Kolumne von Richard David Precht Klima der Wahrheit

Der menschengemachte Klimawandel ist auch ein Kampf um die Wahrheitshoheit. Wem der Klimawandel nicht in den Kram passt, der nimmt ihn auch nicht ernst.
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Richard David Precht: Kevin Kühnert wechselt die Fronten Quelle: Michael Englert für Handelsblatt Magazin
Richard David Precht

In seiner Kolumne „Das letzte Wort“ widmet sich der Philosoph gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen.

(Foto: Michael Englert für Handelsblatt Magazin)

Die leidige Wahrheit! Zurzeit hantiert jeder so mit ihr herum, als wäre er ihr intimster Vertrauter. Nehmen wir nur den menschengemachten Klimawandel. Für viele Deutsche ist er wahr, weil die allermeisten Klimaforscher ihn für wahr halten.

Trotzdem gibt es Zeitgenossen, die das Ganze für eine große Verschwörung der Klimamafia halten, für einen Jahrhundertbetrug, um freiheitsliebende Freigeister in einer künftigen Ökodiktatur zu unterjochen und ihnen lebenswichtige Dinge wie Plastiktüten und Stadtpanzer zu rauben. Wer hat recht?

Wenn man es streng sieht, können beide Fraktionen ihre Ansicht nicht beweisen. Und das liegt nicht nur an so etwas Ungreifbarem wie dem Klima. Menschen, so wissen Philosophen und Hirnforscher, gleichen das, was sie erleben, nicht mit der Realität ab, sondern mit anderen Vorstellungen. Und stets bleiben wir dabei in dem Bewusstseinszimmer unseres Gehirns gefangen. Aber wie der Mensch halt ist, braucht er nicht nur eine Welt und eine Wirklichkeit, sondern auch so etwas wie die Wahrheit.

Aber warum? Die beste Antwort darauf fand der große amerikanische Philosoph William James am Ende des 19. Jahrhunderts. Im Laufe der Jahrmillionen prägte sich bei unseren Vorfahren in der Savanne ein Denken aus, das es nützlich fand anzunehmen, dass bestimmte Erkenntnisse auch unabhängig von dem, der sie hat, „wahr“ sind.

Wahrheit, so James, richtet sich nach der Nützlichkeit und nicht umgekehrt. Deshalb sind die Ansprüche an das, was „wahr“ sein soll, im Alltag auch selten besonders hoch. Wenn ich mit einer neuen Information konfrontiert bin, überprüfe ich, ob sie in meine Welt passt. Nicht die Realität, sondern mein Gemütsklima und meine Weltanschauung entscheiden darüber, was ich für wahr halte. Und was nicht zum alten Denkinventar passt, ist daneben, albern oder absurd.

Nicht anders bei der Erderwärmung. Wer im Braunkohletagebau arbeitet und seine Arbeit wertvoll findet, für den ist der menschengemachte Klimawandel eine völlig abwegige Information. Wer schon immer meinte, dass alles am Kapitalismus gut ist und der Markt alles regelt, der ändert seine Meinung auch durch die rasante Klimaerwärmung nicht.

Und wer, wie die AfD, das Rad der Geschichte zurückdrehen will, den stört die drohende Klimakatastrophe kolossal, denn das Klima lässt sich eben nicht zurückdrehen. Für all diese Menschen ist die Herausforderung des menschengemachten Klimawandels schlichtweg zu groß. Die Informationen über die drohenden Folgen des Klimawandels erscheinen nicht als nützlich, sondern als extrem ärgerlich. Wer ist schon so wahrheitsliebend, dass er sich völlig infrage stellt?

Nun haben auch all jene, die das drohende Klimadesaster für Menschenwerk halten, keine letzten Beweise. Die gibt es nicht mal dann, wenn die Erde für alle Menschen unbewohnbar geworden ist. Aber etwas für wahr zu halten, das einem schlaflose Nächte und ein radikales Umdenken abnötigt, verlangt deutlich mehr Mut und Stärke, als alles zu leugnen.

Und wenn sich fast alle Experten in der Sache einig sind, rät einem dann nicht die Klugheit, sich nicht mit ein paar zusammengesuchten Informationen aus dem Internet trotzig dagegenzustellen?

