Schauspieler im Interview Moritz Bleibtreu: Schauspielerei könnte zu „schlecht bezahltem Dienstleistungsberuf werden“

Der Schauspieler spricht über die Berechenbarkeit von Karrieren, seine Liebe zu Uhren wie auch zum Kino und die Gefahren der schönen neuen Streamingwelt.
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Pullover: Calvin Klein, Hose: Woolrich, Schuhe: Sandro, Uhr: IWC Ingenieur Quelle: Thomas Rabsch für Handelsblatt Magazin
Moritz Bleibtreu

Pullover: Calvin Klein, Hose: Woolrich, Schuhe: Sandro, Uhr: IWC Ingenieur

(Foto: Thomas Rabsch für Handelsblatt Magazin)

Hamburg Der Schauspielstar Moritz Bleibtreu warnt vorm großen Kinosterben: „Jedes Jahr sinken die Zuschauerzahlen weiter. Die Genrevielfalt ebbt ab, was dazu führt, dass man aus lauter Angst vor dem Risiko nur noch das produziert, was eh gut läuft“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt Magazin. Das Kino werde „seinen Platz in der Mitte der Gesellschaft sicher noch stärker einbüßen, als wir das in den vergangenen Jahren schon beobachten konnten“.

Bleibtreu ist seit Jahrzehnten ein deutscher Kinostar und will dem Genre auch treu bleiben – trotz des Siegeszugs der Streaming-Portale von Netflix bis Apple TV+. Deren Boom bedeute zwar „zusätzliche Chancen“ für Schauspieler wie ihn. „Kritischer sehe ich, dass mittelfristig durch die schiere Masse das Produkt an Begehrlichkeit und Relevanz verliert“, mahnt Bleibtreu gegenüber dem Handelsblatt Magazin.

„Auf dem Buchmarkt ist das ja auch schon zu sehen: Viele, viele Neuerscheinungen, aber kaum noch etwas, das zum Ereignis, zum gesamtgesellschaftlichen Gesprächsstoff wird. Stattdessen viele Nischen und Special Interests, immer mehr Sub-Genres und Zielgruppen, aber immer weniger Höhepunkte“, sagt der 48-Jährige.

Außerdem betrieben die Streaming-Riesen „durchaus mit Vorsatz die Abschaffung des alten Star-Systems: Warum soll ich einem Johnny Depp 20 Millionen Dollar zahlen, wenn ein anderer mit 300.000 zufrieden ist?“

Genau das passiere gerade: „Und wenn sich diese Entwicklung weiter fortsetzt, wird die Schauspielerei im Film die gleiche Entwicklung nehmen wie der Beruf der Stewardess: Vor 30 Jahren galt das noch als cool, heute ist es vielfach nur noch ein schlecht bezahlter Dienstleistungsberuf mit eher miesen Arbeitszeiten.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview

Herr Bleibtreu, wie wichtig ist Timing für einen Schauspieler – nicht nur in einzelnen Szenen, sondern auch was die Karriereplanung oder Rollenauswahl angeht?
Es gibt Kollegen, die nach strategischen Vorsätzen arbeiten, und das ja mitunter auch erfolgreich. Meine Taktik war allenfalls: Ein Projekt muss irgendwas in mir zum Klingen bringen. Im Nachhinein hatte ich oft den Eindruck: Nicht ich suche die Rollen, sondern die Rollen suchen mich. Mein Opa hat immer gesagt: „Gefühl ist alles.“ Daran halte ich mich bis heute, auch wenn das bedeutet: Vieles bleibt Zufall.

Haben Sie schon mal nach Dreharbeiten in sich hineingemurmelt: „Dieser Film ging jetzt echt schief“?
Sicher bei fast der Hälfte der Filme, die ich bislang gedreht habe. Das liegt aber in der Natur der Sache. Das Resultat ist unberechenbar. In der Kunst ist 1 + 1 selten 2, sondern manchmal 0,5 oder 2,3.

Und ausgerechnet Sie sammeln etwas so Präzises wie mechanische Uhren?
Dafür ist wohl eher der technische Aspekt entscheidend. Wenn man mal gesehen hat, wie zum Beispiel ein Ewiger Kalender montiert wird … die Präzision, das Handwerk … das ist schon irre. Die Haute Horlogerie ist für mich wahres Kunsthandwerk – übrigens wie die Kochkunst, an der ich mich mit wachsendem Erfolg ebenfalls versuche.

