Bunt und geordnet

Zwei Mitarbeiterinnen ordnen Bücher auf der Frankfurter Buchmesse.

(Foto: dpa)

Weltgrößte Literaturausstellung Was dieses Jahr auf der Buchmesse wichtig ist

Was hat es mit dem Hashtag #VerlageGegenRechts“ auf sich? Welche Rolle rechte Verlage auf der Frankfurter Buchmesse spielen – und wofür es Kritik gibt.
Kommentieren

„Einen schönen guten Tag, Sie sind fast am Ziel“, ruft Thomas Lackmann ein paar Leuten zu. „Noch fünf Meter!“ Noch fünf Meter den Gang entlang, dann kommen die Besucher der Frankfurter Buchmesse am Stand der rechtskonservativen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ an.

Der Stand ist in diesem Jahr nämlich etwas versteckt, am Ende eines Ganges in Halle 4, deswegen muss Stand-Mitarbeiter Lackmann ein bisschen nachhelfen und auf ihn aufmerksam machen. Nachdem es im vergangenen Jahr auf der Buchmesse Tumulte und Rangeleien gegeben hatte, waren die Veranstalter diesmal besonders vorsichtig und haben ein paar Verlagen Stände am Rand zugewiesen. Die Junge Freiheit ist einer von ihnen.

Das Grüppchen, von Thomas Lackmann angeleitet, schlendert weiter und schaut sich am Stand um. So unauffällig ist er gar nicht. Ein großer roter Würfel mit den Lettern „JF“ prangt unter der Decke, von weit weg erkennt man die Buchstaben, wird darauf aufmerksam. Doch es komme nicht viel Laufkundschaft vorbei, so Dieter Stein, Geschäftsführer und Chefredakteur der Jungen Freiheit.

„Die Leute drehen um, wenn sie schon sehen, dass sie auf eine Sackgasse zulaufen“, ärgert er sich. In den Jahren zuvor, so Stein, hätten die Mitarbeiter die Zeitung den Messebesuchern im Vorbeigehen in die Hand drücken können. So hätten sie etwa 4000 Probeexemplare verteilt. „Ich bezweifele, dass wir dieses Jahr die Hälfte davon verteilen werden.“

Die Messebesucher tragen trotzdem einiges an gesammeltem Material mit sich herum. Immerhin laufen sie an mehr als 7300 Ausstellern aus 100 verschiedenen Ländern vorbei, die über 400.000 Bücher, Grafiken, Landkarten und digitale Medien wie Hörbücher und E-Books präsentieren – und eben auch Proben, Lesezeichen, Zeitschriften und Snacks verteilen. Die weltweit größte Literaturausstellung wird in diesem Jahr 70 Jahre alt und steht unter dem Zeichen der Menschenrechte – vor allem weil auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte seit 70 Jahren besteht.

Auf der Messe gibt es jedes Jahr politische Diskussionen zur Genüge – die Debatte zwischen Rechts und Links ist in diesem Jahr aber besonders angespannt, eben wegen der Konflikte des vergangenen Jahres. Die Veranstalter wollten mit der Platzierung der Jungen Freiheit und einiger anderer rechter Verlage wie „Manuscriptum“ und „Cato“ am ruhigeren Rande für Sicherheit sorgen, so die offizielle Begründung. Doch nicht nur das: Polizisten und Sicherheitsbeamte laufen vor allem in Halle 4 zwischen den Gästen umher, und auch Sicherheitskameras sind angebracht.

So sind die Verlage nicht mitten im Geschehen, aber immer noch vertreten. Der Direktor der Frankfurter Buchmesse Juergen Boos findet: „Es ist unmöglich und auch nicht unsere Aufgabe, sie von der Messe fernzuhalten. Aussteller, die nicht gegen deutsche Gesetze verstoßen, müssen wir zulassen. Wir sind kein Tendenzbetrieb.“ Er betont: „Die Frankfurter Buchmesse steht seit ihrer Wiedereröffnung nach dem Zweiten Weltkrieg 1949 für Meinungs- und Publikationsfreiheit, für internationale Vernetzung und Dialog. Gleichzeitig stehen wir für die Idee von Aufklärung und Vielfalt.“

