Occupy-Bewegung

Laut Martins neuem Werk entscheidet das oberste Prozent über Macht und Fortschritt.

(Foto: dpa)

Shortlist: Deutscher Wirtschaftsbuchpreis „Game Over“ – Soziale Spaltung führt zum nächsten Crash

Für den Journalisten Hans-Peter Martin sorgt der Neoliberalismus für zunehmende Ungleichheit auf der Welt – und das mündet unvermeidlich im großen Knall.
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DüsseldorfNicht noch so einer, mag man zunächst denken. Nicht noch einer, der uns erklärt, dass die Victor Orbáns, Donald Trumps und Recep Tayyip Erdogans dieser Welt auf dem Vormarsch sind. Der uns ermahnt, die Demokratie sei ein Auslaufmodell, und Francis Fukuyama habe mit seiner Prognose vom „Ende der Geschichte“ falsch gelegen. Kurzum: Nicht noch einer, der erzählt, was wir ohnehin wissen – es geht nicht unbedingt aufwärts mit der Welt.

Und doch ist Hans-Peter Martin nicht irgendwer, wenn es um die Seismografie von Krisen geht. Bereits 1996 erregte der Journalist (ehemals „Spiegel“) und österreichische Politiker (ehemals EU-Parlament) mit seinem Werk „Die Globalisierungsfalle“ internationale Aufmerksamkeit.

Schon damals warnte Martin vor sozialer Spaltung. Aus der „Zweidrittelgesellschaft“ der 80er-Jahre, argumentierte er damals, werde sukzessive eine „Einfünftelgesellschaft“, in der die oberen 20 den übrigen 80 Prozent gegenüberstünden. 

Liest man „Game Over“, Martins neuestes Werk, hat man den Eindruck, die Lage habe sich weiter zugespitzt: Nicht mehr 20, sondern maximal das oberste Prozent bestimme über Macht und Ohnmacht, Fort- und Rückschritt. Der Rest schaut zu – und wird immer unzufriedener. „Die Globalisierungsfalle ist zugeschnappt“, urteilt Martin.

Ein wenig erinnern die Beschreibungen des Autors an die Occupy-Bewegung, die schon 2011 mit dem Slogan „Wir sind 99 Prozent“ mobilmachte – und inzwischen in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist. Wie die Protestler damals sieht auch Martin den Neoliberalismus verantwortlich für den Populismus und die Krisen dieser Welt. „Es dauerte eben bloß 40 Jahre, bis dessen wahre Auswirkungen sichtbar wurden.“

Hans-Peter Martin: Game Over
Penguin Verlag
München 2018
384 Seiten
24 Euro
ISBN: 978-3328600237

Dieser Trend führe dazu, dass sich immer mehr Menschen vom Establishment abwendeten. Eine der stärksten Passagen des Buchs ist ein Ortsbesuch Martins im idyllischen Vorzeigestädtchen Tübingen, wo er mit Bürgern ins Gespräch kommt, die auf Nachfrage zugeben, AfD gewählt zu haben, und Sätze sagen wie: „Die Merkel wird ja auch gesteuert.“

Zu diesem Aufstieg populistischer Kräfte kommen laut Martin weitere Konfliktherde wie das Aufweichen des individuellen Datenschutzes und finanzpolitischer Regularien, der Klimawandel sowie Handels-, aber auch echte Kriege hinzu – „alles von Menschenhand gemacht“, beobachtet der Autor. „Vielleicht ist das die wirkliche Katastrophe.“

Als Beleg für die derzeitige Endzeitstimmung zitiert er Berichte über US-Manager, die sich auf Inseln mit Solarpanels, Gewehren und Munition auf den nächsten großen Knall vorbereiten. Was auffällt: Der Crash scheint aus Martins Sicht absolut unvermeidbar; aus Sicht des Lesers mag man hinzufügen: oft etwas zu absolut unvermeidbar.

Auswege aus der Krise zeigt Martin, der eher links der politischen Mitte zu verorten ist, nur wenige auf. So klingt beispielsweise sein Gedankenexperiment, ein Einreiseverbot für verurteilte Steuersünder zu verhängen, politisch ähnlich populistisch wie so manche Idee jener Kräfte, die der Autor zu Recht kritisiert. Demokratie ist eben ein ziemlich zähes Spiel.

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