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„Bullshit Jobs“

Bei einer Vielzahl von Jobs erschließt sich der volkswirtschaftliche Nutzen nicht sofort.

(Foto: dpa)

Shortlist: Deutscher Wirtschaftsbuchpreis Zorniger Aufschrei gegen die Sinnlosigkeit moderner Dienstleistungsjobs

David Graeber beklagt „Scheißjobs“ ohne volkswirtschaftlichen Nutzen – und schießt dabei höchst unterhaltsam übers Ziel hinaus.
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Dieses Buch hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Es ist eine Wutrede, der zornige Aufschrei eines bekennenden Anarchisten über die absurde Arbeitswelt des Spätkapitalismus.

Diese Einschränkung vorausgeschickt, ist „Bullshit Jobs: Vom wahren Sinn der Arbeit“ ein sehr anregendes Werk, das einige grundsätzliche Fragen erörtert: Warum wurden im Kapitalismus die gewaltigen Rationalisierungsgewinne der vergangenen Jahrzehnte nicht in viel stärkerem Maße in Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich umgesetzt? Warum sind stattdessen eine Vielzahl von Jobs entstanden, deren volkswirtschaftlicher Nutzen sich zumindest nicht sofort erschließt?

Anwälte für Gesellschaftsrecht, Marketingexperten und Mittelmanager, die lediglich die Arbeit anderer überwachen, zählen für Graeber zu den bevorzugten Beispielen solcher „Bullshit Jobs“. Von denen wiederum unterscheidet Graeber die „Scheißjobs“: Das sind für ihn Tätigkeiten, die eindeutig notwendig sind, aber mit schlechter Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen einhergehen – also etwa Reinigungs- und Pflegekräfte.

Aufgrund einiger fragwürdig verallgemeinerter Statistiken schätzt Graeber den Bullshit-Anteil auf rund 40 Prozent aller Arbeitsplätze. Zusammen mit den „Scheißjobs“ bedeutet das für ihn: Nur eine Minderheit der Arbeitskräfte in den Industriestaaten besitzt noch das Privileg, zu akzeptablen Bedingungen eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben. Und auch in diesen verbleibenden Jobs, Ärzte und Professoren zählen für Graeber dazu, seien die sinnlosen Tätigkeiten des Evaluierens, Verwaltens und Rechtfertigens auf dem Vormarsch.

Nun hat sich wahrscheinlich jeder Angestellte schon einmal gefragt, wann genau er im Leben eigentlich falsch abgebogen ist, um nun bei schlechtem Kaffee in einer sinnlosen Besprechung zu sitzen. Genau bei diesem Gefühl setzt Graeber geschickt an.

David Graeber: Bullshit-Jobs – Vom wahren Sinn der Arbeit
Klett-Cora
2018
464 Seiten
26 Euro

Er kategorisiert die Bullshit Jobs in Funktionen wie „Lakaien“ (sie lassen andere Menschen wichtig aussehen) oder „Schläger“ (man hat sie, weil die Gegenseite sie auch hat, hierzu zählen etwa die bereits erwähnten Anwälte und Marketingexperten).

Dann wechselt er ins Fach der Arbeitspsychologie und sinniert darüber, warum es Menschen fast zwangsläufig unglücklich machen muss, sinnlose Arbeit zu verrichten.

Wie sie versuchen, dieses Unglück mit sinnentleertem Konsum zu kompensieren. Und warum die Bullshit-Jobber all jene missgünstig verfolgen, die das Glück haben, einer sinnvollen Arbeit nachzugehen. Das Buch endet – man ahnt es – mit einem Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Bis dahin hat der Furor des Autors den Leser blendend unterhalten. Und wahrscheinlich jeder, so er nicht als Notarzt oder Feuerwehrmann arbeitet, hat sich bei der Lektüre die Frage gestellt, wie viele Bullshit-Elemente eigentlich seine eigene Tätigkeit enthält und wie sich dieser Anteil reduzieren ließe.

„Bullshit Jobs“ ist für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2018 nominiert. Bis zur Preisverleihung auf der Frankfurter Buchmesse am 12. Oktober stellt das Handelsblatt jede Woche einen Titel aus der Shortlist an dieser Stelle vor.

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