Designer im Interview Rick Owens: „Ich vereinfache das Chaos in der Welt“

Mit seinem Faible für Gothic, Punk und Romantik sorgt Rick Owens nicht nur in der Mode für Aufsehen. Der Wahl-Pariser entwirft auch Möbel in archaischem Gewand.
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Rick Owens Möbel sind alles andere als Mainstream. Quelle: Rick Owens
Archaische Entwürfe

Rick Owens Möbel sind alles andere als Mainstream.

(Foto: Rick Owens)

Paris Modedesigner mit Ambitionen im Möbelbereich sind gar nicht so selten. Schon Jeanne Lanvin oder Pierre Cardin haben Objekte für den Wohnraum entworfen. Häuser wie Armani, Fendi oder Hermès sind längst mit eigenen Möbellinien am Markt präsent. Ein Mitglied dieses Klubs ist Rick Owens – wenngleich auf untypische Weise.

Auf seinen Schauen setzt der Wahl-Pariser bedenkenlos den Laufsteg in Flammen oder entblößt die Genitalien seiner männlichen Models. Auch seine Möbel sind alles andere als Mainstream. Dank ihrer Grundstoffe – oft Beton, Marmor, Bronze oder Horn – wirken sie wie Überbleibsel längst erloschener Epochen.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Mister Owens, wie sind Sie dazu gekommen, Möbel zu entwerfen? 
Ich war immer daran interessiert, dass die Ästhetik mein gesamtes Leben umfasst. Ich habe zuerst Malerei studiert. Dann kam ich zur Kleidung, die auch eine persönliche Ausdrucksform ist. Möbel waren als Weiterentwicklung da nur konsequent, weil sie die Erweiterung des eigenen Körpers im Zuhause sind. Mir hat die Vorstellung gefallen, die gesamte Umgebung um mich herum zu kontrollieren. 

Die ersten Möbel haben Sie in den Neunzigerjahren für Ihren Showroom in Los Angeles angefertigt, wo Sie auch wohnten. Warum konnten Sie damals keine passenden Produkte auf dem Markt finden?
Ich finde vor allem Dinge spannend, die eine eigene Geschichte haben. Wahrscheinlich hätte ich finnischen Jugendstil, Art déco oder Möbel aus der anthroposophischen Bewegung gekauft. Doch natürlich konnte ich mir all diese Dinge am Anfang gar nicht leisten. Also habe ich meine eigene Version von ihnen kreiert. Genau dasselbe mache ich mit meinen Kleidungsstücken. Sie sind immer eine Interpretation klassischer Ideen, die ich durch meinen eigenen Filter hindurch betrachte. 

Ihre Ästhetik gilt als düster. Woran liegt’s?
Mein Vater war ein großer Fan von Stummfilmen, mit denen dann auch ich aufgewachsen bin. Mich haben die Filme von Cecil B. DeMille anzogen. In ihnen gab es sehr theatralische Szenen mit monumentalen Kulissen, in denen sich die Menschen in schönen Kleidern bewegten. Was daran großartig war: Die Filme zeigten zwar all die Lasterhaftigkeit, Sex und Gewalt der Welt. Doch zum Schluss gab es immer eine moralische Auflösung. Glamour wurde in diesen Filmen untrennbar mit Moralität verbunden. Diese Kombination fasziniert mich bis heute. 

Die Umsetzung der Möbel übernimmt heute Ihre Frau und Geschäftspartnerin Michèle Lamy. Im Umland von Paris haben Sie für die Möbelarbeiten eine eigene Werkstatt eingerichtet. Wie hat man sich die Arbeit dort vorzustellen?
Michèle hat erkannt, dass es genau das ist, was sie machen möchte. Ihr Enthusiasmus und ihre Energie treiben die Kollektion nach vorn, für die sie mit den Kunsthandwerkern zusammenarbeitet. Aufgrund der exklusiven, kostbaren Materialen wurde aus den Möbeln eine Art-Couture-Linie meiner Firma. 

Wie hat man sich die Aufgabenverteilung zwischen Ihnen vorzustellen?
Michèle entwickelt die Dinge und hat daraus einen Full-Time-Job gemacht, was ich selbst nicht hätte tun können. Kreativität ist zum Schluss nur fünf Prozent des Ganzen. 95 Prozent sind Ausführung. Jeder Mensch hat großartige Ideen. Doch ohne jemanden, der sie richtig umsetzt, funktioniert es nicht. Ich weiß, dass ich ein paar gute Ideen habe. Doch es braucht sehr viel mehr als das. Michèle hat dafür gesorgt, dass die Möbel ein Eigenleben entwickelt haben.

Einige Ihrer Stühle und Sessel sind mit mächtigen Geweihen bestückt, die als ungewöhnliche Rückenlehnen dienen. Was steckt dahinter?
Geweihe sind für mich ein Sinnbild von Pracht. Sie sind wie Kronen. Im Falle meiner Möbel habe ich die Geweihe als organische Schnörkel betrachtet. Damit setzen sie einen starken Kontrast zu ihren puristischen Sockeln, die eher an die Arbeiten von Donald Judd denken lassen. Der Minimal-Art-Vorreiter gehört ebenso zu meinen Helden wie die Künstler der Arte-Povera-Bewegung. Ich mag die Idee einer rauen Geste. Doch zugleich wollte ich opulenter sein.

