonieren täglich, oft mehrmals.

    Zum Clan gehört seit einigen Jahren Douglas C. Emhoff, ein Anwalt, dem ein Kunde einst ein „Blind Date“ mit Kamala Harris vermittelt hatte. Diese L.A. Lovestory mündete 2014 in der Heirat. Mit ihrem Start als Vizepräsident zog sich Emhoff – nun „Second Gentleman“ – aus seiner Kanzlei zurück, die auch Lobbyaufträge abwickelt.

    Willie Brown: Prinzip Machtmaschine

    Den Weg in die Politik eröffnete ein Mann, der in Kalifornien eine Legende ist, und 1964, mit 30, bereits ins Landesparlament gewählt wurde: Willie Brown. Der Jurist verstand es, die „black community“ hinter sich zu organisieren und für die Demokratische Partei Unterhaussprecher zu werden – ehrfürchtig redet man von „Willie Brown’s Machine“.

    Mit ihm war der Klatschkolumnist des „San Francisco Cronicle“ befreundet, der 1994 über die Feier zum 60. Geburtstag des Politikers berichtete, dass Clint Eastwood „Champagner auf die neue Freundin des Vorsitzenden, Kamala Harris, geschüttet hat“.

    Das Paar reiste nach Paris oder zur Oscar-Verleihung, und Brown, der „Ayatollah des Unterhauses“, verhalf der Assistentin des Staatsanwalts von Alameda in zwei wichtige Ausschüsse. Nach Weihnachten 1995 endete die Beziehung, weil sich Brown nicht scheiden lassen wollte. Sie redete nie über die Liaison, er schon: „Ich liebte mich und sie liebte mich.“ Brown half ihr später immer wieder hinter den Kulissen und öffnete Türen.

    Für Kamala Harris, die das harte juristische Staatsexamen Kaliforniens erst im zweiten Anlauf bestanden hatte, zeichneten sich neue Perspektiven ab. Als stellvertretende Bezirksstaatsanwältin von San Francisco machte sie durch Tatkraft, Selbstbewusstsein und Empathie auf sich aufmerksam, einmal brachte sie Teddys für Adoptiveltern ins Gericht mit.

    Vor allem aber lernte sie die Fragetechniken, die ihr später im Kongress nutzen sollten. Als Harris gegen Amtsinhaber Terence Hallinan darum kämpfte, Bezirksstaatsanwältin zu werden, bezeichnete sie die alte Geschichte mit Brown als „Bürde“ – der es sich dann nicht nehmen ließ, auf der Siegesfeier 2003 zu reden: „Natürlich ist das auch der Sieg einer Frau. Natürlich auch ein ethnischer Sieg. Doch geschlagen hat sie Hallinan mit ihrer Kompetenz.“

    Mark Buell: Spur des Geldes

    Harris hatte früh begriffen, dass sie Zugänge zur „white community“ brauchte, und trat 1996 ins Kuratorium des renommierten San Francisco Museum of Modern Art ein. Zur entscheidenden Größe aber wurde Immobilienunternehmer Mark Buell, ein Großspendensammler für die Demokraten, dessen Frau Susie die Firmen Esprit und The North Face mitgegründet hat. In Buells Penthouse auf dem elften Stock eines Gebäudes in Pacific Heights ging der Adel der Demokratischen Partei ein und aus und genoss von oben den Blick zur Golden Gate Bridge und über die Skyline der Stadt.

    Buell hatte Kamala Harris zunächst für eine „Schickeria-Juristin mit Hochschulabschluss“ gehalten, regelte aber rasch nach dem Kennenlernen ihre Finanzen. Sie sei fürs Reden zuständig gewesen, er fürs Betteln, scherzte er. Sie gehörte auf einmal zum Führungsnachwuchs der Demokraten. Prinzipientreu plädierte Harris weiter gegen die Todesstrafe, auch wenn die für sie wichtige Polizeigewerkschaft just dieses Urteil gegen einen Polizistenmörder forderte. Harris machte mobil gegen Schulschwänzen und für Abschreckungsstrategien in Problemvierteln. „Politiker, die es in San Francisco schaffen, verstehen, wie man gewinnt“, schreibt Autor Morain.

    Von Buell erhielt Kamala Harris Ratschläge wie jenen, dass man beim Golfen den Charakter eines Menschen erkennt, vor allem aber viel finanzielle Unterstützung erhält. Als sich Generalstaatsanwältin Harris 2016 für den Senat in Washington bewarb, waren nach einigen Monaten vier Millionen Dollar gesammelt. Mark Buell hatte geholfen und Leute wie George Soros aktiviert.

    Barack Obama: black life matters

    2004 war Barack Obama noch Anwalt einer kleinen Kanzlei in Chicago und stand im Begriff, Senator von Illinois zu werden, da reiste Kamala Harris aus Kalifornien zu einem Fundraising an. Die gegenseitige politische Wertschätzung und Hilfestellung haben seitdem angehalten. Obama revanchierte sich kurz danach bei einer Spendenaktion für Harris in einem Nachtklub namens „Bimbo’s“.

