Porträt Das ist das Geheimnis des Möbelproduzenten Minotti

Minotti steht für zurückhaltende Eleganz und zeitlose Formen. Wie eine der erfolgreichsten Möbelmarken Italiens ihre Zukunft auf dem Weltmarkt gestaltet.
Kommentieren
Die Brüder Roberto Minotti (l.) und Renato Minotti (r.) mit ihrem Kreativdirektor Rodolfo Dordoni. Quelle: Nicolo Lanfranchi/laif
Die Macher des Familienunternehmens

Die Brüder Roberto Minotti (l.) und Renato Minotti (r.) mit ihrem Kreativdirektor Rodolfo Dordoni.

(Foto: Nicolo Lanfranchi/laif)

Meda Die Brianza schlummert vor sich hin. Der Trubel der Welt scheint weit weg in jener ruhigen Gegend, die sich im Norden von Mailand Richtung Como erstreckt. Hinter unscheinbaren Mauern sitzen hier oft große Namen. Vor allem wenn man an das Thema Wohnen denkt.

Die Brianza gilt als die Werkbank der italienischen Möbelindustrie, wo sich Produktionshallen und Firmensitze weltbekannter Marken aneinanderreihen. Auch bei Minotti in der Kleinstadt Meda sieht es zunächst ein wenig verschlafen aus, bis sich die Eingangstür öffnet und der Blick freigegeben wird auf die hektische Betriebsamkeit im hallenartigen Showroom.

In wenigen Wochen eröffnet der neue Minotti-Shop in Xi’an. Und deshalb nimmt hier gerade eine chinesische Delegation nach der anderen die neue Kollektion in Augenschein.

Mittendrin steht Renato Minotti. Seit 1991 leitet er zusammen mit Roberto das Unternehmen, das von ihrem Vater Alberto Minotti 1948 gegründet wurde. Die Aufgabenteilung zwischen beiden Brüdern ist klar geregelt: Betriebswirt Renato kümmert sich um die Zahlen, Roberto, der Architektur studiert hat, übernimmt die Markeninszenierung und Kommunikation.

Bei der Neuheiten-Entwicklung arbeiten beide Hand in Hand. Schließlich ist die Gestaltung in einem derart design-affinen Unternehmen nie losgelöst vom Ökonomischen: Die Kunstfertigkeit entscheidet mit darüber, ob ein neues Stück auch kommerziell erfolgreich wird.

2017 lag der Umsatz bei 115 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr waren es 135 Millionen. Der Familienbetrieb mit 220 Mitarbeitern zählt damit schon zu den großen Players in Italiens eher kleinteiliger Möbelindustrie, wo der Name Minotti für zeitlose Eleganz steht. Wilde Formen oder schrille Farben sucht man hier vergebens. „Wir setzen nicht auf Wow-Effekte“, bringt Renato die Formel Minotti auf den Punkt. Das war nicht immer so.

Als die Brüder nach dem vorzeitigen Tod ihres Vaters die Firmenleitung übernehmen mussten, war der eine Anfang, der andere Mitte dreißig. Statt einfach weiterzumachen wie zuvor, haben sie eine neue Richtung eingeschlagen. Sie haben dem Unternehmen eine klar erkennbare Handschrift verordnet, deren Umsetzung sie dem Architekten Rodolfo Dordoni anvertrauten.

Seit 1998 ist der Mailänder Architekt als Art Director tätig und hat fast alle Produkte entworfen. Mit seinem Gespür für zurückhaltende Formen und feine Details hat er das Unternehmen zu einer weltweit bekannten Marke gemacht.

„Als ich bei Minotti begann, habe ich ihnen vorgeschlagen, statt in einzelnen Produkten vielmehr im Kontext von Produkten zu denken. Es ging also nicht mehr um die Couch, sondern um das Gefühl eines Hauses, in dem sich diese Couch befindet“, sagt Rodolfo Dordoni später in seinem Mailänder Studio.

