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Gala im Rahmen der Frankfurter BuchmesseDeutscher Wirtschaftsbuchpreis 2022: Das Siegerbuch vereint Science-Fiction und Fachbuch

„KI 2041“ der Autoren Kai-Fu Lee und Qiufan Chen ist das beste Wirtschaftsbuch des Jahres. Die Verkehrsexpertin Katja Diehl gewinnt mit „Autokorrektur“ den erstmalig vergebenen Leserpreis.Claudia Panster und Tobias Gürtler 23.10.2022 - 08:49 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Die Akteure des Abends freuen sich über eine gelungene Preisverleihung.

Foto: Markus Kirchgessner für Handelsblatt

Frankfurt. Krieg, Klimakrise, Energiekrise, Inflation, die noch immer anhaltende Pandemie: Es sind vor allem angsteinflößende Themen, die in diesen Tagen dominieren. Da ist es umso wichtiger, auch auf das zu blicken, was Hoffnung, Vertrauen und eine Richtung gibt. Einen Hinweis, wo die Zukunft die Menschen womöglich hinführt.

Vor diesem Hintergrund hat eine prominent besetzte Jury entschieden: Der Deutsche Wirtschaftsbuchpreis 2022 geht an den KI-Experten Kai-Fu Lee und den Science-Fiction-Autor Qiufan Chen für ihr Buch „KI 2041 – Zehn Zukunftsvisionen“, erschienen im Campus Verlag. Der Preis in Form eines gläsernen Buches ist mit 10.000 Euro dotiert. Das Handelsblatt vergibt ihn seit 16 Jahren gemeinsam mit der Frankfurter Buchmesse und der Investmentbank Goldman Sachs.

Das Gewinnerbuch sei „so sehr nach vorn gerichtet wie keines der anderen Bücher“, urteilte die Jury, die den Titel aus einer Shortlist von zehn Büchern ausgewählt hatte. Es liefere einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft wie auch die Wirtschaft, um das Verständnis von Künstlicher Intelligenz (KI) und deren Auswirkungen zu verbessern.

Gemeinsam entwickelten die beiden Autoren, die sich in ihrer Zeit bei Google kennengelernt haben – Lee war damals Chens Chef –, die Idee für ein ungewöhnliches Projekt, das Fiktion und Forschung zusammenführt. Der Computerwissenschaftler Lee entwarf eine „Technologiekarte“, wie er es ausdrückt, anhand der Chen zehn fiktive Geschichten schrieb. In einem analytischen Teil erläutert Lee nach jeder von Chens Erzählungen die Technologie, die im Mittelpunkt der Geschichte stand, und zeigt ihre Licht- und Schattenseiten auf.

Nach zwei pandemiebedingt etwas minimierten Ausgaben - einmal gar nur digital - konnte die Preisverleihung in diesem Jahr wieder im Rahmen einer feierlichen Gala im Frankfurter Hof stattfinden – vor fast 150 geladenen Gästen.

Kai-Fu Lee, Quifan Chen: KI 2041. Zehn Zukunftsvisionen. Campus Verlag Frankfurt 2022 534 Seiten 26 Euro Foto: Handelsblatt

Buchmesse-Chef Juergen Boos und Goldman-Sachs-Chef Wolfgang Fink, die beide Teil der Jury sind, berichteten von der besonders kontroversen Diskussion in diesem Jahr. „Wir haben hart und intensiv diskutiert. Ich habe im Laufe der Sitzung sogar den einen gegen den anderen Favoriten ausgetauscht“, sagte Fink. Die Buchmesse verstehe sich als „Spiegel der Gesellschaft“, sagte Boos – die Buchbranche spiegele, was passiert.

Dies zeigte auch die Shortlist in diesem Jahr. Die Themen waren vielfältig, ein klarer Trend – wie etwa im vergangenen Jahr die Pandemie – war nicht zu erkennen. Entsprechend vielseitig waren die Pitches, in denen die zehn Nominierten – oder ihre Vertreter aus den jeweiligen Verlagen – ihre Bücher dem Publikum vor der Verkündung der Preisträger noch einmal vorstellten.

Am Ende der Vorträge stimmte das Livepublikum darüber ab, wer es am meisten überzeugt hat – zwar ohne Auswirkung auf die Vergabe der Preise, aber als eine direkte Rückmeldung für die Autoren. Die schwedische Journalistin Katrine Marçal, die eigens aus ihrer Wahlheimat London angereist war, lag dabei vorn.

„Vor 5000 Jahren wurde das Rad entwickelt. Eine Erfindung, die die Welt und die Wirtschaft veränderte“, hatte Marçal in ihrem Pitch zum Buch „Die Mutter der Erfindung“ gesagt. „Danach haben wir Räder nahezu überall installiert – an Autos, Fahrrädern, sogar in Hamsterkäfigen. Wann aber setzten wir Räder unter unser doch oft so schweres Gepäck, um es besser transportieren zu können? Erst 1972.“

Dass es die Menschheit früher geschafft habe, Menschen auf den Mond zu schicken, als einen Koffer mit Rädern zu entwickeln sei eines der „großen Mysterien“ der menschlichen Innovationsgeschichte – und eine Frage, die in den letzten Jahrzehnten schon viele kluge Köpfe beschäftigt habe, sagte Marçal. Die Erklärung dafür liegt für sie im Gender-Bias. Er verhindere Innovationen, weil die Sicht der Frauen nicht ausreichend berücksichtigt werde. Und welcher Mann wäre vor 1972 schon bereit gewesen, Koffer auf Rädern hinter sich herzuziehen?

Die Journalistin überzeugte das Livepublikum mit ihrem Pitch am meisten.

