Chinesische Kunst Der Sammler Uli Sigg – Gratwanderer zwischen der Schweiz und China

Der Schweizer Unternehmer Uli Sigg hat den Chinesen den Kapitalismus nähergebracht – und ihre eigene zeitgenössische Kunst. Was treibt den Mann an?
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Über zehn Jahre hat Uli Sigg in China gelebt. Heute reist der 72-jährige alle zwei, drei Monate dorthin. Quelle: Michael Englert für Handelsblatt Magazin
Uli Sigg

Über zehn Jahre hat Uli Sigg in China gelebt. Heute reist der 72-jährige alle zwei, drei Monate dorthin.

(Foto: Michael Englert für Handelsblatt Magazin)

Luzern Mit der Liebe ist das so eine Sache. Meist ist sie ja etwas Schönes. Dann bedeutet sie Wärme, Ruhe, Vertrauen. So liebt der Schweizer Uli Sigg seine Frau. Aber dann liebt er noch etwas ganz anderes, und da bedeutet Liebe immer wieder auch Schmerz, Enttäuschung, Ärger, Trauer, Überraschung. Uli Sigg liebt China. Nur liebt China nicht immer zurück. Dabei ist Sigg so treu. Über zehn Jahre hat er in China sogar gelebt.

Jetzt, mit 72, reist er entweder alle zwei, drei Monate in dieses gigantische Land mit seinen 1,4 Milliarden Menschen. Oder er ist hier in Europa und umgibt sich wenigstens mit der zeitgenössischen Kunst der Volksrepublik. Sein Wasserschloss am Mauensee bei Luzern scheint nur dem einen Zweck zu folgen, dieser so fremden, so intensiven Kunst ein Zuhause zu bieten, auch wenn viele Hauptwerke seiner Sammlung derzeit in Wien zu sehen sind.

Den Großteil seiner Schätze hat er sogar einem chinesischen Museum geschenkt, wovon noch die Rede sein wird, denn gerade diese Geschichte passt wunderbar zur wechselvollen Liebe zwischen ihm und China.

Seither wartet er darauf, dass diese Kunst dort auch auf Publikum trifft, was noch längst nicht sicher ist, auch wenn sie es ihm versprochen hatten. Ach, China! Schönes, fremdes, wildes, starkes China, das Sigg vor rund 40 Jahren kennen lernte und von dem er seither nie mehr loskam.

Ende der Siebzigerjahre war der promovierte Jurist Sigg bei der Aufzugsfirma Schindler angestellt. Damals reiste eine chinesische Delegation ins Luzernische zu Schindler, um ein Joint Venture zu gründen. Sigg erkannte die einmalige Chance. Das Gemeinschaftsunternehmen wurde zur Blaupause für Abertausende von ähnlichen Projekten und brachte im Prinzip den Kapitalismus in das Reich.

Bis heute repräsentiert China für Sigg „schlechthin ‚das Andere‘. Auf alles haben die Chinesen eine andere Antwort als wir gefunden. Die Schrift, der Denkprozess, die Ästhetik … alles.“ Mittlerweile sei das Land „eine Art Hybrid geworden aus seiner ganz eigenen Kultur und den machtvollen Einflüssen des Westens.

Aber selbst Chinesen, die eine westliche Hochschulausbildung absolviert haben, sind irgendwo noch anders in ihrem Wesen. Und das fasziniert mich bis heute … Das neue China ist das größte Experiment, das die Menschheitsgeschichte je gesehen hat: so einschneidend, so radikal, auch so schmerzhaft.“

Er kaufte, bevor der Markt explodierte

Bis heute gebe es „noch zu viele Missverständnisse zwischen dem Westen und China – auf beiden Seiten. Das beginnt schon bei der Rechtsauffassung und der Frage: Was ist ein Vertrag? Bei uns gilt seit den Römern: Pacta sunt servanda, Verträge sind einzuhalten“, erklärt Sigg.

Nach chinesischer Ansicht sei „ein Vertrag eher die Fixierung dessen, was wir heute wollen. In einem Jahr mag die Realität indes ganz anders aussehen. Dann muss eben neu verhandelt, der Vertrag der neuen Realität angepasst werden, was als System in sich durchaus auch schlüssig ist. Die Probleme tauchen auf, weil beide Seiten unterschiedliche Vorstellungen vom selben Begriff haben.“

Vielleicht sollten manche, die jetzt mit Handelskriegen und Boykottaufrufen spielen, öfter mal jemanden wie Sigg fragen, der die Jahre nutzte, um zu lernen. Als Manager. Als Diplomat seines Heimatlandes. Als Freund. Und irgendwann auch als Sammler von zeitgenössischer Kunst, die China selbst lange gar nicht wahrhaben wollte. Kunst soll im chinesischen Verständnis schön sein.

Kritik an den herrschenden Verhältnissen wird da schnell gefährlich – für den Künstler wie den Sammler. So begann ein Balanceakt, aber Sigg war es wichtig, aus der Wirtschaft-und-Politik-Blase auszubrechen und eine dritte Facette der Volksrepublik durch deren Kunst kennen zu lernen.

