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Wirtschaftsbuchpreis 2022Piketty für Einsteiger: Eine Provokation für die ordnungspolitische Debatte

„Eine kurze Geschichte der Gleichheit“ bringt den französischen Ökonomen Thomas Piketty hinein in eine breite, soziale Bewegung.Hans-Jürgen Jakobs 27.08.2022 - 17:58 Uhr Artikel anhören

In seinem Buch beschreibt Thomas Piketty, wie starke Ungleichheit in den USA den Aufstieg von Donald Trump beflügelt hat. Ein Umverteilungsprogramm ist in den USA wenig gewünscht.

Foto: Reuters

München. Das Ziel der Gleichheit ist ein eminent politischer Faktor, gleichwohl delikat. Zu viel „Gleichheit“ – so wie im ordinären, planwirtschaftlichen Sozialismus – führt genauso zu Lähmungserscheinungen wie zu wenig „Gleichheit“ in einer Plutokratie, die Reiche immer reicher macht.

Der französische Ökonom Thomas Piketty hat zu diesem Thema schon einige dicke, mit Datenreihen als „provisorische Konstruktionen“ befrachtete Wälzer vorgelegt. Sie wurden in Fachkreisen heftig diskutiert, vor allem „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, doch vom breiten Publikum wenig gelesen.

Darum hat er nun mit „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“ einen Band nachgelegt, dessen Titel angelehnt ist an „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Bestsellerkönig Yuval Noah Harari und ihn inhaltlich rausholen soll aus dem Elfenbeinturm hinein in die soziale Bewegung.

Es handelt sich hierbei um „Piketty für Anfänger“, der auch Sklaverei, CO2-Emissionen und Frauenrechte betrachtet und noch einmal sehr anschaulich seine empirischen Erkenntnisse präsentiert. Demnach ist es in den westlichen Staaten in den vergangenen zwei Jahrhunderten zwar besser mit der Einkommens- und Vermögensgleichheit geworden, „egalitärer“ als 1900 oder 1950, dennoch prägen sich seit 1980 die Unterschiede zwischen denen da oben und denen da unten auch wieder aus.

Das führt der Autor auf den Thatcherismus und den amerikanischen Klon des Reaganismus zurück. Die Armen haben Bargeld und Bankeinlagen, die Reichen Firmen und Immobilien.

Der französische Autor hat mit seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“ den Wirtschaftsbuchpreis 2022 gewonnen.

Foto: Reuters

Anders als in Europa zeigt sich in den USA die Gefahr der Dichotomie in brutaler Form, was den Aufstieg des antiglobalistischen, antiliberalen Donald Trump begünstigte. Piketty führt eine Menge an Kurven- und Balkendiagrammen an, die etwa beweisen, dass zehn Prozent der reichsten US-Bürger 72 Prozent des Privateigentums (Europa 56 Prozent) halten, die untersten 50 Prozent aber nur zwei Prozent (Europa sechs Prozent). Und doch ist in den Vereinigten Staaten Trumpismus wahrscheinlicher als ein Umverteilungsprogramm, wie es Bernie Sanders im Angebot hatte.

Sollte die linke Demokratin Alexandra Ocasio-Cortez („AOC“) tatsächlich zu einer US-Präsidentschaftswahl antreten, könnte sie sich extensiv bei Piketty bedienen. Er ist vom Empiriker zum Einpeitscher geworden. Sein Buch soll Handlungsanleitung sein für Korrekturen am plutokratischen, postkolonialistischen System, das freien Export von Kapital und von in Finanzoasen manipulierten Steuergewinnen erlaubt.

Es gehe in Sachen Gleichheit eher „um den Aufruf, auf der Basis solider historischer Kenntnisse den Kampf fortzusetzen“, findet Piketty. Er wird nicht müde, progressive Steuern und starke Sozialsysteme zu fordern sowie im Nachlassfall von Begüterten ein „Erbe für alle“ dank progressiver Sätze bei Einkommen- und Vermögensteuern. 

Thomas Piketty: Eine kurze Geschichte der Gleichheit. C.H. Beck München 2022 264 Seiten 25 Euro Foto: Handelsblatt

Offen plädiert er für einen demokratischen, dezentralen, föderalen, selbst verwalteten Sozialismus (ein bisschen wie einst bei Ota Šik). Und Piketty preist die „trente glorieuses“, die Jahre zwischen 1950 und 1980, als die USA, Frankreich, Deutschland oder Schweden stärker sozialdemokratisiert waren, bevor die ihm verhasste neoliberale Welle über die Lande schwappte. Diese Gleichheitsgeschichte passt zur Literatur eben jener „trente glorieuses“.

Eine andere Frage ist, was eine Piketty-Politik, würde sie denn ernsthaft erwogen, aktuell überhaupt leisten kann. Der Autor bejaht marktwirtschaftliche Kräfte, doch sein System zerstört Anreize und steigert die Gefahr von Überbürokratisierung und staatlicher Präpotenz, ohne die Mindestwahrscheinlichkeit einer ordentlichen Leistungserfüllung.

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Als Provokation für die ordnungspolitische Debatte ist das Buch gleichwohl gut geeignet. Piketty legt Finger in die Wunden einer deformierten Marktwirtschaft, die Wohlfahrt mit Shareholder-Value verwechselt.
Gut zu lesen ist „Best of Piketty“ auch, etwa wenn er die in sich berechtigten, aber auch bigotten Postulate nach Chancengleichheit über Bildung entlarvt. Es ist Programm dieses Buchs, einen „universalistischen Souveränismus“ der Bürger einzufordern und dabei auf Hannah Arendt zu verweisen.

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Sie bezeichnete es als Hauptschwäche von Europas Sozialdemokratie zwischen den Weltkriegen, „dass sie die Notwendigkeit einer Weltpolitik, die den Herausforderungen einer Weltwirtschaft gewachsen wäre, nicht verinnerlicht hat“. Also auch Olaf Scholz sollte Piketty lesen

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