Wann begann das mit dem Uhrensammeln?
Das fing früh an. Von meiner allerersten Gage habe ich mir eine Rolex Air-King gekauft. Mir war damals total wichtig, dass ich die nicht über irgendwelche Buddys besorge, sondern bei Wempe am Hamburger Jungfernstieg kaufe. Ohne Rabatt. Aber mit einem Verkäufer, der sie mir mit weißen Handschuhen auf den Tisch legt.

Haben Sie mal eine Uhrenmanufaktur besucht?
Ja, und man sieht ja kaum die winzigen Teilchen, die da akribisch verarbeitet werden. Das nötigt mir echt Demut und Respekt ab. Und es beruhigt mich zugleich, dass es in all der Omnipräsenz des Digitalen noch sehr analoge, schöne Dinge gibt.

Welche Strategie verfolgen Sie beim Uhrensammeln?
Ich gehe auch da ausschließlich danach, was mir gefällt, und begreife das nicht als Geldanlage. Dementsprechend kann ich mich gar nicht auf eine bestimmte Marke oder Gattung konzentrieren. Und ich bin bereit, dafür immer mal wieder eine ziemliche Stange Geld auszugeben. Die Ingenieur Perpetual Calendar von IWC zum Beispiel trage ich nicht nur, weil ich Markenbotschafter von IWC bin. Es ist einfach eine schöne Uhr. Und es gibt sehr wertvolle Uhren, die nicht mehr jeder erkennt, die aber dennoch wunderschön sind.

Viele Sammler hüten ihre Preziosen in Safes. Tragen Sie Ihre Uhren auch wirklich?
Manche nur zu wirklich besonderen Anlässen. Ein bisschen Angst hat man ja durchaus, dass sie aus Versehen mal irgendwo verloren gehen könnten.

Haben Sie noch Uhren-Träume?
Oh ja, einige. Ganz oben einiges von Patek Philippe. Die Nautilus zum Beispiel ist schon eine Hammer-Uhr.

Sind das für Sie auch Statussymbole?
Vielmehr eine persönliche Bestätigung. Ich bin in Hamburgs Bahnhofsviertel St. Georg groß geworden. Dort versteht man die Signale, die von einer Uhr und ihrem Preis und Image ausgehen können, schon sehr genau. Und dort spielt eine Uhr auch eine andere Rolle als in der Oberschicht auf der anderen Seite der Stadt, wo der Filius mit 16 eben seine erste Breitling bekommt.

Apropos Herkunft: Sie entstammen einer echten Schauspielerdynastie. Was sind die Vor- und Nachteile, wenn um einen herum alle vom Fach sind?
Der Vorteil ist: Man idealisiert den Beruf nicht. Als Kind ging’s mir ja vor allem um Praktisches: dass diese schauspielernden Eltern genug verdienen, um den Kühlschrank zu füllen, und meine Klassenreise bezahlen können. So was alles.

Sie waren sich angeblich schon mit sechs Jahren sicher, dass Sie Schauspieler werden wollen.
Stimmt. Das scheint irgendwie schicksalhaft gewesen zu sein. Ich kann mich jedenfalls gar nicht an Optionen erinnern.

Warum sieht man Sie viel öfter im Kino als im Fernsehen?
Ich bin als Kind auf Theaterbühnen groß geworden. Das war ein geschlossener, definierter Raum. Als Zuschauer geht man da aktiv hin. Wie ins Kino auch. Und wenn Sie dann in der elften Reihe Mitte sitzen, stehen Sie nicht so schnell auf, weil noch Popcorn fehlt oder das Gesehene Sie empört. Da entsteht ein ganz anderes emotionales Gefälle. Fernsehen kann man allein zu Hause genießen. Theater und Kino dagegen fordern Anwesenheit. Das habe ich immer gemocht. Und gerade Kino wird deshalb noch lange das Zentrum meiner Arbeit bleiben.

Aktuell sind Sie in „Ich war noch niemals in New York“ zu sehen, der Verfilmung eines Musicals auf der Basis der alten Schlager von Udo Jürgens. Warum lässt sich ein Schauspieler wie Sie auf so ein Projekt ein?
Die Farben, der Sound des Films, das ist für Deutschland sicher ungewöhnlich. Aber ich versuche immer, mich mit meinen Entscheidungen auch selbst zu überraschen.

Anzug: Tom Ford by Breuninger, Pullover: John Smedley. Quelle: Thomas Rabsch für Handelsblatt Magazin
„Ich kann nun leider gar nicht singen, nicht mal unter der Dusche."