Für wenige Hundert oder Tausend Dollar kaufte er früh Konzeptkunst von Ai Weiwei und Bilder von Zeng Fanzhi und Zhang Xiaogang – als deren Kunst noch keinen Markt hatte. Sigg war der Markt. Dann begann er, wie beim Joint Venture in großen Dimensionen zu denken. Sigg wollte eine Enzyklopädie zeitgenössischer Kunst made in China zusammentragen.

Seine Begründung: Weil keine staatliche Institution damals Chinas gewaltigen Aufbruch in der Kunst begleitete, kuratierte eben ein Schweizer Chinas „Nationalsammlung“ – auf eigene Kosten.

Ein begeisterter Kunst-Influencer

Die Kunst findet Bilder für das, was nicht gesagt oder geschrieben werden kann. In Siggs bis unters Dach mit Kunst gefülltem Habsburgerschloss hängt zum Beispiel eine Maske aus Holz, die keinen Mund hat. Sie heißt „Der Kader“, ein Apparatschik, der keine Meinung haben darf. Selbst in Siggs Schlafzimmer verbreitet der Maler Zhao Bandi Unbehagen: Großformatig zeigt er eine elegante Konzertpianistin, die gar nicht zu merken scheint, dass der Flügel und sie bereits in schwarzem Wasser unterzugehen drohen.

Jedes Kunstwerk muss die kleine Brücke zum Sigg-Schloss Mauensee passieren können. Quelle: Michael Englert für Handelsblatt Magazin
Brücke zum Siggs Wasserschloss

Jedes Kunstwerk muss die kleine Brücke zum Sigg-Schloss Mauensee passieren können.

(Foto: Michael Englert für Handelsblatt Magazin)

Da ist der „Bonsai No 19“ von Shen Shaomin. Das Bäumchen wächst zwar, aber nach strengen Regeln und von metallischen Schienen gebändigt. Da ist – im Garten der 1,4 Hektar großen Insel im Mauensee – die große Installation aus Marmorfenstern von Ai Weiwei, dessen Anwalt in Peking gerade zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, während der Künstler selbst in Berlin so eine Art Asyl gefunden hat.

Da ist Shi Jinsongs „Jade Work“, bei dem ein Jadekopf unablässig Löcher in die Wand schlägt. Wen symbolisiert der Kopf, wen die Wand in einem Land, das den harten Jadestein geradezu kultisch verehrt, Persönlichkeitsrechte aber nicht kennt?

Der Strippenzieher Sigg begann schnell, die Influencer der westlichen Kunstszene für China zu begeistern: den damaligen Direktor der Biennale von Venedig, Harald Szeemann, Direktoren und Kuratoren westlicher Museen, Galeristen. Was nach Macht und Einfluss aussieht, wird für Sigg der Weg, die chinesische Kunst mit sich selbst bekanntzumachen. Die Geschichte sollte ihm recht geben. Es gibt in China bis heute keine bessere Zusammenstellung der Kunst seit 1966.

Hauptwerke nahezu aller Stilarten hatte der Sammler erworben, bevor der Markt explodierte. Auch, weil ausgerechnet neureiche Chinesen plötzlich zweistellige Millionen-Dollar-Beträge für begehrte Hauptwerke aufzubieten bereit waren.

„Missverständnisse erlebt auch der Kunstmarkt“, beobachtet Sigg. „Es gab im Westen einige gigantische Ausstellungen, die der zeitgenössischen chinesischen Kunst mehr geschadet als geholfen haben – einfach weil sie ihr nicht gerecht wurden. Weil sie zu viele schwache Künstler und Werke zeigten. Weil auch die Kuratoren kaum Verständnis oder Einordnung lieferten.“

Im Jahr 2012 folgt die Krönung all seiner Sammelleidenschaft: Die Stiftung von Uli und Rita Sigg schenkte dem im Aufbau befindlichen Museum M+ in Hongkong 1463 Werke chinesischer Künstler. Die Sammlung wurde auf einen Wert von 185 Millionen Schweizer Franken geschätzt. 47 weitere Werke verkaufte Sigg dem M+ für 22 Millionen Franken, um weiterhin als Sammler und Förderer tätig sein zu können.

Optimismus und Pragmatik

Eigentlich wäre das Paar mit seinem Schatz gern nach Schanghai oder Peking gegangen. Aber dann schien ihnen Hongkong doch sicherer. Die Metropole war lange britische Kronkolonie. Und selbst als es an China zurückfiel, schien es seine Selbstständigkeit als Brücke zum Westen zu verteidigen.

Nach Bauverzögerungen soll das von Herzog & de Meuron geplante M+ im Jahr 2020 eröffnen. Die Star-Architekten aus der Schweiz hatten zuvor schon – auch durch Siggs geschickte Vermittlung – das Vogelnest, Pekings Olympiastadion, gebaut. Eigentlich war alles verabredet. Ein Drittel der Sigg-Sammlung sollte dauerhaft präsentiert werden. Von 5.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche war die Rede. Eigentlich. Mit Verträgen ist das so eine Sache. Und der Wind dreht sich neuerdings in Hongkong.