Die Bandbreite der Produkte hat sich von Polstermöbeln auf Tische, Schränke, Leuchten und Accessoires geweitet. Ein Teil dieser neuen Typologien wird im 24.000 Quadratmeter großen Firmensitz in Meda produziert.

Andere Kreationen werden bei Zulieferern in der unmittelbaren Umgebung exklusiv in Auftrag gegeben. Die Brianza mit ihrem engen Netz von Herstellern und Zulieferern machte es möglich – schnell und ohne den Zwang, die eigenen Kapazitäten erst aufwendig erweitern zu müssen.

Sie denken in Kollektionen

„Als wir damit begonnen haben, hat niemand außerhalb der Mode in Kollektionen gedacht. Heute haben fast alle großen Marken die Rundumstrategie übernommen“, erklärt Dordoni.

„Wir wollten weder Stühle neben Stühle noch Sofas neben Sofas reihen. Es soll vielmehr der Eindruck eines wirklichen Zuhauses entstehen.“ Quelle: Minotti
Minotti auf der Mailänder Möbelmesse 2018

„Wir wollten weder Stühle neben Stühle noch Sofas neben Sofas reihen. Es soll vielmehr der Eindruck eines wirklichen Zuhauses entstehen.“

(Foto: Minotti)

Jedes Jahr im April werden die Neuheiten auf der Mailänder Möbelmesse Salone del Mobile präsentiert: Inmitten eines riesigen Stands, den der Mailänder Architekt zusammen mit der internen Entwicklungsabteilung „Minotti Studio“ entwickelt. Auch hier werden die Produkte nicht losgelöst voneinander betrachtet, sondern in realistische Wohnensembles eingebunden.

„Wir wollten weder Stühle neben Stühle noch Sofas neben Sofas reihen. Es soll vielmehr der Eindruck eines wirklichen Zuhauses entstehen“, sagt Renato, der fünf Jahre Ältere der beiden Brüder. Die Neuheiten werden als Teil einer zusammenhängenden Kollektion begriffen, die jeweils einem Thema untersteht.

Dennoch passen die Produkte zu früheren Kollektionen und können untereinander frei kombiniert werden. „Auch das war für den Einrichtungssektor etwas Neues. Denn damit konnten wir einerseits eine klar erkennbare DNA formen und dennoch verschiedene Geschmäcker erkunden“, sagt Roberto.

Dass Minottis Exportanteil auf mittlerweile 86 Prozent geklettert ist, liegt nicht nur an einem Netz von 400 Händlern in 63 Ländern. Eine wichtige Rolle spielen die eigenen Flagship-Stores, von denen der erste 1997 in Bangkok eröffnet wurde.

Mittlerweile sind 35 weitere Dependancen hinzugekommen. Die meisten davon in Asien, wo die Minottis häufig in unmittelbarer Nähe zu den Boutiquen der großen Modenamen zu finden sind. Doch auch in europäischen Städten wie Berlin, London, München oder Wien unterhält man Filialen, ebenso wie in New York, Mexiko City, Kapstadt oder Sydney.

Das Unternehmen präsentiert dem Endkunden das Design ganzer Wohnwelten. Quelle: Minotti
Minotti auf der Mailänder Möbelmesse 2015

Das Unternehmen präsentiert dem Endkunden das Design ganzer Wohnwelten.

(Foto: Minotti)

„In den Flagship-Stores können wir uns so präsentieren, wie wir gesehen werden wollen. Wir können eine eigene Welt inszenieren“, sagt Renato. Das auf den Messeständen erprobte Prinzip, statt einzelner Produkte ganze Wohnwelten zu zeigen, wird so bis an die Endkunden herangetragen.

Und verändert der Ausflug in die Welt auch den Minotti-Kosmos? „Sehen Sie, der Möbelbereich funktioniert wie die Autoindustrie, die erfolgreichen Modelle werden in Europa, Asien und Amerika gut verkauft. Der Geschmack ist längst global geworden. Die Unterschiede liegen in der Auswahl der Leder und Farben. Doch die Produkte müssen in allen Ländern funktionieren“, so Renato.

