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Autodesign im Rückblick Als Autos noch Raketen waren

Das Weltraumrennen verlagerte sich in den 60er-Jahren auf die Straße. Ein Rückblick auf die Design-Ikonen im Space-Look – von Cadillac bis Volvo.
  • Wolfram Nickel
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  • Spotpress
Futuristischer geht es kaum: der Cadillac Cyclone Quelle: Cadillac
Wie aus einer anderen Welt.

Futuristischer geht es kaum: der Cadillac Cyclone.

KölnSchneller, höher und weiter weg in ferne Welten sollte es vor 60 Jahren gehen. Während erste Passagierjets den Atlantik fast mit Schallgeschwindigkeit überquerten, sowjetische Lunik-Sonden den Mond erkundeten und das amerikanische Pioneer-Programm die bemannte Raumfahrt vorbereitete, raste auch das Automobildesign Richtung Space Age.

Nie trugen chromglitzernde Fahrzeuge fettere Flossen, schärfere Schwingen und raketenähnlichere Endrohre als 1959. Über 100 Finnenträger hoben in diesem Jahr ab. Ein Designtrend, der in Detroit erdacht wurde, um den Fahrzeugabsatz im wohlstandssatten Nachkriegs-Amerika zu beschleunigen.

Bis zu 6,60 Meter lange Straßenkreuzer sollten die angestrebte amerikanische Dominanz im Weltall auf die Highways transferieren und zugleich die europäische Nachkriegs-Pontonform mit Rock‘n’Roll-Spirit ins Abseits schieben. Tatsächlich wollten die Konzerne General Motors (GM), Chrysler und Ford durch eine möglichst kurzlebige Karosserie-Mode die Konsumfreudigkeit der Käufer steigern, aber auch die Importinvasion von VW Käfer, Fiat, Volvo, Renault sowie Engländern abwehren.

Dazu setzten die amerikanischen Großmeister des Dreamcar-Designs, Harley Earl (GM), Virgil Exner (Chrysler) und Frank Hershey (Ford), auf Rocket-Formen und Kuppel-Cockpit wie im neusten GM Firebird oder Heckflossen im Wolkenkratzerformat wie bei Chrysler und Cadillac.

Es war eine Automobilwelt der verwegenen Formen mit geradezu burlesken Scheinwerferbatterien, wie sie so wohl nur in der technikgläubigen Ära der Golden Fifties entstehen konnte. In jenen Jahren der ersten Raketen-Expeditionen Richtung Mond und ferner Galaxien wurde die Erde zum Testfeld von raumschiffähnlichen Concept Cars mit verwegenen Antrieben wie Turbinen und Kernreaktoren, vor allem aber zum Markt für Massenfahrzeuge in einem Design, das sich an Flugmaschinen wie Bell X-1, F-86 Sabre und Pioneer ausrichtete.

Tradition: Flossen, Flügel und Raketendesign  - Als die Straße direkt ins Space Age führte Quelle: autodrom
Als die Straße direkt ins Space Age führte

Tradition: Flossen, Flügel und Raketendesign - die Autodesigner der 60er legten auf futuristisches Design großen Wert.

Zunächst feierten Publikum und Presse auf den amerikanischen Motorama-Shows eine Flut neuer, verwegener Studien vom frühen Buick Le Sabre (1951) bis zu Buick XP-75 (1958), Corvette XP-700 (1958), oder Cadillac Cyclone (1959). Unter dem GM-Motto „All new, all over again“ beeinflussten diese Studien dann das Styling neuer Serienmodelle.

Erstmals in der Automobilgeschichte legten Designer damals Wert auf ein Fahrzeugheck, das ebenso prägnant wie die Front gestaltet wurde. Regelrecht ins Auge springende Rückleuchten – die Lampensignaturen bewegten sich zwischen Barock, Art Deco und Space Age – gehörten ebenso dazu wie der „Landeplatz für eine Piper“. So nannte die amerikanische Motorpresse die weite Fläche zwischen den Heckflossen, etwa beim Golden Sahara Concept.

Bei Chrysler ließ Virgil Exners „Fast Forward Look“ allen Konzernmarken Mega-Finnen wachsen. Flossen, die sogar im Windkanal getestet wurden. Auch die futuristische Panoramaverglasung mit gebogenen Scheiben wurde nun en vogue, dazu passte Chryslers Werbeslogan: „Suddenly it’s 1960“.

Klar, dass die eher bodenständige Marke Ford nicht zurückstehen mochte und dem raketenschnellen Fortschritt mit seinen stetig wechselnden Modezyklen folgte: Jedes dritte Jahr ein völlig neues Design und dazwischen wechselnde Chromaccessoires, lautete die Devise.

Kunden, die nicht von gestern sein wollten, machten mit in diesem rasch rotierendem Mode-Rad. Modern Times, die damals auf Europa übersprangen, galten die Amerikaner doch als „Standard of the World“, wie es die Cadillac-Werbung postulierte. Und als Inbegriff des Rock’n‘Roll: Elvis Presley kaufte gleich 32 Stück von den V8-Flossen, darunter einen Cadillac für Mama. Nur während seiner Armee-Zeit in Deutschland bevorzugte der „King of Rock’n‘Roll“ BMW 507, vielleicht waren ihm die deutschen Cadillac-Tarife zu verrückt.

