Shortlist: Deutscher Wirtschaftsbuchpreis „Das Risiko und sein Preis“ – ein Ex-Börsenprofi holt zum Rundumschlag gegen Eliten aus

In seinem Buch arbeitet sich Börsenexperte Nassim Nicholas Taleb an Politiker, Bürokratie und Medien ab. Dort sieht er Auslöser für die nächste Finanzkrise.
Kommentieren
Das Bild der Lehman-Mitarbeiter nach der Pleite der Bank ging um die Welt. Die Finanzwelt geriet damals aus den Fugen. Steht ein erneuter Crash bevor? Quelle: Reuters
Lehman-Pleite

Das Bild der Lehman-Mitarbeiter nach der Pleite der Bank ging um die Welt. Die Finanzwelt geriet damals aus den Fugen. Steht ein erneuter Crash bevor?

(Foto: Reuters)

BonnEr gilt schon seit Langem als einer der unkonventionellsten Denker der Gegenwart, als ein scharfzüngiger Protagonist der „political incorrectness“ und entschiedener Gegner des Establishments: Nassim Nicholas Taleb, ehemaliger Börsenprofi, Risikoforscher und Philosoph libanesischer Herkunft.

Sein neues Buch „Das Risiko und sein Preis“ bestätigt eindrucksvoll das Image des akademischen Rebellen – es ist ein unerschrockener Rundumschlag gegen Politiker, Bürokraten, Banker, Intellektuelle und Journalisten. Ökonomische Prognosen etwa sind für Taleb „häufig das letzte Refugium des Scharlatans“, Hobbyhistorikern vertraut er mehr als Geschichtsprofessoren.

Kranken rät er vom Besuch bei Ärzten, die wie Ärzte wirken, ab, empfiehlt stattdessen Mediziner mit Metzgerhabitus, denn die würden sich erfolgreich dem Konformitätsdruck widersetzen. Etablierten Medien wirft Taleb „Einbahnstraßen-Berichterstattung“ vor.

Erst durch die sozialen Netzwerke im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 sei deren Macht gebrochen worden. Zugleich plagt ihn ein heftiges Unbehagen an der Moderne. Programmatisch erklärt er: „Dieses Buch geht konform mit überlieferten, antiken und klassischen Vorstellungen von Gerechtigkeit, und es schwimmt … gegen den Strom von eineinhalb Jahrhunderten modernen Denkens – eine Strömung, die wir hier als Intellektualismus bezeichnen.“

Bereits mit seinem 2008 erschienenen Bestseller „Der Schwarze Schwan“ über die Macht überfallartig eintretender Großereignisse traf Taleb den Nerv der Zeit, tiefenverunsichert durch die Weltfinanzkrise. Mit seiner zugespitzten Elitenkritik im aktuellen Buch dürfte ihm das Kunststück angesichts anschwellender populistischer Proteste gegen „die da oben“ erneut gelingen – zumal die zentrale These durchaus überzeugend wirkt: Wer Risiken eingeht, um Gewinne zu erzielen, muss bereit sein, mögliche Verluste selbst zu tragen. Dass dieser Nexus von Bonus und Malus, von Freiheit und Verantwortung in der Finanzkrise durch das Leitmotiv des „too big to fail“ verloren gegangen ist, prangert Taleb zu Recht an.

Nassim Nicholas Taleb: Das Risiko und sein Preis
Penguin
München 2018
381 Seiten
26 Euro
ISBN: 978-3328600268

Allerdings hält er alle wirtschaftlichen, politischen und militärischen Entscheidungen für schlecht und heuchlerisch, bei denen Protagonisten nicht ihre eigene Haut riskieren. So heißt das Buch im englischen Original denn auch: „Skin in the Game“. Aus seiner Sicht sind zum Beispiel auch Menschenrechtler, die sich für verfolgte Minderheiten einsetzen, dabei aber persönliche Risiken vermeiden, lediglich „Tugendschurken“.

Verachtung für Konformität

Und er geht noch weiter. Nach dem Motto, man könne nur durch schmerzliche Erfahrungen wirklich lernen, empfiehlt der Autor, immer auf die Großmutter zu hören, nie aber auf sogenannte Experten. Talebs heroische Maxime in postheroischen Zeiten lautet: „Leben ist gleichbedeutend mit Opfer- und Risikobereitschaft, und nichts, das nicht einen gewissen Anteil von Ersterem enthält unter dem Zwang, Letzterem gerecht zu werden, kommt auch nur in die Nähe dessen, was wir als Leben bezeichnen könnten.“

Für die Millionenheere angepasster Angestellter, die zwecks Jobsicherung „ihr moralisches Empfinden herunterdimmen“, um nicht beim Chef anzuecken, hat er bestenfalls Verachtung übrig.

Von hoher bildungsbürgerlicher Warte herab bekennt Taleb, Sinnvolles eigentlich nur noch in den Werken antiker Schriftsteller wie Cicero lesen zu können. Für viele Zeitgenossen indes ist schon das Zeitalter der Renaissance – die Rückbesinnung auf das römische und griechische Erbe im 15. und 16. Jahrhundert – ferne Vergangenheit.

Taleb läuft mit seiner Fixierung auf die Antike Gefahr, anachronistische Pfade zu betreten. Aber moderne Denker sind ihm nun mal ein Graus, abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen wie dem Philosophen Karl Popper.
So kann der Solitär Taleb seine Lieblingsrolle „einer gegen alle“ spielen. Er gibt den akademischen Spitzen-Antiakademiker, den hochintellektuellen Antiintellektuellen und den Rächer der Rachsüchtigen. Bleibt die Frage, worin seine persönliche „Skin in the Game“ besteht.

Taleb verweist auf seinen publizistischen Kampf gegen den Saatgutriesen Monsanto. Aber dieser Kampf ist spätestens seit der Übernahme von Monsanto durch Bayer Geschichte. Insofern wäre ihm fast zu wünschen, dass sein provozierendes neues Buch massive Kritik hervorruft. Dann nämlich könnte Taleb frohlocken, er habe seine Haut mal wieder teuer zu Markte getragen.

Startseite

Mehr zu: Shortlist: Deutscher Wirtschaftsbuchpreis - „Das Risiko und sein Preis“ – ein Ex-Börsenprofi holt zum Rundumschlag gegen Eliten aus

0 Kommentare zu "Shortlist: Deutscher Wirtschaftsbuchpreis: „Das Risiko und sein Preis“ – ein Ex-Börsenprofi holt zum Rundumschlag gegen Eliten aus"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%