Nahaufnahme Konstantin Grcic: „Gutes Design ist Arbeit“

Mit einer tiefen Ernsthaftigkeit ist Konstantin Grcic zum Szene-Star geworden. Nun will er aus Berlin noch ganz andere Dinge gestalten als Lampen und Büros.
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Der Designer zog im vergangenen Jahr von München in sein neues Studio nach Berlin. Quelle: Daniel Hofer für Handelsblatt Magazin
Konstantin Grcic

Der Designer zog im vergangenen Jahr von München in sein neues Studio nach Berlin.

(Foto: Daniel Hofer für Handelsblatt Magazin)

Berlin Designer, so die landläufige Meinung, sind irgendwie Künstler mit Industriekontakten. Wenn sie nicht gerade Party machen in Backsteinlofts oder von einer Messe zur nächsten jetten, arbeiten sie auch mal nachts oder das Wochenende durch, hassen feste Bürozeiten und allzu viel Alltagstrott.

Konstantin Grcic ist „nicht so der Partygänger“, hat’s gern übersichtlich und liebt feste Bürozeiten. Nach 18 Uhr oder gar am Wochenende darf sich in seinem Berliner Office in der Kurfürstenstraße keiner seiner Mitarbeiter erwischen lassen. Auch er nicht.

„Geregelte Arbeitszeiten schaffen einem ja erst die Freiräume, die man dann wieder braucht, um kreativ aufzutanken“, sagt er, „obwohl das jetzt sicher arg nach Postamt klingt, oder?“ Na ja, jedenfalls klingt es nicht unbedingt nach einem der bekanntesten und zugleich erfolgreichsten deutschen Designer, zu denen Grcic ohne Zweifel zählt.

2010 wurde er auf der Messe Design Miami als „Designer of the Year“ ausgezeichnet, zwei Jahre später gestaltete er den deutschen Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig. Seine Objekte stehen in der Neuen Sammlung in München wie im Museum of Modern Art in New York, vor allem aber in Abertausenden von Wohnungen und Privathäusern weltweit.

Für das italienische Möbelunternehmen Magis zum Beispiel entwickelte er den zur Ikone mutierten „Chair One“, für Flos die berühmte Mehrzwecklampe „May Day“ mit megafonartigem Licht-Trichter und integrierter Kabelrolle – ein Entwurf, für den er 2001 den italienischen Design-Oscar „Compasso D’Oro“ erhalten hat.

Für Vitra schuf er den Plastikhocker „Stool Tool“ und jüngst erst den durch seine Schlichtheit bestechenden Bürostuhl „Rookie“. Seit der Möbelmesse Salone del Mobile in Mailand euphorisiert er nicht nur die Branche mit dem Leuchtensystem „Noctambule“, das er ebenfalls für Flos entwickelt hat.

Überhaupt sind die Themen Büro und Licht jene beiden Designwelten, die Grcic derzeit am stärksten anziehen. Das Thema Licht, weil dank neuer LED-Technologie plötzlich auch gestalterisch enorm viel möglich ist. Das Büro, weil dort gerade nicht weniger als die Arbeit an sich neu erfunden wird. „Die Dynamik der Bürowelt ist aktuell wahnsinnig spannend“, findet Grcic.

Und die Rädelsführer der Office-Revolution heißen nicht mehr Siemens oder SAP, sondern Google, Facebook und Zalando. „Der jungen Angestelltengeneration ist eine Top-Kantine wichtiger als ein eigenes Büro.“

Klassische Möbelgestaltung erlebt der 54-Jährige dagegen derzeit als „sehr rückwärtsgewandt“ und nostalgisch, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass wir solventen Möbelkäufer uns das Nest mittlerweile wieder eher kuschlig machen wollen angesichts all der Transformationsstürme um uns herum. Kuschligkeit hat aber eben auch viel mit unserer Hoffnung zu tun, das Gestern in nostalgischen Möbeln konservieren zu können.

Für Bequemlichkeit sind Grcics Entwürfe indes nicht bekannt, eher für Komfort, was ein Unterschied ist. Andererseits sehen gerade seine Sitzmöbel dann oft anstrengender aus, als sie wirklich sind. Seine Produkte sind ein bisschen wie er: nüchtern, ernsthaft, schnörkellos.

Es sind Möbel für eine temporeiche Zukunft, auch wenn Grcic die Schnelligkeit der Jetztzeit selbst manchmal unheimlich wird. Auf Flughäfen oder in Bahnhofslounges könne er nicht arbeiten, sagt er. Das Büro und die Ruhe dort sind ihm heilig. Der gebürtige Münchener hat zwar einst in Dorset eine Ausbildung zum Möbelschreiner absolviert und in London danach Industriedesign studiert.

Aber selbstständig gemacht hat sich der Sohn eines serbischen Juristen und einer deutschen Kunsthändlerin 1991 dann wieder zu Hause. Insofern konnte es fast schon als persönliche Revolutionsphase gelten, als er vor einem Jahr in München alles auflöste, um nach Berlin zu ziehen.

Sein Name schmückt auch andere

Grcic kündigte seinem kompletten Team, bot allen an, mit in die Hauptstadt zu ziehen, wusste aber zugleich, dass seine langjährigen Mitarbeiter lieber in München bleiben würden. „Ich wollte einen klaren Schnitt“, sagt er. Also musste er in Berlin völlig neues Personal anwerben. Und auch da legte er neben den üblichen Top-Lebensläufen auf etwas Wert, das nicht unbedingt zu einem fancy Weltstar wie ihm passt: Die Neuen sollten bitte alle der deutschen Sprache mächtig sein. What, are you kidding?