    Das Magazin „Ebony“ zählte die beiden 2006 zu den einflussreichsten Afroamerikanern der USA, sie auf Platz fünf, er auf Rang 67. Natürlich reiste Harris 2007 auch zum Auftakt von Obamas Präsidentschaftswahlkampf an, obwohl Kalifornien Hillary Clintons Territorium war. Und natürlich half Obama weiter der „lieben, lieben Freundin“ bei Wahlkämpfen.

    In der Position des kalifornischen „Spitzen-Cop“ vermied es Harris zusehends, anders als früher, politisch klar Stellung zu beziehen. Sie konzentrierte sich auf markante Fälle: etwa auf Ermittlungen gegen das private Corinthian College, die von den Studenten Wucherpreise verlangten. Nach der Pleite des Colleges drängte sie den US-Präsidenten Obama erfolgreich dazu, dem Nachwuchs die Schulden zu erlassen.

    Etwas bleibt von ihr immer in Erinnerung. Kamala Harris steht für das, was kommen wird. Dan Morain (Buchautor)

    Gar nicht im Einklang befanden sich die beiden allerdings nach der Finanzkrise. Obama hatte einem Deal zwischen Banken und verschuldeten Hausbesitzern zugestimmt, doch Harris intervenierte. Im Zusammenspiel mit Beau Biden, dem Generalstaatsanwalt von Delaware, holte sie bei den Geldhäusern 20 Milliarden Dollar mehr raus. „Wir hielten uns gegenseitig den Rücken frei“, erinnerte sich Harris.

    Für Beaus Vater Joe Biden war die alte Freundschaft seines verstorbenen Sohns auch ein Grund, die kampffreudige Juristin aus Kalifornien zur „running mate“ zu erklären. Als das Onlineportal „Politico“ fragte, ob sie Obamas Vermächtnis übernehmen wolle, sagte Harris übrigens nur: „Ich habe mein eigenes Vermächtnis.“

    Dieses Vermächtnis sieht so aus, dass sie sich in den ersten vier Jahren im Senat als Frontfrau der Demokraten an den Gefechtslinien mit Donald Trump und seinen Leuten begriff. Seiner Twitter-Agenda setzte sie ihren Offensivgeist für Familien und die „Werte der Nation“ entgegen. Das brachte sie gleich in vier Ausschüsse: Geheimdienst, Infrastruktur/Umwelt, Haushalt, Innere Sicherheit/Regierungsangelegenheiten. Alles „Schlachtfelder“.

    Die Senatorin ließ keine Gelegenheit aus, bei Befragungen Trumps Leute vor laufender TV-Kamera zu grillen – ganz so, als sei sie an ihrem alten Arbeitsplatz „The Hall“ in San Francisco, wo mehrere „Dirty Harry“-Filme gedreht wurden. Je schärfer sie Figuren wie John Kelly, Rod Rosenstein oder Jeff Sessions anging, desto größer wurde ihr Ruhm. Unter dem Motto „Courage, not Courtesy“ polarisierte sie von der anderen Seite.

    Den Gipfel erreichte die Abtreibungsbefürworterin bei ihrer penetranten Befragung des künftigen Bundesrichters Brett Kavanaugh. „Können Sie irgendein Gesetz benennen, das dem Staat die Macht gibt, eine Entscheidung über den Körper eines Mannes zu treffen?“, fragte sie so lange, bis diese Antwort kam: „Ich, äh, mir fällt gerade keins ein, Senatorin.“

    Kamala Harris habe zielgerichtet die große Bühne gesucht und „Unverfrorenheit vor TV-Kameras als Wiedererkennungswert“ genutzt, urteilt Biograf Morain: „Sie schien prägnante O-Töne, sich viral ausbreitende Videos und plakative Headlines förmlich aus dem Ärmel zu schütteln – aus der Kleindarstellerin wurde ein Star.“

    Irgendwann wollte die Frau, die Chucks, Abendessen im kleinen Kreis und Basketball liebt, selbst Präsidentin werden, stoppte die Kampagne aber nach verheißungsvollem Beginn aus Geldmangel. Bis Joe Biden am 11. August 2020 anrief: „Bereit, an die Arbeit zu gehen?“ Antwort: „Du lieber Himmel, und wie ich bereit bin.“

    Dan Morains Biografie ist gut angereichert mit solchen Szenen. Er clustert sich ein Porträt zusammen über eine kluge, malochende, scharfsinnige Frau mit einem vielfältigen kulturellen Hintergrund. Und schildert, wie mitfühlend und liebevoll Kamala Harris sein kann, wie sie andererseits aber auch Menschen verprellt hat, die ihr einst so nahestanden wie Familienmitglieder.

    Jedenfalls macht sie immer Eindruck, „etwas bleibt von ihr immer in Erinnerung“. Zu unterschätzen ist sie nie. Morains Buch hat eine klare Botschaft: „Kamala Harris steht für das, was kommen wird.“

    Mehr: Kamala Harris ist für viele Demokraten die eigentliche Hoffnungsträgerin

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