Der Plymouth Fury verfügt über literarischen Ruhm Quelle: autodrom
Held der Literatur

Der Plymouth Fury verfügt über literarischen Ruhm.

Immerhin kostete ein 59er Cadillac in Germany mehr als Kanzler Konrad Adenauers Staatskarosse und ein Chrysler Imperial war teurer als drei Mercedes S-Klassen. Zuerst waren es die europäischen GM-Töchter Opel und Vauxhall, dann auch die Ford- und Chrysler-Dependancen, die 1957 auf Fins & Chrome mit schnellen Modellzyklen setzten.

Richtig abheben konnten die aeronautischen Attribute in der Alten Welt zwei Jahre später, als die Music-Boxes Nancy Wilsons „Fly me to the Moon“ oder Frankie Avalons „Venus“ spielten. Sogar italienische Starcouturiers wie Pininfarina und Ghia engagierten sich für den spacigen American Style. Zunächst mit Auftragsarbeiten für Detroit und dann durch Trapezlinien mit scharfkantigen Flossen für Kunden wie Fiat (1800-2300), Lancia (Flaminia), Peugeot (404) oder die British Motor Corporation.

Jetzt standen geschwungene, gestreckte oder gefaltete Flügel und bis 1,20 Meter hohe Heckflossen allgemein für den Traum einer schöneren, neuen Welt. Im Cockpit gab es von Chrysler erdachte, bedienungsfreundliche Push-Button-Schalter. Makabre Symbole der Macht für Autofahrer – erinnerten die Buttons doch an den roten Knopf der Atom-Machthaber in USA und UDSSR.

Zufall oder nicht: Sogar die neue russische Staatslimousine Zil und der chinesische Hongqi CA72 verfügten über die Wohlstandssymbole des Klassenfeindes, also Knöpfe und Heckflossen. Das alles war eine globale Werbebotschaft, der die kaufkräftigen Massen damals nur zu gerne folgten, denn wer wollte nicht mit seinem futuristischen Fahrzeug den Glamour des Wohlstands genießen – und vor allem zeigen.

Selbst die kühler Skandinavier mochten die Flosse - hier der Volvo P1800 Quelle: Volvo
Schwedenkreuzer

Selbst die kühler Skandinavier mochten die Flosse - hier der Volvo P1800.

Schließlich waren neue Autos Prestigesymbol, vor allem gegenüber den Nachbarn beim samstäglichen Waschritual und auf dem Parkplatz des Arbeitgebers. Vom europäischen Kleinwagen wie Goggomobil, BMW 700, NSU Sport Prinz und Trabant über Kompakte wie DKW Junior und Lloyd Arabella, die Mittelklasse von Ford (Taunus P2) und Opel (Olympia Rekord) bis zu den Luxuslimousinen Borgward P100, Opel Kapitän oder Mercedes 220-220 SE: Schwalbenschwänze, Fledermäuse, Peilkanten, Möwenschwingen, Höhenruder, oder wie die Heckflossen sonst noch genannt wurden, waren 1959 en vogue wie Planetariumbesuche und amerikanische Zukunftsfilme.

Das galt sogar für die Speedsymbole: Hier beschleunigten vom Auto Union 1000 SP über Maserati 5000 GT, Sunbeam Alpine bis zum Volvo P1900 viele mit zackigen Flossen. Und wie reagierten die Amerikaner auf die europäischen Nachahmer? Sie verfielen endgültig in Größenwahn, kombinierten Fins & Chrome mit noch kitschigeren Bonbonfarben an Karossen im XXL-Kingsize-Format mit bombastischen Torpedoleuchten.

Bis es den Kunden am Ende zu viel wurde. Ob Buick Le Sabre, Cadillac 62, Chevrolet Bel Air, Chrysler New Yorker, Ford Galaxie, Mercury Monterey oder Oldsmobile Dynamic und der durch Stephen Kings Horrorstory „Christine” legendäre Plymouth Fury: Die Käufer reagierten plötzlich kritisch – und die Verkaufszahlen der Raumkreuzer kollabierten.

Auch die Invasion der kompakten Europäer nach Nordamerika konnte Detroit so nicht stoppen. Da half nur noch eins: Anfang der 1960er Jahre waren Flossen und Weltraumdesign „Lost in Space“. Stattdessen startete knapp zehn Jahre später ein winziger elektrischer Lunar Rover mit Apollo als erstes Auto zum Mond.

In Europa setzte unter anderem der Auto Union 1000 SP auf das Space-Design Quelle: autodrom
Ingolstädter Ufo

In Europa setzte unter anderem der Auto Union 1000 SP auf das Space-Design.

Der Lincoln Golden Sahara war nur eine Studie Quelle: autodrom
Abgedreht

Der Lincoln Golden Sahara war nur eine Studie.

Der Chrysler Desoto Fireflite Sportsman hat nicht nur ein exzentrisches Design, sondern auch einen ungewöhnlichen Namen Quelle: autodrom
Straßenkreuzer

Der Chrysler Desoto Fireflite Sportsman hat nicht nur ein exzentrisches Design, sondern auch einen ungewöhnlichen Namen.

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