Porträt Licht-Künstler Ólafur Elíasson will gemeinsam mit Ikea Afrika erstrahlen lassen

Mit einer schlichten Solarlampe will Ólafur Elíasson das Leben von einer Milliarde Menschen verbessern. Berührungsängste kennt der Künstler nicht.
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Der Däne ist ein fröhlicher Grenzgänger zwischen Künstler-und Unternehmertum. Quelle: Frederike Helwig
Ólafur Eliasson

Der Däne ist ein fröhlicher Grenzgänger zwischen Künstler-und Unternehmertum.

(Foto: Frederike Helwig)

Am Anfang war das Licht. Zumindest im ganz persönlichen Schöpfungsmythos von Ólafur Elíasson. „Das Licht steht am Beginn allen Lebens“, erzählt der dänische Künstler mit isländischen Wurzeln. „Durch das Licht konnten Bakterien entstehen, die dann eine Atmosphäre erzeugt haben.“

Berühmt wurde Elíasson mit Installationen von oft beeindruckender Größe, die häufig um die Frage kreisen, wie Licht unsere Wahrnehmung beeinflusst. Etwa jene nordisch tief stehende künstliche Sonne, die er 2003 in der gewaltigen Turbinenhalle des stillgelegten Londoner Kraftwerks anbrachte, in dem mittlerweile das Kunstmuseum Tate Modern zu Hause ist. Und anders als manch vergrübelter Malerfürst brauchte Elíasson schon immer viele Mitarbeiter, um seine gewaltigen Visionen Realität werden zu lassen: Modellbauer, Tischler, Projektmanager, Buchhalter.

Schon immer war er ein lustvoller Grenzgänger zwischen Künstler- und Unternehmertum. Nun aber ist der Wahlberliner im Begriff, seine persönliche Grenze noch ein ganzes Stück weiter in Richtung Entrepreneur zu verschieben. Elíasson ist eine Kooperation mit dem Möbelkonzern Ikea eingegangen, um das vom Künstler so verehrte Licht auch zu jener rund eine Milliarde Menschen zu bringen, die bislang ohne Stromanschluss leben. Aber der Reihe nach.

Berlin, Christinenstraße, dort, wo der hippe und mittlerweile sehr teure Bezirk Mitte in den etwas gesetzteren Prenzlauer Berg übergeht: In einem jener hauptstadttypisch stillgelegten Fabrikgebäude arbeiten rund 100 Menschen für und mit Elíasson. Sie sortieren die Anfragen für Installationen und andere Kunstprojekte, bauen erst kleinere, dann größere Modelle und setzen die Projekte schließlich in den hauseigenen Holz-, Metall- und Glaswerkstätten in die Realität um.

Im Erdgeschoss stehen die Fräsen und Werkbänke. Im Stockwerk darüber planen Architekten an langen Tischen Häuser und Parklandschaften designed by Studio Other Spaces, der gemeinsamen Architekturfirma von Elíasson und seinem Partner Sebastian Behmann. Einmal pro Woche tagt das halbe Dutzend Abteilungsleiter dieser Kreativfabrik, einmal im Monat nimmt Elíasson selbst an den Sitzungen teil. Kunstproduktion als Gemeinschaftsaufgabe.

Dazu gehört auch, dass in der Christinenstraße über bestimmte Themen basisdemokratisch entschieden wird. Etwa über die Anfrage des Handelsblatt Magazins, ob Elíasson und seine Mitarbeiter als Protagonisten einer opulenten Modeproduktion auftreten möchten.

Der Künstler spricht sich dafür aus, ebenso die Kollegen aus einem Teil des Elíasson-Universums. Passenderweise aus jener Abteilung, in der sich alle wesentlichen Längen- und Breitengrade von Elíassons Koordinatensystem überschneiden: das Lebensthema Licht, der Unternehmergeist, das gesellschaftliche Engagement und schließlich die enge Beziehung zu Afrika. Alles vereint in der „Little Sun“, einer solarbetriebenen Handlampe in Blüten- oder Diamantenform.

Elíasson und seine Frau adoptierten zwei Kinder aus Äthiopien, eins vor 15 und dann noch einmal eins vor zwölf Jahren. Es war der Beginn regelmäßiger Reisen in das Land. Den Künstler fasziniert das Licht in der Nähe des Äquators. Steil fällt es ein, weil die Sonne dort fast immer im Zenit steht. Die Dinge wirken so ganz anders als im langanhaltenden Zwielicht des Polarkreises, das Elíasson aus seiner Kindheit gewohnt ist.

