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Deutscher Wirtschaftsbuchpreis Wie die Digitalisierung Deutschlands gesellschaftliche Mitte verändert

Die Mittelschicht verkommt zunehmend zum Lastesel des deutschen Sozial- und Steuerstaats. Daniel Goffart erkennt darin auch ein Symptom des KI-Zeitalters.
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Der Journalist plädiert für einen neuen Gesellschaftsvertrag für die digitale Zukunft. Quelle: imago images / Mauersberger
Daniel Goffart

Der Journalist plädiert für einen neuen Gesellschaftsvertrag für die digitale Zukunft.

(Foto: imago images / Mauersberger)

Berlin Wer hat 2019 das beste Wirtschaftsbuch geschrieben? Das bedeutendste Werk wird auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis ausgezeichnet. Die zehn Finalisten auf der Shortlist werden in den Wochen vor der Buchmesse vorgestellt. Heute: „Das Ende der Mittelschicht“ von Daniel Goffart.

Darum geht es:

Wie war es möglich, in der alten Bundesrepublik als Durchschnittsverdiener mit einem Gehalt eine ganze Familie zu ernähren? Und warum können sich heute normale Angestellte kaum noch eine Wohnung in einer Großstadt leisten – und das, obwohl die Zahl der Doppelverdiener-Haushalte sprunghaft gestiegen ist? Auf 400 spannend und unterhaltsam geschriebenen Seiten analysiert der Journalist Daniel Goffart die Lage vieler Leistungsträger.

Hinzu kommen Minuszinsen und der nur teilweise Abbau des Solidaritätszuschlags, der große Teile der Mitte auch noch künftig belasten wird. Goffart argumentiert dabei sehr weitblickend – und stellt unter anderem fest: Während die Gehälter der Top-Manager explodierten, stiegen die Realeinkommen der Arbeitnehmer in den vergangenen 30 Jahren nur sehr moderat. Der Durchschnittsverdiener musste danach sogar Stagnation oder Reallohnverluste verkraften.

Goffart spricht die relevanten Ursachen für die Sorgen der Menschen an. Seit einigen Jahren schießen die Mieten in die Höhe. Nur 45 Prozent der Deutschen besitzen derzeit Wohneigentum. Auch hier schien Goffart die Entwicklung vorausgeahnt zu haben. Schließlich war der umstrittene Berliner Mietendeckel bei Erscheinen des Buchs noch eine lokale Debatte.

Zudem werden seiner Meinung nach reguläre Festanstellungen in atypische Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt. Leih- und Zeitarbeit nehmen seit Jahren zu, ebenso geringfügige und befristete Beschäftigung. Inzwischen befindet sich fast jeder vierte Arbeitnehmer in einem solchen prekären Arbeitsverhältnis, das sind rund 7,7 Millionen Menschen.

Daniel Goffart: Das Ende der Mittelschicht.
Berlin Verlag
2019
400 Seiten
22 Euro
ISBN-13: 978-3827013965

Die Analyse von Goffart ist richtig, dieser Niedriglohnsektor macht auch Teilen der Mittelschicht Angst. Doch hier bleibt etwas Skepsis zurück. Der Abgesang trifft nicht auf den Großteil der knapp 45 Millionen Beschäftigten zu. In der Momentaufnahme gibt es eine Prekarisierung, die sich allerdings noch nicht stark in die Mitte reingefressen hat. Hier ist die These vielleicht etwas zu steil.

Das ist der Autor:

Daniel Goffart ist einer der Vorzeigedenker unter den führenden Berliner Journalisten. Der 58-Jährige, der auch für die Telekom arbeitete, war Hauptstadtbüroleiter des Handelsblatts. Heute schreibt er kluge und erfrischende Cover-Geschichten als Chefkorrespondent beim Nachrichtenmagazin „Focus“. Seine Biografien über Peer Steinbrück und Ursula von der Leyen sind viel beachtet. Und auch das „Das Ende der Mittelschicht“ garantiert eine spannende Kontroverse.

Das überrascht:

Als Überraschung am Ende des Buches präsentiert uns Goffart noch ein Interview mit Bundesarbeitsminister Hubertus Heil über die Arbeitswelt von morgen. Das Gespräch enthält viel Nachdenkenswertes. Vor allem die Frage nach der Verteilung der gewaltigen digitalen Rendite und die Kosten der Disruption wird uns noch lange beschäftigen.

Die Reformvorschläge am Schluss des Buchs sind auf 40 Seiten zusammengefasst. Im Kern plädiert Goffart für einen neuen Gesellschaftsvertrag für die digitale Zukunft, der zehn konkrete Punkte umfasst. Zentraler Bestandteil ist dabei die Wahrung und Durchsetzung des Rechts im Internet.

So viel versteht man:

Das Buch ist, wie man es von einer Edelfeder des Journalismus erwarten kann, unterhaltsam und kurzweilig geschrieben. Mit vielen Beispielen und Zahlen belegt Goffart seine These, dass die Mittelschicht der Lastesel des deutschen Sozial- und Steuerstaats ist. Der größten Veränderung des vertrauten Lebens, die der Mittelschicht noch bevorsteht, widmet der Autor weite Strecken seines Buches.

Am Ende versteht man, dass die Digitalisierung nicht nur die gesamte Industrie und damit die Basis unseres Wohlstands radikal verändern wird. Algorithmen und Künstliche Intelligenz stellen auch das bisherige Arbeitsleben und die Beschäftigungsstruktur von Millionen Menschen auf den Kopf. Für den Autor stehen wir am Beginn der digitalen Epoche und wollen nicht wahrhaben, dass es die Welt, wie wir sie kannten, in wenigen Jahren nicht mehr geben wird.

Mehr: Wer hat 2019 das beste Wirtschaftsbuch geschrieben? Das sind die zehn besten Werke des Jahres.

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