Kolumne von Richard David Precht Die Suche der SPD nach einer neuen Führung gleicht einer Miss-Wahl

Früher waren SPD-Kanzler krisengebeutelte Männer. Heute werden SPD-Stars per Castingshow rekrutiert – ein fataler Würdeverlust für die Politiker.
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Richard David Precht: Kevin Kühnert wechselt die Fronten Quelle: Michael Englert für Handelsblatt Magazin
Richard David Precht

In seiner Kolumne „Das letzte Wort“ widmet sich der Philosoph gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen.

(Foto: Michael Englert für Handelsblatt Magazin)

Es ist leidig, immer über die SPD schreiben zu müssen, aber sie gibt halt so viel her. Man kann das traurig finden, aber auch lustig. Mit der Partei ist es nun seit Jahren so wie bei Donald Duck, Cliff Barnes, den Daltons oder Theo gegen den Rest der Welt – am Ende verliert sie immer. Jetzt aber holt die SPD todesmutig zum letzten Selbstzerstörungsschlag aus. Das letzte Heft, die finale Folge.

Früher waren SPD-Kanzler Männer mit langer Vergangenheit und einem forschen Blick in die Zukunft. Sorgfältig aufgebaute Kandidaten mussten erst Bürgermeister von Frontstädten oder flutgebeutelten Hansestädten sein, bevor sie an die politische Front nach Bonn geschickt wurden, um sich der Propagandaflut ihrer Gegner auszusetzen.

Heute dagegen wird kein SPD-Stahl mehr in der Schmiede des Lebens gehärtet. Nein, Vorsitzende werden in Castingshows rekrutiert nach dem Vorbild von Letʼs Dance; billige Ranschmeiße an die Massenunterhaltung, die Stars für zehn Minuten kreiert, die morgen keiner mehr kennt.

Weil die Showregeln von Letʼs Dance es verlangen, werden nicht Persönlichkeiten gesucht, sondern gemischtgeschlechtliche Paare. Das ist natürlich, jenseits der Tanzfläche, grüner Sexismus der übelsten Sorte! Die politische Eignung eines Menschen von seinem Geschlecht abhängig zu machen!

Wer als Mann keine Partnerin findet, kann in der SPD nichts werden und umgekehrt auch. Hier wird der Zugang zur Teilhabe versperrt aufgrund des Geschlechts. Genau so definiert man Sexismus. Und dass weder zwei Männer noch zwei Frauen die SPD führen dürfen, ist emanzipatorisch völlig unerträglich.

Als wäre die politische Zwangsehe nicht schon schlimm genug, müssen die Kandidaten nun auch noch alle erdenklichen Ortsverbände abklappern, um von mindestens fünf Unterbezirken gewählt zu werden.

Vom Klinkenputzer zum Parteivorsitzenden. Man stelle sich das allen Ernstes halber mal in der Vergangenheit vor: „Guten Tag, mein Name ist Helmut Schmidt, ich würde gern Parteivorsitzender werden, meine Hobbys sind Rauchen und Weltpolitik. Wenn ihr mich wählt, setze ich mich gegen Terrorismus ein und für den Nato-Doppelbeschluss.“ Da hatte der gute Schmidt schon unter weniger verschärften Bedingungen auf den Parteivorsitz verzichtet.

Heute dagegen verlangt die Partei, sich für den Chefposten zu bewerben wie eine Barbie bei Miss Germany – der totale Würdeverlust! Und weil das alles so lächerlich ist, bewirbt sich bis auf das Faktotum Olaf Scholz kein einziger SPD-Amtsträger, der etwas zu verlieren hat – sondern: Gesine Schwan. Vom Laufsteg zum politischen Dschungelcamp für Stars und Sternchen von gestern. „Wir sind so schrecklich mutlos“, sagt sie.

Aber um die 76-jährige Nachwuchshoffnung der SPD zu wählen, muss man nicht mutig sein, sondern durchgeknallt. Wer geglaubt hat, das Pärchen Nahles und Scholz ließe sich nicht unterbieten, bekommt nun die lebenden Puppen von „Hurra Deutschland“ präsentiert: Gesine Schwan und Ralf Stegner.

Ist die Partei wirklich so sehr am Ende, dass sie sich in Kabarett verwandelt? Möchte sie so zugrunde gehen? Den Kakao auch noch trinken, durch den sie überall gezogen wird? Von Gotha nach Idiota? Sollte nicht jeder, der noch ein Fünkchen Achtung oder Mitleid mit der SDP aufbringt, diese selbstzerstörerische Kandidatenshow schnellstens abblasen?

In früheren Jahren hatte die Partei für den humorlosen Selbsterhalt noch eigens dafür abgestelltes Personal; Zuchtmeister wie Herbert Wehner und Hans-Jochen Vogel. Sie hatte sogar mal weitsichtige Intellektuelle wie Egon Bahr, Erhard Eppler und Peter Glotz.

Und wenn deren Fehlen schon nicht kompensiert wird, sollte man dann nicht wenigstens von der CDU lernen? Wenn am Ende eines Castings Annegret Kramp-Karrenbauer übrig bleibt, müssen Castingshows das beste Verfahren nicht sein. Und für Gesine findet sich bestimmt noch was anderes, den sterbenden Schwan geben zum Beispiel bei Let’s Dance …

Richard David Precht, 54, lehrt Philosophie und schreibt Bücher. Auch sein letztes Werk, „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ (Goldmann), ist ein Bestseller.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°5/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 13. September 2019 am Kiosk erwerben.

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  • Was keine gesellschaftliche Klasse, kein politischer Gegner
    und keine andere Fraktion geschafft hat, die SPD schafft
    es selbst, sich ab zu schaffen. Die Nachfolge - Würfelei, die dämlichen Kommentare zu SUV, bzw. generell zur Umwelt; usw..
    Schade um Politiker wie Tiefensee und andere.

    Tschüss SPD.