50 Jahre Mercedes-Benz W 108/109 Klassische Formen für kultivierte Menschen

Sie waren Sonderklasse, dabei wurden die großen Benz-Baureihen W 108/109 offiziell noch gar nicht S-Klasse genannt. Die von Designer Paul Bracq gezeichneten Limousinen waren Europas meistverkaufte Oberklassemodelle.
  • Wolfram Nickel
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Tradition: 50 Jahre Mercedes-Benz 250 S bis 300 SEL 6.3 (W 108/109) - Klassische Formen für kultivierte Menschen Quelle: Mercedes-Benz

50 Jahre Mercedes-Benz 250 S bis 300 SEL 6.3 (W 108/109)

Es war das Jahr, in dem das bundesdeutsche Wirtschaftswunder seinen Zenit erreichte und automobiler Luxus „Made in Germany“ global gefragt war wie nie zuvor. Was Opel ermunterte, im Modelljahr 1965 erstmals in gleich drei Baureihen auf V8-Power zu setzen und sogar den Goggomobil-Bauer Glas zum Einstieg in die V8-Klasse bewog.

Ganz gelassen feierte derweil die First Class mit Stern zwei grandiose Erfolgstypen, die der Welt zeigten, welche Marke weiterhin der wahre König im automobilen Oberhaus war. Während der „Große Mercedes“ des Typs 600 gerade den englischen Hoflieferanten Rolls-Royce auf dessen Heimatmarkt das Fürchten lehrte, setzte die damals neu vorgestellte Mercedes-Benz-Baureihe W 108/109 mit den Typen 250 S, 250 SE und 300 SE Maßstäbe unter den volumenstarken Luxuslimousinen.

Vorbei war nun die Zeit chrombeladener Heckflossen und Peilkanten, für die bei Mercedes bis dahin die Typen 220 Sb bis 300 SE aus den 1950er Jahren standen. Stattdessen bestimmte nun stilistische Avantgarde die große Klasse.

Mercedes Benz 250SE  ab 1965 Quelle: Mercedes-Benz

Mercedes Benz 250SE ab 1965

Unaufdringliche Eleganz ohne kurzlebige modische Dekors, dafür zeitlose Linien und filigrane Dachpavillons, so definierten die Fahrzeuge mit Sonderklassen-Typenkennung „S“ einen neuen süddeutschen „dernier cri“, der über ein Jahrzehnt aktuell blieb.

Gezeichnet hatte die Baureihe W 108/109 der französische Kultstilist Paul Bracq, der damit seine Designsprache fortführte, die er erstmals 1961 mit dem 220 SE Coupé vorgestellt hatte. Eine Linie, die sogar italienische Stardesigner wie Giugiaro als „immer jung“ lobten und mit der das Mercedes-Marketing  „kultivierte Menschen“ erreichen wollte.

Mercedes Benz 300SEL 6.3 ab 1968 Quelle: Mercedes Benz

Mercedes Benz 300SEL 6.3 ab 1968

Wirklich neu war vor allem der optisch völlig eigenständige Auftritt der S-Modelle im Vergleich zur Mittelklasse mit Vierzylindermotoren. Erstmals seit Kriegsende differenzierten sich die großen Sternenkreuzer nicht allein durch Chromornamente von den kleinen Markengeschwistern.

Wer allerdings unter die Motorhauben der Luxusliner schaute, erlebte anfangs eine Überraschung. Nicht einmal der fünf Meter lange 300 SEL fuhr mit mächtigem V8 vor. Für ausreichend Dampf sorgten ausschließlich Sechszylinder, dem Basistyp 250 S genügte gar ein lediglich 96 kW/130 PS entwickelndes 2,5-Liter-Aggregat, das die bis zu zwei Tonnen schwere Automatikversion gerade einmal 177 km/h schnell machte.

Dennoch meinte das amerikanische Mercedes-Marketing: „Im Vergleich zur Konkurrenz wirkt der 250 S wie ein Athlet unter einem Mob fetter Männer“. Eine aus heutiger Sicht verwegene Behauptung, die aber damals von Presse und Publikum geteilt wurde.

Vom alten zum neuen Pullman
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Auch wenn Daimler-Chef Zetsche im November 2011 die Strategie mit S-Klasse und 600er Pullman als quasi neu darstellt: Bereits in den 1960er ´Jahren gab es parallel eine S-Klasse mit zwei Radständen sowie eine Pullman-Langversion (hier im Bild ein 1964er), der Dienstwagen für viele Staatsoberhäupter war. Ab diese Erfolge will Mercedes nun anknüpfen ...

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Sein Debüt feierte der Mercedes 600 im September 1963 auf der Frankfurter IAA. Für Gesamtkosten von damals ungeheuren 100 Millionen D-Mark wurde die intern W 100 genannte Baureihe wird von den Ingenieuren der Rennsportabteilung entwickelt.

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Der Pullman - hier als sogenannte Landaulet-Version mit offenem Dach für die Passagiere und festem Dach für den Chauffeur ist eine echte Ikone des Autobaus. Als Pullman-Wagen bezeichnete man allerdings ursprünglich Reisezugwagen mit luxuriöser Großraumeinrichtung, die von der amerikanischen Pullman Palace Car Company gefertigt wurden. Diese Bezeichnung ging später auf die Mercedes-Fahrzeuge mit dem besonders langen Radstand über ...

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Der mächtige alte Pullman bot bei 6,24 Meter Länge und 3,90 Meter Radstand sieben bis acht Sitzplätze.

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Der legendäre Mercedes-Benz 600 übernahm für annähernd dreißig Jahre die Rolle als Staatskarosse. Er diente nicht nur der Regierung der Bundesrepublik Deutschland als Repräsentationsfahrzeug, sondern auch Regierenden zahlreicher Länder und vielen Herrscherhäusern.