Blick ins Innere von Konstantin Grcics neuem Berliner Studio. Quelle: Daniel Hofer für Handelsblatt Magazin
Arbeitsplatz

Blick ins Innere von Konstantin Grcics neuem Berliner Studio.

(Foto: Daniel Hofer für Handelsblatt Magazin)

Natürlich muss man auch als Designer heute vor allem Englisch können. Aber Grcic hat die Erfahrung gemacht, dass dann im Büro für einen einzigen ausländischen Kollegen der Rest des Teams halbgares Englisch spricht, was eher albern als global klingt – und schlussendlich schlicht ineffizient ist. Insofern ist ihm seine Mutter- als Bürosprache doch lieber.

So, mit allerlei ganz persönlicher Transformation, begann Grcics neues Leben in Berlin, das ihn nicht nur deshalb magisch anzog, weil Frau und Kind schon da waren. Die Hauptstadt erlebt er selbst im Jahr 2019 als deutlich weniger poliert und fertig als München. Und sie bietet Grcic vor allem im öffentlichen Raum „viele offene Stellen“, die er gern mitgestalten würde. Sitzbänke, Brachflächen, Plätze – es gibt hier noch so viel zu designen. Er würde da gern mitspielen, auch wenn er genug anderes zu tun hat.

Am Klebestreifen auf dem Klingelschild unten an der Haustür des Wohnblocks steht zwar noch „Konstantin Grcic Industrial Design“. Aber das „Industrial“ hat er mittlerweile aus dem Firmennamen gestrichen, auch um für solche öffentlichen Aufträge offener zu sein. Oder auch für die Gestaltung von Ausstellungen aller Art – da ist für einen wie ihn noch so viel zu entdecken neben dem „Industrial“, das vor allem am Anfang seiner Karriere wichtig gewesen sei.

Damals musste er der Industrie, die ihn ja noch nicht kannte, zurufen: „Hey, ich will für euch arbeiten!“ Mittlerweile braucht er das nicht mehr.

Neben den Möbeln und Lampen entwirft er längst auch mal Anzüge oder Sonnenbrillen, frischt eine Keramikuhr der Schweizer Marke Rado auf oder gestaltet eine Limited Edition für die letzten Benzin-Smarts, bevor es den Kleinstwagen nächstes Jahr nur noch als Elektromobil gibt. Wahrscheinlich hat man’s in Grcics Branche endgültig geschafft, wenn sich Unternehmen über solche Kurzaufträge mit dem Namen des Designers schmücken wollen.

Er macht das ja auch gern und könnte sich sogar vorstellen, irgendwann einmal etwas für Ikea zu entwerfen. Aber erstens muss es eben immer auch persönlich passen; so verwendet Grcic viel Mühe darauf, seine Partnerschaften zu Plank oder Vitra, Flos, Magis oder zum Schweizer Armaturenhersteller Laufen zu pflegen. Und zweitens macht er nie etwas nur so nebenbei.

Design-Erfolge wie seine verdanken sich dann zwar auch Zufällen und manchmal Glück. Aber davor braucht es immer und vor allem sehr viel Disziplin, Genauigkeit, Demut und das Verständnis, dass der eigene Verantwortungsbereich in den vergangenen Jahren eigentlich stetig gewachsen ist.

Der ergonomisch geformte Stuhl richtet sich vor allem an Mitarbeiter junger Start-ups mit geringem Budget. Quelle: Konstantin Grcic, Pressebild
Bürostuhl Rookie

Der ergonomisch geformte Stuhl richtet sich vor allem an Mitarbeiter junger Start-ups mit geringem Budget.

(Foto: Konstantin Grcic, Pressebild)

Früher rief eine Firma an, fragte, ob man nicht mal etwas miteinander machen könne, dann geschah lange nichts, irgendwann doch, und am Ende stand vielleicht ein neuer Stuhl im Laden. Heute dagegen übernimmt der Designer eine weitaus größere Rolle.

Er muss auf effiziente Produktion und Nachhaltigkeit achten, schon die Lieferketten der Rohstoffe mitdenken und die Energieeffizienz der eingesetzten Maschinen. „Wir sind für die Firmen so eine Art Satellitenschüssel, die neue Ideen und Strömungen reinholt“, sagt er.

Die Honorare wachsen in der ebenso kleinen wie feinen Branche nicht unbedingt mit, was durchaus debattiert wird. Aber weil es nun mal keine Designergewerkschaft gibt, hat sich an den Usancen noch nicht viel verändert: In der Regel schließt der Gestalter einen Lizenzvertrag ab und bekommt später rund drei Prozent vom Großhandelspreis jedes Stuhls oder Tischs. Reich werden kann man davon nicht unbedingt, zumal man ja nicht nur vom Hit profitiert, sondern auch den Flop mittragen muss.

Und auf einmal wird klar, was Grcic meinte, als er sagte: „Gutes Design ist Arbeit.“ Sehr ernste Arbeit, will man hinzufügen, wenn man ihm gegenübersitzt und dabei zuschaut, wie er mit den Worten ringt, auf der Suche nach einer möglichst präzisen Aussage. Er will eben auch da so sein wie seine Produkte: intelligent, einfach, klar.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°6/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 11. Oktober 2019 am Kiosk erwerben.

Mehr: Das deutsche Supermodel Anna Ewers über Nachhaltigkeit im Fashion-Business, Konsequenzen aus der #MeToo-Debatte und Rollenbilder der Generation Instagram.

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