Von links: Zhang Xiaogangs Kommentar zur Einkindpolitik und Youhan Yus „Mao Marylin“. Quelle: Michael Englert für Handelsblatt Magazin
Kunst im Esszimmer von Sigg

Von links: Zhang Xiaogangs Kommentar zur Einkindpolitik und Youhan Yus „Mao Marylin“.

(Foto: Michael Englert für Handelsblatt Magazin)

„Man kann derzeit nicht ganz ausschließen, dass das eine oder andere meiner Sammlung in den Kellern des M+ verstauben könnte“, sagt der 72-Jährige. „2011 wurde mir in Hongkong noch garantiert, dass es dort Meinungs- und Kunstfreiheit gibt. Heute, acht Jahre später und 21 Jahre, nachdem Hongkong an China zurückgefallen ist, kann mir das niemand mehr garantieren. Ich bin da aber pragmatisch und hoffe auf ein gutes Ende. Das habe ich in 40 Jahren China gelernt, zumal ich das Problem selbst nicht lösen kann.“

Sigg ist ohnmächtig. Sigg ist mächtig. Einerseits genießt er seit dem Erfolg mit dem ersten Joint Venture bei China Schindler Elevators bis heute höchste Anerkennung. Viele, die damals im Parteikader mit ihm verhandelten, sitzen heute ganz oben in der Nomenklatura. Sigg darf zum Beispiel den Beraterstab der China Development Bank unterstützen. Andererseits kritisiert die Kunst, die er sammelt, was der allmächtigen Einheitspartei wichtig ist.

Kürzlich sollte in Hongkong eine Ausstellung die Historie seiner Sammlung beleuchten. Der Zensor schritt ein und untersagte sie, weil Exponate und der Titel des Projekts „Right is wrong“ als Angriff aufgefasst wurden. Dem Sammler und dem Museum gelang es schließlich doch noch, die Obrigkeit umzustimmen. Mit dem Einstampfen der Kataloge, neuem Titel, aber denselben Kunstwerken.

Zweifel am chinesischen Modell

„Für das Museum wird wichtig sein, wohin China will. Ich habe noch immer die Hoffnung, dass China irgendwann in 20 Jahren vielleicht eher wie Hongkong heute sein wird als umgekehrt.“ Aber was will die Volksrepublik selbst? Die Parteispitze wolle „ins Zentrum der Welt aufrücken“, prophezeit Sigg.

Das Kunstwert ist auf Schloss Mauensee vor einer Tapete mit Überwachungsgeräten als Motiv zu sehen. Quelle: Michael Englert für Handelsblatt Magazin
Ai Weiweis „Descending Light with A Missing Circle“

Das Kunstwert ist auf Schloss Mauensee vor einer Tapete mit Überwachungsgeräten als Motiv zu sehen.

(Foto: Michael Englert für Handelsblatt Magazin)

„Trump hat da nur das Timing verschärft. Dieser konzeptlose Amerikaner verhieß, vermeintlich, der politischen Spitze in Peking, dass sie es noch weit schneller zur Weltherrschaft bringen könne als ursprünglich angedacht. Einen drohenden Handelskrieg mit den USA hatte man allerdings nicht auf der Rechnung, das macht die chinesischen Pläne wieder fraglich.“

Seine Liebe macht Sigg nicht blind. Eher sieht er die Dinge besonders scharf: „Wir im Westen sind im Vergleich zu China kraftlos. Selbst große Demokratien wie Deutschland haben in jüngerer Zeit in der Außensicht ja doch große Probleme. Frankreich ist im Grunde sogar unregierbar. Es ist also nicht unbedingt der Moment, mit unserem Modell, das eh nicht selbsterklärend ist, global punkten zu können“, findet er.

Ob deshalb das chinesische Modell für andere aber zum Vorbild taugt, bezweifelt er dennoch. Sigg setzt auf die nächste Generation, „denn fast jeder chinesische Funktionär, mit dem ich spreche, hat ein Kind im Westen, vornehmlich in den USA. Irgendwann kommen die zurück nach China, und dann werden sie einen Schritt weiter gehen als ihre Eltern.“

Zugleich sieht er, wie das neue Sozialkreditsystem dank digitaler Hightech das Land in einen totalen Überwachungsstaat zu verwandeln droht. „Ein Traum für jedes autoritäre System“, findet Sigg. „Weil es totale Stabilität verspricht, da es alles andere als Wohlverhalten und Konformismus wirksam zu sanktionieren vermag.“

Er macht nicht den Fehler vieler im Westen, die China mit hiesigen Maßstäben vermessen wollen: „Wenn man die 1,4 Milliarden Chinesen aktuell fragen würde, ob sie die Demokratie wollen – ich würde annehmen, dass die Mehrheit sich dagegen entschiede. Auch weil sie nicht wirklich wissen, wovon wir eigentlich sprechen.“ Sigg versteht auch ihr Unverständnis. Das muss sie wohl sein: wahre Liebe.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°1/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 22. Februar 2019 am Kiosk erwerben.

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