Anzug: Tom Ford by Breuninger, Pullover: John Smedley.

(Foto: Thomas Rabsch für Handelsblatt Magazin)

Wie ein Udo-Jürgens-Fan klingt das nicht.
Würde ich auch nie behaupten wollen, haha! Aber mit Regisseur Philipp Stölzl habe ich schon „Goethe!“ gedreht. Und da wusste ich: Mit ihm kann das etwas Besonderes werden. Die Gefahr war mir aber ebenso klar, obwohl diese Art von Screwball-Comedy ja durchaus auch in Deutschland eine lange Tradition hat.

Sie meinen die alten Schinken mit Peter Alexander.
Zum Beispiel. Wir konnten das Genre mal sehr gut. Das ist hier nur ein bisschen in Vergessenheit geraten: die leichte Überzeichnung und Überhöhung bei gleichzeitiger emotionaler Tiefe und Wahrhaftigkeit.

In dem Musical-Film müssen Sie nicht nur schauspielern, sondern auch tanzen und singen … Was bedurfte der größten Übung?
Ich kann nun leider gar nicht singen, nicht mal unter der Dusche. Meine Angst wurde mir dann von unserer Gesangslehrerin genommen. Am Ende geht es darum, ehrlich zu sein.

Das Kino leidet generell schwer: Die Zuschauerzahlen gehen zurück, Streamingdienste wie Netflix liefern sich mit viel Geld gigantische Produktionsschlachten. Woran merken auch Sie, dass es schwerer wird? Wurden die Budgets kleiner, die Drehbücher schlechter? Kriegt man weniger Angebote, erodieren die Gagen?
Alle Faktoren, die Sie gerade genannt haben, beobachte ich auch. Ist doch klar. Jedes Jahr sinken die Zuschauerzahlen weiter. Die Genrevielfalt ebbt ab, was dazu führt, dass man aus lauter Angst vor dem Risiko nur noch das produziert, was eh gut läuft.
In Deutschland sind das vor allem Komödien …
… gegen die ja nichts zu sagen ist. Aber andere Filmfacetten kommen eben leider mittlerweile völlig zu kurz. Die etwas komplexeren Erzählstrukturen finden dann eher im Streaming eine neue Heimat. Dort gibt es viel Geld und durchaus auch den Mut, neue Erzählformen auszuprobieren. Aber das Schicksal des Kinos ist ja nicht neu.

Inwiefern?
Das Theater, die Oper, das Radio – all diese Institutionen haben ähnliche Entwicklungen und existenzielle Bedrohungen durchgemacht – und überlebt. Insofern glaube ich auch nicht, dass das Kino komplett verschwinden wird. Aber es wird seinen Platz in der Mitte der Gesellschaft sicher noch stärker einbüßen, als wir das in den vergangenen Jahren schon beobachten konnten.

Auch Sie selbst wurden Ihrem Lieblingsmedium schon untreu. Zuletzt waren Sie in der dritten Staffel von „Schuld“ zu sehen. Das ZDF produzierte die Serie nach den Büchern von Ferdinand von Schirach seit 2015 …
… und es war eigentlich Deutschlands erste Streamingserie, weil sie schon vor dem TV-Start komplett in der Mediathek abrufbar war.

Trotzdem ergeben Sie sich noch nicht Disney, Apple, Netflix oder Amazon, die derzeit mit großen Budgets winken?
Ich werde weiterhin versuchen, das Kino das Zentrum meiner Arbeit sein zu lassen – solange es noch irgendwie geht.

Sie sind ein Romantiker!
So lass ich mich da gern nennen. Oder Idealist! So wie die Uhren eine eigene Welt darstellen, ist es das Kino auch. Ich mag nun mal alles daran: die große Leinwand, den Geruch von Popcorn, den Moment, wenn das Licht ausgeht, alles …

Quentin Tarantino wollte Sie einst für „Inglourious Basterds“ besetzen. Sie standen aber bei Fatih Akin für ein anderes Projekt im Wort – und sagten ab. Bereuen Sie das im Nachhinein?
Bereuen nicht, nein! Das war ja keine kreative, sondern eine menschliche Entscheidung. Fatih ist ein Freund. Er hatte mein Versprechen. Also konnte er auch auf mich zählen. Am Ende ist das eh das Einzige, worauf wir uns verlassen können: das Wort von jemandem. Aber ich ärgere mich natürlich trotzdem, dass ich bei „Inglourious Basterds“ dann nicht dabei sein konnte.