Kronen spielen auch in Ihrer Ausstellung „Glade“ eine wichtige Rolle, die derzeit in der Carpenters Workshop Gallery in London zu sehen ist. Die Stücke dort erinnern an historische Vorläufer aus der Azteken-Kultur. Was hat es damit auf sich?
Meine Mutter stammt aus Mexiko. Allerdings habe ich meine Herkunft bisher nie wirklich erforscht oder darüber nachgedacht, was Mexiko für mich persönlich bedeutet. Aber dann habe ich in Venedig eine Ausstellung über Josef und Anni Albers gesehen. Nachdem sie Deutschland in den Dreißigerjahren verlassen mussten, sind sie durch Mexiko gereist und haben die Pyramiden erkundet. Ihre Beobachtungen und Erlebnisse wurden zum wichtigen Teil ihrer späteren Arbeit. Wie Mexiko von ihnen auf modernistische Weise interpretiert wurde, hat mir sehr gefallen. Dasselbe gilt auch für die Architekturen von Luis Barragán. 

Der mexikanische Baumeister hat sich vor allem mit Gebäuden aus farbigem Sichtbeton einen Namen gemacht. Während die Moderne in Europa und in den USA zumeist weiß und grau war, ist in Mexiko eine tiefe Sinnlichkeit hinzugekommen. 
Mexiko ist sehr farbenfroh, das stimmt. Doch Barragán hat die Farben bei jedem Bauwerk auf eine einzelne, dramatische Farbe konzentriert. Genau das mache ich in der Mode. Ich denke über das Chaos in der Welt nach und vereinfache es. Doch zugleich mache ich es opulent und extravagant. Das zeigt sich auch in den Kronen der „Glade“-Ausstellung, die ich ursprünglich für meine Frühjahr-Sommer-Damenkollektion 2020 entworfen habe. Die Kleider sind noch schlichter als zuvor. Doch zugleich sind die Farben beinahe schockierend kraftvoll. 

Der 56-Jährige setzt beim Design auf eine Interpretation klassischer Ideen.
Rick Owens

Der 56-Jährige setzt beim Design auf eine Interpretation klassischer Ideen.

In der „Glade“-Ausstellung zeigen Sie auch Sitzgelegenheiten, die wie schützende Kokons wirken. Als Bezug dienen Wolldecken der französischen Armee, die Sie schon mehrfach für Ihre Mode verwendet haben. Warum der Ausflug ins Militärische? 
Armeedecken waren immer eine Romanze für mich. Eine Romanze, die sich um Leben und Tod dreht. Die Themen Schutz und Isolierung hat auch Joseph Beuys mit dem Einsatz von Filz behandelt. Beuys war sehr prägend für mich als junger Kunststudent, weswegen ich auch in meinen Kollektionen oft graue Stoffe verwendet habe. Die Armeedecken sind meine eigene Version von Joseph Beuys’ Filzarbeiten. 

Die Sitzobjekte sind mit versteckten Leuchten und Ladestationen versehen. Trotz aller Archaik sind die Möbel also kein Gegenentwurf zur Digitalisierung?
Sie sind definitiv ein Teil der digitalen Welt, in der es um Kommunikation geht. Und Kommunikation ist die Essenz des Lebens. Die digitale Welt ist Evolution. Daraus gibt es kein Entkommen. Vielleicht wird an einem gewissen Punkt das Organische verschwinden. Wir werden nicht mehr physisch existieren und uns stattdessen in digitale Ideen oder in Dampf verwandeln. Das scheint für mich die Richtung zu sein, in die wir uns bewegen. In China kann man heute schon einkaufen, indem die Augen gescannt werden, sodass man kein Geld mehr herumtragen muss. Das Organische und Digitale verschmelzen mehr miteinander als je zuvor. 

Was ist für Sie da noch Schönheit?
Schönheit ist im Grunde alles, worauf ich mich konzentriere. Ich habe mich früher immer ein wenig schuldig gefühlt, teure Kleidung zu kreieren, die niemand braucht. Doch ich habe damit meinen Frieden gemacht, indem ich mit meiner Arbeit Schönheit in die Welt bringe. Sie entspricht vielleicht nicht jedermanns Schönheitsideal, aber ganz sicher meinem eigenen. Dass die Leute meine Kleidung kaufen, zeigt, dass ich mit dieser Einschätzung zumindest nicht ganz allein bin. 

Schönheit als Existenzgrundlage?
Zumindest für mich ist es so (lacht). Wenn wir genug zu essen haben, genug Schlaf abbekommen, wenn wir ein Dach über dem Kopf haben, geht es nicht mehr ums Überleben. Wir können einen Schritt weitergehen. Und dieser Schritt heißt: Spiel. Auch wenn ich fühle, dass ich die Welt mit meinen Arbeiten verunreinige, ist es dennoch moralisch richtig, solange ich die Menschen mitnehmen kann. Durch Schönheit. Ohne jetzt prätentiös zu klingen: Schönheit ist tatsächlich ein höheres Ziel! 

Und das ist Ihr ganzes Erfolgsrezept?
Bei Kleidung geht es darum, wie man sich anderen Menschen gegenüber präsentiert und auf diese Weise mit ihnen kommuniziert. Meine Kleider sind nicht perfekt, sondern haben einen inhärenten Fehler. Etwas, das abweicht. Sie signalisieren damit, dass man sich seiner eigenen Fehler bewusst ist. Man akzeptiert sie und arbeitet sie in die Zukunft ein. Wenn das gelingt, kann man das Beste aus dem machen, was man hat. 

Mister Owens, vielen Dank für das Interview.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°6/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 11. Oktober 2019 am Kiosk erwerben.

Mehr: 25 Jahre lang hat Pamela Golbin für den Louvre als Kuratorin gearbeitet. Jetzt will sie die großen Modemarken für Hightech öffnen – bei Google.

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