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Die Designerin Klaudia Kruse bringt im BMW den Himmel zum Erweichen Businessfrau mit Blüte

Kritisch schaut der Fotoredakteur auf die Bilder, die bei einem Vortrag in Bangkok entstanden sind. „Ein Sigourney-Weaver-Typ“, murmelt er beim Anblick der mit konzentriertem Gesichtsausdruck abgelichteten Frau auf dem Podium.
  • Inge Hufschlag (Handelsblatt)

Auf den ersten Blick hat sie wirklich etwas von der aparten US-Schauspielerin, die im Film immer so tapfer gegen Außerirdische kämpft und sogar Gorillas im Nebel versteht.

Im übertragenen Sinn macht Klaudia Kruse als Trendscout für BMW vielleicht sogar einen ähnlichen Job. Die Diplom-Designerin muss schon mal mit Ingenieuren ringen: „Dabei gibt es Dinge, die auf der Strecke bleiben, weil sie nicht bezahlbar sind.“

Klaudia Kruse leitet das BMW- Design-Studio in New York. Ziel der US-Ideenfabrik ist, Trends aufzuspüren, Inspirationen zu vermitteln, Visionen in Konzepte, sprich Autos umzusetzen. Wie kommt ausgerechnet eine Frau zu so einer männlichen Automarke und dann noch gleich in ein Innovationszentrum jenseits des Atlantiks?

Ihre Mappe habe damals – das war 1990 – überzeugt, sagt sie. Sicher hat sie sich auch als Person und Persönlichkeit durchgesetzt. Nicht zuletzt, weil der klassische BMW-Slogan „Aus Freude am Fahren“ auch der ihre ist. „Ich fahre gern, und ich fahre gern schnell“, gesteht Klaudia Kruse.

Ihr erstes Auto war ein R 5 von Renault, dem folgte ein Peugeot 104. „Dabei hätte ich auch gern eine Ente gehabt oder eine Dyane.“ Ihr Traumauto? „Aston Martin“, kommt es mit einer Beschleunigung von 0 auf 100, die James Bond zur Ehre gereicht hätte.

Dabei ist Klaudia Kruse heute eher Vielfliegerin, pendelt ständig zwischen München und New York. Manchmal ist’s aber auch Asien, wie jetzt, als sie nach Bangkok zur Auslieferung einer 7er Flotte ans legendäre Luxushotel Oriental fliegt.

Das fremde Königreich inspiriert sie. Bewundernd und ein bisschen ehrfürchtig zeichnet die Diplom-Designerin mit den Fingern die Muster des Schmucks im Museum am Goldenen Tempel des Königspalasts nach: „Ich hab’ mal ein Praktikum in einer Goldschmiede gemacht.“ Mit ihrer Handy-Kamera sammelt sie alte grafische Muster, Beispiele für die Formensprache im einstigen Siam – bis ein Wachmann darauf hinweist, dass das verboten ist.

Sie reagiert charmant. Rasch sind die Bilder auf dem Handy gelöscht, doch gespeichert im geschulten optischen Gedächtnis der Designerin. Wer weiß, ob sie nicht vielleicht irgendwann irgendwo wieder auftauchen, vielleicht in einem Sondermodell für den Fuhrpark eines anderen Herrscherhauses?

Kreative Karossen sind schließlich ihr Ding. In ihren ersten Jahren bei BMW war sie in München mit der Gestaltung von Concept Cars beschäftigt. Die Hotelflotte in Bangkok ist dagegen eher etwas bieder. Sie ziert aber immerhin ein kleiner goldener Fächer, das Logo des Hotels. Das wiederholt sich auf dem Extra-Kleenex-Kästchen im Fond der Limousinen.

BMW ist natürlich stolz auf diese Lieferung. Immerhin haben die Bayern damit Mercedes abgelöst. Trotzdem macht Hoteldirektor Kurt Wachtveitl – kaum weniger Legende als sein Haus – bei der Begrüßung der Neuwagen kein Hehl daraus, dass er eine Rolls-Royce- Flotte, wie sie sich das Peninsula-Hotel leistet, imposanter fände – aber Einfuhrzölle von 180 Prozent lassen manche Traumautos eben Traumautos bleiben.

Kruse lächelt dazu. In ihrem Job geht es auch weniger darum, Träume wahr werden zu lassen, als konkrete Wünsche zu erspüren und zu erfüllen, besser noch zu wecken. Dafür liefert sie in ihrem Vortrag in Bangkok ganze Stilwelten: Leica, Sony-Flachbildschirm, Bambus und BMW. Bilder, die den Betrachter in eine Stimmung versetzen sollen. „Willkommen in diesem Auto“, dieses Motto müsse spürbar sein.