Alte Philosophie, neue Designer

Damit das in Zukunft noch besser gelingt, hat sich das Unternehmen 2018 – pünktlich zum 70-jährigen Bestehen – stilistisch weiter internationalisiert. Rodolfo Dordoni ist weiterhin als Art Director tätig. Doch es sind neue Designer hinzugekommen, die ganz bewusst aus Märkten mit einer eigenen Designkultur rekrutiert wurden.

Der Architekt Marcio Kogan (Studio mk27) aus São Paulo, Oki Sato (Studio Nendo) aus Tokio und Christophe Delcourt aus Paris. 2019 kam das italienisch-dänische Designerduo GamFratesi aus Kopenhagen hinzu. Die stilistische Vielfalt soll neue Interpretationen der Marke Minotti ermöglichen und ihr einen dynamischeren, eklektischeren Auftritt geben.

Das 2019 von Christophe Delcourt entworfene Sofasystem „Daniels“ umfasst 150 Polsterkomponenten und Beistelltische. Die lokalen Partner können so auf die Sitzvorlieben der einzelnen Märkte reagieren und aus dem Serienprodukt personalisierte Lösungen ableiten. Zugleich öffnet das System weitere Anwendungsmöglichkeiten im stark wachsenden Hotellerie- und Gastronomiebereich.

„Reisen, vor allem Geschäftsreisen, sind immer auch anstrengend. Wenn man dann in ein Hotel einkehrt, das den Eindruck eines Zuhauses vermittelt, entspannt man sich viel leichter. Aus diesem Grunde gleichen sich Hotels und privates Wohnen stilistisch immer stärker an. Genau diese Schnittstelle wollen wir besetzen“, sagt Renato.

„Interne Kritik ist wichtig, um das Unternehmen nach vorn zu bringen.“ Quelle: Minotti
Minotti „Tape Cord Outdoor“, Nendo, 2019

„Interne Kritik ist wichtig, um das Unternehmen nach vorn zu bringen.“

(Foto: Minotti)

Ob es ein Vor- oder Nachteil ist, als Brüder zu arbeiten? „Wir sind zwei halbe Äpfel, die zusammen einen ganzen ergeben. Natürlich gibt es auch schwierige Momente, und wir sind nicht bei jedem Punkt genau einer Meinung. Doch diese interne Kritik ist wichtig, um das Unternehmen nach vorn zu bringen“, sagt Roberto.

Die neue, nächste Generation ist bereits mit an Bord. Alessio und Alessandro Minotti sind die Zwillingssöhne von Renato. Der eine arbeitet als Research and Development Manager, der andere als General Manager. Robertos Tochter Susanna leitet das Interior Decoration Department.

Was die zweite Generation der dritten mit auf den Weg gibt? „Nur mit einem Businessplan allein funktioniert es nicht. Auch als Unternehmen ist es wichtig, auf den Bauch zu hören und ein Gefühl für Produkte und Märkte zu entwickeln“, findet Renato Minotti.

Familienunternehmen sieht er da klar im Vorteil, weil sie nicht auf externe Partner angewiesen sind. „Bei ihnen verbleiben die finanziellen Ressourcen im Inneren des Unternehmens. Sie sind das Benzin, um Investitionen zu tätigen und weiter wachsen zu können. Auf zehn Meter zu schauen, kann jeder. Wir müssen versuchen, so weit wie möglich zu blicken.“ Auf jeden Fall weit in die Zukunft.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°6/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 11. Oktober 2019 am Kiosk erwerben.

Mehr: Möbel wie vor fast 50 Jahren – Die neuen (oder alten) Möbeltrends präsentieren sich auf der imm cologne.

0 Kommentare zu "Porträt: Das ist das Geheimnis des Möbelproduzenten Minotti"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.