Kolumne von Richard David Precht Warum smartes Leben zu Langeweile führt

Das Leben sollte nach Plan laufen und keine Umwege haben, keine unnötige Energie verbrauchen. Doch das Leben nach Plan ist kein ideales Modell.
21.03.2019 - 10:00 Uhr Kommentieren
Richard David Precht: Kevin Kühnert wechselt die Fronten Quelle: Michael Englert für Handelsblatt Magazin
Richard David Precht

In seiner Kolumne „Das letzte Wort“ widmet sich der Philosoph gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen.

(Foto: Michael Englert für Handelsblatt Magazin)

Was ist der Unterschied zwischen einem Plan und einer Geschichte? Ein Plan ist dann gut, wenn er möglichst genau so aufgeht, wie er gedacht war. Eine Geschichte hingegen ist das, was sich ereignet, wenn etwas dazwischenkommt.

Auch in der Geschichte der Menschheit kam unglaublich viel dazwischen: das Feuer, der Ackerbau, Völkerwanderungen, Könige, Kriege, Seuchen, Revolutionen und Donald Trump. Und dabei gab es anfangs kaum Pläne. Jeder Tag bestand nur aus Geschichten über Wasserlöcher, über das Abendessen, über Raubtiere, erotische Erlebnisse, Kinder und übers Wetter.

Es passierte viel, und nur das wenigste war geplant. Dann aber begann die kulturelle Evolution, und die Menschen fingen an, ihr Leben zu planen. Das Unvorhergesehene wurde weniger, das Vorausgedachte nahm zu. Im 21. Jahrhundert sind wir inzwischen eingekreist von Vorausgedachtem, von planmäßigen Zügen und Flügen, turnusmäßigen Steuererklärungen, durchgeplanter Arbeit und durchgeplanter Freizeit.

Nicht mehr lange, und wir werden in Städten und Wohnungen leben, in denen alles gesehen und vorausgesehen werden kann – im Verkehr und im Geschlechtsverkehr. Das Internet der Dinge schmiegt unseren Bürostuhl so an unseren Rücken, bis beide vollkommen angepasst und ideal gleich gekrümmt sind.

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    Partnerbörsen machen sinngemäß das Gleiche. Schlaue Geräte messen und antizipieren unsere Gesundheit. Und Biotechnologen verraten uns die zweite Zahl auf unserem Grabstein und entwickeln minutiöse Pläne, wie wir sie erfolgreich verschieben.

    Das Zauberwort, wer wüsste es nicht, heißt „smart“. Smart ist, wenn das Leben uns keinen Widerstand mehr entgegensetzt; wenn alles nach Plan läuft. Smart ist, wenn wir keine unnötige Energie mehr verbrauchen, keine langen Wege mehr gehen müssen, alles auf einmal da ist und kein Bedürfnis mehr unerfüllt bleibt. Früher nannte man diesen Zustand „Tod“ und fand ihn meist nicht so gut.

    Smart hingegen soll etwas Gutes sein. Die optimale Lösung für jedes Problem. Und da, so meine ich, liegt die Krux. Wie kann heute schlecht sein, was in der Steppe und am Wasserloch völlig normal war? Nämlich, dass etwas dazwischenkam. Natürlich war das Leben in der Savanne kein Honigschlecken, aber dafür war es immerhin nicht öde. Doch je komfortabler alles wurde, umso mehr stürzten sich die Menschen in ihrer Langeweile in Fiktionen.

    Umzingelt von Unterhaltungsfiktionen

    In der geschützten Höhle mussten auf einmal aufregende Bilder an die Wand gemalt werden, und Entertainer erfanden Geschichten über maßlos übertriebene Wesen wie Götter und Dämonen. Heute, in unserer immer smarteren Welt, sind wir völlig umzingelt von Unterhaltungsfiktionen wie Filmen und Spielen. Noch nie in der Geschichte waren Anwesende so abwesend, noch nie war eine Zivilisation so durchfiktionalisiert wie die unsrige.

    Und warum? Weil eben immer weniger dazwischenkommt! Und weil wir für ein Problem halten, was möglicherweise gar keines ist. Alles Wichtige und Wesentliche im Leben des Menschen ist nämlich nicht smart, sondern genau das Gegenteil. Wir halten niemals für eine Lebensleistung, was nicht durch Mühen und Plagen gegerbt ist. Wir messen keinem Erfolg einen Wert bei, der nicht etwas Widerständigem abgetrotzt ist.

    Wir suchen uns unseren Partner nicht allein deshalb aus, weil er die Lösung für das Problem ist, dass man nicht gern allein ist. Welches Problem hat eigentlich Rembrandt gelöst oder Mozart? Echtes menschliches Leben entzieht sich dem Schema von Problem und Lösung. Kinder, zum Beispiel, machen unglaublich viele Probleme – ohne dass je jemand herausgefunden hat, für was sie die Lösung sind.

    Im Mittelpunkt, heißt es auf allen Digitalkonferenzen, muss der Mensch stehen. Aber das sagen die Kannibalen auch. Wäre der Mensch tatsächlich im Mittelpunkt der Digitalisierung – wir würden sie nicht wiedererkennen.

    Richard David Precht, 54, lehrt Philosophie und schreibt Bücher. Auch sein aktuelles Werk, „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ (Goldmann), ist ein Bestseller.

    Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°2/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 22. März 2019 am Kiosk erwerben.

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