Deutscher Wirtschaftsbuchpreis Warum IW-Chef Hüther eine neue Globalisierung fordert

Trump, Handelskriege, Brexit: Die Globalisierung ist erschöpft und braucht einen Neuanfang, sagt der Ökonom Michael Hüther in seinem neuen Buch.
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„Die große Geschichte der Freiheit hat ihre Selbstverständlichkeit gerade wegen ihrer unbegrenzten Aufdringlichkeit und des Gefühls einer in der Ferne verursachten Fremdbestimmung verloren.“ Quelle: dpa
Michael Hüther

„Die große Geschichte der Freiheit hat ihre Selbstverständlichkeit gerade wegen ihrer unbegrenzten Aufdringlichkeit und des Gefühls einer in der Ferne verursachten Fremdbestimmung verloren.“

(Foto: dpa)

DüsseldorfEin Grauschleier hat sich über die Globalisierung gelegt. Was manchem einst als magische Formel für weltweiten Wohlstand galt, ist heute Chiffre für Ungleichheit und Identitätsverlust. In dieser Lage versucht sich der bekannte Ökonom Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, zusammen mit zwei Kollegen an einer Bilanz der Globalisierung. Schön fällt sie nicht aus.

Hüther unterteilt Globalisierung in zwei Wellen. Dabei erscheint ihm und seinen Co-Autoren die aktuelle zweite Welle ähnlich problembeladen wie die erste Phase des Weltkapitalismus (1870 bis 1914), als Industrienationen einen Wettbewerb um Kolonien ausfochten, sie ausbeuteten und mit Kanonenbootpolitik sicherten.

Damals wie heute schrumpfte, ausgehend von den protektionistischen USA, die Schar der Freihandelsstreiter, bis schließlich sogar das wirtschaftsliberale England ökonomische Schutzzäune errichtete. Begleitet wurde das Ganze von starken Migrationsbewegungen sowie einer medialen Revolution durch Telegrafen und Zeitungen – eine Rolle, die heute das Internet einnimmt.

Die fundamentale Innovation der Globalisierung sei jedoch die Internationalisierung der Wertschöpfungsketten gewesen, doch die Autoren um Hüther sehen hier aktuell eine „zunehmende Entkräftung“. Grund: In den Schwellen- und Entwicklungsländern bereichern sich einige wenige, während wichtige Institutionen ausfallen („Effizienzillusion“), in Industrieländern dagegen schwinde der Glaube an Wohlfahrt und Frieden mit dem Verlust von Jobs („Sicherheitsillusion“).

Das Symptom Trump

Entscheidend für die „zweite Globalisierung“ ist für Hüther das Jahr 1978 (Beginn der chinesischen Reformen unter Deng Xiaoping), sowie die Jahre 1989/1990 (Fall des Eisernen Vorhangs). Diese Zweiteilung wirkt etwas künstlich, ist doch mit Deng die Orientierung hin zum Westen verbunden und war doch auch schon in den Achtzigern im Westen ein finanzkapitalistischer Aufbruch in die Welt hinaus zu beobachten.

Michael Hüther, Matthias Diermeier, Henry Goecke: Die erschöpfte Globalisierung
Springer
2018
423 Seiten
19,99 Euro

Unstreitig ist, dass es der Globalisierung seit der Krise von 2008 an Akzeptanz fehlt. Der weltweite Handel stagniere, viele Schwellenländer würden „im Stillstand verharren“, so Hüther: „Die große Geschichte der Freiheit hat ihre Selbstverständlichkeit gerade wegen ihrer unbegrenzten Aufdringlichkeit und des Gefühls einer in der Ferne verursachten Fremdbestimmung verloren.“

Globalisierung bedeute immer auch Souveränitätsverzicht, notiert Hüther. Das wecke Widerstand, wie der aktuelle Trumpismus der USA zeige, der sich schon früher angekündigt habe: Allein die Anzahl protektionistischer Maßnahmen ist laut Hüther von unter 100 in 2009 auf knapp 350 in 2016 gestiegen. China wiederum fehlt es laut den Autoren an Wachstumsdynamik, da sich die Kommunistische Partei nicht von aufgeblasenen Staatsunternehmen befreien könne und Innovationsschübe fehlten.

Diese Sicht spart jedoch zweierlei aus. Erstens: Das virtuose Pekinger Spiel mit formal unabhängigen Privatkonzernen wie Alibaba, Tencent, Huawei oder Geely, die im Westen Anschluss finden. Und zweitens: Chinas weltweite strategische Investitionen.

Resigniert resümiert Hüther, am Beispiel China werde deutlich, dass die „Modernisierungsthese“, nach der Wirtschaftswachstum eine Demokratisierung befördere, sich als „leere Worthülse“ erweise. Leuchttürme der Freiheit entstehen eben nicht zwangsläufig als Nebenprodukt globalen Handels.

Für eine „dritte Globalisierung“, so Hüther, brauche es eine Weltöffentlichkeit und mehr Investitionen in Entwicklungs- und Schwellenländer, von China einmal abgesehen. Diese Globalisierung müsse erwachsen werden und zu transnationalen Institutionen sowie multilateralen Lösungen zurückkehren.

Eine Chance sieht Hüther, der für diese Arbeit an der Universität in Stanford forschte, in Einzelmaßnahmen wie einem Pflichthandel mit Luftverschmutzungsrechten, einer kapitalgedeckten Altersvorsorge für afrikanische Staaten, ‧sowie einer neuen intensiven Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft. Wie diese ausgelobte Allianz in Ländern wie China aufgehen soll, die Nichtregierungsorganisationen und Bürgerinitiativen kujonieren, bleibt ein Geheimnis.

„Die erschöpfte Globalisierung“ ist ein profunder Überblick mit reichlich Analogien und wissenschaftlichen Details, konsequent durchdekliniert für Güter, Finanzen, Technologie, Wissen und Arbeit. Eine faktenreiche Pflichtlektüre für alle, die über die Zukunft des Kapitalismus nachdenken. Die Globalisierung wird dieses Buch jedoch vermutlich nicht retten.

  • HB
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