Immerhin waren Sie auch in Steven Spielbergs „München“ oder Marc Forsters „World War Z“ zu sehen. Wie schwer ist es, als Deutscher Hollywood zu erobern?
Ach, ich bin nach fast zwei Jahren Ausbildung in den USA ja ganz bewusst wieder nach Deutschland zurück. Es wird immer etwas anderes für mich sein, „Ich liebe dich“ zu sagen als „I love you“. Und ich glaube, die Zuschauer spüren das auch. Obwohl ich auch schon in einem dänischen Film Dänisch gesprochen habe.

Viele Schauspieler produzieren längst selbst oder führen Regie. Sie versuchen das nun auch. Das Projekt heißt „Cortex“ und ist ein Thriller, für den Sie zugleich das Drehbuch schrieben. Was kostet’s?
Rund vier Millionen Euro.

Das geht bei manchen Hollywood-Produktionen schon fürs Catering drauf.
Man kann mit vier Millionen Euro durchaus etwas Tolles auf die Beine stellen. Aber auch wenn man heute mit Computerunterstützung und Spezialeffekten vieles einfacher lösen kann, steigen doch auch die visuellen Erwartungen des Publikums. Es bleibt also ein stetiger Kampf.

Anzug: Tom Ford by Breuninger, Pullover: John Smedley, Uhr: Patek Philippe Calatrava Ref. 5227G-010-P. Quelle: Thomas Rabsch für Handelsblatt Magazin
„Die Filmförderung hilft gegen den übermächtigen Konkurrenten, die amerikanische Filmindustrie."

Anzug: Tom Ford by Breuninger, Pullover: John Smedley, Uhr: Patek Philippe Calatrava Ref. 5227G-010-P.

(Foto: Thomas Rabsch für Handelsblatt Magazin)

Worum geht’s in „Cortex“?
Auch das ist eine relativ komplexe Geschichte, bei der mir jeder sagen würde: „Mach’s für Netflix. Dort passt das am besten rein.“ Und tatsächlich wäre es ja viel einfacher. Um „Cortex“ ins Kino zu bringen, muss ich durch ein halbes Dutzend Institutionen: Filmförderer, Verleiher, Koproduzenten … Aber auch da bin ich eben sehr sentimental. Gott sei Dank gibt es für solche Projekte die Deutsche Filmförderung …

… die auch schon eine Menge Kritiker auf den Plan rief. Warum, so der beliebte Vorwurf, soll der Steuerzahler Filme fördern, die am Ende ein paar Tausend Leute sehen?
Die Filmförderung hilft gegen den übermächtigen Konkurrenten, die amerikanische Filmindustrie, gegen den man sich sonst gar nicht mehr behaupten könnte. Das Problem ist seit jeher, dass der rund 300 Millionen Dollar teure letzte „Avenger“-Film am Point of Sale, also im Kino als Eintrittskarte, am Ende fast genauso viel kostet wie der kleine Kunstfilm mit einem Budget von 100.000 Euro.

Da kommen die Subventionen ins Spiel, die sich ziemlich verändert haben.
Stimmt. Früher war das pure Kulturförderung. Ein Fassbinder-Film bekam ein bisschen Geld, das er selten eingespielt hat. Seit den Neunzigerjahren dreht sich das. Plötzlich merkte man, dass mit der einen oder anderen Komödie vom „Bewegten Mann“ bis zu „Knockin’ on Heaven’s Door“ sogar ein bisschen was zu verdienen war. So wurde aus der Kulturförderung eine wirtschaftlich orientierte Subvention. Das ist eigentlich ein Widerspruch in sich.

Also ist das System krank?
Die Franzosen machen das sicher etwas schlauer mit der Filmförderung. Aber sie ist eine absolute Notwendigkeit. Ohne Subvention ist das deutsche Kino nicht existent. Wir müssen uns vielleicht trauen, den Kulturauftrag ernster zu nehmen. Kino muss auch mal wehtun, mal politisch nicht korrekt sein, mal Haltung zeigen oder verstören. Das ist seine Aufgabe – im Gegensatz zum Fernsehen …

… das in Deutschland auch einen Bildungsauftrag hat.
Na ja, bleiben wir ehrlich: Das Fernsehen will den Leuten vor allem was Nettes liefern, wenn sie abends müde von der Arbeit nach Hause kommen, oder? Der Anspruch an die Unterhaltung ist dort viel klarer definiert.