Aber leugnen oder sich sorgen sind ja nicht die einzigen Möglichkeiten. Man schaue nur auf unsere Regierungskoalitionäre. Obgleich niemand den menschengemachten Klimawandel bezweifelt und auch nicht das Tempo, mit dem er voranschreitet, begnügt man sich mit Schönheitskosmetik. Das gute Klima in der Regierung ist halt wichtiger als das schlechte auf der Erde. Man beschließt höhere Steuern für den notorisch zahlungsschwachen SUV-Fahrer und lockt mit sanft verbilligten Bahntickets.

Keine Verhaltensänderung also, nur zweckdienliche Illusionen auf dem Weg ins Fiasko. Davon könnte die AfD so viel lernen! Um die Wahrheit zu verleugnen, muss man sie nicht einmal bestreiten.

Richard David Precht, 54, lehrt Philosophie und schreibt Bücher. Auch sein letztes Werk, „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ (Goldmann), ist ein Bestseller.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°6/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 11. Oktober 2019 am Kiosk erwerben.

Mehr: Richard David Precht will das Onlineshopping besteuern. Die Einnahmen sollen an die Kommunen gehen. Im Interview erklärt Precht seine Idee.

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5 Kommentare zu "Kolumne von Richard David Precht: Klima der Wahrheit"

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  • @Herr Jürgen Orlok
    Wenn ich so Ihren Informationsstand sehe, kann ich nur feststellen, daß sie Ihr Nichtwissen über den Klimawandel offensichtlich von Quellen wie EIKE oder anderen Klimawandelleugnern beziehen. Merke: Irgendein Professorentitel macht noch niemanden zu einem Experten für Atmosphärenphysik.
    Wenn Sie sich wirklich ernsthaft mit dem Thema Klimawandel beschäftigen wollen, dann empfehle ich Ihnen z.B. folgende Quellen:
    climate.nasa.gov (jede Menge Fakten)
    www.klimafakten.de/fakten-statt-behauptungen/fakt-ist
    www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2017/08/10/der-klimawandel-ist-vom-mensch-gemacht-eine-uebersicht

    www.psiram.com/de/index.php/Klimal%C3%BCge
    (echte Skeptiker vs. "Klimaskeptiker")

  • Dass solch ein Kommentar im Handelsblatt erscheint spricht Bände. Den Realitätsverweigerern à la Herr Orlok fällt nur noch ein, sich intelektuell zu überhöhen und auf Beleidigungen zurück zu greifen. Klassifizieren wir dessen Erguß also als menschliches Abfallprodukt.

  • Ich falle leider aus Prechts Sicht der gefühlten, erwünschten Wahrheit heraus.
    Herr Precht scheint jedoch ein Exemplar des Philosophen William James zu sein.
    Hochdramatisch, ja apokalyptisch besessen von diesem seinen Glauben, denn Wahrheit hat eine reale Komponente und die stützt seine Ausführungen nicht.
    Wenn ich so meinen Informationsstand sehe, kann ich nur feststellen, daß Herr Precht sich nicht ernsthaft mit dem Thema Klimawandel beschäftigt hat. Wissenschaft kann ja auch leicht überfordernd werden für Philosophen, die nur die veröffentlichte Meinung kennen.
    Auch die Position der AfD ist grotesk verzerrt - Philosophie des Grotesken ?
    Auch früher war mir aufgefallen , daß Herr Precht ein sehr sehr seichteter "Philosoph" ist. Seine intellektuelle Flughöhe liegt wohl im mm-Bereich, Zeitgeist.
    Na ja, der Zeitgeist neigt halt zu seichtem Denken.
    KLassifizieren wir seinen Erguß also als ein menschliches Abfallprodukt.

  • Die spannende Frage ist ja weniger warum es ein paar Leugner gibt. Richtig spannend ist die Frage was wir als -den menschengemachten Klimawandel anerkennende- Einzelne, Deutsche oder Europäer tun wollen, können, sollen oder müssen um am besten mit der Situation umzugehen. Die genannten schlaflosen Nächte und der radikale Wandel sind weder zwangsläufig noch für jeden sinnvoll.

  • ja stimme zu...hinzu kommt die komplexe Vermengung der Wahrheit mit Recht/Unrecht bzw. die uns immer beschäftigende Frage nach der Schuld...die in uns tief verankerten Basis Fragen nach Wahrheit und Schuld blockieren...daher verändert Euch und seid mutig auch ohne den Freispruch durch die Wahrheit.