Gastprofessor in Äthiopien

Mittlerweile ist er Gastprofessor an einer Kunstakademie in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Dort betreibt er gemeinsam mit seiner Frau auch eine kleine Hilfsorganisation. Sie unterstützt Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind, etwa Vergewaltigungsopfer oder Prostituierte.

Ihnen wollen die Elíassons ermöglichen, sich selbst um ihr Kind zu kümmern, anstatt es ins Waisenhaus zu bringen oder gar auszusetzen. Die Mütter kriegen ein Zimmer, sie belegen Fortbildungskurse. Alles mit dem Ziel, dass sie nach einiger Zeit genug Geld verdienen, um sich selbst um ihre Familie zu kümmern.

Es werde Licht – Ólafur Elíasson und sein „Little Sun“-Team
Ólafur Elíasson, Künstler & Gründer von Little Sun
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Windbreaker Balenciaga (The Corner Berlin), Hose 032c, Hut Little Sun, Sneaker Valentino (The Corner Berlin), Accessoires Little Sun und Little Sun Diamond.

Fotograf: Frederike Helwig / WE FOLK, Assistent: Laurence Gorman, Hair & Make-up: Anna Brylla / Liganord, Styling: Claudia Hofmann, Styling-Assistent: Michael Savci

(Foto: Frederike Helwig)
Ulrike Maichel, Management
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Pullover Antonia Zander, Rock Sacai (The Corner Berlin), Stiefelette Escada, Accessoires Little Sun Diamond.

(Foto: Frederike Helwig)
Eva Brandt, Programmleitung
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Bluse Chanel, Rock Rejina Pyo (Net-A-Porter.com), Schuhe Jimmy Choo.

(Foto: Frederike Helwig)
Frederik Ottesen, Gründer
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Bomberjacke Valentino (The Corner Berlin), Hemd Odrin, Hose Hermès, Brille Little Monster, Accessoires Little Sun.

(Foto: Frederike Helwig)
Elin Johansson, Fundraising
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Kleid Etro, Pullover Brunello Cucinelli, Strümpfe Falke, Ohrring Chanel, Schuhe Dries van Noten.

(Foto: Frederike Helwig)
Lea Augustin, Vertrieb
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Top und Rock Louis Vuitton, Schal Dries van Noten (The Corner ‧Berlin), Schuhe Jimmy Choo.

(Foto: Frederike Helwig)
Philipp Fuhs, eCommerce & Logistik
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Polo Shirt, Hemd, Hose, Schuhe und Dokumententasche Prada, Accessoires Little Sun.

(Foto: Frederike Helwig)

Immer wieder begegnete Elíasson dabei dem Problem, dass viele Äthiopier keinen Zugang zu elektrischem Strom haben. Entweder behelfen sie sich mit schmutzigen Öllampen, oder ihr Tag endet zwangsweise mit Einbruch der Dunkelheit. Abends Hausaufgaben machen, arbeiten oder auch nur kochen – das ist Luxus für die etwa eine Milliarde Menschen auf der Welt ohne Zugang zu Strom, von denen besonders viele in Afrika leben.

Durch Zufall trifft er den Ingenieur Frederik Ottesen, der ähnlich fasziniert ist von Afrika, aber nicht als Künstler, sondern als Erfinder und Unternehmer. Er war beteiligt an der Entwicklung des ersten solarbetriebenen Flugzeugs der Welt, und nun erfährt Elíasson durch Ottesen von den Fortschritten auf dem Gebiet der Photovoltaik, der Umwandlung von Sonnenenergie in Strom.

Verkauf auch in Europa

„Ich habe erst durch Frederik gelernt, dass die Preise für Solarzellen enorm gesunken sind und Strom aus Licht mittlerweile wettbewerbsfähig ist“, erinnert er sich. Was als Gedankenaustausch begann, wird 2012 zum Projekt „Little Sun“: Die solarbetriebene Lampe, weniger als 100 Gramm leicht, lädt sich binnen fünf Stunden im Sonnenlicht auf und spendet anschließend vier Stunden helles oder bis zu 50 Stunden mildes Licht. Mittlerweile gibt es noch zwei Ableger, die Standlampe „Little Sun Diamond“ und die „Little Sun Charge“, mit der sich auch Handys aufladen lassen.

Und was hat das mit Kunst zu tun? Für Elíasson sehr viel. „Licht ist greifbar, ich kann mein Licht mit mir tragen, wir sind alle kleine Sonnen“, fasst er die kreative Botschaft zusammen. Und noch etwas ist ihm wichtig: Die Lampen sind kein Produkt ausschließlich für Afrika. Sie werden in identischer Machart im Norden und im Süden verkauft.

