Das letzte Wort Niemand hat eine Glaskugel

Die Zukunft der Welt können auch Experten nicht mit völliger Sicherheit voraussagen. Doch für diese Erkenntnis braucht es keine hohlen Phrasen.
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Richard David Precht: Kevin Kühnert wechselt die Fronten Quelle: Michael Englert für Handelsblatt Magazin
Richard David Precht

In seiner Kolumne „Das letzte Wort“ widmet sich der Philosoph gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen.

(Foto: Michael Englert für Handelsblatt Magazin)

Dumme Phrasen gibt es viele. Und es ist wirklich schwer, ein Ranking vorzunehmen. Aber wenn Sie mich fragen, die dämlichste Phrase unserer Zeit lautet: „Niemand hat eine Glaskugel!“ Der Satz fällt zurzeit auf jeder Digitalkonferenz.

Selbstverständlich nicht, wenn ein IT-Manager oder ein KI-Forscher von der wunderbaren Zukunftswelt superintelligenter Maschinen spricht, die alle Probleme lösen werden. Das glaubt man sofort.

Aber wenn es um die Zukunft der Arbeit geht, um gesellschaftliche Folgen der Künstlichen Intelligenz, der Biomedizin und all die drohenden Verwerfungen – dann gibt es immer einen Politiker, der allen Befürchtungen mit einer einzigen Phrase das Licht ausdreht: „Niemand hat eine Glaskugel!“ Mach dir keine Gedanken über das, was du ohnehin nicht ganz genau wissen kannst!

Nun gut, wenn keiner eine Glaskugel hat, dann leben wir halt alle wie Hans Guckindieluft. Welche Noten erwartet mein Sohn in seinem Zeugnis? Niemand hat eine Glaskugel! Welche Autos könnten langfristig den Fortbestand der Industrie sichern? Niemand hat eine Glaskugel! Welche Aufgaben sollte der nächste SPD-Vorsitzende anpacken? Niemand hat eine Glaskugel! Und ohne Glaskugel keine Sorgen!

Nun weiß natürlich jeder, dass kein normaler Mensch und auch kein Unternehmen so durchs Leben kommen. Was sagt der Bundestrainer vor jedem Turnier: „Wir werden uns so gut vorbereiten wie möglich und uns auf alle künftigen Herausforderungen einstellen.“

Der lapidare Verweis auf Glaskugelmangel wäre sein mutmaßliches Ende. Stattdessen wagt er vorsichtige Prognosen und beschäftigt sich mit naheliegenden Szenarien. Und das, ganz ohne irgendeine Witwe Schlotterbeck mit ihrer Kugel zu befragen.

Doch wenn’s um die weniger wichtigen Dinge als Fußball geht, um die Zukunft unserer Gesellschaft etwa, soll sich jede Prognose, jedes Szenario und jeder Zukunftsplan aus Mangel an Murmeln verbieten. Da nützt nur Wahrsagerei oder gar nichts.

Wer sich nicht mit denkbaren Problemen und Herausforderungen beschäftigen will, der hat übrigens noch eine zweite Phrase zur Hand. Zur Glaskugel kommt die Nebelkerze: „Das muss die Gesellschaft entscheiden!“ Klingt demokratisch, liberal und offen. Ist es aber nicht.

„Die Gesellschaft“ entscheidet nämlich gar nichts. Sie ist weder Subjekt noch Akteur, noch Entscheidungsträger. Mir jedenfalls ist „die Gesellschaft“ noch nie begegnet. Gerade weil sie nicht entscheiden kann, verlagert die Gesellschaft in Demokratien ihr Entscheidungsmandat auf die Ebene gewählter Politiker. Und ihr die Karte zurückzuspielen bedeutet schlichtweg, die Arbeit zu verweigern.

Um „die Gesellschaft“ trotzdem entlastend ins Spiel zu bringen, erfindet die Politik Kommissionen und Expertenräte in Hülle und Fülle. Lauter Koryphäen, die in der Öffentlichkeit kaum jemand kennt. Das wichtigste Kriterium für den Sitz in einem Expertenrat ist der Mangel an starken Meinungen. Genau daran erkennt man ja die Expertise!

Am Ende steht ein zentnerschwerer Befund, der alles analysiert und nichts empfiehlt. Denn jedes „Sowohl“ hat ja sein „Als auch“. Da beruhigt es sehr, dass das ohnehin niemand liest und auch die Experten sich einigen: „Das muss die Gesellschaft entscheiden!“

Die Entscheidungsvertagung betrifft Fragen wie das Ausmaß an Überwachung in deutschen Städten, die Selbstmanipulation unserer Gehirne durch neuronales Enhancement, die Selektion unserer Kinder durch reproduktionsmedizinische Optimierungen, selbstfahrende Autos mit eingebauten Todesalgorithmen oder die Kreation von Weltraumdrohnen und anderen intelligenten Tötungswaffen.

Über all das sinnieren die Experten, die nicht entscheiden wollen, noch wirklich entscheiden dürfen und auf die niemand hört. Und am Ende entscheiden dann Firmenverträge, Geschäftsinteressen, Marktchancen und der globale Wettbewerb. Den Digitalministern und Digitalstaatssekretären ist das völlig klar. Je weniger Bedenken, umso besser steht es um die eigene Karriere. Um das zu wissen, braucht niemand eine Glaskugel.

Richard David Precht, 54, lehrt Philosophie und schreibt Bücher. Zuletzt erschien der dritte Band seiner vierteiligen Philosophie-Geschichte, „Sei du selbst“ (Goldmann).

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°7/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 8. November 2019 am Kiosk erwerben.

Mehr: Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“ prophezeien: Die zweite Welle der Digitalisierung steht noch bevor. Was eine gute Nachricht für deutsche Unternehmen sei.

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