Ihr Temperament kommt in Fahrt im Inneren der nach Bangkok gelieferten Wagen: So ein 7er BMW mit Lederausstattung hat ja auch was Repräsentatives.

Sie streicht mit dem Finger über den Himmel: „Dass das Jersey ist, leicht abgepolstert, sieht man nicht auf den ersten Blick, aber es gibt im Inneren die Behaglichkeit.“ Solche Details liebt sie. Einen Sportwagen stattete sie mit einem Lederparkettboden aus.

„Funktion mit Ästhetik“, nennt sie so ein Konzept. Bei ihr darf Leder auch winzige Löcher haben: „Rinder werden von Insekten gestochen. Aber solche Natürlichkeit ist nicht leicht zu vermitteln.“

„Lichtfarben“ wünscht sie sich im Autoinneren, transparenten Kunststoff. Schön hell ist’s auch im Oriental-BMW. Aber nur innen, außen ist die Limousine pechschwarz. „Schwarz ist obligatorisch, selbst bei diesen Temperaturen hier“, erklärt sie. Die Unfarbe steht in Asien für Seriosität und Reichtum. „Anthrazit oder Silber ginge auch noch, Silber unterstützt die Form. “

Erfahrungsgemäß kommen Modefarben alle 15 Jahre wieder. Zurzeit sind es braun und grau. In den 90er-Jahren waren es auch Crèmetöne. Die waren früher eher blass. Inzwischen haben sie einen edlen Schimmer zwischen Perlmutt und Bronze und erhalten klangvolle Namen wie Calahari-Beige.

„Der Trend geht zur Individualisierung“, beobachtet Kruse. Das gilt nicht nur für Individualisten wie den Modeschöpfer Karl Lagerfeld. „Der zog bei uns mal ein altes Stück Stoff aus dem Koffer. Das haben wir dann nachweben lassen und den Kofferraum seines 7er damit ausgeschlagen“, erinnert sich Kruse. Lagerfeld ist eben ein für seine Extrawünsche bekannter Sonderling.

Ist die Designerin vielleicht sogar ein Fan des exzentrischen Modemachers? Eher nicht. Sie bevorzugt für sich Prada, Jil Sander oder die japanischen Avantgarde-Designer.

Das schließt eine romantische Note zu schlichter Mode nicht aus. In Thailand trägt sie oft eine frische Blüte hinterm Ohr. Solche Gegensätze mag sie: „Glänzend und matt, hart und weich, Licht und Schatten, Kitsch und Kunst“.

Sie beobachtet auch die kreativen Label in New York: „Im Augenblick ist dort Zac Posen der Shooting Star. Irre, welche Ideen der hat“, sagt sie begeistert. „Was er macht, ist eigentlich gar nicht so viel anders als das, was wir tun. Mit dem möchte ich gern einmal ein Projekt machen.“

Der 23-Jährige würde sich sicher prima verstehen mit der Mittvierzigerin, die nicht nur jünger aussieht, sondern auch so denkt. Dabei kommt ihr zugute, dass sie in der Modebranche gearbeitet hat, wo die Saisons noch schneller wechseln als in der Autoindustrie. Was sie am Arbeiten in den USA schätzt: „Dass die Leute dort so offen sind. Es ist ein Nehmen und Geben. Jeder erzählt von seinen Visionen – ohne Neid.“

Ihre Münchener Wohnung hat sie aber behalten. „Es ist mir wichtig, dass ich ein eigenes Zuhause habe, wenn ich nach Deutschland komme.“ Ihr Pendant zu Schwabing ist in New York das quirlige Chelsea. Das erobert sie aber nicht in einem BMW, sondern mit dem Fahrrad. Für sie nicht nur eine Frage des Vorwärtskommens: „Das Rad kann ich mit in den dritten Stock nehmen.“

Vita

Klaudia Kruse wurde am 18. Juni 1960 in Lichtenau bei Paderborn geboren. Nach ihrem Studium 1979 studierte sie Produkt- und Industriedesign an der FH Aachen und an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, wo sie 1986 ihr Diplom ablegte.

Im gleichen Jahr startete sie ihre Karriere als Industrie-Designerin bei der Firma Busse in Ulm. 1987 wechselte die junge Frau zum Unternehmen Agenda in Weinheim mit den Schwerpunkten Mode- und Textildesign. Seit 1990 arbeitet die begeisterte Autofahrerin für BMW in München, in den ersten acht Jahren in der Technikabteilung. Ihre Spezialität waren Studien von Autos, die nicht gebaut wurden.

Von 1998 an begleitete Kruse den Aufbau des temporären BMW-Advanced-Design-Studios in New York, das sie heute leitet. Seitdem pendelt sie als Trendscout für die Autobauer zwischen München und New York.

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