Shortlist: Deutscher Wirtschaftsbuchpreis „Lösch alle Nutzerkonten“ – Dieser US-Entwickler warnt vor sozialen Netzwerken

Der Internetpionier Jaron Lanier rechnet in seinem Buch mit Facebook und Google ab – und fordert seine Leser auf, die Dienste zu boykottieren.
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„Lösch alle Nutzerkonten!“ Quelle: dpa
Internetpionier Lanier

„Lösch alle Nutzerkonten!“

(Foto: dpa)

DüsseldorfDrei Worte, mehr braucht Jaron Lanier nicht, um mit den Mächtigen unserer Zeit abzurechnen: Als „Geschäftsmodell der Massenmanipulation“ brandmarkt der Amerikaner die Dienste von Facebook und Google, nur um seine Leser anschließend zu warnen und in Kumpelmanier eindringlich zu einer kleinen Revolution aufzufordern: „Lösch alle Nutzerkonten!“

Lanier greift damit seine eigene Zunft an. Der Mann mit den ein Meter langen Rastalocken ist Tech-Entwickler der ersten Stunde, verkaufte eine Firma für Virtual-Reality-Produkte an Google und arbeitet heute im Entwicklungslabor von Microsoft. Natürlich sei er befangen, sagte Lanier neulich dem Handelsblatt: „Ich will, dass die Leute mich skeptisch hinterfragen, denn genau das sollen sie auch mit Facebook und Google tun.“

Für ein Vorgängerwerk über die Schattenseiten des digitalen Kapitalismus erhielt Lanier 2014 bereits den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sein jetziges Buch ist das Zeugnis eines Desillusionierten. „Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als wir darauf vertrauten, dass das Internet eine transparente Gesellschaft hervorbringen würde“, schreibt Lanier.

Tatsächlich sei jedoch das Gegenteil eingetreten. Drei der „großen fünf“ der Digitalwirtschaft nimmt er von seiner Kritik aus: Apple, Amazon – und natürlich seinen eigenen Arbeitgeber Microsoft. Sie hätten ihr Geschäft „erfolgreich diversifiziert“, neue Produkte entwickelt und setzten anders als Facebook und Google nicht alles auf eine Währung: persönliche Daten.

Seine Analyse reichert Lanier mit Erkenntnissen aus Computerwissenschaft und Psychologie an. So legt er plausibel dar, dass negative Emotionen „die bessere Option fürs Geschäft“ seien, weil sie leichter hervorzurufen seien als positive Gedanken. Ins Digitale übersetzt, heißt das: Nutzer beteiligen sich mehr bei schlechten Nachrichten, das füttert die Algorithmen mit Daten und lässt sie schneller lernen.

J. Lanier: 10 Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst
Hoffmann und Campe
Hamburg 2018
204 Seiten
14 Euro
ISBN: 978-3455004915

Freiwillig gäben wir so ein Stück freien Willen ab – mit erheblichen Folgen: schwindende Empathie, Niedertracht, Sucht, Manipulation – die Internetgesellschaft, so, wie Lanier sie beschreibt, bringt das Schlechteste im Menschen hervor.

Deshalb will Lanier seinen Lesern, die zumeist auch Betroffene sein dürften, klarmachen, dass sie sich den Tech-Mächten ausgeliefert hätten. „Selbst die größten Geheimnisse der NSA und der CIA sind geleakt worden“, konstatiert er, doch Algorithmen blieben bestens gesichert. Wer so geheimniskrämerisch tut, so der Subtext, der hat etwas zu verbergen.

Im Frühsommer spürten die Besucher der Computermesse Cebit, wie sehr den Autor diese Sorgen aufwühlen. Am Rednerpult und im persönlichen Gespräch kam Lanier bisweilen so in Wallung, dass er in Schnappatmung verfiel. Das mag auch daran gelegen haben, dass ihm Schreiben mehr liege als Reden, wie er anmerkte.

Der 58-jährige Tech-Nerd Lanier beschwört in seinem Buch eine „Bedrohung für das Überleben der Zivilisation“ herauf. Und tatsächlich klingt es etwas hysterisch, wenn Lanier etwa schreibt, dass Facebook sein Geschäftsmodell ändern müsse, „wenn unsere Spezies langfristig überleben will“.

Dennoch wirft Lanier wichtige philosophische und ethische Fragen unserer Arbeits- und Lebenswelt auf. Beispiel Übersetzer: Ihr Job ist durch die Digitalisierung gefährdet. Dabei können vermeintlich intelligente Sprachassistenten nur von menschlichen Vorbildern lernen. Laniers Lösung: Übersetzer sollten entlohnt werden, wenn sie etwa Videos untertiteln und so unfreiwillig zum Datenlieferanten würden.

Das würde voraussetzen, dass auch die Konsumenten eine höhere Zahlungsbereitschaft für Internetdienste zeigen. Streamingportale wie Netflix bewiesen, dass das möglich sei. Sie gelten als „Höhepunkt des Fernsehzeitalters“. Warum also, fragt sich Lanier, sollten in ein paar Jahren nicht auch Nutzer bereit sein, für bessere Suchmaschinen oder Social-Media-Dienste zu zahlen?

„Zehn Gründe, warum Sie Ihre Social-Media-Accounts löschen sollten“

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