Foto: Markus Kirchgessner für Handelsblatt

Der Ökonom Armin Falk erklärte in seinem Pitch, warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein – im Privaten wie im Beruf: „Moral hat einen Preis. Und je teurer eine soziale Handlung ist, desto unwahrscheinlicher ist sie.“ Und der Journalist Massimo Bognanni sprach über die „True-Crime-Geschichte“ Cum Ex – und darüber, wie sie unter den Augen des Staates passieren konnte. Es handle sich um einen „Skandal, der uns alle angeht“, sagte Bognanni in seinem Pitch. „Es ist unser Steuergeld, um das es hier geht. Es ist Geld, das uns jetzt fehlt – für die Verkehrswende, die Energiewende und vieles mehr.“

Katja Diehl: „Ich habe eine Mission“

Und dann war da noch die Verkehrsexpertin Katja Diehl, die ihren Pitch mit einer Frage eröffnete: „Willst du oder musst du Auto fahren?“ Es handelt sich um die zentrale Frage ihres im S. Fischer Verlag erschienenen Buchs „Autokorrektur“, in dem sie für die Verkehrswende kämpft, für eine Abkehr von der so großen Zentrierung auf das Auto als Deutschlands Verkehrsmittel Nummer eins. „Das Ich ist nicht so wichtig wie das Wir. Und das gilt auch beim Thema Mobilität“, sagte Diehl.

Bei den Leserinnen und Lesern des Handelsblatts hat sie damit offenbar einen Nerv getroffen. Vier Wochen lang hatten sie Zeit gehabt, für den Leserpreis abzustimmen, der kurz vor dem eigentlichen Wirtschaftsbuchpreis zum ersten Mal verliehen wurde. Die Mehrzahl der knapp 2500 abgegebenen Stimmen ging an Katja Diehl.

Ihr Werk sei „eine Mission“, sagte Katja Diehl bei der Preisverleihung. „Damit hier jetzt zu stehen berührt mich sehr.“

Foto: Markus Kirchgessner für Handelsblatt

Jubelnd und ungläubig zugleich kam Diehl auf die Bühne: „Ich bin gerade wirklich fassungslos“, sagte sie. „Allein schon, dass ich bis hierhin gekommen bin, ist großartig.“ Sie habe mit ihrem Buch eine Mission, habe den Menschen, die auf das Auto angewiesen sind, eine Stimme geben wollen, um aufzuzeigen, wo Alternativen nötig und möglich sind. 60 Interviews hat sie dafür geführt.

Warum die Jury sich für „KI 2041“ von Lee und Chen als Gewinner des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises entschieden hatte, begründete der Juryvorsitzende Hans-Jürgen Jakobs auf der Bühne so: „Das Buch ist gut lesbar – und das bei einem komplizierten Thema. Es beschreibt wichtige Trends der Zukunft, ist so etwas wie ein Lesebuch der Utopie, die heute schon zum Teil wahr ist, ohne dass uns das immer bewusst ist.“ Der Titel sei „Science-Fiction und Fachbuch in einem“. Er liefere „alle Argumente, um mit den Chancen, aber auch mit den Risiken für eine Gesellschaft umzugehen“.

Stellvertretend für die beiden chinesischen Autoren nahm Judith Wilke-Primavesi, Programmleiterin des Campus Verlags, die Auszeichnung entgegen. „Was mich am meisten fasziniert hat an diesem Buch ist, dass Künstliche Intelligenz sonst in vielen Publikationen sehr abstrakt rüberkommt und damit einen gewissen Schrecken mit sich bringt“, sagte sie auf der Bühne. Hier aber werde sie deutlich in der Praxis. „Kai-Fu Lee und Qiufan Chen zeigen auf, was KI wirklich bedeutet für das Leben der Menschen, in Beziehungen, in Familien.“

Der chinesische Autor war am Freitagabend live aus der Schweiz zugeschaltet.

Foto: Markus Kirchgessner für Handelsblatt

Lee hielt sich zu dem Zeitpunkt außerhalb Europas auf. „Qiufan und ich fühlen uns tief geehrt über diese hochgradig angesehene Auszeichnung“, teilte er schriftlich mit. „Ich hoffe, dass unsere Geschichten und Prognosen dazu beitragen, dass Leser weltweit ihre Sichtweise auf die technologischen Möglichkeiten und auf ihre eigene Zukunft erweitern können.“

Chen war live aus der Schweiz zugeschaltet und stand bei der Verkündung des Siegers vor einem Fast-Food-Restaurant im Regen. Die Auszeichnung sei „eine großartige Ermutigung“, freute sich der Co-Preisträger. Er und Lee hätten mit ihrem Buch beabsichtigt „den Menschen etwas Hoffnung zu geben – nicht nur mit Blick auf die Technologie, auch mit Blick auf die gesamte Zukunft der Menschheit“.

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Die beiden Autoren reihen sich ein in eine Riege namhafter Preiträgerinnen und Preisträger, darunter Vorjahressieger Markus Brunnermeier, Susanne Schmidt oder Yuval Noah Harari.

Daniel Zimmer, ehemaliger Chef der Monopolkommission und Gewinner des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises 2013, der wie drei weitere ehemalige Preisträger erneut zur Gala nach Frankfurt gereist war, hatte zuvor unwissend die Entscheidung der Jury auf dem Podium vorempfunden: „Ich bin der Meinung, dass man auch mit Belletristik Wirtschaft anschaulich und verständlich erklären kann.“ Kai-Fu Lee und Qiufan Chen haben mit ihrer experimentellen Mischform den Beweis angetreten.

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