Nur die Preise variieren. In Europa kostet die Lampe für den Endkunden 22 Euro, in Äthiopien etwa halb so viel. Immer noch eine Menge Geld für die meisten afrikanischen Familien, doch binnen weniger Monate soll sich die Anschaffung durch das gesparte Lampenöl amortisieren.

Im Norden erfüllt die „Little Sun“ meist weniger elementare Funktionen: Sie dient als Lichtquelle für Outdoor-Urlauber, als Gartenschmuck oder einfach nur als Must-Have für Menschen, die ein Objekt designed by Ólafur Elíasson besitzen möchten.

Die kleine Sonne ist mittlerweile selbst zu einer Berühmtheit geworden. Der New Yorker Milliardär und Ex-Bürgermeister Michael Bloomberg unterstützt das Projekt mit Geld aus seiner Stiftung. Prominente wie das Supermodel Naomi Campbell und der Designer Peter Saville bewerben die „Little Sun“. Auch Louis-Vuitton-Designer Virgil Abloh ist begeistert. Aber taugt das sympathische Solarkonzept tatsächlich dazu, die Welt zu verändern?

Den Beweis, dass dies möglich ist, soll ein Mann mit dunklen Augen und Dreitagebart antreten: Felix Hallwachs, Nike-Sneaker zur IWC-Uhr, war Direktor der Architektur-Abteilung an der Christinenstraße. Ihn faszinierte die „Little Sun“ derart, dass er zum Sozialunternehmer mutierte. Als geschäftsführender Vorstand der Little Sun Foundation steuert er jetzt das gesamte Projekt. „Das ist die typische Arbeitsweise von Ólafur“, sagt Hallwachs. „Er trägt Ideen in das Studio hinein und schaut, ob sie jemanden interessieren.“

Erfolg in Simbabwe, Probleme in Äthiopien und Kenia

Inzwischen arbeiten 15 Mitarbeiter für das Projekt. Immerhin gut 700.000 Solarlampen hat „Little Sun“ verkauft, davon rund die Hälfte in den stromarmen Regionen des Südens. Der größte Erfolg gelang in Simbabwe, dort leuchten inzwischen 70.000 „Little Suns“.

Auch in einigen anderen afrikanischen Ländern läuft das Geschäft ordentlich. Ausgerechnet in Äthiopien, wo „Little Sun“ mit einem einheimischen Importeur zusammenarbeitet, erschwert immer wieder die Devisenknappheit des Landes die Einfuhr der Lampen.

„In Kenia wiederum“, berichtet Hallwachs selbstkritisch, „wurden wir in unserem ersten Projekt in Zusammenarbeit mit einer Nichtregierungsorganisation als Teil der konventionellen Entwicklungshilfe wahrgenommen.“ Mit dem Ergebnis, dass die meisten Kenianer die Lampe nicht kaufen, sondern geschenkt haben wollten, weil sie das von internationalen NGOs so gewohnt waren.

Im Juni ist „Little Sun“ eine Kooperation eingegangen, die das Projekt noch weit kraftvoller erstrahlen lassen soll: Hallwachsʼ Team wird eine Serie von Solarprodukten für Ikea entwickeln, den weltgrößten Möbelhändler. Gemäß der „Little Sun“-Philosophie sollen diese Produkte sowohl als Lifestyle-Objekte in den Ikea-Filialen des Nordens vertrieben werden und ebenso das Leben im globalen Süden verbessern.

„Little Sun“ will vor allem vom Ikea-Know-how bei Einkauf, Produktion und Vertrieb profitieren. Und was will Ikea? „Wenn wir demokratische, kostengünstige Designlösungen schaffen“, so Designchef Marcus Engman, „dann könnte das Leben abseits des Stromnetzes nachhaltig und kostengünstig werden.“

Dank der Kooperation mit Ikea könnten die kleinen Leuchten den Durchbruch zum Massenmarkt schaffen. Gleichzeitig ist den Berliner Sonnenanbetern das Risiko bewusst, von dem schwedischen Großkonzern vereinnahmt zu werden, um dessen Sozial- und Umweltimage aufzupolieren.

Aber das gehört schließlich zum Künstler- wie zum Unternehmertum: Risiken sind dazu da, sich ihnen zu stellen. Wo viel Licht ist …

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°5/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 7. September 2018 am Kiosk erwerben.

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