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Der Papst hatte einen, Saddam Hussein, Mao Tse Tung sogar mehr als ein Dutzend: Der 600er und der Pullman waren Autos für Könige, Diktatoren, und als Symbol der Mächtigen auch eines deutscher Stärke. Wer ihn fuhr, wollte Größe und Wohlstand zeigen. Staatsmänner aus aller Welt rissen sich förmlich um das edle Gefährt "made in Germany". Doch wirtschaftlich war das Auto für Mercedes nicht rentabel.

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Aus gewaltigen 6,3 Liter Hubraum schöpft der V8 damals sagenhafte 250 PS. Das genügte, um den 2,5 bis 3,3 Tonnen schweren Wagen in knapp 10 Sekunden auf Tempo 100 zu bringen. Die Höchstgeschwindigkeit betrug rund 200 km/h - und so zählte der 600er trotz seiner gewaltigen Abmessungen und des hohen Gewichts damals zu den schnellsten Serienfahrzeugen der Welt.

Die hier abgebildete Landaulet-Version besitzt Trittbretter und Haltegriffe für den Personenschutz.

So belegte die Baureihe W 108/109 mit insgesamt 383.000 Einheiten in den Verkaufscharts sofort Platz eins der europäischen Oberklasse und verwies Konkurrenten wie Jaguar S-Type, Lancia Flaminia, Rover 3,5 Litre oder Opel Kapitän bis Diplomat auf hintere Plätze.

Dabei war dies erst der Anfang, denn die Erfolgskurve der bis 1972 verkauften Stuttgarter S-, SE- und SEL-Typen wurde mit zunehmendem Alter der Baureihe und den immer zahlreicheren Wettbewerbern noch eindrucksvoller.

So teuer wir drei Opel Kapitän
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4 Kommentare zu "50 Jahre Mercedes-Benz W 108/109: Klassische Formen für kultivierte Menschen"

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  • Fortsetzung: B. Das Design und die Qualität ergeben dann imagemässig eine rückkoppelnde Verstärkung, die dann auch auf die anderen Typen ausstrahlt. Irgendwann in den 90er Jahren, als Shareholder Value in den Vordergrund rückte, ist dieser Zusammenhang durchbrochen worden. Mit der A-Klasse gegen den Golf angehen zu wollen, hieß doch die Kompetenz der Kollegen aus Wolfsburg zu unterschätzen und sich selbst zu überschätzen. Billig, billig führte dann zu erheblichen Problemen , die der Marke Mercedes eigentlich unwürdig waren. Billiges Blech, billige Einspritzdüsen, billige Steuerketten und zuletzt kurzlebiges Design. Der kultivierte Kunde ist längs abgewandert. Die alten Mercedes bis etwa 1987 genießen als Old-/Youngtimer inzwischen Kultstatus. Die erlebbare Qualität springt einem direkt ins Auge. Ich bin auf der Suche nach einem W107 (SL-Typ) der wird sich bezogen auf die Qualität der Audis in unserer Familie wohl und heimisch fühlen. Ich will nicht ausschließen, dass einige Typen von Mercedes auch heute noch zu dem Besten gehören. Aber das ist nicht durchgehend der Fall und vor allem sind die Mercedes nicht mehr überragend. Sie waren mal so gut, wie die DM , der ich auch nachtrauere!

  • Da stimmen alle Proportionen! Aber was noch wichtiger ist: Das Design lebt von zwei Seiten. A. Es ist das Design selbst, das sich übrigens im Interieur fortsetzt. Dann ist die überragende Mercedes-Qualität dieser Tage. Alles ist durchdacht. Jede Schraube, jede Kabeldurchführung, jeder Schalter, jedes Sitzpolster: Alles strahlte Qualität aus. Die Technik war ohnehin solide

  • Alle Umweltschützer jetzt mal Ohren zuhalten.. und alle autobegeisterten Leser Hand auf's Herz: V8 Zylinder, 4,5 Liter Hubraum, über 200 PS und das alles in den 1960er Jahren ! Gegen einen hohen Verbrauch - damals nannte man das aber geringe Reichweite - erfanden die Ingenieure den größeren Tankinhalt. Was für eine sorglose Zeit, wahrscheinlich fuhren die Eigner dieser Autos so relaxt, als hätte ihnen der Psychiater bunte Pillen eingeworfen. OK Kinderbetten wurden ja auch mit Carbolineum gestrichen, Nuss-Nugat Brotaufstriche waren gesund und Mercedes lieferte keine Zigarettenanzünder in seinen Fahrzeugen aus, denn das waren gleich Zigarrenanzünder. Eine Auto hatte Charisma, hatte einen eigenen Ausdruck und selbst meine Mutter kannte alle PKW Baureihen von Mercedes Benz. Versuchen Sie das mal lückenlos heute, ich glaub da muss sogar Herr Zetsche passen. Gruß vom sterne-blog.de

  • Diese leichte Eleganz gab es ansonsten nur beim - ebenfalls von Paul Bracq gezeichneten - Strich-8. Der Ausdruck "für kultivierte Menschen" ist sehr schön - leider hat Mercedes diese vornehme Zurückhaltung mittlerweile vollkommen über Bord geschmissen. Wenn man diese rundum versickten Plastikbenze anschaut, mit riesigen Mäulern, Blingbling allüberall, angeklebt wirkenden Spoilern und derlei Firlefanz mehr, dann ist es vollkommen klar, wohin die Reise geht. Früher kamen eher die BMWs etwas halbseiden daher, heute topt der Prollfaktor eines Mercedes locker jeden BMW.

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