Die Lösung mit der schlechteren Standplatzierung begrüßen viele aber nicht. „Es ist ein Armutszeugnis der Messe“, sagt Junge-Freiheit-Chef Dieter Stein. „Der Veranstalter legt so viel Wert auf das freie Wort, auf Meinungsfreiheit und auf Menschenrechte. Und auf der anderen Seite bringt er es nicht fertig, seine langjährigen Kunden so zu behandeln wie alle anderen.“

Immerhin: Die Maßnahmen bringen etwas. Bisher hat es keine Tumulte, keine tätlichen Auseinandersetzungen gegeben. Die Junge Freiheit beschwert sich über etwas anderes. Das Team hatte zwei menschengroße Pappfiguren aufgestellt. „Wir mussten die Figuren aber wieder wegnehmen, weil jemand ein Hitler-Bärtchen darauf gemalt hat“, sagt Stein. Die Kameraaufnahmen halfen: Ein Mitarbeiter von einem anderen Stand habe wohl am Vorabend der Messe auf die Figuren gekritzelt. Die Junge Freiheit hat Strafanzeige gestellt.

Die Gegenseite hat dafür kein Verständnis. Ingo Höhmann arbeitet bei der linken Tageszeitung „Junge Welt“ und versucht, Messebesucher von dreiwöchigen Probeabonnements zu überzeugen. „Die rechten Verlage heulen sich ja jetzt aus, weil sie da hinten in der Ecke sind“, spottet er. Er sei froh, dass es bisher ruhig geblieben ist. Klar gebe es ein paar Provokateure, die an seinen Stand kämen, so Höhmann, aber denen entgegne er mit inhaltlichen Argumenten.

Es hat sich im Vorfeld außerdem ein Aktionsbündnis gegründet. Unter dem Hashtag #VerlageGegenRechts setzen mittlerweile über 80 Verlage und 200 Einzelpersonen und Initiativen ein Zeichen gegen rassistisches, antifeministisches und homofeindliches Gedankengut. Zu erkennen waren die Aussteller an einem grünen Lesezeichen mit dem Hashtag darauf. Das zeigt, wie sehr der Konflikt zwischen Rechts und Links die Buchmesse, ihre Aussteller und ihre Besucher beschäftigt. Aber die Leute interessiert noch vieles mehr.

Im Erdgeschoss der Halle 4 zum Beispiel bleiben viele Menschen vor einer Wand stehen. Zu Anfang der Messe war die Wand noch weiß – mit jeder Stunde, die vergeht, wird sie bunter. Zum Jubiläum der Menschenrechtserklärung haben der Börsenverein und die Buchmesse eine Kampagne mit dem Namen „On the Same Page“ gestartet. Die Wand ist wie eine Seite, sie alle schreiben auf derselben Seite, so der Gedanke der Organisatoren.

Die Messebesucher malen kleine Herzen und Bücher an die Wand, schreiben Zitate und Sprüche nieder – über Gleichberechtigung, über freie Liebe, über die Liebe zu Büchern. Zum Beispiel: „Hass ist krass. Liebe ist krasser.“ Oder: „Ausgegrenzt zu werden, ist für keinen schön. Das erkennen die Menschen leider erst, wenn es sie betrifft.“

Messedirektor Boos betont, wie wichtig das Thema ist: „Die Deklaration der Menschenrechte und ihre Inhalte nehmen wir für selbstverständlich, obwohl die Rechte nicht einmal in Europa richtig eingehalten werden. Das wollen wir ins Bewusstsein rücken, weshalb wir die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ins Zentrum der Buchmesse stellen.“

Auch Nina Graber will sich auf der Zitate-Wand verewigen. Sie steht auf einem Hocker – auf ihrer Schulterhöhe ist kein Platz mehr, so viele vor ihr haben schon etwas verfasst. Nina schreibt: „Die Welt ist eine Familie, und jeder einzelne ist ein großer Teil davon. #love“.

Dann noch ihre Unterschrift. „Ich habe das aufgeschrieben, weil ich davon überzeugt bin“, sagt die junge Autorin, die darüber auch ein Buch geschrieben hat. „Ich bin für Menschenrechte. Denn am Ende gibt es nur eine Nation, und die heißt Mensch.“

Startseite

Mehr zu: Weltgrößte Literaturausstellung - Was dieses Jahr auf der Buchmesse wichtig ist

0 Kommentare zu "Weltgrößte Literaturausstellung: Was dieses Jahr auf der Buchmesse wichtig ist"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%