Ludwig Erhard

Ludwig Erhard gilt als „Vater“ des deutschen Wirtschaftswunders. Von 1949 bis 1963 war er Bundeswirtschaftsminister.

(Foto: dpa)

Shortlist: Deutscher Wirtschaftsbuchpreis Erhard 2.0 – Wie Soziale Marktwirtschaft im digitalen Zeitalter gelingt

Achim Wambach und Hans Christian Müller wandeln lesenswert auf den Spuren von Ludwig Erhard und zeigen, wie alle von der Digitalisierung profitieren können.
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DüsseldorfIn seinem Standardwerk „Soziale Marktwirtschaft“ umschreibt der Volkswirt Reinhard Blum 1969 das Konzept des ehemaligen Bundeswirtschaftsministers Ludwig Erhard so: Es sei eine der konkreten „Ausgestaltung harrende politische Leitidee“.

Tatsächlich scheint der Topos Soziale Marktwirtschaft kaum mehr zu sein als eine geniale Leerformel, gefüllt mit unterschiedlichsten Inhalten – Liberale betonen stets den zweiten Teil des Doppelnamens, Sozialdemokraten den ersten. Im Kern bestätigen sie Blums zentrale These, dass die Soziale Marktwirtschaft „ihre hauptsächliche Bedeutung als politisches Schlagwort hat“.

Jetzt aber haben die Ökonomen Achim Wambach und Hans Christian Müller die ausgetretenen Interpretationspfade verlassen. In ihrem Buch „Digitaler Wohlstand für alle“ gehen sie der Frage auf den Grund, wie das wachsweiche Konzept der Sozialen Marktwirtschaft konkret für das digitale Zeitalter aktualisiert werden könnte.

Wambach, Chef des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, und Müller, Datenjournalist beim Handelsblatt, setzen dabei innovative Leitplanken, um den Rückfall in einen digitalen Manchester-Kapitalismus zu stoppen. Der ist für Clickworker längst Wirklichkeit geworden: Sozial kaum abgesichert, erledigen sie am Computer auf eigene Rechnung Kleinstaufträge und verdienen wenig. Diese neuen digitalen Proletarier sind bereits durch den Rost der Sozialpartnerschaft gefallen.

Ist gegen diesen Trend noch ein Kraut gewachsen? Die Digitalisierung, beobachten die Autoren, fördere Monopolisierung viel stärker als im Industriezeitalter. Jetzt reiche schon ein minimaler Vorsprung, um alles zu dominieren. In der Marktmacht der Big Five – Apple, Alphabet/Google, Amazon, Facebook und Microsoft – sehen Wambach und Müller eine zentrale Gefahr für Wirtschaft und Gesellschaft.

Könne der Wettbewerb anders nicht mehr in Gang gebracht und die Bürger vor den Datenkraken nicht mehr geschützt werden, müssten die Konzerne „entflechtet“ oder „zerschlagen“ werden, fordern sie. Insgesamt plädiert das Autorenduo für eine verschärfte Kartellpolitik: „Sie muss Aktivitäten beenden, die in erster Linie dazu da sind, den Konkurrenten zu schaden, und nicht dazu, das eigene Produkt besser zu machen.“

Achim Wambach, Hans Christian Müller: Digitaler Wohlstand für alle
Campus
2018
222 Seiten
28 Euro

Zwecks wirksamerer Fusionskontrolle durch die EU-Kommission drängen Wambach und Müller darauf, dass Prüfverfahren sich nicht länger am Mindestumsatz orientieren sollten, sondern am Kaufpreis. Den horrenden Übernahmepreisen für Start-ups, die bereits große Kundendatenbanken aufgebaut haben, stehen ja oft kaum Erlöse gegenüber.

Um die skandalösen Steuervermeidungsstrategien der Big Five in Europa zu unterbinden, schlagen die Autoren eine neue „digitale Betriebsstätte“ vor, für die der deutsche Fiskus Steuern eintreibt, obwohl die Geschäftstätigkeit von den USA aus gelenkt wird. „Grundlage könnten die hierzulande erzielten Umsätze sein – oder auch die Mengen an Daten, die heimischen Kunden abgenommen werden.“ Für die „Hygiene“ des gesamten Steuersystems wäre das zweifellos ein Fortschritt.

Das Buch seziert aber nicht nur die mit der Digitalisierung verbundenen Risiken, es zeigt auch ihre Chancen auf. Tatsächlich eröffnen sich ja neue, kreative Tätigkeiten, wenn Maschinen und Computer Menschen Routineaufgaben abnehmen. Die Digitalisierung führt zwar zu Umbrüchen in der Arbeitswelt, in der Bevölkerung grassierende Ängste vor dem drohenden „Ende der Arbeit“ aber weisen die Autoren entschieden zurück.

Sie sehen nur zwölf und nicht wie andere 50 Prozent der Arbeitsplätze in Deutschland in Gefahr. Und die könnten locker durch bessere Jobs ersetzt werden. Der geschichtliche Rückblick bestätigt Wambach und Müller: Bislang führten alle technologischen Umbrüche – ob Dampfmaschine, Elektrotechnik oder Fließbandfertigung – nicht zum Ende menschlicher Arbeit.

Verkaufsfördernd orientiert sich der Buchtitel „Digitaler Wohlstand für alle“ an Ludwig Erhards Bestseller „Wohlstand für alle“. Dabei stellen die Autoren Erhards über weite Strecken banales Werk in den Schatten. Anders als der „Dicke mit der Zigarre“ haben Wambach und Müller ein gut geschriebenes Buch vorgelegt, das analytische Zeitdiagnose gekonnt mit pragmatischen Neuordnungsvorschlägen verknüpft.

Das Buch ist weit mehr als Erhard reloaded – es ist eine Pflichtlektüre für alle, die das Soziale in der Marktwirtschaft 4.0 nicht kleinschreiben wollen.

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