Wie haben sich eigentlich die Schauspielergagen entwickelt?
Früher waren Filmstars entgrenzte Wesen, die weit weg auf einer Insel zu leben schienen. Heute wird man umso berühmter, je nahbarer man ist. Die Streamingdienste betreiben die Abschaffung des alten Star-Systems durchaus mit Vorsatz. Warum soll ich einem Johnny Depp 20 Millionen Dollar zahlen, wenn ein anderer mit 300.000 zufrieden ist?

Pullover: Calvin Klein, Uhr: IWC Ingenieur. Quelle: Thomas Rabsch für Handelsblatt Magazin
„Nur ein ganz kleiner Teil unserer Branche kann von der Arbeit wirklich entspannt leben.“

Pullover: Calvin Klein, Uhr: IWC Ingenieur.

(Foto: Thomas Rabsch für Handelsblatt Magazin)

Es ist also günstiger, sich seine neuen Stars selbst zu schaffen?
Das passiert jedenfalls gerade. Und wenn sich diese Entwicklung weiter fortsetzt, wird die Schauspielerei im Film die gleiche Entwicklung nehmen wie der Beruf der Stewardess: Vor 30 Jahren galt das noch als cool, heute ist es vielfach nur noch ein schlecht bezahlter Dienstleistungsberuf mit eher miesen Arbeitszeiten.

Angesichts der Produktionsbudgets und neuer Platzhirsche wie Amazon und Netflix denkt man ja, dass da gerade Goldgräberzeiten für Schauspieler anbrechen.
Andererseits darf man sich fragen: Wer soll diese Flut an Inhalten überhaupt noch konsumieren? Und beim Casting wird gar nicht mehr darauf geachtet, jemanden zu finden, der vielleicht als sehr wandelbar gilt. Es ist viel einfacher, jemanden zu suchen, der zur Rolle eh schon passt und sich gar nicht groß verändern muss. Früher nannte man das „Type Cast“. In Zukunft wird das die Norm werden. Junge Schauspieler bekommen kaum noch die Möglichkeit, Repertoire zu spielen, also sich zu verwandeln.

Welchen Rat würden Sie dem Nachwuchs geben?
Ich gebe ungern Ratschläge, würde aber immer empfehlen, sich auf die Wurzeln unseres Berufs zu besinnen. Und die liegen im Theater. Nur sich selbst zu spielen ist auf Dauer ja auch nicht besonders kreativ.

Klingt, als sei die Streamingwelt für Sie eine Art Vorhölle.
Ich gebe ja zu: Der Boom bedeutet zusätzliche Chancen für uns. Kritischer sehe ich, dass mittelfristig durch die schiere Masse das Produkt an Begehrlichkeit und Relevanz verliert. Auf dem Buchmarkt ist das ja auch schon zu sehen: Viele, viele Neuerscheinungen, aber kaum noch etwas, das zum Ereignis, zum gesamtgesellschaftlichen Gesprächsstoff wird. Stattdessen viele Nischen und Special Interests, immer mehr Sub-Genres und Zielgruppen, aber immer weniger Höhepunkte.

Kino, Literatur, Kunst – verlieren nicht alle Kunstformen an Bedeutung?
Wir stehen ein bisschen am Ende der Fiktion. Alles ist auserzählt. Egal ob Wissenschaft oder Kunst, Ökonomie oder Politik, die Quantensprünge sind vorbei. Jemand wie da Vinci war nicht nur Wissenschaftler, sondern auch verrückter Künstler. Das waren solche Querdenker, dass sie alte Muster aufbrachen. An dieser Stelle sind wir jetzt mit der Fiktion: Es ist unheimlich schwer, noch wirklich neue Erzählstrukturen zu finden.

Egal ob bei Youtube oder RTL II, das letzte große Ding scheint Realität zu sein.
Man kann sich heute tagelang echte Schlägereien oder Autounfälle im Internet anschauen. Diesen Kitzel der Authentizität kann auch die beste Fiktion nicht leisten. Zugleich haben diese Bilder einen enormen Einfluss auf unser kollektives Unterbewusstsein. Insofern ist Reality-TV wie „Das Sommerhaus der Stars“ auf RTL die effizienteste Unterhaltung, die man sich aktuell vorstellen kann: niedrigste Kosten, hohe Ratings. Sosehr ich solche Formate verabscheue – wenn ich zufällig reinzappe, bleibe ich dran hängen. Nichts fesselt Menschen mehr als vermeintliche Authentizität. Das kann schnell gefährlich werden. Brot und Spiele wie im alten Rom.

Welche Rolle spielen Social Media für Sie als Schauspieler heute?
Für den Nachwuchs sicher eine riesengroße, für mich persönlich gar keine.

Hemd: Eton, Pullover: Brunello Cucinelli, Uhr: Rolex Oyster Perpetual Yachtmaster 42. Quelle: Thomas Rabsch für Handelsblatt Magazin
„Als mein Sohn auf die Welt kam, geriet ich aber doch ins Grübeln."

Hemd: Eton, Pullover: Brunello Cucinelli, Uhr: Rolex Oyster Perpetual Yachtmaster 42.

(Foto: Thomas Rabsch für Handelsblatt Magazin)

Wie die Shitstorm-Mechanik funktioniert, konnten Sie dieses Jahr selbst erleben. Sie posteten aus dem Urlaub Tintenfische, die zum Trocknen über eine Wäscheleine gehängt worden waren …
Die Tiere waren ja längst tot und schon gekocht, als sie dort aufgehängt wurden. Wer sich ein bisschen mit Esskultur auskennt, weiß das alles. Die Empörungsreflexe, die danach trotzdem einsetzten, lassen mich wirklich ratlos zurück.

Warum spielen Sie das Instagram-Spiel dann überhaupt mit?
Es gab wahnsinnig viele Fake Accounts. Wenn jemand in Ihrem Namen dauernd in miesestem Englisch Fußballergebnisse aus der Zweiten Liga postet, was wiederum zu einer Kette von Leserreaktionen führt … also dann überlegen Sie doch irgendwann, ob Sie nicht was machen sollten, um Ihrer eigenen Person wieder Herr zu werden. Wenn ich mich nicht als Moritz Bleibtreu ausgebe, dann macht es jemand anderes.

Wie sorgt man als Schauspieler eigentlich für die Rente vor? Oder ist das spießig?
Früher lebte ich mehr oder weniger in den Tag hinein, und ich bin nicht so der Sparer. Als mein Sohn auf die Welt kam, geriet ich aber doch ins Grübeln.

Kennen Sie viele Schauspieler, denen es schlecht geht?
Klar, nur ein ganz kleiner Teil unserer Branche kann von der Arbeit wirklich entspannt leben.

Haben Sie sich schon mal arbeitslos gemeldet?
Nee. Nie. Ich bin ein großer Freund gelebter Eigenverantwortung und war bisher noch nie in der Situation, dass ich dachte: Hey, jetzt brauche ich wirklich Hilfe – auch wenn ich es richtig und wichtig finde, dass unser Staat dann auch für mich da wäre. Ich habe ja schon jede Menge Steuern gezahlt.

Hemd: Eton, Jeans: Belstaff, Sneakers: Nike, Uhr: Rolex Oyster Perpetual Yachtmaster 42. Quelle: Thomas Rabsch für Handelsblatt Magazin
„Ich bin immerhin so schlau, mein Geld zu einer Privatbank zu bringen.

Hemd: Eton, Jeans: Belstaff, Sneakers: Nike, Uhr: Rolex Oyster Perpetual Yachtmaster 42.

(Foto: Thomas Rabsch für Handelsblatt Magazin)

Wie legen Sie selbst Ihr hart verdientes Geld an?
Ich habe ja nie welches. Aber das Geheimnis des Reichtums anderer Leute habe ich mal im Gespräch mit der Beraterin meiner Privatbank verstanden.

Oh, das klingt aber schon edler als Sparkasse in Hamburg-St. Georg?
Ich bin immerhin so schlau, mein Geld zu einer Privatbank zu bringen. Klassische Kreditinstitute wollen einem ja vor allem Fonds andrehen, an denen sie nur selbst verdienen. Also jedenfalls hat die Dame mir erklärt, dass ihre Kunden, Leute mit Millionenvermögen, sich selbst bei Ortsgesprächen zurückrufen lassen. Da dämmerte mir, dass ich einfach viel zu wenig geizig bin. Ich bin oft eine Art Sozialamt für meine Freunde und Bekannte. Da werde ich mich aber wohl auch nicht ändern. Ich finde Geld toll. Ich habe auch gern viel davon. Aber am Ende des Tags interessiert es mich nicht wirklich.

Herr Bleibtreu, vielen Dank für das Interview.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°7/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 8. November 2019 am Kiosk erwerben.

Mehr: „Viel Geld zu verdienen steht bei mir nie an erster Stelle“ – Heiner Lauterbach über sein Projekt „Meet Your Master“, seine unternehmerische Vision und seine „Meister“.

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